Aribert Reimann

 

Nur wenige Komponisten unserer Zeit haben ein so produktives Verhältnis zum dichterischen Wort wie Aribert Reimann (*1936). Im vielgestaltigen Schaffen des literarisch umfassend gebildeten Musikers bildet Vokalmusik in vielerlei Facetten vom Lied bis zur Oper den Hauptteil. Sein Sinn für Literatur verbindet sich in seinen Opern mit einer spezifischen dramatischen Begabung zu eindrucksvollen Werken, in denen die Seelenregungen der Figuren anschaulich und subtil musikalische Gestalt annehmen. Für Reimanns Kompositionsweise ist die Freiheit von Zwängen und von ästhetischem Rigorismus grundlegend. Mit großer Selbstverständlichkeit bedient er sich der Klangmittel und Konstruktionsprinzipien der neuen Musik, ohne sklavisch einem bestimmten Prinzip zu gehorchen, und folgt mit aller gestalterischen Freiheit seiner Imagination.

Aribert Reimann ist sozusagen Berliner Urgestein. Der Komponist wurde am 4. März 1936 in Berlin geboren und lebt seit über vier Jahrzehnten im Süden der Stadt. Seine Eltern lehrten an der Musikhochschule Westberlins, an der Reimann von 1955 bis 1960 Komposition und Klavier studierte. Seine musikalische Laufbahn entwickelte sich zweigleisig. Von seine Mutter, einer Altistin, schon früh mit Korrepetitionsaufgaben betraut, wurde Reimann bald zu einem international renommierten Liedbegleiter, der mit zahlreichen prominenten Sängern zusammenarbeitete. Besonders eng und produktiv gestaltete sich die Partnerschaft mit Dietrich Fischer-Dieskau. Über zwei Jahrzehnte lang, von 1974 bis 1998, hatte Reimann dann Professuren für das zeitgenössische Lied in Hamburg und in Berlin inne. Aus seinen Gesangsklassen sind bekannte Künstler wie die Sopranistin Christine Schäfer hervorgegangen.

Als Komponist gelang Reimann 1978 mit der Oper „Lear“ nach Shakespeare ein großer Wurf. Das Werk steht bis heute in zahlreichen Neuinszenierungen auf den Spielplänen der Opernhäuser in aller Welt und gehört mit seiner dramatischen Wucht zu den wichtigsten Werken des zeitgenössischen Musiktheaters. Mehrere große Opernwerke schlossen sich an, zuletzt wurde 2010 „Medea“ nach dem Drama von Franz Grillparzer an der Wiener Staatsoper uraufgeführt. Als ein zunehmend wichtiger Strang im Schaffen Reimanns hat sich seit den 1980er Jahren die Rückbesinnung und kreative Auseinandersetzung mit der musikalischen Tradition herausgebildet. In verschiedenartigen Bearbeitungen von der einfachen Instrumentation bis zum eigenständigen musikalischen Kommentar zeigt sich in dieser Werkreihe die besondere Affinität Reimanns zur Musik der Romantik.

Stand: Juni 2014