Installation

Suspire (for ICC's control room)

Cyprien Gaillard
2021
Vitrifizierter Asbest, Found Footage auf CCTV Monitor (12 sec)

Es liegt etwas Übernatürliches im Prozess des Einschmelzens einer toxischen Substanz zu einem quasi-organischen, kristallinen Gebilde. Cyprien Gaillard installiert Blöcke aus Cofalit, das einst Asbest war, auf dem Tisch der Steuerzentrale des ICC, reaktiviert einige der originalen CCTV-Monitore und erzählt in dieser, eigens für das ICC konzipierten Installation von der Kraft des Vergehens und Verwandelns.

Installierte Blöcke aus Cofalit im Steuerraum des ICCs vor reaktivierten CCTV.

Cyprien Gaillard: Detail of Suspire (for ICC’s control room)

© Berliner Festspiele / Eike Walkenhorst

Cofalit ist das Produkt eines kostspieligen Erhitzungsverfahrens von asbestähnlichen Bauabfällen, das von der französischen Firma Inertam angewandt wird. An seinem spezifischen Aufstellungsort im ICC, einem in den Boden eingelassenen, verglasten Raum, in dem bis heute die Server der Messegebäude per Datenstrom kommunizieren, wird die Installation zum Nukleus der Frage nach einer Umwertung von „grauer Energie“. Cyprien Gaillard zentriert die zum ICC geführte Debatte um die Wiederbelebung schadstoffbelasteter Gebäude auf ihren gemeinsamen und dabei kleinsten Ursprungsnenner: das chemische Element selbst, dessen Schein-Entsorgung im Boden keine Option mehr darstellt, und das transformiert werden muss, um unschädlich und produktiv in den Kreislauf der Ressourcen eingegliedert zu werden. In der Installation liegt das verwandelte Gefahrenmaterial wie ein mineralisches Heilsversprechen in einem gläsernen Sarg an der tiefsten, gefahrenlos begehbaren Stelle des ICC. Die mit dem Asbestnachfolger Cafco ummantelten Stahlträger im Fundament des ICC sind gemeinsam mit den Asbestplatten im Kern des Baukörpers die Ursache seiner jahrelangen Stilllegung. Welche Chance auf Wiederbelebung hat eine Architekturikone, deren Bedrohung im eigenen Körper lauert und deren dysfunktionale Versorgungs-, Gebäude- und Medientechnik die noch größere, noch kostspieligere Modernisierungsfrage ausmacht?

Cyprien Gaillard reaktiviert Röhrenbildfernseher der Originalausstattung, die per Überwachungskameras Szenerien der ICC-Umgebung ins Innere übertragen. Er kombiniert sie mit einem persönlichen filmischen Material, einer zwölfsekündigen Pinocchio-Parade, in der Zeichentrickfiguren sich durch Found-Footage-Bilder von Überwachungskameras an Gebäudedächern bewegen. Das Überwachungsbild, das zur Kontrolle der Umgebung realzeitliche Ereignisse einfängt, wird zur Kulisse der Fantasie, in der Disneycharaktere das Portal zur Welt der Fiktion öffnen. Von außen betrachtet wird der gläserne Raum mit Pinocchio im Bauch zu Monstro, dem Walfisch, der Gepetto und Pinocchio verschluckt und das biblische Jona-Narrativ adaptiert. Die Tanzparade bringt Lichtreflexe auf die Oberflächen des Cofalit, das als transformiertes Gift im ICC, einem architektonischen Erbe ohne klare Zukunft, die Schönheit des Ruinösen bezeugt.