Inszenierung

„So lang ich lebe, lebt Gerechtigkeit.“

nach „Antigone“ von Walter Hasenclever

Theaterjugendclub „Sorry, eh!“ / Schauspiel Leipzig

In dem Stück „So lang ich lebe, lebt Gerechtigkeit.“ steckt die Vorahnung einer Jugend, die den gesellschaftlichen Kipppunkt kommen sieht.

Eine Schauspielerin mit einer schwarzen Lackhose steht mit erhobenen Armen in der Nähe eines Mikrofons an der Spitze einer dreiecksförmigen Formation von circa neun weiteren Schauspieler*innen, die zu ihrer linken und ihrer rechten Seite ihre Arme nach außen richten.

„So lang ich lebe, lebt Gerechtigkeit.“

© Rolf Arnold

  • 1 h, keine Pause

Vergangene Termine

Die Inszenierung in der Mediathek als  Video on Demand bis 30. Mai 2024

Ausgehend von Walter Hasenclevers expressionistischer Adaption von Sophokles’ Tragödie „Antigone“ aus dem Jahr 1916 thematisiert das Stück „So lang ich lebe, lebt Gerechtigkeit.“ anhand der griechischen Mythologie rationale und emotionale, menschliche Verhaltensmuster in all ihrer Radikalität und Unausweichlichkeit: Mythos trifft auf Gegenwart. Die Betrachtung des Stoffs aus einer jugendlichen Perspektive heraus mit all den Zweifeln und Unsicherheiten, der Wut auf das Bestehende, ihrem Selbstentzug und dem Drang nach Veränderung, verwebt sich mit der scheinbar ausweglosen Spirale von Ungerechtigkeit und Gewalt in der Welt.


Kommentar zur Inszenierung vom Jurymitglied Laura Völkel

„Was guckst du so? Ja, was guckst du so?“ Dreizehn Jugendliche stehen und schauen. In die Vergangenheit. In die Gegenwart. Und vielleicht in die Zukunft. Ein Podest, eine Wand, Jugendliche in androgynen Kostümen, drei Mikrofone, eindringliche Texte, Haze, Leuchtstäbe, ein fast durchgehender musikalischer Score mit viel Bass. „So lang ich lebe, lebt Gerechtigkeit.“ macht Politik in einem Nachtclub. Das Tanzen dient weniger der Erlösung, es ist vielmehr ein Bild für Ermächtigung und Selbstermächtigung.
In „So lang ich lebe, lebt Gerechtigkeit.“ steckt eine Vorahnung. Die Vorahnung einer Jugend, die den gesellschaftlichen Kipppunkt kommen sieht. Einer Generation, deren Sicherheiten schwer erschüttert wurden, deren Welt auseinanderzubrechen droht. Die Vorahnung eines Ensembles, das vorschlägt, Solidarität höher zu achten als Macht. Das mahnt und warnt. Ihre Antigone ist mutig, bedacht, souverän und liebevoll, ohne naiv zu sein. Sie will ihren Bruder beerdigen, der den Streit um das Königreich nicht überlebt hat. Aber ihr Onkel Kreon, jetzt Herrscher, will ein Exempel statuieren und verweigert die Bestattung. Die Ideologie des Krieges, der Verletzung, der Abschottung steht dem Konzept des Vergebens, des Vertrauens, der Freiheit gegenüber. „So lang ich lebe, lebt Gerechtigkeit.“, sagt Antigone zu den Menschen, „Der Glaube an meine Taten überlebt mich.“ Die Idee von Menschlichkeit soll eine Zukunft haben, es braucht Verbündete.
Das Stück fragt, fordert, pulsiert im Nebeneinander von Erzählsträngen. In selbstgeschriebenen Monologen wollen die Spieler*innen wissen: Wie den eigenen Alltagsproblemen begegnen im Angesicht eines Krieges in Europa? Womit beginnt der eigene Widerstand und wann wird er politisch? „Kennst du das, diese Ich-bin-Ich-Momente? Dann ist alles so weit weg. Und klein.“ Die Inszenierung lässt widersprüchliche Energien effektvoll gegeneinander vibrieren. Sie verbindet ausbalanciert den Antigone-Stoff, jugendlichen Alltag und Rave, Antike und Gegenwart. Sie ist Pathos und Poesie, präzise Formation, energetisches Chaos, Körper, Choreografie, Stimmen, Licht - sie ist Gewalt, Macht, Verbundensein, Solidarität und Befreiung.

„So lang ich lebe, lebt Gerechtigkeit.“ begeistert mit großen Bildern und einem Ensemble, das kollektiv erzählt, aber alle Spielenden einzeln sichtbar werden lässt. Mit einer bestechenden Präsenz und Dringlichkeit. Mit Schärfe in den Texten und Lässigkeit in der Haltung. Die Inszenierung ist bemerkenswert kraftvoll und trotzdem durchlässig und zart in den jugendlichen Perspektiven. Eine Sehnsucht überträgt sich. Eine Sehnsucht nach dem Lernen aus der Vergangenheit, nach Miteinander, Verbindlichkeit, nach Frieden. Nach dem verantwortlichen Selbst in der Welt. Aber auch eine Sehnsucht nach dem Loslassen dürfen.

Mit

Omid Arabbay, Hannah Arnim, Hanna Mina Deutsch, Nika Fabich, Julius Götze, Sarah Hohendahl, Linus Hüsam, Maria Kremer, Stine Kreutzmann, Toni Leue, Marlene Lidy, Magali Rassmann, Nele Reinshagen, Maria Trofimov, Fine Weßlau

Yves Hinrichs Regie, Bühne
Naomi Jaschinski Kostüme
Paul Spiering Choreografie
Gwendolin Kyra Schmerer Musikalische Einstudierung
Hannah Arnim Regieassistenz
Robert Gotthardt Video
Benjamin Große Dramaturgische Beratung
Thomas Kalz Bühnenmeister
Ronny Kinner Licht
Heribert Weitz Ton