Konzert

Johansson // Karja / Renard / Wandinger // Brötzmann / Bekkas / Drake

Der zweite Abend des Jazzfest Berlin startet abwechslungsreich: das Programm wird eröffnet von einer Performance des Künstlers Sven-Åke Johansson, gefolgt von zeitgenössischem Klaviertrio-Jazz der Estin Kirke Karja sowie einem Hybrid aus Free Jazz und Gnawa-Grooves mit Peter Brötzman, Hamid Drake und Majid Bekkas.

Collage mit einer Gruppe von Personen, die Feuerlöscher bedienen sowie Kirke Karja, Etienne Renard, Ludwig Wandinger, Peter Brötzmann und Hamid Drake

Johansson // Karja/Renard/Wandinger // Brötzmann/Bekkas/Drake

© Courtesy of the artist, Kaupo Kikkas, Lisa Chung

18:00

Sven-Åke Johansson: „MM schäumend“

Ouvertüre für 15 Handfeuerlöscher
(SE, FR, DE)

Sven-Åke Johansson ist ein wahres Multitalent: Der gebürtige Schwede spielt seit mehr als fünf Jahrzehnten eine herausragende Rolle in der freien Musikszene Berlins und ist zudem als äußerst produktiver Künstler in den Feldern bildende Kunst, Performance-, Sprach- und Konzeptkunst tätig. In diesem Jahr feiert das Jazzfest Berlin sein Lebenswerk mit einem Film Screening, Konzerten und einer seltenen Aufführung des performativen Musikstücks „MM schäumend – Ouvertüre für 15 Handfeuerlöscher“, das viele Fäden seines Schaffens zusammenführt: ein durchkomponiertes Werk für fünfzehn Performer*innen, die das titelgebende Gerät „spielen“, während Johansson das Ensemble dirigiert.

Besetzung

Pierre-Antoine Badaroux Feuerlöscher
Michaël Ballue Feuerlöscher
Sébastien Beliah Feuerlöscher
Pierre Borel Feuerlöscher
Antonio Borghini Feuerlöscher
Benjamin Dousteyssie Feuerlöscher
Geoffroy Gesser Feuerlöscher
Antonin-Tri Hoang Feuerlöscher
Louis Laurain Feuerlöscher
Pauline Leblond Feuerlöscher
Gabriel Levasseur Feuerlöscher
Hannes Lingens Feuerlöscher
Matthieu Naulleau Feuerlöscher
Brice Pichard Feuerlöscher
Romain Vuillemin Feuerlöscher
Sven-Åke Johansson Komposition, Dirigat

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18:10

Karja / Renard / Wandinger: „The Wrong Needle”

(EE, FR, DE)

Dieses spannende Trio um die estnische Pianistin Kirke Karja macht bereits seit einigen Jahren von sich reden und sorgte mit seinem Debütalbum „The Wrong Needle“ international für Aufmerksamkeit. Die knallharten, explosiven Beats des Berliner Schlagzeugers Ludwig Wandinger und die dröhnenden Bassflächen des Franzosen Etienne Renard packen die Hörer*innen und konfrontieren sie mit der schroffen Körperlichkeit der Gruppe, in deren Rhythmuskonzeption etwas durchweg Unerschrockenes liegt. Die atemlose, aggressive Spielweise des Trios ist so metrisch komplex wie präzise in der Artikulation. Nicht zuletzt nehmen die Musiker*innen dabei Anleihen beim Prog-Rock. Doch bei aller Härte stecken auch Freude und Vitalität in jeder der verästelten Kompositionen Karjas. Letztere erweisen sich im Zusammenspiel als bemerkenswert flexibel und passen sich an spontane Interpretationen an, die ihre Grenzen jedes Mal neu ausloten. Die Gruppe verliert dabei nie die Fassung und meistert den Spagat zwischen technischer Virtuosität und ansteckender Spielfreude und Abenteuerlust mit beeindruckender Leichtigkeit.

Besetzung

Kirke Karja Klavier, Komposition
Etienne Renard Kontrabass
Ludwig Wandinger Schlagzeug

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19:30

Brötzmann / Bekkas / Drake

(DE, MA, US)

Musik aus Marokko scheint schon seit Langem eine besondere Faszination auf Improvisationsmusiker*innen aus aller Welt auszuüben – so etwa auf den Pianisten Randy Weston, der 1967 in Tanger einen Club eröffnete, oder auch auf Ornette Coleman, der in den frühen 1970er-Jahren mit den Master Musicians of Joujouka jammte und bei dieser Gelegenheit auch gleich eine Platte mit ihnen einspielte. Als fruchtbarer Boden für klangliche Symbiosen erwiesen sich dabei vor allem die tranceartigen Grooves der Gnawa-Musiker*innen. Beim Music Unlimited Festival 1996 im österreichischen Wels reihte sich der Saxophonist Peter Brötzmann durch eine fesselnde Zusammenarbeit mit dem Chicagoer Schlagzeuger Hamid Drake und dem Marokkaner Maalem Mahmoud Gania in diese Traditionslinie ein. Letzterer war ein Meister auf der Gimbri, einer bassartigen Laute mit scharfem Klang, und hatte bereits mit Pharoah Sanders zusammen gespielt. Gania verstarb 2015, doch der instrumentale Mix erwies sich als zu reizvoll, um ihn aufzugeben. 2019 trat Ganias Bruder, Maalem Moukhtar Gania, für einen Auftritt beim AngelicA Festival in Bologna in seine Fußstapfen, woraus die kraftvolle Aufnahme „The Catch of a Ghost“ entstand.

Aufgrund einer unvorhergesehenen Erkrankung Maalem Moukhtar Ganias musste die geplante Wiedervereinigung des Trios beim Jazzfest Berlin 2022 nun leider abgesagt werden. Stattdessen wird der Oud- und Gimbri-Meister Majid Bekkas, der sich in Kooperationen mit internationalen Blues- und Jazz-Größen wie John Lee Hooker, Joachim Kühn, Fela Kuti und Pharoah Sanders einen Namen erspielt hat, gemeinsam mit Brötzmann und Drake an die lange Tradition musikalischer Begegnungen von Gnawa- und Jazzmusiker*innen anknüpfen. Eine historische Wiedervereinigung bleibt es: Die drei Musiker teilten sich schon einmal 1997 in Mulhouse die Bühne, als Bekkas zum ersten Mal in Europa auftrat.

Besetzung

Peter Brötzmann Tenorsaxofon, Tarógató
Majid Bekkas Gesang, Gimbri
Hamid Drake Schlagzeug