Konzert

Orchestre des Champs-Élysées, Collegium Vocale Gent

Philippe Herreweghe, Leitung
Fauré | Bruckner | Strawinsky

Geistliche Musik von drei Komponisten, deren Werke selten zusammen erklingen, hat Philippe Herreweghe hier zusammengestellt. Strawinskys „Psalmensinfonie“ und Faurés „Requiem“ als großbesetzte Rahmenpunkte werden flankiert von der Intimität instrumentaler und vokaler Choralsätze Anton Bruckners.

Glockenturm der im Reschensee versunkenen Ortschaft Graun, Italien

Glockenturm der im Reschensee versunkenen Ortschaft Graun, Italien

© Charles01, Drowned Village Curon Venosta with Graveyard in, CC BY-SA 3.0

Strawinskys Entscheidung, zum 50-jährigen Bestehen des Boston Symphony Orchestra ein vokalsymphonisches Werk um lateinische Psalmverse zu komponieren, irritierte 1930. Der Bonvivant der Sachlichkeit und die Religion – wie passte das zusammen? Auf alte biblische Dichtungen, poetische Übungen über die Transzendenz, bezogen sich russische Komponist*innen bis hin zu Schostakowitsch häufiger, mehr oder weniger offen. Mit der Wahl der Texte und der Art, wie er sie komponierte, steuerte Strawinsky eine Dimension jenseits der Religionen an: Die Psalmen stammen aus einer Zeit vor dem ersten Schisma der Schriftreligionen (der Lösung der Christen vom Judentum), in den Rahmenteilen nahm er auf musikalische Modelle aus der orthodoxen, im fugierten Mittelteil auf Traditionen in den Westkirchen Bezug.

Bruckners Schaffen wird oft in zwei Etappen eingeteilt: die des konventionellen Kirchenkomponisten und die des zukunftsweisenden Symphonikers. Die Vereinfachung trügt. Bruckner schrieb Geistliches auch noch neben seinen Symphonien, und was deren Klang unter anderem ausmacht, die choralhaften Bläsersätze, deuten sich in den zwei „Aequalia“ (Stücke für gleiche Instrumente, in diesem Fall Posaunen) des 22-Jährigen an.

Mit seinem Requiem schrieb Gabriel Fauré kein Werk des Schreckens, sondern der Hoffnung auf eine Transformation. Damit stellte er sich in eine Diskussion, an der auch Brahms mit seinem Requiem und Mahler mit seiner „Auferstehungssymphonie“ teilhatten. Die spirituellen Nervenpunkte gleichen denen in Strawinskys „Psalmensymphonie“: Klagen, Bitten, Gotteslob, Errettung.

In der kirchlichen Praxis wurden Requien nicht nur zum Begräbnis, sondern auch zum Gedenken zelebriert. So betrachtet, ist dieses Konzert ein Requiem für Strawinsky mit größeren Stücken als Rahmen und kleineren als Mitte. Bruckner schrieb die „Aequalia“, stilisierte Kurzchoräle mit kleinen harmonischen Wagnissen, für das Begräbnis seiner Groß- und Patentante; Posaunen waren die Instrumente, die man traditionell zu solchen Anlässen verwendete. Die Chorsätze, die er großenteils in seiner Symphoniezeit schrieb, reflektieren Gedanken des Requiems: Das „Ave Maria“, besonders seine Schlussverse, wird auch zum Totengedenken gebetet. „Christus factus est“ gehört zur Liturgie der Karwoche und behandelt neben Jesu Leiden auch seine Vorbildfunktion und seine Erhöhung – ein Gedanke, den das „Os justi“ in Psalmversen weiterführt. „Locus iste“ handelt von der Weltwerdung Gottes; ihr Symbol sind die Kathedralen, deren Nachhall Bruckner einkomponierte. Philippe Herreweghe, der geschichtskundige Künstler, stellt Strawinsky in Konstellationen, in denen er selten betrachtet wird.

Konzertprogramm

Gabriel Fauré (1845 – 1924)
Requiem c-Moll op. 48 (1900)
für Sopran, Bariton, Chor und Orchester

Anton Bruckner (1824 – 1896)
Aequale Nr. 1 in c-Moll WAB 114
für drei Posaunen

Anton Bruckner
Ave Maria F-Dur WAB 6 (1861)
für 7-stimmigen gemischten Chor a cappella

Christius factus est d-Moll WAB 11 (1873)
für 4-stimmigen Chor a cappella

Os Justi F-Lydisch WAB 30 (1871)
für 4-8-stimmigen gemischten Chor a cappella

Locus iste C-Dur WAB 23 (1869)
für 4-stimmigen gemischten Chor a cappella

Anton Bruckner
Aequale Nr. 2 in c-Moll WAB 149 (1847)
für drei Posaunen

Igor Strawinsky (1882 – 1971)
Psalmensinfonie (1939)
für Chor und Orchester
dem Boston Symphony Orchestra gewidmet

Besetzung

Dorothee Mields Sopran
Krešimir Stražanac Bariton

Collegium Vocale Gent
Orchestre des Champs-Élysées
Philippe Herreweghe Leitung

Die Igor Strawinsky und Carlo Gesualdo gewidmeten Gastspielkonzerte am 31. August, 6., 8., 13. und 15. September werden gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds und der Aventis Foundation.

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Eine Veranstaltung der Berliner Festspiele / Musikfest Berlin