Inszenierung / 3sat-Aufzeichnung
10er Auswahl

Graf Öderland

Eine Moritat in zwölf Bildern von Max Frisch

Eine Koproduktion von Theater Basel (Intendanz Andreas Beck, vertreten durch Almut Wagner) und Bayerisches Staatsschauspiel/Residenztheater (München)

Premiere 14. Februar 2020 (Basel)

Stefan Bachmann erzählt Frischs Drama als hochmusikalischen, bildgewaltigen Horror-Trip, in dem er die suggestive Kraft des Theaters zur vollen Entfaltung bringt.

Graf Öderland. Videotrailer

© Residenztheater

  • 1 h 40 min
  • In deutscher Sprache mit englischen Untertiteln

Vergangene Termine

Die Festivalausgabe 2021 findet digital statt.
Diese Inszenierung ist in der ZDF Mediathek vom 15. Mai bis 11. September 2021 verfügbar.

Künstler*innen-Ehrung und Nachgespräch
am 17. Mai 2021 um 21:35 Uhr

Ein Bankangestellter erschlägt einen Hausmeister: ohne Grund, ohne Motiv, einfach so. Der Mörder und dessen „sinnlose“ Tat werfen den Staatsanwalt, der die Anklage führen soll, völlig aus der Bahn. Hals über Kopf verlässt dieser sein geordnetes Dasein und initiiert als Mörder mit der Axt in der Hand eine blutige Bewegung gegen den gesellschaftspolitischen Status quo. Regisseur Stefan Bachmann nimmt den Untertitel „Moritat“ beim Wort. Dank der facettenreichen Live-Musik, einem spielwütigen Ensemble und einer kongenialen Raumsetzung von Olaf Altmann entsteht ein albtraumhafter Sog, der die Geschichte von „Graf Öderland mit der Axt in der Hand“ als zeitlos begreift und doch unzählige hochaktuelle Assoziationen provoziert.

Theatertreffen-Jurorin Sabine Leucht zur Inszenierung
Ein Staatsanwalt wird von einem unerklärlichen Fall aus seiner bürgerlichen Existenz geschleudert: Ein braver Bankangestellter hat einen Mord begangen; aus keinem anderen Motiv als aus einer inneren Unruhe heraus, die in Max Frischs „Graf Öderland“ immer turbulentere Kreise zieht. Diese „Moritat in zwölf Bildern“ ist Frischs deutungsoffenstes Stück. Fragmentarisch und voller abrupter Wendungen, wurde es von den Bühnen früh verstoßen und von seinem Autor wie ein Problemkind geliebt.

Nun hat Stefan Bachmann den Amoklauf des Staatsanwalts Martin in mitreißendes Bildertheater verwandelt, in dem alle Rätsel und Fragmente des Stücks in einer albtraumhaften Dramaturgie ihren natürlichen Platz finden. Während Frisch noch vom kleinbürgerlichen Milieu ausgeht und Settings von der Gefängniszelle bis zum Regierungspalast skizziert, steht für Bachmanns Engführung von Traum, Realität und Unbewusstem ein so abstraktes wie sprechendes Bühnenbild bereit. In Olaf Altmanns gigantischem vertikalen Trichter suchen die Menschen Halt und stürzen immer wieder ab. Auch der Staatsanwalt Martin, den Thiemo Strutzenberger als irritierend fröhlichen Mörderheiligen spielt, der alles vernichtet, was sich seinem infantilen Selbstverwirklichungskreuzzug in den Weg stellt: sei es die Institution der Ehe, das Recht oder die Moral. Er wird sowohl zum Mythos des „Grafen Öderland mit der Axt in der Hand“ als auch zum Anführer einer illustren Befreiungsbewegung und muss zuletzt erkennen, dass ihn all das nur noch besser für das auf Funktionseffizienz gebürstete System qualifiziert, dem er entkommen wollte.

Wie trefflich diese Parabel aus den 1950er-Jahren in unsere Zeit passt, in der Borderliner Länder regieren und Verschwörungsschwurbler*innen sich die „Freiheit“ auf die Fahnen schreiben (wovon man bei der Premiere freilich noch nichts wusste), erzählt sich wie von selbst an diesem Abend, der seine Bilder und verkrümmten Physiognomien vornehmlich aus der Filmgeschichte pflückt. Zwischen expressionistischen Stummfilm-Zitaten à la Nosferatu, Tim Burton-Unheimlichkeit und Tarantino-Splatter findet er eine eigene Sprache für das Monströse, das der Firnis der Zivilisation nur verdeckt. Der exakt durchchoreografierte und dank famoser Live-Musik und immer moritatenhafter werdendem (Sprech-)Gesang soghaft wirkende Abend macht als geschlossene Ensembleleistung Spaß und zeigt, wie schnell Entfremdung und zivilgesellschaftlicher Überdruss in Aggression umschlagen können. Nicht nur an den Rändern der Gesellschaft, sondern auch in ihrer sozialen Mitte.

Künstlerisches Team

Stefan Bachmann Inszenierung
Olaf Altmann Bühne
Esther Geremus Kostüme
Sven Kaiser Komposition
Roland Edrich Licht
Sabina Perry Körperarbeit
Barbara Sommer Dramaturgie

Mit
Thiemo Strutzenberger Der Staatsanwalt
Barbara Horvath Elsa/ Ein Gendarm / Der greise Staatspräsident
Simon Zagermann Dr. Hahn / Ein Sträfling
Linda Blümchen Hilde / Inge / Coco
Steffen Höld Der Mörder
Klaus Brömmelmeier Mario / Ein Gendarm / Der General / Frau Hofmeier
Moritz von Treuenfels Ein Wärter / Ein Concierge / Der Kommissar / Ein Student
Mario Fuchs Der Vater / Ein Boy / Der Innenminister
Julius Schröder Die Mutter / Der Fahrer / Der Direktor

Sven Kaiser Musikalische Leitung
Tobias Weber E-Gitarre
Cornelius Borgolte Bassklarinette / Klarinette
Julia Bassler Geige / E-Geige

Aufführungsrechte: Suhrkamp Verlag, Berlin

Erstausstrahlung der 3sat-Aufzeichnung im TV
am 22. Mai 2021 um 20:15 Uhr