Einführung: Six Songs, Swirling Gracefully in the Taut Air

Kuratorin Natasha Ginwala über Akinbode Akinbiyis Einzelausstellung im Gropius Bau

Das Ausstellungsprogramm des Jahres 2020 im Gropius Bau beginnt mit der Fotoausstellung Six Songs, Swirling Gracefully in the Taut Air, die Arbeiten aus Langzeitserien des in Berlin lebenden nigerianischen Fotografen Akinbode Akinbiyi aus vier Jahrzehnten zeigt. Aus den Hunderten Fotografien, die diese langfristigen Projekte umfassen und das persönliche Archiv des Künstlers bilden, wurde eine besondere Auswahl zusammengestellt, die in ihrer Gesamtheit noch nie öffentlich präsentiert wurde. In seiner künstlerischen Praxis ist Akinbiyi Mentor, Kurator und schreibt über Fotografie, insbesondere im afrikanischen Kontext. Dabei geht seine Beziehung zum fotografischen Medium weit über die Handhabung einer Kamera hinaus.

Akinbiyi lebte in Oxford, Lagos, Heidelberg und München, bevor er nach West-Berlin zog. Während seiner anfänglichen Ausbildung in Literaturwissenschaft, als begeisterter Leser von Belletristik und Lyrik, begann er die Welt durch den Sucher einer Kamera zu sehen und erlernte Anfang der 1970er-Jahre den technischen Prozess in der Dunkelkammer. Von Ort zu Ort ziehend und zwischen den Hemisphären vermittelnd, hat Akinbiyi unablässig Städte, Dörfer und Küstenregionen durchwandert und dokumentiert. Seine Bilder vermitteln einen Eindruck von Ankunft und Rückkehr und sind nicht in einer nostalgischen Vergangenheit verhaftet; vielmehr sind es Randszenen aus Lagos, Berlin, Johannesburg, Bamako, Athen, Chicago, Kairo und Khartum.

Akinbode Akinbiyi, Victoria Island, Lagos, 2006

Akinbode Akinbiyi, Victoria Island, Lagos, 2006
Aus der Serie Lagos: All Roads, Courtesy: der Künstler

Der Ausstellungstitel Six Songs, Swirling Gracefully in the Taut Air verweist auf die Bedeutung der Klangebene in der Praxis Akinbiyis, mit der er uns an der visuellen Grammatik des Zuhörens teilhaben lässt. Das Ohr spielt beim körperlichen Erinnern an Städte eine Schlüsselrolle; wie wir einerseits das Gebaute prägen und wie unsere Existenz anderseits vom Erbauten geprägt wird. Seine Fotografie kann auch anhand von Elementen des improvisierten Jazz untersucht werden, beispielsweise in Bezug auf kollektive Affinität, experimentelle Notation, Serialität und frei gespielte Arrangements.

In einer Welt, die von einem kontinuierlichen Strom von Sofortbildern besessen ist, wandert Akinbiyi durch die Straßen und Gassen der Stadt und bringt langsam den Habitus des Alltags, die gelebten Rhythmen und sozialen Strukturen von Orten zusammen. Anders als in der traditionellen Rolle eines Kartografen wird der Fotograf des Straßenlebens beim Gehen auf unebenem Gelände durch kinetische Wahrnehmung beeinflusst. Intuition, Zufall und Gestaltung ermöglichen die Darstellung umfangreicher Chroniken. Akinbiyi sagt: „Ich beobachte, nehme an diesem urbanen Phänomen teil und versuche zu dokumentieren. Es bedarf einer Art Feingespür, die Zugänge einer Stadt zu verstehen.“

Akinbode Akinbiyi: Six Songs, Swirling Gracefully in the Taut Air

Akinbode Akinbiyi: Six Songs, Swirling Gracefully in the Taut Air. Ausstellung, 7. Februar bis 17. Mai 2020, Gropius Bau. Foto: Laura Fiorio

Akinbode Akinbiyi, Bar Beach, Victoria Island, Lagos, 2004

Akinbode Akinbiyi, Bar Beach, Victoria Island, Lagos, 2004
Aus der Serie Sea Never Dry, Courtesy: der Künstler

Susan Sontag, die amerikanische Kritikerin, Aktivistin und angesehene Autorin, beschreibt Fotografien als „Miniaturen der Realität“, und in diesem Sinn versammelt Akinbiyi Fragmente der Welt, die oft abgelehnt und marginalisiert werden und sich hartnäckig um ein gemeinschaftliches Überleben bemühen. Die Ausstellung beleuchtet seine einzigartige Beziehung zur Mittelformatfotografie und den besonderen Einsatz der zweiäugigen Spiegelreflexkamera, mit der er die Seele bewohnter Landschaften vermittelt. Das Heilige und das Profane werden in Sea Never Dry (seit den 1980er Jahren) miteinander verwoben. In dieser Serie werden die Küstenregionen westafrikanischer Städte und Europas zusammengebracht: Neben dem öffentlichen Leben an Stränden, werden zugleich Szenen heiliger Zeremonien, des Straßenhandels, Tourismus und der Umweltzerstörung festgehalten. Das Meer ist nicht nur eine Sphäre der Bewegung, sondern ein Treffpunkt und temporärer Ort des Verweilens, an dem der kosmopolitische Geist der Städte neu belebt wird.

Die epische Serie Lagos: All Roads (seit den 1980er Jahren) zeigt die vielen Stimmungen und Gesichter von Lagos, Akinbiyis „Heimatstadt“ und Afrikas größte Metropole. Die Stadt wird von ihrem umherreisenden Bewohner porträtiert, gleichermaßen beeinflusst durch Distanz und Nähe. Jedoch wird die Megastadt nie in Gänze erfasst, da sie sich in einem beständigen Stadium der Neuerfindung und des Zusammenbruchs befindet.Während sich Akinbode Akinbiyi in Bezug auf Rhythmus, Symmetrie und Gleichgewicht eng mit den heiligen Philosophien des Yorubalandes identifiziert, kann man parallel dazu die Worte des nigerianischen Romanautors, Dichters und Kritikers Chinua Achebe erwägen, der schrieb: „Unter den Igbo ist die Kunst des Gesprächs hochgeschätzt und Sprichwörter sind das Palmöl, mit dem Worte gegessen werden.“ Auch Akinbiyis Fotografien können als Gesprächsstücke gesehen werden, die den Dialog zwischen Betrachtern und Betrachtetem erweitern.

Die Fotoserie African Quarter ist seit den späten 1990er-Jahren in Berlin entstanden und dokumentiert Begegnungen in der afrikanischen Diaspora und den afrodeutschen Communitys der Stadt, vor allem im Bezirk Wedding. Akinbiyi durchläuft Straßen, denen seit der Berliner Konferenz von 1884 Spuren der deutschen Kolonialvergangenheit eingeschrieben sind, und beleuchtet dabei zeitgenössische Geschichten von Migration und Verfolgung. Gebrochene Ansichten der sich wandelnden Metropole bringen sowohl Geister einer gemeinsamen Vergangenheit als auch untergeordnete Stimmen der Gegenwart hervor. Im Gegensatz zum westlichen Flaneur muss ein Wanderer die Last der Geschichte tragen, die Narben rassistischer und imperialistischer Gewalt. Als Gegenbild werden in African Quarter Straßen wie das May-Ayim-Ufer und der Martin-Luther-King-Weg aufgesucht, um an Persönlichkeiten zu erinnern, die sich gegen Rassismus einsetzten und die lange Geschichte des Kampfs gegen den Kolonialismus bewahrten. Zusammenfassend geht diese Serie aus der autobiografischen Erfahrung des Fotografen als Berliner hervor.

Akinbiyis Protagonisten werden kaum frontal fotografiert, stattdessen sieht man, wie sie sich zwischen bürgerlicher Infrastruktur und Möglichkeiten des Träumens als Teil eines gemeinsamen Horizonts behaupten. Selten ist ein Fotograf so weit umhergereist, um eine enzyklopädische Bildersammlung zu erarbeiten, die konsequent die Realität der afrikanischen Welt, auch über ihre Grenzen hinaus, abbildet. Während Roy DeCarava ab den späten 1940er Jahren Fotografien von afroamerikanischer Kultur, Jazz-Maestros und seiner Nachbarschaft in Harlem machte und somit in seinen visuellen Gedichten Schönheit, Kampf und Würde des Schwarzen Lebens ineinander verwob, betrachtet Akinbiyi gleichermaßen eine Reihe von Lebensbedingungen in Graustufen, nämlich die ruhigen und die stürmischen.

Der Fotograf erkennt, dass die Aufnahme eines Bildes ein Ereignis für sich ist und kombiniert Gefühl und Handwerk. Während Computertechnologie und Datensammlung darauf abzielen, persönliche Geschichten so schnell freizulegen, dass das Recht auf Anonymität generell verloren geht, widmet sich die analoge Fotografie Akinbiyis dem Entstehen von unterschiedlichen Erfahrungsräumen, die von einer abgeflachten Bildwelt wegführen. Indem Akinbiyi die Geschichte der Fotografie als industrielle Kunst versteht, die in gewalttätigen visuellen Regimen als Instrument missbraucht wurde, hebt er das Potenzial des Mediums als höchst menschliches Unterfangen hervor. Er entwirft eine facettenreiche, zwischenmenschliche Kosmologie mit einer Vielfalt von Leben, Zeitlichkeit und Landschaften.

Natasha Ginwala
Kuratorin der Ausstellung

Akinbode Akinbiyi, Berlin, Wedding, 2005

Akinbode Akinbiyi, Berlin, Wedding, 2005
Aus der Serie African Quarter, Courtesy: der Künstler