Vortrag und Gespräch

Ich verstehe dich nicht. Über die Unmöglichkeit der Dekolonisation

Mit Francisco Godoy Vega und Brook Andrew

Dekolonisation ist zum Schlagwort geworden. In diesem Vortrag nähert sich der Forscher Francisco Godoy Vega diesem Thema über persönliche Erfahrungen. Er erzählt von seiner Kindheit in Chile in der Zeit nach der Diktatur während der 1990er Jahre.

Ámà: 4 Tage zu Fürsorge, Reparatur und Heilung

„Als ich ein kleiner Junge war, wollte mein Vater nie den Plaza Italia zum Nordteil der Stadt überqueren. Es war eine unsichtbare Grenze mitten in Santiago. In meinem jugendlichen Übermut wollte ich nichts anderes, als über den Plaza Italia nach Norden zu gehen. Am Plaza Italia und nördlich davon leben die reichen Nachkommen der weißen spanisch-europäischen Kolonialelite; südlich davon leben die Rassifizierten und Verarmten. Dieses lokale Beispiel steht für die globale ökonomische und rassifizierte Grenze, die die Grundlage der eurozentrischen Moderne bildet.“ — Francisco Godoy Vega

Francisco Godoy Vega spricht über den Begriff des Dekolonialen und das Überleben von nicht-heteronormativen, nicht-weißen und nicht-christlichen Körpern. Dafür blickt er von seinen Kindheitserinnerungen aus auf die Welt, in der er sich heute befindet. Er fragt: Ist es wirklich möglich, das Selbst, die Allgemeinheit, die Institutionen und die Nationalstaaten zu dekolonisieren? Wer dekolonisiert wen? Wer muss wen verstehen? Ist es möglich, gewaltfrei zu dekolonisieren? Welche Erinnerungen sind heute noch lebendig und können zu Prozessen der Dekolonisation beitragen? Wen verletzt die Dekolonisation und wen befreit sie?

Francisco Godoy Vega ist QPOC, Autor, Künstler und Kurator und lebt in Madrid. Er promovierte in Kunstgeschichte und Visueller Kultur und ist Mitglied des Colectivo Ayllu. Er verfasste unter anderem das Buch Exhibitions as Recolonization (Ausstellungen als Rekolonisierung) (2018) und kuratierte die Ausstellung All Shades of Anger (Alle Schattierungen der Wut) im Museo de Arte Contemporáneo de Castilla y León in Spanien (2018).

Brook Andrew ist ein australischer Künstler, Kurator und Forscher, der den Wiradjuri angehört. In seiner Arbeit entwirft er alternative Zukunftsvisionen, die anhaltende koloniale Praktiken hinterfragen und Indigene Lebensweisen in den Vordergrund stellen. Er ist Ko-Kurator einer für 2022 geplanten Gruppenausstellung über Fürsorge, Reparatur und Heilung im Gropius Bau.