Konzert

The Hemphill Stringtet // Hamid Drake’s Turiya // Craig Taborn

Drei US-amerikanische Improvisationsmusiker*innen verbinden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Die Cellistin Tomeka Reid führt ein Streichquartett durch selten gehörte Arrangements von Julius Hemphill, der Schlagzeuger Hamid Drake feiert Werk und Wirken Alice Coltranes und der New Yorker Pianist Craig Taborn präsentiert ein neues Auftragswerk.

Collage mit Tomeka Reid aus The Hemphill Stringtet, Craig Taborn und den Musiker*innen aus Hamid Drakes Projekt „Turiya“

The Hemphill Stringtet // Craig Taborn // Hamid Drake’s Turiya

© Scott Hesse, Courtesy of the artist, Rossetti

18:00 / Europapremiere

The Hemphill Stringtet

(US)

Die Cellistin Tomeka Reid, die bereits mit dem Art Ensemble of Chicago, Dave Douglas, Nicole Mitchells Black Earth Ensemble und Rob Mazureks Exploding Star Orchestra beim Jazzfest Berlin zu Gast war, tritt nun zum ersten Mal als Bandleaderin in Erscheinung: mit der Europapremiere eines Streicher*innen-Ensembles, das sie zu Jahresbeginn für das Frequency Festival in Chicago zusammengestellt hatte. Reid rief das Projekt ursprünglich zur Aufführung von „Mingus Gold“ ins Leben, einer überwältigenden Arbeit aus dem Jahr 1988 des Altsaxophonisten und Komponisten Julius Hemphill, der vor allem als Gründungsmitglied des World Saxophone Quartet bekannt wurde. In dem Werk arrangierte er drei markante Themen des namensgebenden Bassisten Charles Mingus und setzte sie in einen völlig neuen Kontext. Damit gelang ihm eine überraschend frisch wirkende Neuinterpretation der Originale. Reid, die 2022 als „improviser in residence“ beim Moers Festival zu Gast war, teilt Hemphills Gleichgültigkeit gegenüber Genregrenzen. Für The Hemphill Stringtet engagierte sie die Geiger Sam Bardfeld und Curtis Stewart sowie die Bratschistin Stephanie Griffin – allesamt Musiker*innen, die, wie sie selbst auch, gleichermaßen im Jazz und in der zeitgenössischen Musik zu Hause sind und sich durch ihr energetisches Spiel auszeichnen. Gelegentlich bringen sie improvisatorische Akzente oder eigene Melodielinien ein. Ihr Repertoire umfasst außerdem einige für Streichquartett transkribierte Kompositionen, die Hemphill ursprünglich für das World Saxophone Quartet geschrieben hat.

Besetzung

Sam Bardfeld Violine
Curtis Stewart Violine
Tomeka Reid Cello
Stephanie Griffin Viola

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19:30

Hamid Drake’s Turiya: „Honoring Alice Coltrane“
feat. Naïssam Jalal

(US, GB, FR, NO, IT)

Als er gerade einmal 16 Jahre alt war, lernte der einzigartige Chicagoer Schlagzeuger Hamid Drake, der unter anderem intensiv mit Fred Anderson, Don Cherry und Peter Brötzmann zusammengearbeitet hat, bei einem Konzert Alice Coltrane kennen. Damals hatte die Keyboarderin und Sängerin ihren eigenen musikalischen Weg längst eingeschlagen – und der fortwährende künstlerische Austausch mit ihr öffnete Drake erstmals die Türen zu seinem umfassenden musikalischen Kosmos. Er gründete das Projekt „Turiya“, um zu Ehren der Künstlerin an ihr wegbereitendes Jazz-Œuvre und die religiös-musikalische Praxis anzuknüpfen, die sie in ihrem nordkalifornischen Ashram ausübte. Dank Drakes unerschöpflichem Erfindungsreichtum am Schlagzeug trotzen die Performances der Gruppe jeglicher Kategorisierung und bewegen sich nahtlos und voller Anmut durch verschiedene Stile und Stimmungen. Der Kern der Band besteht aus dem Bassisten Joshua Abrams, dem wandlungsfähigen Keyboarder Jamie Saft, dem norwegischen DJ Jan Bang sowie dem aufstrebenden italienischen Vibraphonisten Pasquale Mirra. Für das Jazzfest Berlin werden außerdem die britische Trompeterin Sheila Maurice-Grey – ein wichtiges Mitglied von Londoner Jazzgruppen wie Nérija, Kokoroko und dem SEED Ensemble – sowie die französisch-syrische Flötistin Naïssam Jalal als Gäste in der Frontline der Gruppe zu erleben sein und damit eine Besetzung abrunden, die in ihrer Vielseitigkeit dem Facettenreichtum von Coltranes musikalischem Œuvre Rechnung trägt.

Besetzung

Naïssam Jalal Flöte
Sheila Maurice-Grey Trompete
Jan Bang Elektronik
Jamie Saft Klavier, Tasteninstrumente, Fender Rhodes
Pasquale Mirra Vibrafon, Perkussion
Joshua Abrams Kontrabass, Gimbri
Hamid Drake Schlagzeug, Perkussion, Gesang

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21:30 / Uraufführung

Craig Taborn

(US, PT)

Der Pianist Craig Taborn war zuletzt beim Jazzfest Berlin 2020 virtuell zu Gast und spielte im Trio mit Mary Halvorson und Ches Smith im Rahmen einer Reihe von Livestream-Konzerten, die aus dem Konzertsaal des Roulette in Brooklyn übertragen wurden. Dieses Jahr kommt Taborn persönlich für ein vielversprechendes Auftragswerk nach Berlin. Der Pianist gilt als eine der umtriebigsten Figuren des Jazz und der improvisierten Musik, als tiefgründiger Zuhörer mit einer ungebrochenen Liebe zu einer Vielzahl an Epochen und Stilen – von Barockmusik bis hin zu Black Metal. Dennoch wirkt seine Musik nie collagenartig, sondern führt die mannigfaltigen Einflüsse und Inspirationen stimmig in dichten Arrangements zusammen. Taborn lebt von der Improvisation, doch überdauern seine Ideen oftmals, indem er sie mit der Zeit immer wieder aufgreift und weiterentwickelt. Beim Jazzfest Berlin präsentiert er ein brandneues Quartett gemeinsam mit seinem langjährigen Mitstreiter, dem Bratschisten Mat Maneri. Mit dabei sind außerdem zwei in Berlin ansässige Musiker*innen, mit denen Taborn zum ersten Mal zusammenarbeitet. Den Bassisten Nick Dunston kennt er von Auftritten in New York mit Künstler*innen wie Vijay Iyer und Tyshawn Sorey. Und die portugiesische Schlagzeugerin Sofia Borges kommt in ihrer Eigenschaft als Improvisatorin mit einer breiten Klangpalette zum Einsatz, die Atmosphäre und Textur ebenso erzeugen kann wie rhythmische Triebkraft.

Ein Auftrag von Berliner Festspiele / Jazzfest Berlin

Besetzung

Craig Taborn Klavier, Elektronik
Mat Maneri Viola
Nick Dunston Kontrabass, Elektronik
Sofia Borges Perkussion, Elektronik