Halim El-Dabh

Halim El-Dabh

Konzert

Elektroakustische Musik: Pioniere / Die neue Generation

[Um]Brüche: From Musique Concrète to the Digital Age

Die Musique concrète hat ihre Ursprünge in der frühen radiophonen Kunst. Das Prinzip des Schnitts, der Collage und Überblendung – ihre ersten Gestaltungsmerkmale – sind teilweise dem frühen Tonfilm entlehnt. Als Pierre Schaeffer, der seit 1949 den Begriff der Musique concrète verwendete und definierte, 1943 in Paris den Club d’Essai als Forschungsstelle für radiophone Kunst ins Leben rief und mit Geräuschen und Tönen zu experimentieren begann, gab es auch anderenorts Interesse an den künstlerischen Möglichkeiten von Tonaufnahmen und konkretem Klangmaterial.

Wurde im Pariser Rundfunk 1944 erstmals ein „Hörstück“ Schaeffers im Sinne konkreter Klangästhetik gesendet, so präsentierte im gleichen Jahr in Kairo der Student Halim El-Dabh in einer Kunstgalerie ein Tonbandstück, das bei seinen Experimenten im Studio des Middle Eastern Radio entstanden war: „The Expression of Zaar“. Bei diesem Stück nutzte Halim El-Dabh Effekte des Hallraums und früher Frequenzfilter, um gleichsam den „inneren Klang“ menschlicher Stimmen, die er während einer traditionellen Heilungszeremonie aufgenommen hatte, zu isolieren. Halim El-Dabh ging 1950 in die USA und arbeite dort als Komponist, Musikethnologe und Lehrer. In New York lernte er u.a. Vladimir Ussachevksy und Otto Luening kennen, die in den frühen 1950er Jahren das Columbia-Princeton Electronic Music Center gründeten. Es ist das älteste Zentrum für elektronische Musik und Computermusik in den USA. In seinen Archiven beherbergt es frühe Beispiele akustischer Kunst all der Pioniere, die hier gearbeitet haben, wie Halim El-Dabh, Bülent Arel oder Ilhan Mimaroğlu.

Die junge Generation der Komponisten elektroakustischer Musik aus der Türkei und dem arabischsprachigen Raum kann also sowohl auf eine westliche wie auch auf eine eigene Tradition dieses Genres zurückblicken. Die Verarbeitung der menschlichen Stimme steht im Vordergrund einer neuen Arbeit von Seth Ayyaz, „The Remainder“, in der er auf reizvolle Weise einen Brückenschlag zwischen Kurt Schwitters „Ursonate“ und traditioneller Koranrezitation „tajweed“ wagt. Steht bei Ayyaz die Atomisierung der Sprache im Vordergrund, so ist es bei Mazen Husseins autobiographischen akusmatischen Hörstücken „Mémoir“ und „Départ“ die Rekonstruktion der Sprachen seiner Kindheit. Mehmet Can Özer schließlich findet zur Musique concrète zurück: Seine „Hommage à Leibniz“ besteht aus Aufnahmen einer Waldlandschaft, die Ferne und Nähe, Höhe und Tiefe, draußen und drinnen akustisch ausloten.

Pioniere: Türkische und arabische Komponisten am Columbia-Princeton Electronic Music Center (1944-1965)

Halim El-Dabh
Wire Recorder Piece (1944)
Meditation in White Sound (1959)

Bülent Arel
Stereo Electronic Music No. 1 (1961)

İlhan Mimaroğlu
Agony (1965)

Die neue Generation: Elektroakustische Musik

Mazen Hussein
Mémoire – Départ (2007)

Mehmet Can Özer
Leibniz’e (2009)

Seth Ayyaz
The Remainder (2012)

Alper Maral
Theater Entrophie (2012)