Many Undulating Things

„Many Undulating Things“. Filmstill

Sundays for Hong Kong II

Filme über eine zerrissene Stadt

Unsere Kino-Aktion „Sundays for Hong Kong“ geht online weiter! Ab 9. April präsentieren wir vier Filme der ursprünglich für den Gropius Bau geplanten Reihe – vier Wochen lang.

Die Kino-Aktion „Sundays for Hong Kong“ ist ein Zeichen der Anteilnahme angesichts der gewaltsamen Auseinandersetzungen in Hongkong seit dem Sommer 2019. Ihr Ziel ist es, durch die Präsentation von weniger bekannten Arbeiten bemerkenswerter Filmemacher*innen aus der berühmten Filmstadt Hongkong die vielschichtigen Hintergründe von Kultur, Geschichte und Lebenswirklichkeit der früheren britischen Kronkolonie zu beleuchten.

Das Coronavirus hat den pro-demokratischen Bewegungen Hongkongs Anfang des Jahres einen Dämpfer versetzt, doch der Geist des Protests blieb im Digitalen lebendig. Nach dem Abflachen der ersten Corona-Welle herrschte in Hongkong wieder so etwas wie Normalität. Geschäfte, Restaurants, Sportanlagen, Hotels und Clubs öffneten wieder, die Menschen gingen zur Arbeit und Museen sollten auch bald wieder öffnen. Trotzdem ist eine große Zahl an Unternehmen, die bereits durch die monatelangen Proteste sowie die Schließungen wegen COVID-19 geschwächt waren, mittlerweile in Konkurs gegangen.

Zu erneuten Verhaftungen und gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Protestierenden und der Polizei kam es im März. Gleichzeitig klettert die Zahl der täglich Neuinfizierten in Hongkong nun wieder deutlich nach oben: Die zweite Ansteckungswelle scheint die Stadt getroffen zu haben. Die politische und kulturelle Zukunft Hongkongs bleibt angesichts der im Jahr 2047 auslaufenden Vereinbarung zwischen dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland und der Volksrepublik China, die 1997 die ehemalige Britische Kronkolonie Hongkong zur Sonderverwaltungszone Chinas erklärte, völlig unklar – und die wirtschaftliche nun auch.

Doch von welcher Kultur sprechen wir? Was macht die Lage, in der sich Hongkong befindet, so einzigartig? Wo liegen Ähnlichkeiten hinsichtlich der Freiheitsbemühungen in anderen Teilen der Welt?

Unsere Auswahl an Filmen wird kaum eine dieser Fragen abschließend beantworten. Sie soll aber die Gelegenheit bieten, mehr über die Stadt, ihre Menschen und Dynamiken zu erfahren und zu verstehen.

Many Undulating Things

Many Undulating Things. Filmstill

Many Undulating Things

US/HK/KR 2019
Regie Bo Wang, Pan Lu
125 min, Englisch, Kantonesisch und Mandarin mit englischen Untertiteln
Verfügbar 9. April, 16:00 – 7. Mai, 15:59

Koloniale Atmosphäre, einheimische Pflanzen, Kaiserreich der Botanik, Segregation, Umschlaghafen, Stahl und Glas, Shopping Malls, Erinnerungen, Laissez-faire, Geisterhäuser, Spekulation … das sind die „many undulating things“, die vielen wogenden Dinge, die diesem poetischen Dokumentarfilm seinen Titel verleihen. Er beschäftigt sich mit der sozialen und urbanen Transformation Hongkongs und betrachtet die Beziehungen zwischen Landschaft, Natur, Urbanisierung und Gesellschaft.

Der Film beginnt und endet in einem Einkaufszentrum in Hongkong. Der aufmerksame Blick gilt den gleitenden Bewegungen der Rolltreppen, dem stetigen, unaufhörlichen Menschenstrom, dem Brunnen mit musikalischer Begleitung, der das Zentrum des Innenhofs beherrscht – ganz so, als ob dieser riesige Komplex den Kreislauf der ganzen Stadt, oder sogar des ganzen Landes bündeln könnte. Von diesem Ausgangspunkt aus wendet sich die Sicht den für Weltausstellungen gebauten, verglasten Galerien zu, den überbevölkerten Hochhäusern, den Fragmenten des noch nicht lange zurückliegenden Kolonialismus. „Many Undulating Things“ hinterfragt die Rolle von Städten im globalisierten kapitalistischen System.

Bo Wang

Der Künstler und Filmemacher Bo Wang lebt in den Niederlanden und in China. Er studierte Physik und Mathematik an der Tsinghua-Universität, wo er auch einen Master-Abschluss in Kosmologie erlangte. Später studierte er an der New Yorker School of Visual Arts und schloss dort einen Master-Studiengang in Fotografie, Video und verwandten Medien ab. Seine künstlerischen Arbeiten wurden international in zahlreichen Museen und bei Festivals gezeigt, darunter das Guggenheim Museum und das Museum of Modern Art in New York, das Garage Museum in Moskau, das Rotterdam Film Festival in den Niederlanden, Visions du Réel in der Schweiz, Image Forum Festival in Tokio, die Ural Industrial Biennial of Contemporary Art in Jekaterinburg, DMZ Docs in Südkorea, CPH:DOX in Kopenhagen, das Times Museum in Guangzhou und BOZAR in Brüssel.

Pan Lu

ist Assistenzprofessorin am Institut für Chinesische Kultur an der Hong Kong Polytechnic University. Sie war Gastwissenschaftlerin an der Technischen Universität Berlin (2008 und 2009) und am Harvard-Yenching Institute (2011–2012), Researcher-in-Residence am Fukuoka Asian Art Museum (2016) und Gastwissenschaftlerin an der Taipei National University of the Arts (2018). Pan verfasste zwei Monografien: „In-Visible Palimpsest: Memory, Space and Modernity in Berlin and Shanghai“ (Bern: Peter Lang, 2016) und „Aestheticizing Public Space: Street Visual Politics in East Asian Cities“ (Bristol: Intellect, 2015). Zudem übersetzte sie „Über das Neue“ von Boris Groys ins Chinesische (2018, Chongqing University Press). Gemeinsam mit Bo Wang drehte Pan Lu unter anderem die Filme „Traces of an Invisible City“ (2016), „Miasma, Plants and Export Paintings“, (2017, dieser Film erhielt beim 32nd Image Forum Festival in Tokio den Award of Excellence) und „Many Undulating Things“ (2019). 2018 war sie eine der Kurator*innen bei der Kuandu Biennale in Taipei.

“Hong Kong has never been in equilibrium. It has always been built on contingency, accidents and has developed out of disasters and traumas, one after another.”

Interview with film director Bo Wang on the Berliner Festspiele Blog
in englischer Sprache

Not One Less

Not One Less. Filmstill

Not One Less

HK 2019
Regie Kanas Liu, Sam Tsang
15 min, Kantonesisch und Englisch mit chinesischen und englischen Untertiteln
Verfügbar 9. April, 16:00 – 7. Mai, 15:59

Der Dokumentarfilm „Not One Less“ zeichnet die Zusammenstöße auf Hong Kong Island am 31. August 2019 und die Versammlung am Abend des Mittherbst-Fests zur Unterstützung inhaftierter Demonstrant*innen nach. Die Proteste, die durch das „Auslieferungsgesetz“ ausgelöst wurden, dauern nunmehr seit über 100 Tagen an. Während dieser Zeit wurden mehr als 1000 Bürger*innen festgenommen, mehrere Menschen begingen Selbstmord und es gibt Gerüchte, dass einige Demonstrant*innen vermisst werden. In der Szene, die die Zusammenstöße zeigt, versuchen die Demonstrant*innen ihre Mitstreiter*innen zu schützen und zu verhindern, dass sie isoliert werden. Auch nach den Unruhen kümmern sie sich weiter um ihre inhaftierten Kamerad*innen. Am Abend des Mittherbst-Festivals sangen sie laut vor dem Untersuchungsgefängnis von Lai Chi Kok, um ihnen zu zeigen, dass sie nicht vergessen wurden.

Kanas Liu

Geboren 1986 in Hongkong. Sie studierte Kulturwissenschaften an der dortigen Lingnan University und drehte zwei Dokumentarfilme über die sogenannte Regenschirm-Bewegung von 2014 und fünf weitere Filme über die Proteste in Hongkong 2019. Ihr Film „Comrades“ lief im Rahmen von Generation 14plus auf der Berlinale 2020.

The Aqueous Truth

The Aqueous Truth. Filmstill

The Aqueous Truth

HK 2013
Regie Chan Tze Woon
30 min, Kantonesisch und Englisch mit chinesischen und englischen Untertiteln
Verfügbar 9. April, 16:00 – 7. Mai, 15:59

Eine Gruppe unabhängiger Filmemacher*innen erfährt zufällig etwas, das die Bewohner*innen Hongkongs nicht wissen, das sie aber ganz wesentlich betrifft. Sie gehen der Sache mit ihren Kameras nach. Je näher sie der Wahrheit kommen, desto gefährlicher wird die Lage. Dies ist nicht einfach ein Dokumentarfilm eines einzelnen Filmemachers, vielmehr ist das Publikum dazu eingeladen, ihn zu vollenden. Schon vor und seit der Übergabe der Hoheitsgewalt an China lebt die Bevölkerung Hongkongs mit einem Gefühl der politischen Unsicherheit. „The Aqueous Truth“ versucht, dieses Gefühl mit den Mitteln eines Dokumentarfilms zu provozieren und zu erforschen.

Chan Tze Woon

Nach einem Studium der Politikwissenschaft erlangte Chan Tze Woon einen Master of Fine Arts in Filmproduktion an der Baptist University of Hong Kong. Seine ersten beiden Arbeiten, „The Aqueous Truth“ (2013) und „Being Rain: Representation and Will“ (2014), bedienten sich auf spielerische Weise Verschwörungsgeschichten und der Form des „Mockumentary“, um das politische Klima in Hongkong zu beschreiben. Für letztere Arbeit erhielt er den „Best Creativity Award“ beim Freshwave International Short Film Festival 2014 und erreichte das Finale bei den IFVA Awards. 2016 erschien sein erster abendfüllender Dokumentarfilm „Yellowing“, der für den Preis des Besten Dokumentarfilms beim 53. Taiwan Golden Horse Award nominiert wurde und den Shinsuke Ogawa Preis beim 15. Yamagata International Documentary Film Festival gewann.

“In 2020 we don’t need conspiracy theories anymore, it’s obvious that they are pointing their guns at our heads.”

Interview with film director Chan Tze Woon on the Berliner Festspiele Blog
in englischer Sprache

Reunification

Reunification. Filmstill

Reunification

HK 2015
Regie Alvin Tsang
85 min, Englisch und Kantonesisch mit englischen Untertiteln
Verfügbar 9. April, 16:00 – 7. Mai, 15:59

Regisseur Alvin Tsang beschäftigt sich mit der Auswanderung seiner Familie von Hongkong nach Los Angeles Anfang der 1980er-Jahre – mit dem Vertrauensbruch, der mit der Scheidung der Eltern einherging, den wirtschaftlichen Problemen und dem Zusammenbruch der Kommunikation zwischen Eltern und Kindern. Dieser preisgekrönte Dokumentarfilm wurde über einen Zeitraum von 17 Jahren gedreht und bietet eine Innenansicht auf die Erfahrungen heutiger amerikanischer Zuwanderer*innen, auf Familienpsychologie und persönlich motiviertes Filmemachen.

Die poetische Betrachtung bewegt sich stimmungsvoll zwischen unterschiedlichen Kanälen und Modi und vollzieht dabei die Geschichte der Arbeit sowie die kolonialen Bahnen Hongkongs nach. Tsang richtet seine Kamera auf die eigene Familie. Behutsam versucht er, Antworten auf seine Fragen zu bekommen, aber er weiß, dass er mit diesen Themen nur abschließen kann, indem er selbst entscheidet, wie es weitergehen soll. Als seine Mutter Anfang der 1980er-Jahre mit den beiden Geschwistern von Hongkong nach Los Angeles auswanderte, blieb der sechsjährige Alvin mit seinem berufstätigen, und damit abwesenden, Vater zurück. Während der folgenden drei Jahre war der Junge oft allein in der leeren Wohnung und wünschte sich sehnlichst, dass seine Familie wieder zusammen sein sollte. Als Alvin und sein Vater jedoch in Amerika ankamen, wurde dieser Traum restlos und für immer zerstört – und bis heute hat der Filmemacher die Umstände, unter denen dies geschah, nicht ganz verstanden.

Alvin Tsang

Der Filmemacher und Künstler Alvin Tsang lebt in New York. In seiner Arbeit beschäftigt er sich mit eher privaten menschlichen Erfahrungen zum besseren Verständnis größerer Fragen wie Humanismus, Gemeinschaft und Migration. Sein preisgekrönter Dokumentarfilm „Reunification“ (2015) über Erinnerungen an die Migration und Tsangs einst intakte Familie wurde dafür gelobt, dass er „die Vergangenheit mit einem Proust-gleichen Feingefühl untersucht“ (The Boston Globe), für seine „scharfsichtige Ehrlichkeit“ (Meredith Monk) und als der Film, der „so etwas wie einer wirklich spezifischen asiatisch-amerikanischen Filmsprache im Jahr 2015 am nächsten kommt“ (Salon).

“I felt like I was riding on this material like a boat and going home”

Interview with film director Alvin Tsang on the Berliner Festspiele Blog
in englischer Sprache