Konzert

Interpoiesis 4

George Lewis, Georges Aperghis, Sofia Jernberg, Jeffery Renard Allen, Gunde Jäch-Micko

Die Konzertreihe „Interpoiesis“ in der Kuppelhalle des silent green bringt Künstler*innen verschiedenster Hintergründe erstmalig zusammen und ermöglicht generationenübergreifende und intersektionale musikalische Begegnungen.

Sich umeinander windende Schnüre, deren Oberfläche reliefartig gekerbt erscheint.

Visuelles Konzept & Design: Eps51, Berlin

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„Interpoiesis“ ist eine Konzertreihe mit neuen Projekten, die aus generationenübergreifenden und intersektionalen Begegnungen zwischen Künstler*innen mit unterschiedlichen Hintergründen entstanden sind. Der Titel „Interpoiesis“ bezeichnet einen Zwischenraum der Ko-Kreation. Er bezieht sich auf Donna Haraways Begriff der „Sympoiesis“ – das „Mit-Machen“ oder „Gemeinsam-Machen“ – als Bedingung allen Schaffens. Nichts macht sich selbst. Alles entsteht immer in Relation zum Anderen und zu anderen.

MaerzMusik lädt vier Konstellationen von Künstler*innen ein, neue Zusammenarbeiten einzugehen und ihre Gespräche und Arbeitsprozesse zu teilen. Die vier Konzerte zeigen verschiedene Stadien des gemeinsamen Schaffens, von fertigen Werken über Zwischenergebnisse kollaborativer Prozesse bis hin zu offenen Experimenten, die vorgefasste Rollen und Relationen im Spektrum künstlerischer und sozialer Praktiken hinterfragen.

Den Start machen George Lewis und Jeffery Renard Allen: Im Rahmen von Interpoiesis 4 sprechen der Komponist George Lewis und der Schriftsteller Jeffery Renard Allen über den kreativen Prozess rund um „Song of the Shank“, ein erweitertes Werk für Instrumentalensemble (Sinfonietta-Größe) und zwei Solisten: Stimme und Klavier. Das renommierte Ensemble Modern soll das Werk im Juni 2023 zur Uraufführung bringen. Als Basis für das von Allen verfasste Libretto dient sein 2014 erschienener historisch-spekulativer Roman über Blind Tom unter dem gleichnamigen Titel „Song of the Shank“.

„Song of the Shank“ basiert auf dem Leben des blinden afrodiasporischen Komponisten und Klaviervirtuosen Thomas Wiggins, der während der Sklaverei in den USA, im Jahre 1849, geboren wurde. Bekannt unter dem Namen ‘Blind Tom’ wurde dieses Wunderkind, trotz der Tatsache, dass er einen Großteil seiner Karriere in der Versklavung lebte, zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der amerikanischen Musik des 19. Jahrhunderts. In einem Bericht des afroamerikanischen Ästhetikers Alain Locke aus dem Jahr 1860 über eine Aufführung von Blind Tom heißt es über den jungen Mozart:

"Jede Komposition, die er jemals gehört hatte, konnte er fehlerlos spielen. Es genügte in der Regel, dass er sie einmal gehört hatte. Er improvisierte korrekt und ausdrucksvoll und soll ein Repertoire von mehreren tausend Stücken gehabt haben." In seinem bekanntesten Werk „The Battle Of Manassas“ (1863) bedient sich Blind Tom der klassischen amerikanischen Trope der musikalischen Darstellung: Donner, Blitz und Kanonengeräusche werden durch clusterartige Klänge in Erinnerung gerufen, die dem frühen Henry Cowells sowie den futuristischen Komponisten vorausgingen.

Als Ergebnis umfangreicher Recherchen beschäftigt sich Allens Roman mit der Beziehung zwischen Musik, Identität und Menschenrechten in einer Weise, die auch heute nicht an Relevanz verloren hat. Der Roman konfrontiert die Wahrnehmung weiß dominierter Gesellschaften mit den Herausforderungen, die Toms Musik nicht nur für Schwarze Subjektivität, sondern auch für ihre eigenen Vorstellungen darstellt. Die damalige Berichterstattung über Toms Musik, in der regelmäßig Debatten über die Originalität des "negro“ geführt wurden, verdichten sich zu einem Komplex von Paradoxien, ausgelöst durch Toms unverkennbare Klänge.

Das musikalische Werk folgt dem Roman, indem es keine einfache Nacherzählung von Toms Leben ist. Vielmehr ist es ein komplexes Porträt eines Kindes, das über die Jahre und inmitten einer Gesellschaft, die in falschen binären Codes der Rassifizierung gefangen ist, die buchstäblich jeden Aspekt der Existenz durchdringen, zu musikalischer und persönlicher Reife gelangt. Auf ähnliche Weise repräsentiert die Musik nicht etwa die Musik aus der Zeit, in der Tom gelebt hat, sondern imaginiert, wie ein Thomas Wiggins des 21. Jahrhunderts klingen könnte. Die beiden Solisten, am Klavier sowie der Vokalsolist, verkörpern zwei imaginäre Aspekte von Toms Erfahrungen und Persönlichkeit und präsentieren sowohl agonistische als auch komplementäre Perspektiven.

Letztlich überwand die Musik Blind Toms seine Objektivierung und stellte die systemische Rassenordnung auf den Kopf, indem sie die Macht der kreativen Arbeit aufzeigte, um einen sozialen Wandel zu bewirken und neue Bewusstseinsformen zu fördern. Genau diese Art von Arbeit leistet das Ensemble Modern. Die Zusammenarbeit von George Lewis und Jeffery Renard Allen besteht seit vielen Jahren, ihr gemeinsames Projekt verstärkt ihr künstlerisches Schaffen auf relevante und heilsame Weise.

Programm

20:00–21:00
George Lewis Lecture-Präsentation
mit Jeffery Renard Allen

Song of the Shank (2023)
Für Stimme, Piano und 15 Instrumente

George Lewis Komponist
Jeffery Renard Allen Librettist
Ensemble Modern

21:00–22:00
Georges Aperghis
14 Récitations
pour voix seule (1978)
Récitations 1–4

Sofia Jernberg Stimme

Georges Aperghis
The Only Line
für Violine und Elektronik (2009)

Gunde Jäch-Micko Violine

Sofia Jernberg
One Pitch: Birds for Distortion and Mouth Synthesizers (2022)

Sofia Jernberg Stimme