Witold Lutosławski

 

Wie lässt sich in Neuer Musik eine anschauliche Form organisieren? Auf diese grundlegende Frage fand der polnische Komponist Witold Lutosławski (1913–1994) im Alter von fast 50 Jahren eine schlagend einfache Lösung. Er entwickelte ein aus zwei Teilen bestehendes Modell. Auf eine vorbereitende Phase, in der zerstreute Elemente allmählich zusammengeführt werden, folgt eine zweite, die in einem kontinuierlichen Prozess auf einen Höhepunkt zuläuft. Dieses „Zwei-Phasen-Modell“ entspricht zwei besonderen Fähigkeiten Lutosławskis, die unter den Komponisten der Musik nach 1945 nur selten anzutreffen sind: die Fähigkeit zur bündigen Gestaltung großer Zusammenhänge und Zeitstrecken und die Fähigkeit zur dramatischen Zuspitzung. Dieses Modell liegt zahlreichen großen Werken Lutosławskis zu Grunde, oft auf mancherlei Weise modifiziert, aber dennoch erkennbar.

Lutosławski stammt aus einem musikbegeisterten Warschauer Elternhaus. Schon als Kind fühlte er, wie er sich später erinnerte, ein inneres Verlangen nach Musik. Mit sechs Jahren bat er um Klavierunterricht, den er auch erhielt. Später kamen Geigen- und schließlich Kompositionsunterricht hinzu. Von 1931 bis 1937 studierte Lutosławski dann Klavier und Komposition am Warschauer Konservatorium, zu Beginn für zwei Jahre gleichzeitig auch Mathematik. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde Lutosławski zur Armee eingezogen. Er geriet kurz in deutsche Gefangenschaft, konnte aber fliehen und fand dann in Warschau Unterschlupf. Seinen Lebensunterhalt während der deutschen Besatzung verdiente sich Lutosławski mit Auftritten als Pianist in heimlichen Konzerten und in verschiedenen Cafés. Nach Kriegsende beteiligte sich Lutosławski dann in verschiedenen Positionen am Wiederaufbau des Musiklebens im Verband der polnischen Komponisten, dessen Präsidium er später bis 1993 angehörte.

In der ersten Zeit nach dem Krieg komponierte Lutoslawski überwiegend Gebrauchsmusik, er fand aber bald auch zu autonomem Komponieren. Sein Schaffen der 1950er Jahre steht dabei unter dem Einfluss der Musik Béla Bartóks. So verdankt etwa Lutoslawskis „Konzert für Orchester“ (1950-54) vieles dem Vorbild Bartóks, gleichzeitig ist aber auch die eigenständige schöpferische Kraft Lutosławskis deutlich zu spüren. Manch älterer Fernsehzuschauer wird sich noch an die rhythmisch prägnante Titelmusik des früheren „ZDF-Magazins“ erinnern, die aus diesem Werk stammt.

Von der Mitte der 1950er Jahre an änderte sich Lutosławskis Tonsprache grundlegend. Er fand Anschluss an die internationale Avantgarde und nahm serielle und aleatorische Techniken auf. Die Aleatorik, der Umgang mit dem Element des Zufalls in der Musik, fand auf besonders originelle und produktive Weise Eingang in sein Schaffen. Lutosławski entwickelte das Verfahren der so genannten „kontrollierten Aleatorik“. In seinen Partituren gibt er hierbei innerhalb von kurzen, Bausteinen gleichenden Segmenten wesentliche Elemente wie Tonhöhen, den Rahmen, in dem sich das Tempo bewegen soll, oder die Artikulation vor. Andere Elemente aber wie die exakte Wahl des Tempos, die Dauer von Pausen oder die Anzahl von Wiederholungen bleiben den Ausführenden überlassen. Vor allem wenn mehrere solcher Bausteine übereinander geschichtet sind, wird jede rhythmisch-metrische Eindeutigkeit aufgehoben und es entstehen Klangkomplexe von faszinierender Farbigkeit und Intensität. Der Ablauf eines Werkes folgt dabei aber immer dem Gestaltungswillen des Komponisten, nur Details variieren von Aufführung zu Aufführung. Das erste Werk, in dem die kontrollierte Aleatorik und das zweiphasige Formmodell zusammen exemplarisch ausgeformt sind, ist das „Streichquartett“ aus dem Jahr 1964, das mittlerweile zu einem viel gespielten Klassiker der neuen Quartettliteratur geworden ist.

Spätestens seit diesem Werk galt Lutosławski als einer der führenden Schöpfer der Neuen Musik. Er erhielt repräsentative Kompositionsaufträge, international Einladungen zu Konzerten – 1963 hatte er begonnen, eigene Werke zu dirigieren –, leitete Kompositionskurse und hielt Vorträge. Große Interpreten wie Mstislav Rostropowitsch, Krystian Zimerman oder Anne-Sophie Mutter baten ihn um neue Werke und setzten sich für sie ein. Der 80. Geburtstag des Komponisten wurde 1993 in der ganzen Musikwelt mit Konzerten, Festivals und Auszeichnungen begangen. Am 7. Februar 1994 verstarb Lutosławski kurz nach seinem 81. Geburtstag in seiner Heimatstadt Warschau.