Kino
70 Jahre Berliner Festspiele

Channel Three. Arts

Thilo Fischer und David von der Stein
Ton: Max Heesen
Superbreitbildformat, Stereo
2021

„Channel Three. Arts“ zeigt einen insgesamt mehr als vier Stunden langen Zusammenschnitt von Kunstpositionen aus allen Jahrzehnten der Festspielgeschichte, ausgewählt nach größtmöglicher Kompromisslosigkeit, Eigensinn und Wahnwitz.

Autos, die auf einem Platz unter freiem Himmel geparkt sind. In der Bildmitte ist eine weibliche gelesene Person zu sehen, die nach links geht. Im Vordergrund ist eine männlich gelesene Person, die mit dem Rücken zur Kamera, vor einem der Autos steht.

„Berlin Fieber – Wolf Vostell” von Ulrike Ottinger in: „Channel Three. Arts”, Thilo Fischer und David von der Stein, 2021. Film, Farbe, Ton. Filmstill

© Courtesy of the artists

  • 263 min
  • Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch, teilweise mit deutschen Untertiteln

Mit ihrer umfassenden filmischen Collage anlässlich des 70. Jubiläums der Berliner Festspiele begeben sich Thilo Fischer und David von der Stein auf Zeitreise. Das teils unveröffentlichte, in Bild und Ton restaurierte und digitalisierte Material schlägt der Skepsis gegenüber der Konservierbarkeit längst vergangener Bühnenkünste ein Schnippchen und transportiert ein Gefühl davon, was einst live zu erleben war. Anna Magnani, Herbie Mann, John Cage oder Merce Cunningham – das Programm der ersten 20 Jahre (1951-1969) Festspielgeschichte versammelt bereits klangvolle Namen der internationalen Kunstszene. Es sind Entdeckungen wie das Living Theatre aus New York oder der Dudelsack-Jazzer Rufus Harley aus Pennsylvania, aber auch Berliner Größen wie Boris Blacher, Boreslaw Barlog, Erwin Piscator oder Tatjana Gsovsky dabei. Auch Kunstpositionen aus Afrika sind von Beginn an Teil des Programms.

In den 1970er-Jahren verlassen die Künstler*innen verstärkt die konventionellen Aufführungsorte – sie bespielen Ausstellungsräume mit Performances und Konzerten und erobern auch den öffentlichen Raum. Das Publikum wird zur direkten Teilhabe ermutigt und das Politische, Aktivistische und Prozessuale erhält Einzug in das Programm. Von Happening bis Zirkus, von Prozession bis Konfusion – die Kunst der 70er rüttelt auf und agitiert. Dazu gehört: Theater von Samuel Beckett, Rainer Werner Fassbinder, Tadeusz Kantor und Peter Zadek, Performancekunst aus New York, ein ganzes Festival gewidmet dem Zirkus, Tanzdrama aus China, Kriegstänze aus Burundi und Happenings von Allan Kaprow und Wolf Kahlen. Außerdem trifft in den Metamusik-Festivals des österreichischen Musikpioniers Walter Bachauer und später auch in den ersten Horizonte-Festivals die Musik aller Genres und Kontinente aufeinander: Griots aus Afrika, Rock aus Europa, experimenteller Gesang aus Amerika und Koto-Saitenspiel aus Japan. Zu sehen sind auch Aktionen von Gordon Matta-Clark, George Maciunas und Wolf Vostell, Luca Ronconis Ritterspiele und erstmals in Europa traditionelles Kabuki-Theater aus Tokio.

Das geteilte Berlin als Konstruktion für den Frieden in Europa wird zum beherrschenden Thema der Programme der Berliner Festspiele in den 1980er-Jahren. Vor allem die Malerei und die Theaterkunst der DDR findet bereits lang vor dem Mauerfall ihre Wertschätzung im Westteil der Stadt. Als die Schülerband Anyway 1989 beim Treffen Junger Liedermacher auftritt, findet zeitgleich wenige Kilometer weiter die Grenzöffnung statt. Die deutschsprachige Theaterszene wird fortan nachdrücklich geprägt von ostdeutschen Künstler*innen wie Bert Neumann, Corinna Harfouch, Frank Castorf und Heiner Müller. Doch auch aus anderen Richtungen bezieht das bei den Berliner Festwochen aufgeführte Theater neue Schlagkraft: Pina Bausch zeigt erstmals Tanz beim Theatertreffen, Thomas Braschs kontroverse Stücktexte werden überbordend interpretiert und Einar Schleef setzt die Wirkkräfte des Dokumentartheaters ein. Daneben erfindet René Block eine Ausstellung für Augen und Ohren, die sich ganz dem musikalischen Raumexperiment widmet, im wiedereröffneten Martin-Gropius-Bau läuft eine Ausstellung über Preußen und auf dem Nachbargrundstück wird die bis heute bestehende „Topographie des Terrors“ eröffnet.

Angekommen im 21. Jahrhundert blicken wir noch einmal zurück auf das legendäre Stadtraum-Wiedervereinigungs-Spektakel „Die Riesen“ von Jean-Luc Courcoult, auf Olafur Eliassons Spiel mit optischer Täuschung, René Polleschs Volksbühnendiskurse, Milo Raus hochpolitisches Dokumentartheater, Christoph Schlingensiefs Nazi-Hamlet, Sasha Waltz abstrakten Tanzpathos, Susanne Kennedys expressives Verfremdungstheater und vieles mehr. Selten war die Kunst auf den Bühnen der Berliner Festspiele vielleicht so kompromisslos und eigensinnig wie in den letzten 20 Jahren. Sie begreift, dass sie nichts mehr gewinnen muss, sondern das Spiel selbst der große Gewinn ist. More is more und Liebe, Brutalität und Humor schließen sich keinesfalls aus. Dieser Einschätzung folgen wir bis zur Zielgerade. Künstler*innen wie Ida Müller und Vegard Vinge, Ragnar Kjartansson, William Forsythe, Jonathan Meese und Ilya Khrzhanovsky schlagen zum Ende noch einmal tief in die Magengrube internationaler Kunstbeflissenheit. Entweder wird es ganz laut, oder ganz leise, superlang oder pure Wiederholung, schnell und direkt überführt aus der unmittelbaren Lebensrealität oder jahrelang künstlich erschaffen. Außerdem blicken wir zurück auf die Programmreihe Immersion und sehen wunderbar ausufernde musikalische Experimente.

„Wir können erst anfangen, wenn Sie raus sind!“
(Ansage zu Beginn der Performance „Stomp“ der Gruppe The Combine, Zirkus Busch, Berliner Festwochen 1970)

Kooperationspartner

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Partner
Akademie der Künste, Arsenal – Institut für Film und Medienkunst e.V., Associazione Grupporiani, Berlin Art Link, Boosey & Hawkes, Bundesarchiv, Transit Film, EAI Electronic Arts Intermix, Edition Peters Group C.F. Peters Ltd & Co, Felix Bloch Erben, Filmgalerie 451, Japan Actors Association, Kobalt Productions GmbH, MONA productions, Sammlung Video-Forum des Neuen Berliner Kunstverein e.V. (n.b.k.), Phenomen Berlin Filmproduktion GmbH, Progress Film GmbH, Suhrkamp Theater Verlag, Shochiku Co. Ltd. Tokyo, Schott Music GmbH & Co. KG, Südwestrundfunk (SWR), Telewizja Polska S.A., ZDF / Arte, ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe

Mit besonderem Dank an
German Embassy in Bujumbura (Burundi), Embassy of the People’s Republic of China in the Federal Republic of Germany, Bunraku Kyokai, Osaka (Japan), German Academic Exchange Service (DAAD), Deutsches Rundfunkarchiv, Galerie Hauser & Wirth (Zürich), Goethe-Institut Tokyo and Kyoto (Japan), Goethe-Institut Kigali (Rwanda), Japanese-German Center Berlin, Japan Foundation in Berlin, The Living Theatre, La MaMa Archive, Landesarchiv Berlin, National Ballet of China, Neue Nationalgalerie (SMB), Nohgaku-Kyokai (Association of Noh Actors), Rowohlt Verlag GmbH, Wolf Vostell Estate
René Block, Maksym Demydenko, Guido Diekmann, Ulrich Eckhardt, Helfrid Foron, Petra und Erhard Grosskopf, Felix Gruntz, Werner Heegewaldt, Nathalie Huck, Mona Intemann, Peter Konopatsch, Torsten Maß, Udo Lindenberg, Ida Müller, Heinz-Dieter Reese, Frieder Schlaich, Julia Schmejkal and Martina Seidel

© Courtesy of the artists