Kino
70 Jahre Berliner Festspiele

Der Geteilte Himmel – Leben in Ost und West

Camilla Spira und Steffie Spira
Berliner Lektionen 1990
Ein Gespräch mit Nicolaus Sombart
Farbe
Renaissance Theater, 16.9.1990

Zwei Schwestern, die vom Ersten und Zweiten Weltkrieg über die Teilung Deutschlands bis zur Wiedervereinigung ganz verschiedene Leben führen und doch ein Schicksal teilen. Im Gespräch mit Nicolaus Sombart zeigt sich, Camilla und Steffie Spira sind ein Symbol der Wiedervereinigung der Extreme.

Steffie Spira, die eine Perlenkette trägt und ihre Schwester anblickt, die in der rechten Bildhälfte sitzt.

Steffie und Camilla Spira in: „Der geteilte Himmel – Leben in Ost und West“, Berliner Lektionen 1990. Film. Filmstill

© Berliner Festspiele | Haus Bertelsmann | ZEIT-Stiftung | Steffie-Spira-Archiv der Akademie der Künste

  • 78 min
  • Deutsch ohne Untertitel

„Stellen wir uns einmal vor, ein gewiefter Volksautor hätte sich vorgenommen einen Roman, oder einen Film, oder besser noch eine Filmserie zu machen, in der die deutsche Geschichte dieses Jahrhunderts vom Ersten Weltkrieg bis zur Zweiteilung Deutschlands und der ebenso unerwarteten wie glücklichen Wiedervereinigung in diesem Jahre, sinnbildlich-symbolisch im Schicksal seiner Hauptfiguren zur Darstellung käme. Er würde zu diesem Zwecke zwei etwa gleichaltrige Schwestern wählen. Im ersten Jahrzehnt geboren, am Ende der Geschichte, über achtzigjährige, ehrwürdige Damen. Aus dem Theatermilieu würde er sie wählen – weil nicht klassenspezifisch, aber soziologische Mittellage, Indikator des Kulturniveaus –, die beide eine Karriere als Schauspielerinnen machen – in Berlin. Jetzt aber, und das ist die Leitidee, mit zwei extrem konträren Weltanschauungen: Die eine ist Kommunistin, Mitglied der KPD, wird deswegen verfolgt, geht ins Exil, nach dem Zusammenbruch kehrt sie nach Deutschland zurück, in das geteilte Deutschland und das kann für sie nur das östliche Deutschland, dann später die DDR sein, Brechts Ensemble am Schiffbauer Damm. Die Andere macht eine westliche Karriere, Reinhardt, Boulevardtheater, Operette, Renaissance Theater, hier in diesem Haus, UFA, aus der hübschen Debütantin wird ein gefeierter Star. Auch sie muss Deutschland verlassen und kehrt nach 1946 zurück, natürlich nach Westdeutschland, nach West-Berlin, wo sie fast 20 Jahre lang ihre Karriere fortsetzt.

Die zweite Leitidee unseres Autors ist nämlich – es soll ja auch ein Bestseller werden – beide Schwestern haben einen jüdischen Vater, Fritz Spira, ein bekannter Schauspieler war auch er, in den 20er Jahren vielleicht sogar berühmter als seine Töchter damals. Er muss 1933 nach Wien ausweichen, er ist Österreicher, nach dem Anschluss erreichten ihn die Nazischergen, er wird deportiert und kommt in ein Konzentrationslager. Die beiden ungleichen Schwestern sind also – wie es damals hieß – Halbjüdinnen. Sie personifizieren nicht nur den Gegensatz von Links und Rechts, Ost und West, sie personifizieren auch das Schicksal des deutschen Judentums. Die deutschjüdische Kultursymbiose in den 20er Jahren, den antisemitischen Wahn mit seinen kulturzerstörerischen Folgen, die Problematik eines Neubeginns nach dem Holocaust. Unser Autor weiß, dass hier der Nerv des deutschen Schicksals liegt: Man kann nicht über die deutsche Geschichte sprechen, ohne von der Rolle der deutschen Juden zu sprechen. Um das ganz klar herauszubringen, erfindet der Autor für beide Schwestern die dazu passenden Männer, die beide Juden sind. Die kommunistische Steffie bekommt einen Mann, der militanter Kommunist ist. Schauspieler auch er, aber er macht politisches Kabarett. Und der Mann von Camilla? Bildungsbürgertum, Kapitalist, Millionär, Kriegsteilnehmer aus dem Ersten Weltkrieg mit Auszeichnung, ein deutschnationaler Jude wie Rathenau, dem sein Deutschtum so wichtig ist wie sein Judentum und der bis 1938 die Gefahr, in der er schwebte nicht begreifen will. [...] Und dem seine junge Frau zur Emigration zwingen muss. [...] Auch er kehrt mit seiner Frau 1947 zurück, nach West-Berlin natürlich – Dahlem, Villa, eine bürgerliche Vernunftehe. [...] Die eine lebt im Luxus, den sie liebt, aber trotz aller Erfolge ist sie nicht wirklich glücklich. Sie sieht auf ihr Leben zurück mit Melancholie. Für die Andere spielt das Geld und das materielle Wohlleben keine Rolle. Auch ihre passionierte Theaterleidenschaft steht jäh im Dienst einer großen politischen Idee: Sie, die Überlebenden konnten eine neue Welt aufbauen, ohne Krieg, erfüllt von den Ideen des Kommunismus. Das war ihr Programm bei der Rückkehr in das Deutschland Ulbrichts. Was ist daraus geworden?

Am 4. November 1989 hat sie, die sich wie immer mit ihren kleinen Rollen begnügt hat, den größten Auftritt als Akteurin auf der Bühne der Geschichte, auf der sie immer beheimatet war. Vor Millionen verurteilt sie ein Regime, das den Schwächen der Bürokratie und der Verführung der Macht erlegen ist, aber sie bekennt sich nach wie vor zu der Idee, um deren Willen sie ihm gedient hat. Nach dem Fall der Mauer werden die beiden von der Mediengesellschaft vereinnahmt und vermarktet. Arm in Arm fahren sie von Talkshow zu Talkshow, ein Film wird von ihnen gemacht, sie genießen es und sind es leid. Ein Symbol der Wiedervereinigung der Extreme, der Versöhnung von Rechts und Links, von Ost und West, ein Happy End, das ein Roman nun einmal haben muss, ein Lehrstück für Lifestyle Freaks, wer weiß...”
Nicolaus Sombart

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