The Sun Machine Is Coming Down

Kunst im ICC

Die Berliner Festspiele öffnen das seit Jahren stillgelegte Internationale Congress Centrum (ICC) für zehn Tage und beleben mit Berliner und internationalen Künstler*innen die High-Tech-Architekturikone von 1979 mit neuer und adaptierter Kunst der Bereiche Performance, Artistik, Musik, Film und Installation. Zum Tagesprogramm

Die Architektur des Internationalen Congress Centrum Berlin (ICC) in digital abgewandelter Form vor einem gelben, kreisförmigen Hintergrund.

Dorthin, wo heute die Aura des einst Hochtechnologischen gewichen ist, wo die Funktionen stillgelegt sind und der Verfall die Präsenz des Baus dominiert, kommen nun Körper, Pflanzen, Klang, Diskurs und Bewegung zurück und versprechen mit dem nach einer Songzeile aus David Bowies „Memory Of A Free Festival“ (1969) benannten Projekt Licht, Raum und Verwandlung. Am Beginn stand der Wunsch, das im Weltraum gestrandete und im Notstrombetrieb durch die Zeit schwimmende Raumschiff ICC als Transporteur anderer Welten und Spezies erlebbar zu machen. Das Knistern der Zeit, das Ächzen der Maschine, das Echo von Gütern früherer und anderer Kulturen – all das soll als Klang durch das ICC fließen. Unheimlich, verstörend und verführerisch zugleich.

Das vor Ort wachsende Bewusstsein verbindet sich mit zeitaktuellen Diskursen um Kohabitation und überträgt sich auf alternative Wissenskonzepte – indigene Wissensformen und eine radikale Medientheorie, die von den technischen Implikationen der Medien auf unser Denken und soziales Verhalten ausgeht. Das von Thomas Oberender initiierte und im Team kuratierte Projekt folgt dem Prinzip der Simultaneität, wie es der architektonische Entwurf von Ursulina Schüler-Witte und Ralf Schüler für das Kongressgebäude vorgesehen hat. Besucher*innen erleben das gigantische Gebäude während ihres 3,5-stündigen Besuchs frei und erkunden temporäre – angekündigte oder spontan entstehende – Elemente des Live-Art-Programms, sowie permanent stattfindende Screenings, Konzerte und Installationen innerhalb einer Raumhülle, die für sich selbst spricht.

Es liegt etwas Maschinelles in der Paradoxie zwischen der konstruktionsbetonten Aluminiumfassade des ICC, seiner äußerlich geschlossenen Bautypologie, und seiner im Inneren offenen Raumsegmente. Die Foyers kommunizieren allesamt über Blickachsen und Schallbahnen und auch die wenigen abschließbaren Räume sind während der Veranstaltung durch zahlreiche Türen zueinander hin geöffnet. Die Herausforderung, der sich „The Sun Machine is Coming Down“ stellt, bezieht sich nicht nur auf die Dezentralisierung des Kunstparcours von 1000 Personen auf 28.000 m², sondern erfordert zudem ein transmediales Programmieren der akustisch und visuell ineinander übergreifenden Positionen. So entsteht ein Kunstformat, in dem der Raum selbst die lauteste Stimme hat und in dem die Reibung keinen Verlust, sondern die Verheißung des Experimentellen birgt, wenn wir vereinzelt und behutsam Künstler*innen dorthin einladen, die spielen und erhellen, sodass der Schlaf des ICC zum Traum von einer anderen Welt wird, der sich nicht erwecken lässt.

Zum permanenten Programm zählen das im Loop gezeigte Screeningprogramm der Julia Stoschek Collection im größten Saal 1: Die zwischen 1978 und 2018 entstandenen Arbeiten befragen Verhältnisse des Menschen zum eigenen Körper und dessen Position in sozialen Gefügen. Ob als hyperrealer Avatar bei Ed Atkins oder als Tänzer*in in den Straßen Guangzhous bei Cao Fei, die Akteur*innen der ausgewählten Videoarbeiten eint der Glaube an die Widerstandskraft, die sich in einfachen poetischen Gesten verbirgt. Ebenfalls täglich bespielt ist Kinosaal 3, dessen Kunstfilmprogramm anlässlich des Jubiläums einen Einblick in 70 Jahre Festspielgeschichte gibt.

Aus ca. 1000 Stunden Filmmaterial aus öffentlichen und privaten Archiven restaurierten Thilo Fischer und David von der Stein über fünf Stunden in Bild und Ton und montierten drei Videoarbeiten, die Nachrichten, Diskurs und Kunst zusammenbringen. Außerdem kuratiert Thilo Fischer ein Kinoprogramm mit Aufzeichnungen von außergewöhnlichen Konzerten, Aufführungen, Aktionen, Reportagen und Gesprächen in voller Länge. Ebenso nahezu durchgängig programmiert ist Saal 2, in dem Musikkurator Martin Hossbach mit internationalen und Berliner Musiker*innen – darunter Alexis Taylor, Nazanin Noori, The White Screen, Rosaceae und Tegel Media – in einem erweiterten Musikprogramm aus Konzerten und Lecture Performances die Vereinbarkeit von Architektur und Klang im ICC erprobt.

Zeitbasiert und dennoch permanent zu erleben sind bildkünstlerische und akustische Installationen im Unteren Foyer: Dort füllt Markus Selg zehn Glasvitrinen mit Szenerien zukünftiger und archaischer Realitäten, die in Lichtchoreographien und Klangwelten der Soundinstallationen von Richard Janssen in den großen Raum hineinfließen. Mit der Erprobung biodiverser Formen des Zusammenlebens ist die seit 2018 aktive, selbstorganisierte Gruppe Floating University Berlin diskursprägend. Sie verlagert ihre Gesprächs- und Ideenkultur mit verschiedenen Talk-Formaten ins obere Foyer des ICC, während die vom Studio Tomás Saraceno initiierten Spider Walks den Blick für das an den Rand gedrängte Leben öffnen. Hier klingt die Verbindung von vorhandenem Wissen mit neuen Bedürfnissen an – ein Schwerpunkt, den auch die Künstlerin Joulia Strauss mit Skulpturen, Installationen und diskursiven Séancen auf das Weiterdenken der Medientheorie ihres berühmten Lehrers Friedrich Kittler setzt, wenn sie gemeinsam mit weiteren Weggefährt*innen zu Ehren seines zehnten Todestages in Saal 6 täglich terminierte Séancen als Seelenreisen zu Friedrich Kittler mediiert.

Künstliche und menschliche Intelligenzen verbinden sich in Monira Al Qadiris und Raed Yassins permanent zugänglicher Installation im Mittelfoyer mit drei kinetischen Büsten, deren AI-Stimmen von bizarren Erlebnissen und Träumen der Künstler*innen während der Corona-Pandemie berichten. Die Grenze zwischen Groteskem und Zauberhaftem zelebriert auf der anderen Seite des Oberen Foyers auch Ayaka Nakama in der botanischen Welt ihres vierstündigen Solos „Freeway Dance“, in der ihre bei Freunden und Familie gesammelten, frühesten Erinnerungen an tänzerische Erlebnisse zur Verkörperung des Tanzes selbst werden.

Einen weiteren Schwerpunkt unseres Coronaexorzismus bilden die Künste aus dem Bereich des Tanzes und des Circus, letztere kuratiert von Wolfgang Hoffmann. Performances im Wasserzylinder und Chi Gong auf dem Vorplatz des ICC im Verkehrsknotenpunkt Messedamm; repetitive Zirkusübungen und tanzendes Polystyrol auf dem denkmalgeschützten 70er Jahre Teppich in der nach hinten abgesetzten ICC Lounge des Foyers; Balancieren an einem Bogengerüst unter der maschinell beweglichen, tonnenschweren Tribühnenanlage des Saal 2: Chloé Moglia, Jörg Müller, Darragh McLoughlin und Andrea Salustri sowie auch Alexander Vantournhout, Grace Ellen Barkey und Tino Sehgal deuten durch Gegengesten die Räumlichkeit um.

In ihren körperpoetischen und zirzensischen Narrativen wird das Vermögen sichtbar, Räume durch Bewegung als Polytopien zu aktivieren. Der Raum ist die Grundbedingung dieser Narrative, weil er diejenige Welt markiert und definiert, von der sich die künstlerischen Parallelwelten als Alternative wortwörtlich wegbewegen. Dabei spielen sie mit Zuständen, die immerzu vom Scheitern bedroht sind – das Fliegen, der Traum, die Leere, die Verwandlung, die Täuschung, die Transposition.

David Bowie zelebrierte die Kunst der Verwandlung. Er lebte in Berlin, als das ICC gebaut wurde. Zum Zeitpunkt der Eröffnung 1979 lagen seine verheißungsvollen Zeilen „The Sun Machine is coming down. And we’re gonna have a party“ bereits zehn Jahre zurück. Sie bündelten 1969 in den letzten vier Minuten seines Songs „Memory of a Free Festival“ fast mantraartig den Geist einer heute, nach 20 Monaten Pandemie, weit in die Ferne gerückten Zeit von körperlicher Nähe und ausschweifenden Festen.

Dear Disco, we will wait for you.

Mit Arbeiten von Monira Al Qadiri & Raed Yassin, Arachnophilia & Studio Tomás Saraceno, Ed Atkins, Grace Ellen Barkey / Needcompany, Dara Birnbaum, Rainer Werner Fassbinder, Cao Fei, Floating University Berlin, Cyprien Gaillard, Barbara Hammer, Arthur Jafa, Richard Janssen, Ilya Khrzhanovsky & Ilya Permiakov, Scott King, John Carroll Kirby, Lawrence, Gordon Matta-Clark, Darragh McLoughlin, Chloé Moglia, Jörg Müller, Ayaka Nakama, Nalan, Nazanin Noori, Ulrike Ottinger, Khien Phuc, James Richards & Leslie Thornton, Rosaceae & Natascha P., Rachel Rose, Andrea Salustri, Tino Sehgal, Markus Selg, Joulia Strauss, Alexis Taylor, Tegel Media, Unguarded, Alexander Vantournhout / not standing, WangShui, The White Screen u. v. a.

„We scanned the skies with rainbow eyes and saw machines of every shape and size ...“
David Bowie, Memory of a Free Festival

Ein Projekt der Berliner Festspiele gemeinsam mit der Programmreihe Immersion.

Initiiert von Thomas Oberender
Programmleitung Anja Predeick
Kuratorisches Team Thilo Fischer, Wolfgang Hoffmann, Martin Hossbach, Thomas Oberender, Julia Stoschek Foundation, Jeroen Versteele
Kuratorische Assistenz Teresa Minn
Produktionsleitung Albrecht Grüß, Tilman Hatje, Undine Klose
Technische Leitung Matthias Schäfer
Technische Produktionsleitung Maria Kusche
Administration Marc Pohl
Programmassistenz Irena Osadtsaja
Redaktion Vanessa Schaefer
Studentische Mitarbeit Merve Cowling
Praktikum Lea Wolf

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