Ausstellung

Alexander Rodtschenko

12. Juni bis 18. August 2008

Plakat zur Ausstellung „Alexander Rodtschenko“

Plakat zur Ausstellung „Alexander Rodtschenko“

Gestaltung: Steenbrink Vormgeving, Berlin

Es war dies die erste große, Alexander Rodtschenko in Berlin gewidmete Retrospektive. Rodtschenko, der bereits 1929 auf der berühmten Ausstellung „Film und Foto“ im Martin-Gropius-Bau, der damals „Ehemaliges Kunstgewerbemuseum“ hieß, ausstellte, ist einer der bedeutendsten Künstler der Fotografiegeschichte. Erstmals waren auch Arbeiten aus dem von den Erben in Moskau verwalteten Nachlass Alexander Rodtschenkos zu sehen.

Alexander Rodtschenko wurde 1891 als Sohn eines Theaterequisiteurs in St. Petersburg geboren. Die Familie zog 1901 nach Kazan, wo Rodtschenko ab 1910 an der Kunstschule studierte. Dort lernte er seine spätere Frau, die Künstlerin Warwara Stepanowa kennen. 1914 siedelte er nach Moskau über und studierte an der Stroganow-Schule für angewandte Kunst. Bereits zu diesem Zeitpunkt lehnte er die etablierten Auffassungen einer sensualistischen bürgerlichen Kunst ab und beschäftigte sich mit abstrakten Formen. 1916 lud ihn Wladimir Tatlin zu einer von ihm organisierten Ausstellung „Magazin“ ein. Er war bereits ein junger, links orientierter Künstler. Danach engagierte er sich wie viele andere Avantgarde-Künstler für den Aufbau neuer Strukturen der künstlerischen Produktion in der jungen Sowjetunion.

Von 1918-21 war er Mitglied von IZO Narkompros (Abteilung Bildende Kunst im Volkskommissariat für Aufklärung). 1920 wirkte er als Gründungsmitglied des INChUK (Institut für künstlerische Kultur) und entwickelte mit Wassily Kandinsky und anderen Künstlern die Idee eines Netzes von Kunstmuseen im ganzen Land. Er lehrte von 1920–30 an der Metallfakultät der WChUTEMAS/WChUTEIN (Höhere Künstlerisch-Technische Werkstätten). 1921 proklamiert er das Ende der Tafelmalerei, nachdem seinem Beitrag zur Abstraktion – Kompositionen aus Punkten und Linien oder Flächen ohne Perspektive – schwebende Raumkonstruktionen gefolgt waren. 1922 nahm er mit diesen Arbeiten an der „Ersten Russischen Kunstausstellung“ in Berlin teil. In den weiteren künstlerischen Diskussionsprozessen der zwanziger Jahre rückte die Rolle der Technik zunehmend in den Mittelpunkt. Im Kreis der Konstruktivisten, zu denen Rodtschenko gehörte, wurde die Losung ausgegeben: „Kunst in die Produktion“. Der Künstler entwickelte daraus die Vorstellung des Künstler-Ingenieurs, der Kunst primär als Entwerfen von Gebrauchsgegenständen auffasst. So arbeitete er auf dem Gebiet der Werbung mit Wladimir Majakowski zusammen, entwarf Wandgestaltungen, Transparente und Kioske. Er gehört zu den Begründern der modernen Typografie. Gleichzeitig wandte er sich entschieden der Fotografie zu. 1924 kaufte sich Rodtschenko den ersten Fotoapparat. Er dokumentierte die Stadt Moskau mit ihren baulichen und sozialen Veränderungen. Eine seiner berühmtesten Serien „Häuser in der Mjasnitzkaja-Straße“, zeigt die Architektur aus extremer Untersicht. In den folgenden Jahren fotografierte er die neuesten konstruktivistischen Bauwerke, Arbeiterklubs, Fabriken mit modernen Maschinen und Großküchen, Telegrafenmasten, Elektrizitätswerke, Treppen und Parks. Er hielt die Motive in extremen Aufsichten und Untersichten fest, in Diagonalen, Anschnitten und Details. Für das damalige herrschende Sehempfinden war dies ein ungewöhnliches Verfahren. Doch die neuen Aufgaben und Themen verlangten seiner Meinung nach eine neue Form der Darstellung:

„Wir müssen unser optisches Erkennen revolutionieren. Wir müssen den Schleier von unseren Augen reißen, der ‚vom Nabel aus‘ heißt.“ „Und die interessantesten Blickwinkel der Gegenwart sind die von oben nach unten und von unten nach oben und ihre Diagonalen“. (1928). Ab 1928 sah sich Rodtschenko jedoch zunehmender Kritik ausgesetzt. Er wäre „gefährlich“ und „bürgerlich-formalistisch“, hieß es in den Zeitschriften. Die Redaktionen in Russland forderten herkömmliche Landschafts-, Porträt- oder Dokumentarfotografie. 1930 sah sich Rodtschenko gezwungen, sein Lehramt bei der WChUTEMAS niederzulegen.

In den 1930er Jahren arbeitete Rodtschenko mit seiner Frau Warwara Stepanowa als Gestalter für mehrere Ausgaben der Zeitschrift SSSR na strojke (UdSSR im Aufbau). In der Zeit der großen Schauprozesse begann er wieder zu malen, vor allem Motive aus der Zirkuswelt, die er auch fotografierte. Nach dem Krieg, schon gesundheitlich angeschlagen, experimentierte er mit Farbfotografie und arbeitete als Gestalter. Am 3. Dezember 1956 starb Alexander Rodtschenko in Moskau.

Die Ausstellung präsentierte die vielen Facetten von Rodtschenkos bahnbrechendem fotografischen Werk: den Beginn mit Fotomontagen, die Porträts der Freunde und Familie, die Experimente mit Perspektiven, Bildstrukturen, Licht- und Schattenwirkungen, die Reportagen mit der Montage von Text und Bild, aber auch die Serie vom Zirkus und die letzten Experimente mit Farbfotografie.

In der regionalen und überregionalen Presse (über 75 Beiträge), im Internet (25 Beiträge), TV (3 Beiträge) und im Rundfunk (6 Beiträge) bekam die Ausstellung ein positives Echo. Begleitend zur Ausstellung erschien ein umfassender Katalog im Nicolai Verlag.

Veranstalter: Berliner Festspiele in Kooperation mit der Stadtregierung und dem Kulturkomitee von Moskau. Eine Ausstellung des Moscow House of Photography.
Gefördert durch den Kulturfonds des Deutschen Sparkassen und Giroverbandes (DSGV).
Kuratorin: Olga Sviblova, Moskau
Ausstellungsstationen: Moskau, Paris, London, Berlin