Ausstellungsguide

Entdecken Sie die Ausstellung Lee Mingwei: 禮 Li, Geschenke und Rituale im Gropius Bau online.

Lees Installationen und Performances stellen Kunstinstitutionen und die Art und Weise, wie sie ihr Publikum und Kunstwerke bei sich aufnehmen, auf die Probe. Seine Projekte eröffnen Räume, in denen Begegnungen stattfinden und sich entfalten können.

Einer der wichtigsten Einflüsse für Lee Mingwei (*1964, Taichung, TW, lebt und arbeitet in Paris, FR, und New York, US) ist das konfuzianische Prinzip li (禮). Der facettenreiche Begriff li umfasst Gedanken zu Riten, Ritualen, Geschenken und Anstandsregeln. Aufbauend auf li untersucht die Ausstellung Lees künstlerischer Praxis seit den 1990er Jahren und nimmt dabei Gesten der Gastfreundschaft und Rituale des Gebens und Empfangens in den Blick.

Die Besucher*innen sind eingeladen, eine Nacht in der Ausstellung zu verbringen, eine Mahlzeit mit einer ihnen unbekannten Person einzunehmen oder Menschen mit einzigartigen Sammlungen kennenzulernen. Diese Projekte haben den Gropius Bau dazu gebracht, Akte der Gastfreundschaft neu zu denken und sich konkret mit Lees Verständnis von Kunst als transformativem Geschenk auseinanderzusetzen.

The Letter Writing Project

1998/2020

Rituale der aktiven Kontemplation kommen in Lee Mingweis Werk immer wieder vor. Im Rahmen von The Letter Writing Project können sich Besucher*innen die Zeit nehmen, einen Brief zu verfassen, den sie schon seit Längerem schreiben wollten. Drei lichtdurchlässige Kabinen bieten einen abgesonderten Raum zum Schreiben sowie die erforderlichen Stifte, Briefbögen und Umschläge. Inspiriert von klassischen buddhistischen Meditationshaltungen, ermöglicht jede Kabine, eine andere Position einzunehmen, sodass man beim Schreiben knien, sitzen oder stehen kann.

Lee lädt die Besucher*innen ein, ihre Schuhe auszuziehen, die Kabine zu betreten und einen Brief zu schreiben, in dem sie sich für etwas bedanken, eine Einsicht formulieren oder sich bei jemandem entschuldigen. Der Brief kann an eine verstorbene oder abwesende Person gerichtet sein. Wenn er in einen adressierten Umschlag gegeben und verschlossen wurde, wird er vom Gropius Bau verschickt. Alternativ kann der Brief auch offen gelassen werden, sodass andere ihn lesen können. Die unverschlossenen Briefe werden von Lee gesammelt. Er plant, sie am Ende des Projekts in einer Zeremonie zu verbrennen. Lee meint: „Diese sehr schweren und intensiven Emotionen gehören eigentlich dem Himmel oder dem Wasser. Das Feuer wird die Emotionen freisetzen.“ Bislang hat Lee über 60.000 Briefe gesammelt.

„Als Reaktion auf den Tod meiner Großmutter mütterlicherseits verbrachte ich die darauffolgenden 18 Monate damit, ihr Briefe zu schreiben. Teilweise waren es lange Briefe, teilweise nur Zeichnungen und zufällige Gedanken. Am Ende dieses Prozesses hatte ich etwa 120 Briefe für sie.“ Lee Mingwei

Lee Mingwei, The Letter Writing Project, 2020, 3 Holzkabinen, Briefpapier, Umschläge, Bleistifte, jeweils 290 x 170 x 231 cm, Foto: Laura Fiorio

Lee Mingwei, 100 Days with Lily, 1995, 5 Ilfochrome-Abzüge, gerahmt, jeweils 166 x 115 cm, Foto: Laura Fiorio

100 Days with Lily

1995

Die fünf Fotografien dokumentieren eine von Lee Mingweis frühesten Performances, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken. Als Reaktion auf den Tod seiner Großmutter lebte er 100 Tage mit einer Narzisse zusammen. Trauer ist meist ein intimer Prozess. Mit 100 Days with Lily macht Lee die Erfahrung, in der Gegenwart einer abwesenden Person zu leben, zugleich greifbar und öffentlich. Der Titel und Lees 100 Tage dauernde Aktion beziehen sich auf das Werk One Year Performance (1980–81) des taiwanesischen Künstlers Tehching Hsieh. Seine Experimente zu Dauer und Ausdauer haben Lee stark beeinflusst.

Die Texte auf den Fotografien protokollieren die Tätigkeiten, denen Lee gemeinsam mit der Pflanze nachging. Tag 61 ist dem „Studium mit Lily“ gewidmet, am 22. Tag keimt die Pflanze, am 79. Tag stirbt sie und Lee verbringt weitere 21 Tage mit der verwelkten Blume. Am 100. Tag pflanzt er die Blumenzwiebel erneut in die Erde ein. Narzissen sind mehrjährige Pflanzen, die stets im Frühjahr blühen. Dieser letzte Teil der Performance veranschaulicht Lees Auffassung des Lebens als Kreislauf von Geburt und Tod.

„Wenn ich meine Großeltern anlässlich des chinesischen Neujahrstages besuchte, standen bei ihnen häufig Narzissen im Wohnzimmer. Da ich dieses Wort als kleiner Junge nicht aussprechen konnte, behauptete meine Großmutter einfach, die Blume sei eine ‚Lilie‘.“ Lee Mingwei

The Living Room

2000/2020

Der Gropius Bau wurde 1881 als Kunstgewerbemuseum und -schule eröffnet. Das Konzept, Sammlungen und Ateliers im selben Gebäude unterzubringen, sollte die nächste Generation von Kunsthandwerker*innen inspirieren. Bei den ausgestellten Objekten handelte es sich häufig um Geschenke oder Bestände von privaten Sammler*innen, die deren persönlichem Geschmack entsprachen. Lee ist überzeugt davon, dass alle Menschen auf die eine oder andere Weise sammeln. Er interessiert sich dafür, wie Objekte als Ausgangspunkt für Gespräche dienen können.

Lee entwickelte The Living Room während seiner Zeit als Artist in Residence am Isabella Stewart Gardner Museum in Boston. Das Museum ist nach Isabella Stewart Gardner (1840–1924) benannt, einer legendären Mäzenin und Gastgeberin, deren Haus und Sammlungen die Grundlage ihres Museums bilden. Aus Neugierde darüber, wie es gewesen wäre, Stewart Gardners Gast zu sein, rief Lee dieses Projekt ins Leben. Für die Berliner Version von The Living Room startete Lee einen Aufruf, in dem er nach Menschen mit einzigartigen Sammlungen suchte. Als Ausstellung innerhalb einer Ausstellung werden im Verlauf von elf Wochen elf Sammlungen präsentiert. Dabei werden die freiwilligen Gastgeber*innen von Zeit zu Zeit anwesend sein, um die Geschichten ihrer Sammlungen zu erzählen.

„Ich interessiere mich sehr dafür, welche Objekte wir sammeln und wie wir sie kuratieren, um Unbekannte an unseren privaten Sammlungen teilhaben zu lassen.“ Lee Mingwei

Lee Mingwei, The Living Room, 2000/2020, Möbel, private Sammlungen, Pflanzen, aus der Sammlung des Jut Art Museum (Taiwan), Foto: Laura Fiorio

Lee Mingwei, The Tourist, 2001/2020, Holzvitrine, Holzkisten, persönliche Gegenstände, Zweikanal-Video, Ton, 52 Min., 30 Sek., Foto: Laura Fiorio

The Tourist

2001/2020

Wie viele Arbeiten von Lee beruht The Tourist auf einer täuschend schlichten Idee. Lee schlüpft in die Rolle des „Touristen“ und bittet eine*n lokale*n Gastgeber*in, ihm ihre oder seine Stadt zu zeigen. Hieraus ergibt sich eine Reihe persönlicher Touren, die Lee häufig von den ausgetretenen Pfaden wegführen, die Tourist*innen meist gehen. Das Projekt begann 2001, also lange bevor soziale Medien und die GPS-Technologie zu radikalen Veränderungen der Art und Weise führten, wie wir Urlaubsbilder, lokales Wissen und persönliche Routen durch Städte miteinander teilen.

Hier werden zehn Reisen durch die Städte Tokio, Paris, New York, Berkeley, Tainan, Kunitachi, Boston, Taipeh, Jakarta und Berlin gezeigt. Auf jeder Tour macht sowohl Lee als auch sein*e Gastgeber*in Fotos. In der Installation werden beide Fotoreihen nebeneinander projiziert – ein Spiel mit der klassischen Urlaubsfoto- Diashow. Jede*r Gastgeber*in führt in die jeweilige Präsentation ein und wählt die Musik für den Soundtrack.

Die Arbeit thematisiert noch ein weiteres typisches Merkmal von Tourist*innen: das Souvenir. In einer Vitrine werden Gegenstände ausgestellt, die Lee und seine Gastgeber*innen während der Touren zusammengetragen haben. Die Objekte werden absichtlich ohne Beschriftung gezeigt, so bleibt es den Besucher* innen überlassen, die Souvenirs einem Ort zuzuordnen. Einige Schachteln bleiben leer und warten darauf, auf einem der nächsten Ausflüge gefüllt zu werden.

„In The Tourist kann ich eine Welt, die jemandem sehr vertraut ist, mit dessen Augen sehen. Und gleichzeitig eröffnet mein Blick der Person, die mich führt, eine neue Perspektive auf ihre alltägliche Umgebung.“ Lee Mingwei

Our Peaceable Kingdom

2020

Ausgangspunkt dieser neuen Installation ist das Gemälde Peaceable Kingdom (ca. 1883) von Quäkerprediger und Künstler Edward Hicks (1780–1849), das eine Friedensprophezeiung aus dem Buch Jesaja darstellt. Lee lud elf Maler*innen ein, Hicks‘ Motiv zu interpretieren und diese Künstler*innen luden weitere Maler*innen ein, das Gleiche mit ihren Werken zu tun. Alle Künstler* innen wurden gebeten, einige Zeilen über ihren Friedensbegriff und ihren Malprozess niederzuschreiben. Die so entstandenen Gemälde sind hier zusammen mit den schriftlichen Statements der Künstler*innen um Hicks‘ Original herum ausgestellt.

Our Peaceable Kingdom ist Teil von Lees anhaltender Beschäftigung mit heutigen Ideen von Frieden. Zu Ehren des quäkerischen Prinzips der Toleranz als Grundlage für Frieden, vereint die Installation unterschiedlichste ästhetische Ansätze und Perspektiven und schafft so eine Metapher für ein friedliches Miteinander.

„Das Kopieren eines Kunstwerks hat in westlichen und ostasiatischen Kunstpraxen eine lange Geschichte – und unterschiedliche Bedeutungen. Ich habe alle Künstler*innen gebeten, Edward Hicks‘ Peaceable Kingdom zu kopieren und ihre eigene Vorstellung von Frieden in dem Bild zum Ausdruck zu bringen, so wie Hicks dies im 19. Jahrhundert tat.“ Lee Mingwei

Lee Mingwei, Our Peaceable Kingdom, 2020, 27 gerahmte Gemälde, Staffeleien, Foto: Laura Fiorio

Lee Mingwei, Our Labyrinth, 2015/2020, Reis, Besen, Kostüm, Fußglöckchen, gefaltetes Papier, Holzkiste, Tanzboden, Tanz, Foto: Luis Kürschner

Our Labyrinth

2015/2020

Our Labyrinth geht auf Beobachtungen zurück, die Lee Mingwei in Pagoden, Tempeln und Moscheen in Myanmar machte. An all diesen Orten sah er, mit welcher Sorgfalt Freiwillige die Wege kehrten und sie für barfüßige Besucher*innen vorbereiteten. Lee verbindet die Demut des Kehrens mit dem Bild des Labyrinths, das sich in allen möglichen spirituellen Traditionen wiederfindet. Im Gegensatz zu einem Irrgarten, in dem man sich verlaufen kann, besteht ein Labyrinth aus einem einzigen kreisförmigen Weg. Seine Windungen und Wendungen stehen sinnbildlich für eine spirituelle Reise. Das Ablaufen eines Labyrinths ist eine Form der Gehmeditation. Ausgehend von dieser Tradition ist Our Labyrinth als ritueller Tanz konzipiert. Die Darsteller*innen kommen aus unterschiedlichen Bewegungstraditionen, darunter Yoga, Ballett und zeitgenössischer Tanz. Auf einem tintenklecksförmigen Tanzboden verteilt der oder die Performer*in Reis mit einem Besen. Dadurch entstehen für kurze Zeit Muster, bevor der Reis wieder zusammengekehrt wird. Der oder die Tänzer*in trägt einen Sarong, ein weißes Hemd sowie am Fußknöchel befestigte Glöckchen, die im Rhythmus der Bewegung erklingen. Sobald der oder die Tänzer*in fertig ist, übergibt er oder sie den Besen und den Raum an den oder die nächste*n Performer*in. Diese choreografische Meditation findet dreimal täglich statt.

„Wenn ich mit Tänzer*innen zusammenarbeite, lade ich sie ein, zwei Dinge zu tun: Sie sollen sich ganz langsam bewegen, wie Morgennebel über einem Sumpfgebiet, und sie sollen ‚ihr Herz auf den Reis hören lassen‘, indem sie ihre nächste Bewegung nicht ‚durchdenken, planen‘. Der Reis wird sie durch den Tanz leiten.“ Lee Mingwei

The Dining Project

1997/2020

Als Lee Mingwei sein Masterstudium der Bildhauerei an der Yale University in New Haven begann, setzte er sich mit Zeitlichkeit in der Performancekunst auseinander. The Dining Project wurde als einjähriges Unterfangen konzipiert, in dessen Verlauf Lee jeden zweiten Abend für eine ihm unbekannte Person kochte. Bei den Mahlzeiten handelte es sich um schlichte Kost: Reis mit Huhn, Tofu und gebratenem Gemüse. Inzwischen findet das Projekt in Kunsträumen statt und hat sich seit seiner ersten Präsentation, 1998 im Whitney Museum of American Art in New York, kontinuierlich weiterentwickelt.

„Als ich für mein Masterstudium nach Yale kam, kannte ich niemanden in diesem Teil des Landes. Über den Campus verstreut hängte ich etwa 50 Plakate auf, auf denen ich fragte, ob jemand an ‚gemeinsamen Mahlzeiten und reflektierten Gesprächen‘ interessiert sei. Als ich in mein Atelier zurückkam, erwarteten mich dort bereits 45 Nachrichten von Leuten in allen Lebenslagen: Studierende, Obdachlose, Professor*innen und Hausmeister*innen.“ Lee Mingwei

Aufgrund der aktuellen Situation kann The Dining Project leider nicht wie geplant stattfinden. Stattdessen möchte Lee Mingwei Sie zu einer virtuellen Teestunde einladen. Lee und die*der Teilnehmende werden im Vorfeld ein Rezept für ein Gebäck austauschen, das sie dann bei einem digitalen Treffen gemeinsam essen werden. Um teilzunehmen, füllen Sie bitte eine der Loskarten in der Ausstellung aus oder bewerben sich online unter gropiusbau.de/diningproject. Wenn Ihr Name ausgelost wird, werden Sie eine Woche vor dem von Ihnen angegebenen Termin informiert. Die Veranstaltung wird donnerstagnachmittags von 16:30 bis 17:30 auf Englisch stattfinden.

Lee Mingwei, The Dining Project, 1997/2020, Holzplattform, Tatami-Matten, schwarze Bohnen, Reis, Einkanal-Video, Ton, 335 x 335 x 85 cm, aus der Sammlung des Jut Art Museum (Taiwan), Foto: Laura Fiorio

Lee Mingwei, Money for Art, 2006/2020, Holzregal, 100-Dollar-Scheine, 70 x 30 x 14 cm, Foto: Laura Fiorio

Money for Art

1994/2020 2006/2020

Money for Art ist Lees frühestes Werk, in dem die Frage aufgeworfen wird, ob Kunst außerhalb der Zwänge des kapitalistischen Tausches funktionieren kann. Die Arbeit entstand, als er in der San Francisco Bay Area lebte. Er setzte sich in ein Café, faltete Zehn-Dollar- Scheine zu Origamiskulpturen und fragte Passant*innen, ob sie am Besitz eines solchen Kunstwerks interessiert seien. Die Bedingung für den Erhalt des Origamiobjekts bestand darin, dass Lee sie zweimal kontaktieren dürfe: nach sechs Monaten und nochmals nach einem Jahr. Das Ergebnis ist eine Serie von fünf Fotografien. Sie dokumentieren die Origami-Arbeiten, den Namen und den Beruf der neun Menschen, die sie erhielten, und den Weg, den diese Objekte zurücklegten. Viele Personen behielten ihre Skulptur, andere falteten sie auseinander und benutzten sie als Zahlungsmittel.

Spätere Versionen von Money for Art wurden in Kunsträumen gezeigt, wobei ein Regal mit Origamifiguren aus Ein-Dollar-Scheinen gefüllt war. Die Besucher*innen waren eingeladen, diese jeweils durch einen Gegenstand auszutauschen, der ihnen genauso viel wert zu sein schien. Für den Gropius Bau hat Lee Mingwei eine dritte Version des Werks geschaffen: eine Vitrine mit fünf neuen Origamiskulpturen. Die Künstleredition des Ausstellungskatalogs, die einen von Lee gefalteten Zehn-Dollar-Schein enthält, erinnert ebenfalls an Money for Art.

„Mich hat schon immer die monetäre Komponente der Kunst beschäftigt, ebenso wie die Frage: Wann und unter welchen Umständen entsprechen beide einander?“ Lee Mingwei

Sonic Blossom

2013/2020

Sonic Blossom ist ein performatives Kunstwerk, das für die Dauer der Ausstellung täglich von klassisch ausgebildeten Opernsänger*innen aufgeführt wird. Die Sänger*innen gehen durch den Raum und tragen dabei einen von Lee als „transformation cloak“ bezeichneten Umhang, der von dem Designer Akira Isogawa entworfen wurde. Die Performer*innen richten eine einfache Frage an die Besucher*innen: „Darf ich Ihnen ein Lied schenken?“ Nimmt der oder die Besucher*in das Angebot an, erhält er oder sie eine Einzeldarbietung eines Lieds von Franz Schubert (1797–1828). Dabei wird eines der folgenden Lieder gesungen: Du bist die Ruh‘, An den Mond, Frühlingsglaube, Nacht und Träume oder Auf dem Wasser zu singen. Lee erprobt in dieser Arbeit die Möglichkeit, etwas derart Immaterielles und Intimes wie ein Lied geben und empfangen zu können.

Sonic Blossom entstand, als ich mich um meine Mutter kümmerte, während diese sich von einer Operation erholte. Franz Schuberts Lieder spendeten uns dabei großen Trost. Diese Lieder waren ein unerwartetes Geschenk, das uns beide beruhigte und ihren Heilungsprozess begünstigte.“ Lee Mingwei

Lee Mingwei, Sonic Blossom, 2013/2020, Stuhl, Notenständer, Kostüm, spontanes Lied, aus der Sammlung des Museum of Fine Arts, Boston, Foto: Laura Fiorio

Lee Mingwei, Fabric of Memory, 2006/2020, Holzplattform, Holzkisten, textile Gegenstände, 485 x 485 x 65 cm, Foto: Laura Fiorio

Fabric of Memory

2006/2020

Im Herbst 2019 veröffentlichte Lee Aufrufe für drei Projekte aus dieser Ausstellung. Für Fabric of Memory bat er Freiwillige darum, bei sich zu Hause nach Stoffgegenständen zu suchen, die geliebte Personen oder Vorfahren für sie angefertigt hatten. Eine von Lee getroffene Auswahl dieser Gegenstände wird hier in Holzkisten ausgestellt, wobei jedes Objekt von einer Anekdote begleitet wird. Lee lädt die Besucher*innen ein, sich die Schuhe auszuziehen, die hölzerne Plattform zu betreten und die Kisten auszupacken. Nachdem die Geschichte gelesen wurde, kann das traditionelle japanische sanada himo-Band wieder zusammengebunden werden, um das „Geschenk“ für den oder die nächste*n Besucher*in erneut zu verpacken.

Fabric of Memory wurde erstmals 2006 in Liverpool realisiert, einst ein Ort florierender Baumwollindustrie. Auch Berlin hat eine historische Verbindung zur Textilproduktion. Im 19. Jahrhundert erfanden die Warenhäuser am Hausvogteiplatz das Konzept der Konfektionsmode. Während des Dritten Reichs wurden die in jüdischem Besitz befindlichen Geschäfte jedoch systematisch zerstört. Heute erinnert ein zweiteiliges Denkmal am Hausvogteiplatz an die Geschichte dieser ehemaligen Hochburg der Mode.

„Die Inspiration zu Fabric of Memory war mein allererster Tag im Kindergarten. Weil ich nicht hinwollte, sagte meine Mutter, ich solle mir vorstellen, die Jacke, die ich trug, sei sie und würde mich den ganzen Tag umarmen. Schließlich willigte ich ein, zu gehen. Sie hatte sechs Monate lang nähen gelernt, um meine Kleidung für diesen Tag herstellen zu können.“ Lee Mingwei

The Mending Project

2009/2020

Lee Mingwei lebt in New York und Paris. Im Jahr 2001, als er darauf wartete, zu erfahren, ob ihm nahestehende Menschen den Anschlag auf die Twin Towers am 11. September überlebt hatten, begann er zu flicken. The Mending Project setzt dieses Ritual der Reparatur hier jeden Nachmittag fort. Besucher*innen sind eingeladen, versehrte Kleidungsstücke mitzubringen. Während gemeinsamer Gespräche werden diese entweder von dem Künstler oder den flickenden Gastgeber* innen repariert. Die ausgebesserten Kleidungsstücke, die durch Fäden mit Spulen an der Wand verbunden sind, bilden eine immer weiter anwachsende Installation. Lee erinnert sich, dass die visuelle Anregung hierzu aus einer zufällig mitgehörten Unterhaltung über einen Butoh-Tänzer kam, „der während seiner Performance immer wieder Fäden ins Publikum warf und so eine greifbare Verbindung zwischen sich, dem Publikum und zwischen den Zuschauer*innen selbst herstellte“.

Ähnlich wie in der japanischen kintsugi-Tradition, bei der Töpferwaren mit Gold ausgebessert werden, benutzt man bei dem chinesischen und taiwanesischen Verfahren juci Reisleim und Nägel, um Keramiken zu reparieren. Innerhalb dieser Kulturtechniken gelten Gegenstände nicht als minderwertig, wenn sie einem solchen Prozess unterzogen wurden. Die farbenfrohen Reparaturen, die am Tisch von The Mending Project ausgeführt werden, bleiben ganz bewusst sichtbar. Jedes der Objekte auf dem Tisch erhält außerdem ein Schild mit dem Namen und dem Beruf der Person, der es gehört. Am Ende der Ausstellung schneidet der Künstler die Fäden durch, sodass die jeweiligen Eigentümer* innen ihre Gegenstände mitnehmen können.

„Der Ursprung für The Mending Project war der Moment, als die zwei Flugzeuge in das World Trade Center rasten. Ich brauchte acht Jahre, um die Stärke und den Mut für ein Projekt zu sammeln, das davon handelt, wie die Menschheit mit Anmut und Güte fortschreiten kann.“ Lee Mingwei

Lee Mingwei, The Mending Project, 2009/2020, Tisch, Stühle, Faden, textile Gegenstände aus der Sammlung von Rudy Tseng, Foto: Laura Fiorio

Lee Mingwei, Stone Journey, 2010, Gletschersteine, Bronze, Holz, 9 Paare aus einer Edition von 11, jeweils 10 x 50 x 15 cm, aus den Sammlungen von Rong-Chuan Chen, Cesar Reyes, Leo Shih, Sophia und Leon Tan, Rudy Tseng, Simon Wu, Foto: Laura Fiorio

Stone Journey

2010

Es ist eine chinesische Tradition, eigenwillig geformte Steine aus entlegenen Orten zu sammeln und sie als Inspirationsquelle für Literatur und Kunstwerke zu nutzen. Diese sogenannten Gelehrtensteine wurden von natürlichen Erosionsprozessen geformt und manchmal von Bildhauer*innen zusätzlich bearbeitet.

Während einer Reise nach Te Waipounamu, Neuseelands Südinsel, sammelte Lee in einem Eisbach eine Reihe von Steinen, die er in Bronze gießen ließ. Hier werden neun Steinpaare ausgestellt, von denen jeweils einer das Original und der andere der Bronzeabguss ist. Sie werden auf einzelnen Holzplattformen gezeigt, in die das ungefähre Alter des jeweiligen Objekts eingraviert ist. Somit wird die große Zeitspanne, die zwischen ihnen liegt, spürbar.

Lee betrachtet diese Paare als Möglichkeit, die Idee von Wert und Besitz zu hinterfragen. Wenn das Werk in eine Sammlung übergeht, erfolgt der Verkauf unter der Bedingung, dass eines der beiden Elemente weggeworfen werden muss. Der oder die Eigentümer* in muss sich zwischen dem originalen Stein und dem Abguss entscheiden. Dieses Konzept richtet sich ausdrücklich gegen die Logik der Bewahrung eines Kunstwerks. Stattdessen wird hier der Ansatz vertreten, dass der eigentliche Akt der Fürsorge darin besteht, die Veränderung des Kunstwerks zuzulassen. Für Lee ist das Werk eine Partitur, die nur darauf wartet, aufgeführt zu werden.

„Mit dem Projekt Stone Journey wollte ich die Idee des Besitzes thematisieren: Wann und wie können wir eine Erinnerung, einen Gegenstand oder eine Erfahrung besitzen?“ Lee Mingwei

The Sleeping Project

2000/2020

Viele Projekte Lees haben sich aus Begegnungen in seiner Jugend entwickelt, die ihn emotional geprägt haben. The Sleeping Project etwa geht auf eine Erfahrung zurück, die er nach seinem Schulabschluss machte. Lee reiste als Rucksacktourist durch Europa und nahm den Nachtzug von Paris nach Prag. Dabei teilte er sich ein Liegewagenabteil mit einem älteren Mann aus Polen. Als sie sich über ihre Reisen unterhielten, stellte sich heraus, dass der Mann unterwegs war, um eine Ausgleichszahlung für seine Zeit im Konzentrationslager in Auschwitz entgegenzunehmen. Diese Begegnung blieb dem Künstler in lebhafter Erinnerung.

Inspiriert von diesem intimen Dialog mit einer ihm völlig unbekannten Person, beschäftigt sich Lee mit der Frage, ob eine Kunstinstitution emotionalen Verbindungen Raum geben kann. Er interessiert sich außerdem dafür, ob die Dunkelheit der Nacht persönliche Gespräche erleichtert. Für dieses Projekt werden nach dem Zufallsprinzip sechs Personen ausgesucht, die mit Lee oder einem Mitglied des Gropius Bau Teams eine Nacht in der Ausstellung verbringen werden. Besucher* innen können einen Zettel mit ihrem Namen in den Kasten an der Wand werfen und so an der Verlosung für The Sleeping Project teilnehmen. Neben den beiden Betten besteht die Installation aus zwölf Nachttischen. Die Teilnehmenden werden gebeten, Gegenstände aus ihrem Schlafzimmer mitzubringen und sie auf den Nachttischen liegen zu lassen. Wie bei The Mending Project wird die Installation im Verlauf der Ausstellung wachsen und sich verändern.

The Sleeping Project ist von allen meinen Projekten das herausforderndste.“ Lee Mingwei

Aufgrund der aktuellen Situation kann The Sleeping Project leider nicht stattfinden. Die persönlichen Gegenstände auf den Nachttischen stammen daher nicht von den Teilnehmenden des Projekts, sondern von Mitarbeiter*innen des Gropius Bau.

Lee Mingwei, The Sleeping Project, 2000/2020, Holzbetten, Nachttische, persönliche Gegenstände, Foto: Laura Fiorio

Lee Mingwei, Nu Wa Project, 2005, Bambus, Seide, Baumwolle, Acryl, 350 x 112 cm, Foto: Luis Kürschner

Nu Wa Project

2005

Eines der Hauptinteressen Lees gilt Konzepten von Frieden in unserer heutigen Zeit. Er wuchs mit dem Schöpfungsmythos der Göttin Nu Wa auf. In dieser Arbeit bezieht er sich auf eine Erzählung, in der Nu Wa das Himmelsgewölbe repariert, nachdem es von Göttern im Kampf zerrissen wurde. Um das Loch zu stopfen und ihre menschlichen Geschöpfe zu schützen, schmilzt Nu Wa bunte Steine ein und flickt damit den brüchig gewordenen Himmel. Mit ihrer Reparatur verkündet sie Frieden im Himmel und auf der Erde.

Nu Wa Project ist ein traditioneller, handgewebter Seidendrachen auf einem Bambusrahmen. Lee arbeitete mit Master Hseih, einem anerkannten Drachenhersteller in Taiwan, sowie mit dem Künstler Chao Yu-Hsiu, der das Bild von Nu Wa gemalt hat. Die Göttin ist in ihrer traditionellen Gestalt dargestellt, mit einem menschlichen Kopf und einem schlangenartigen Körper.

Wenn das Werk in eine Sammlung übergeht, soll der oder die Sammler*in seine oder ihre Träume auf das fragile Gewebe schreiben, bevor er oder sie den Drachen steigen und davonfliegen lässt. Wie bei Stone Journey ist dies eine implizite Einladung, das materielle Objekt freizulassen. Als Sinnbild des Friedens wird Nu Wa dem Himmel zurückgegeben.

„Die Idee hinter diesem Werk ist die, dass jede*r Besitzer*in dieses Seidendrachens ihre oder seine Träume darauf schreiben soll. Sobald der Drachen mit Träumen gefüllt ist, soll er oder sie ihn so hoch wie möglich steigen lassen und dann die Schnur durchtrennen, damit Nu Wa das Loch am Himmel stopfen kann.“ Lee Mingwei

Guernica in Sand

2006/2020

2020 spielt das Thema der Fürsorge und Reparatur eine zentrale Rolle im Gropius Bau. Dieser Fokus ist von dem Gebäude, seiner turbulenten Geschichte und seiner architektonischen Instandsetzung inspiriert. Statt alle Spuren der Bombenschäden auszulöschen, die das Gebäude im Zweiten Weltkrieg davontrug, machten die Architekt*innen den Restaurierungsprozess bewusst sichtbar. Lee Mingwei widmet sich in seinem Werk seit Mitte der 1990er Jahre dem Thema Fürsorge und Reparatur. Während in diesem Jahr der 75. Jahrestag der Befreiung Europas begangen wird, ermöglicht Lees monumentale Installation Guernica in Sand eine rituelle Transformation von historischen und persönlichen Traumata.

Der Ausgangspunkt dieser aus 28 Tonnen Sand bestehenden Arbeit ist eines der symbolträchtigsten Kunstwerke der westlichen Moderne, Guernica (1937) von Pablo Picasso (1881–1973). Picasso malte das Bild als Reaktion auf die Bombardierung der baskischen Stadt Guernica während des Spanischen Bürgerkriegs (1936–39). Indem Lee das Motiv in Sand zeichnet, bezieht er sich auf die Friedenspraxis der Sandmandalas im tibetanischen Buddhismus. In dieser Tradition werden detaillierte Sandgemälde hergestellt und nach ihrer Fertigstellung wieder zusammengekehrt. Guernica in Sand ist nicht nur eine Installation, sondern auch eine fünfstündige Performance. Am Samstag, den 4. Juli 2020 wird Lee um 12 Uhr mittags die Arbeit am letzten Teil des Sandgemäldes beginnen, das er bewusst unvollendet ließ. Eine der Assoziationen Lees bei der Konzeption dieses Werks waren die Wachtürme an der Berlin Mauer, die bis 1989 direkt vor dem Gropius Bau verlief. Eine von der Decke hängende Lichtskulptur, die den Künstler bei der Arbeit beleuchtet, erinnert an diesen Überwachungsapparat. Während des Prozesses sind die Besucher*innen eingeladen, eine nach dem anderen über das Sandgemälde zu laufen, um das Motiv durch ihre Fußabdrücke zu verändern. Im zweiten Teil der Performance kehren Lee und andere Performer*innen den Sand mit Bambus-Besen zusammen. Die Betonung liegt dabei nicht auf der Zerstörung des kubistischen Gemäldes, sondern auf dessen Verwandlung. Guernica in Sand ist ein Kunstwerk, das sich den transformativen Möglichkeiten des Wandels öffnet.

„In diesem sich ständig weiterentwickelnden Werk geht es um Wandel. Es handelt davon, dass unsere Gegenwart auf unserer Geschichte basiert, auf unserer Herkunft und darauf, dass diese ein Teil von uns ist.“ Lee Mingwei

Lee Mingwei, Guernica in Sand, 2006/2020, Sand, Holzinsel, Lampe, 11 x 23 m, Foto: Laura Fiorio