Lee Bul: Querverweise

Während der Vorbereitungen einer Ausstellung kommt es zu verschiedenen Überlegungen und Recherchearbeiten, die wir als Querverweise teilen möchten.

Literarische Bezüge

Lee Buls Werk ist durchzogen von literarischen Anspielungen und Verweisen. Der Ausstellungstitel Crash ist beispielsweise eine Referenz auf den gleichnamigen Roman von J. G. Ballard. Der 1973 veröffentlichte Roman erzählt eine kontroverse Geschichte über Symphorophilie und Autounfallfetischismus, in der die Protagonist*innen Lust am Inszenieren von Autounfällen verspüren.

Weitere Bezüge:
Tommaso Campanella, La città del Sole, 1602.
Hugh Ferriss, The Metropolis of Tomorrow, 1929.
Sir Thomas Browne, Hydriotaphia, 1658.
Jean Rhys, Wide Sargasso Sea, 1966.
James Graham Ballard, Crash, 1973.
Julian Jaynes, The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind, 1976.
Jean-François Lyotard, La condition postmoderne: rapport sur le savoir, 1979.

Frauenbewegungen

Die koreanische Frauengruppe in Deutschland feiert 2018 ihr dreißigjähriges Bestehen. Die meisten Mitglieder der ersten Generation kamen in den 1960er und 70er Jahren im Zuge des Pflegenotstands nach Deutschland. Etwa 11.000 koreanische Krankenschwestern arbeiteten in Krankenhäusern und Pflegeheimen und verlagerten ihren Lebensmittelpunkt nach Deutschland. Neben dem Bedürfnis ihre eigene Identität zu finden und ein historisches Bewusstsein für beide Gesellschaften zu entwickeln, steht die Gründung der Frauenbewegung auch in Zusammenhang mit einer breit angelegte Unterschriftenaktion gegen die Zwangsrückkehr ausländischer Krankenschwestern 1977. Mehr erfahren 

Mode

Lee Bul verbindet eine langjährige Zusammenarbeit mit dem Modelabel Dior. 2017 entwarf sie für die Modemarke eine Handtasche im industriellen Stil, die mit kleinen Plexiglasspiegeln verziert ist und für deren Umsetzung über sechzig Versuche notwendig waren. Lee Buls künstlerische Praxis ist geprägt von der intensiven Auseinandersetzung mit Materialien und deren ästhetischen wie auch politischen Konnotationen. So arbeitet sie beispielweise mit Leder, Silikon und Polyurethan, die für sie Ähnlichkeiten zur Beschaffenheit der Haut aufweisen oder auserlesenen Materialien wie Seide und Perlmutt, die aus „Absonderungen“ tierischer Organismen gewonnen werden. Die aufwendig mit Perlen und Pailletten verzierten Fische ihrer Arbeit Majestic Splendor zeugen einerseits von Schönheit und Luxus, verweisen andererseits aber auch auf die vornehmlich von Frauen geleistete billige Handarbeit. Das gleiche Schicksal ereilte politisch aktive Personen wie Lee Buls Mutter, die mit dem Verzieren von beispielsweise Handtaschen den Lebensunterhalt bestritt. Lee Bul legt damit widersprüchliche Bedeutungen offen, stellt Materialien und Assoziationen ins Verhältnis oder lässt sie miteinander „crashen“.
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Architektur

Lee Bul hat sich im Zuge ihrer Reflexionen über architektonische Strukturen und utopische Raumkonzepte mit den Ideen des deutschen Architekten Bruno Taut (1880-1938) beschäftigt und sich mit After Bruno Taut (Devotion to Drift) direkt auf ihn bezogen. Bruno Taut selbst legte seine Überlegungen zur Architektur in vielen theoretischen Notizen dar. In diesem Video liest seine Urenkelin Jenny Schily aus seinem Text „Wie kann eine gute Architektur entstehen?“.

Landschaft

Im Fokus von Lee Buls jüngsten Arbeiten steht die Erforschung von Landschaftsideen, die für die Künstlerin sowohl intime Landschaften des Körpers als auch die uns umgebende Welt umfassen. Lee Bul spricht von der Haut der Landschaft und der Landschaft der Haut und macht so deutlich, dass ihr Interesse gleichermaßen der Oberfläche des Körpers und der Umwelt gilt. Ihr Konzept von Landschaft ist vielschichtig: sie bezieht sich dabei auf J.G. Ballards und Landschaft als unseren inneren emotionalen Zustand, aber auch auf Caspar David Friedrichs Idee, eine romantischen Landschaft zu betrachten. So denkt Lee Bul ihre Ausstellungen selbst als landschaftliche Konstellationen, in denen die Besucher*innen miteinander in Beziehung treten und wir einander betrachten - ähnlich wie die Figuren in den Gemälden von Caspar David Friedrich, denen wir über die Schulter schauen.

Die Idee der Landschaft taucht auch in ihren einzelnen Werken auf unterschiedliche Weise auf: Mon grand récit: Weep in stones ... kann beispielsweise als futuristische Landschaft aus realen und imaginären architektonischen Strukturen gelesen werden, nicht zuletzt die Hagia Sophia in Istanbul, Lee Buls Atelier in Seoul und ein Wolkenkratzer, wie ihn der Science-Fiction-Autor Hugh Ferris in seinem 1929 erschienenen Roman The Metropolis of Tomorrow beschreibt, sind in dieser Installation zu sehen. Andere Arbeiten wie Sternbau No. 2 und After Bruno Taut (Devotion to Drift) erscheinen uns als an glitzernde Stadtbilder, wobei die unteren Hälften an die idealisierten Landschaften in der traditionellen ostasiatischen Landschaftsmalerei erinnern.

Körper

Die Philosophin Rosi Braidotti beschäftigt sich in ihren Büchern mit der Entwicklungsgeschichte der feministischen Ethik und reflektiert das Menschsein in Überlegungen zum Inhumanen und Posthumanen. In Lee Buls Werken begegnen wir immer wieder der Auseinandersetzung mit dem menschlichen, dem weiblichen Körper und Hybridwesen, mit denen sie sich früh mit Fragen zu Identität, Gender und Technologie beschäftigte. In Verbindung mit Rosi Braidottis Überlegungen wird umso deutlicher, welche Pionierarbeit Lee Bul in ihren frühen Arbeiten leistete.

Rosi Braidotti, Posthumanismus. Leben jenseits des Menschen, Frankfurt/New York 2014.
Rosi Braidotti, Politik der Affirmation, Berlin 2018.

Film

Dream House by the Border (Gyeonggyeeseo-Kkumkkuneun-Jip), R: Kim Lyang
Korea/Frankreich 2013, 89 min
Der Film beschäftigt sich mit dem Leben in der Demilitarisierten Zone (DMZ) zwischen Nord- und Südkorea, mit der sich auch Lee Bul in ihrer Arbeit intensiv auseinandersetzt. Die Regisseurin Kim Lyang, die selbst aus einer Familie nahe der DMZ stammt, nimmt sich in diesem Film eines Themas an, das zwischen Koreakrieg und aktuellen Spannungen in Vergessenheit geriet: In den 1960er-Jahren wurden nordkoreanische Flüchtlinge hier angesiedelt, in Häusern, die die Diktatur von Park Chung-hee zwecks Propaganda zur Verfügung stellte. Seit Jahrzehnten leben sie nun zwischen den Fronten. Die persönlichste Grenzzone verläuft dabei in ihren Häusern, wo sich individuelle Geschichte und kollektive Erinnerung treffen.

Lee Bul, "Untitled (Willing To Be Vulne-rable – Velvet #6 DDRG24OC)", 2017

Lee Bul, "Untitled (Willing To Be Vulne-rable – Velvet #6 DDRG24OC)", 2017

Foto Courtesy: Studio Lee Bul