Lee Mingweis Vison von Frieden in der heutigen Zeit

Ein Essay von Clare Molloy

Lee Mingwei, Our Peaceable Kingdom, 2020, Foto: Laura Fiorio

Lee Mingweis neue Installation Our Peaceable Kingdom, 2020, die erstmals im Gropius Bau gezeigt wird, versammelt eine Vielzahl von Malereien und Texten über den Frieden. Im Mittelpunkt der Installation steht ein Gemälde aus der Serie Peaceable Kingdom, die der in Pennsylvania geborene Quäker-Prediger Edward Hicks (1780-1849) anfertigte. Die Arbeit umfasst außerdem Interpretationen des Gemäldes von 27 Künstler*innen, die neben dem Originalgemälde von Hicks präsentiert werden. Sie verweist auf Lees Vorstellung von Frieden, die darauf abzielt, Unterschiede anzuerkennen und zu zelebrieren. Dieser Essay skizziert die Entstehungsgeschichte von Our Peaceable Kingdom, beleuchtet, inwieweit die quäkerische Vorstellung von Frieden Lee beeinflusste, und geht den Ergänzungen und Auslassungen nach, durch die die gezeigten Interpretationen auf Hicks’ Peaceable Kingdom reagieren und das Gemälde hinterfragen.

Lee Mingwei, Edward Hicks und der Einfluss des Quäkertums auf Our Peaceable Kingdom

Lees differenziertes Verständnis davon, wie sich verschiedene Denksysteme mit dem Thema Frieden auseinandersetzen, ist geprägt durch seine Berührungspunkte mit dem Chan-Buddhismus, dem Katholizismus und dem Konfuzianismus. Der Ausgangspunkt für Our Peaceable Kingdom liegt jedoch in der Glaubenstradition der Quäker. Im Sommer 2019 lud Lee elf Künstler*innen ein, das Gemälde Peaceable Kingdom von Edward Hicks, einem der berühmtesten US-amerikanischen Folk-Art- Künstler*innen, malerisch zu interpretieren. Wie Lee war Hicks ein Künstler und ein gläubiger Mensch, dessen Überzeugungen und künstlerische Praktiken darauf ausgerichtet waren, Friedensmodelle zu ergründen.

Die Quäker, die offiziell als Religiöse Gesellschaft der Freunde bekannt sind, bilden eine Glaubensgemeinschaft, die sich infolge des Protestantismus des 17. Jahrhunderts entwickelte. Die Quäker-Bewegung, die sich als Gegengewicht zur Kriegshetze und Heuchelei der protestantischen und katholischen Gemeinschaften während des Englischen Bürgerkriegs (1642-1651) gründete, verschrieb sich dem Ziel, zu der Einfachheit und Ursprünglichkeit der frühen christlichen Kirche zurückzukehren. Die Quäker brachten eine echte Gegenkultur hervor. Sie widersetzten sich dem Bedürfnis nach hierarchischen, klerikalen Strukturen sowie der Vorstellung, dass Gläubige einem festgeschriebenen Glaubensbekenntnis folgen müssen. Ihr Glaube wurde – und wird – hingegen durch drei „Zeugnisse“ gestützt: dem Streben nach Frieden, der Toleranz gegenüber Unterschieden und dem Prinzip des inneren Lichts, demzufolge uns allen Göttliches innewohnt.

Diese Glaubensgrundsätze untermauern das Engagement der Quäker für Pazifismus und gegen den Krieg. 1947 waren die Quäker die erste religiöse Organisation, die mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Das Friedensengagement der Quäker steht im Einklang mit Lees eigener Pazifismuserfahrung. Lee selbst wurde von seiner Familie im Alter von zwölf Jahren von Taiwan in die Dominikanische Republik und dann in die USA geschickt, um dem Militärdienst unter der Kuomintang-Regierung zu entgehen. Lees Begegnung mit Hicks’ ikonischer Arbeit wurde zu einem fruchtbaren Ausgangspunkt für Our Peaceable Kingdom, nachdem er vor vielen Jahren eine Reproduktion von Peaceable Kingdom in einem Buchladen in Kalifornien entdeckt hatte.

Eine Kontextualisierung der Motive in Edward Hicks’ Peaceable Kingdom

Quäker legen keine Eide ab. Ihre Weigerung, der Kirche von England die Treue zu schwören, führte zu ihrer Verfolgung und Inhaftierung. Auf der Suche nach Religionsfreiheit forderte einer der führenden Quäker, William Penn (1644-1718), Karl II. auf, die Geldschulden der Krone gegenüber seinem Vater, Admiral William Penn, zu begleichen und den Quäkern Land in den britischen Kolonien zu überlassen. Der König, der die Gelegenheit wahrnahm, das „Quäker- Problem“ zu lösen, gestattete das Anliegen und bestand darauf, die Kolonie zu Ehren des Admirals Pennsylvania zu benennen. William Penn reiste in die neue Kolonie und begründete sein sogenanntes „Heiliges Experiment“, eine von Gleichheit geprägte Gerichtsbarkeit.

Einer der bleibenden Eindrücke von Penns Herrschaft ist die Art und Weise, wie er mit der indigenen Bevölkerung, den Lenape, verhandelte. Der Vertrag von Shackamaxon aus dem Jahr 1682, der mit den Quäker-Grundsätzen in Einklang stand, war kein geschworener Eid.(1) Der mündlichen Überlieferung zufolge erwarb Penn Land von der Gemeinschaft, während die Lenape das Recht behielten, in Pennsylvania zu fischen, zu jagen und sich zu versammeln. Dieser Ansatz, Freundschaften aufzubauen und Vereinbarungen zu treffen, die im Interesse aller Beteiligten liegen, bildete einen starken Gegensatz zu der üblichen Herangehensweise derenglischen Kolonist*innen – diese verübten in den meisten Fällen Massaker an der indigenen Bevölkerung und erhoben gewaltsam Anspruch auf deren Land.(2)

Hicks war von William Penns Geschichte und dem „Great Treaty“ fasziniert. Für Hicks stand die Verhandlung sinnbildlich für die Umsetzung der Quäker-Ideale von Frieden, Pazifismus und Toleranz. Hicks, ein engagierter Quäker, war sowohl Prediger als auch Künstler. Da das Predigen im Quäkertum keine bezahlte Tätigkeit ist, berief sich Hicks auf seine Ausbildung als Schildermaler und begann, seinen Lebensunterhalt damit zu verdienen, Kutschen und Schilder zu bemalen. Den Widerspruch, dass die Malerei innerhalb der „einfachen“ Ästhetik der Quäker-Tradition nicht hoch angesehen war,(3) löste Hicks, indem er Szenen aus der pennsylvanischen Quäkergeschichte und der Bibel wiedergab. Immer wieder stellte er eine Friedensprophezeiung aus dem Buch des Propheten Jesaja dar:

Der Wolf findet Schutz beim Lamm,
der Panther liegt beim Böcklein.
Kalb und Löwe weiden zusammen,
ein kleiner Junge leitet sie.
Kuh und Bärin nähren sich zusammen,
ihre Jungen liegen beieinander.
Der Löwe frisst Stroh wie das Rind.(4)

Es handelt sich hierbei um ein Fantasiebild. Hicks hat die Passage sicherlich als Metapher gelesen, wonach die Menschen ihre tierischen Instinkte im Zaum halten müssen, damit der Frieden gedeihen kann.
Der Grund, weshalb Hicks fast obsessiv immer wieder zu Jesajas Friedensprophezeiung zurückkehrte, erklärt sich teilweise durch die Spaltung der Quäker, die Hicks miterlebte. 1827 war sein Cousin, Elias Hicks, einer der Hauptverantwortlichen einer Auseinandersetzung, in deren Folge sich die Glaubensgemeinschaft in die Orthodoxen und die Hicks’sche Fraktion spaltete. Die nach Frieden strebende Gemeinschaft durchlief schwere Zeiten.(5) Peaceable Kingdom ruft harmonischere Zeiten in Erinnerung. Zwischen 1820 und 1849 verschenkte Hicks verschiedene Versionen des Gemäldes an gläubige Freund*innen. Es existieren zahlreiche Ausführungen des Motivs und heute sind 62 davon in privaten und öffentlichen Sammlungen enthalten.

Die Entstehungsgeschichte von Our Peaceable Kingdom

Die Version von Peaceable Kingdom, die Lee von den Künstler*innen interpretieren ließ, befindet sich in der Sammlung des Worcester Art Museum. In einer geteilten Bildkomposition versammeln sich im Vordergrund Tiere und Kinder unter einem Baum, während im Hintergrund die indigene Gemeinschaft der Lenape, dargestellt mit Friedenspfeifen, ihre Freundschaft mit Penn besiegelt.

Interessanterweise malte Hicks die Szene im Hintergrund nach einem Kupferstich von Boydell-Hall, welcher wiederum auf einem Gemälde von Benjamin West (1738-1820) basiert.(6) Lee ist fasziniert von der Tradition, in der sich Künstler*innen an großen „Meistern“ orientieren, von denen sie lernen. Ihn interessiert die Bescheidenheit, die durch das „Kopieren“ zum Ausdruck gebracht wird. In einer frühen Arbeit, Through Masters’ Eyes, 2004, forderte Lee Maler*innen dazu auf, ein Landschaftsgemälde von Shitao aus dem 17. Jahrhundert zu kopieren, um die Unterschiede künstlerischen Schaffens in verschiedenen Denksystemen zu reflektieren. Im ostasiatischen Kontext kommt einer Kopie derselbeStatus zu wie dem Originalgemälde, während in der westlichen Tradition nur das Original Legitimität genießt. Hiermit wird nicht nahegelegt, dass die ostasiatischen und westlichen Kunsttraditionen in einem diametralen Verhältnis zueinanderstehen – die Erfindung des Drucks und der Fotografie haben das Ideal des Originals schon lange in Frage gestellt – es soll hingegen betont werden, dass Lees Ansatz eine quäkerähnliche Akzeptanz der Differenz zugrunde liegt. Die Installation Our Peaceable Kingdom ermöglicht eine Ausstellung innerhalb der Ausstellung und „beherbergt“ andere Künstler* innen, ihre Arbeiten und ihre Vorstellungen von Frieden.

Die ersten Maler*innen, die Lee dazu eingeladen hat, Hicks’ Motiv zu interpretieren, sind N.S. Harsha, Khadim Ali, Sandy Wong Shin, Michael Eade, Zico Albaiquni, Yeh Tsai-Wei, Claudia Brand, Fabien Lerat, Yen Yu-Ting, Philipp Kremer und Ambreen Butt. Diese Künstler*innen haben verschieden Arbeitsweisen und leben in unterschiedlichen Städten. Die meisten Künstler*innen reichten einen Text ein, der ihre Vorstellung von Frieden ebenso wie ihren künstlerischen Prozess erläutert. Acht Künstler*innen luden zwei weitere Künstler*innen dazu ein, ihre Interpretationen zu kopieren und ein Friedensstatement abzugeben. Zu dieser zweiten Gruppe zählen Wu Ta-Kuang, Jeng Jundian, Amy Hill, Andrea Dezsö, Ignasius Dicky Takndare, Radi Arwinda, Yuyu Chen, Hsiao Pei-I, Thea Perkins, Abdul Abdullah, Marie Lepetit, Simon Pasieka, Huang Ko-Wei, Jian Yi-Hong, Ran Zhang und Jan Sebastian Koch.

Die Gemälde zeichnen sich durch ihren hybriden Charakter aus, sie sind Kopien und Originale zugleich. Es gibt mehrere Beispiele für die Bezugnahme auf große „Meister“ – von Henri Matisses Tanz I, 1909-1910, bei N.S. Harsha bis zu Leonardo Da Vincis Mona Lisa, ca. 1503, in Wu Ta-Kuangs Gemälde.

Eine polyfone Annäherung an Frieden

Lees Friedensverständnis liegt die heilende Kraft der Transformation zugrunde – Frieden ist niemals „abgeschlossen“. Frieden ist ein fortlaufender Prozess. Demnach ist Our Peaceable Kingdom noch nicht vollendet. Lee wird weitere Künstler*innen dazu einladen, sich mit Hicks’ Thema auseinanderzusetzen und diese polyfone Friedensvision weiterzuentwickeln. Lee Mingweis eigener Beitrag besteht nicht darin, ein Gemälde zu realisieren, sondern diese unterschiedlichen Friedenskonzepte in seine Ausstellung aufzunehmen. Our Peaceable Kingdom ist eine starke Metapher, denn wenn so vielfältige Friedenskonzepte in der ästhetischen Sphäre koexistieren können, kann die quäkerische Forderung von Toleranz gegenüber Unterschieden im politischen und sozialen Sinne in die heutige Zeit übertragen werden.

(1) Andrew Newman: „The Most Valuable Record“ in On Records: Delaware Indians, Colonists, and the Media of History and Memory (Nebraska: University of Nebraska, 2012), S. 95-132. (2) Roxanne Dunbar- Oritz: „Culture of Conquest“ in An Indigenous Peoples’ History of the United States (Boston: Beacon Press 2014), S. 32-44. (3) Emma Jones Lapsansky, Anne A. Verplanck (Hg.): „Past Plainness to Present Simplicity: A Search for Quaker Identity“ in Quaker Aesthetics: Refl ections on a Quaker Ethic in American Design and Consumption, 1720-1920 (Philadelphia: University of Pennsylvania Press, 2002), S. 1-14. (4) Jesaja, 11,6-8, deutsche Einheitsübersetzung der Bibel. (5) Nach Ansicht der orthodoxen Quäker war die Bibel das unumstößliche Wort Gottes, während die Hicksite-Quäker den Fokus auf eine kontinuierliche Offenbarung legten, welcher die Idee zugrunde liegt, dass Gott den Individuen fortlaufend Weisheit enthüllt. (6) Benjamin Wests Gemälde trägt den unglücklich gewählten Titel Penn’s Treaty with the Indians (1771).

Der vollständige Text ist in dem Katalog Lee Mingwei: 禮 Li, Gifts and Rituals nachzulesen, der anlässlich der Ausstellung im Verlag Silvana Editoriale erscheint.