“When We Collaborate, We Only Strengthen”

Cassils im Gespräch mit Lennart Salek Nejad

Cassils ist transmaskuline*r Künstler*in und hielt im Rahmen des Begleitprogramms zu der Gruppenaustellung Masculinities: Liberation Through Photography einen Vortrag über die Hintergründe und Einflüsse der eigenen künstlerischen Praxis. Im Gespräch mit Lennart Salek Nejad, Volontär*in im Bereich Vermittlung am Gropius Bau, erläutert Cassils Gedanken zum Einsatz des eigenen Körpers als Material in Performance, Film, Sound, Skulptur und Fotografie. Im Zentrum dieser körperzentrierten Interventionen steht die Untersuchung historischer und gegenwärtiger Kontexte von Unterdrückung und ihren Auswirkungen auf LGBTQIA+-Gemeinschaften.

Cassils, Advertisement: Homage to Benglis (Detail), 2011

Cassils, Advertisement: Homage to Benglis, 2011. Courtesy: die*der Künstler*in, Foto: Cassils mit Robin Black

Lennart Salek Nejad: Könnest du uns erklären, woher dein Interesse kommt, den eigenen Körper als Kunstmedium einzusetzen?

Cassils: Meine Arbeit steht in einer langen Tradition von Künstler*innen, die bereits vor mir mit ihren eigenen Körpern gearbeitet haben. Ich habe am Nova Scotia College of Art & Design (NSCAD) in Halifax studiert, das stark von einer konzeptuellen, marxistischen Ideologie beeinflusst war, wodurch ich schon in jungen Jahren eine Vielzahl von konzeptuellen und feministischen Praktiken der 1970er Jahre kennenlernte. Es war für mich als junger Mensch wirklich revolutionär, dass Kunst nicht nur an Wänden hängen muss und in Institutionen gehört, sondern etwas sein kann, das man im Körper trägt und das in den öffentlichen Raum hinausreicht. Auch ein Praktikum in einem gemeinnützigen Archiv für Performancekunst namens Franklin Furnace Archive in New York City in meinen frühen Zwanzigern hat mich sehr beeinflusst. Meine Aufgabe war es, die Archivdokumentationen früher Arbeiten von Linda Montano, Karen Finley, Tehching Hsieh, Liza Lou, Robbie McCauley, Ana Mendieta, William T. Jones und anderen wichtigen Künstler*innen zu digitalisieren. So bekam ich diese sehr ungewöhnliche, inoffizielle Ausbildung über das Erbe und die Geschichte der Performance.

Cassils, Cuts: A Traditional Sculpture: Time Lapse, 2011

Cassils, Cuts: A Traditional Sculpture: Time Lapse, 2011, Archiv-Pigmentdrucke, 152 x 102 cm. Courtesy: die*der Künstler*in

Lennart Salek Nejad: Wie würdest Du die Fotoserie Time Lapse (2011) unseren Leser*innen beschreiben, die sie nicht persönlich sehen konnten?

Cassils: Time Lapse ist Teil einer langfristig angelegten Performance-Arbeit namens CUTS: A Traditional Sculpture, die ich 2011 begonnen habe. Sie entstand aus einer Einladung mit dem Archiv des LACE (Los Angeles Contemporary Exhibitions) zu arbeiten. Darin befinden sich unter anderem Werke von Lynda Benglis und Eleanor Antin, die ihre Körper auf sehr unterschiedliche Weise einsetzten, um auf geschlechtsspezifische Einschränkungen aufmerksam zu machen. Antins CARVING: A Traditional Sculpture (1972) – eine Performance, in der sie mehrere Tage lang eine Crash-Diät machte und täglich Fotos von ihrem Körper in bestimmten anatomischen Positionen anfertigte – hat mich besonders beeindruckt. Sie ersetzte das typische Medium Marmor oder Bronze der Skulptur durch ein Raster von 148 Schwarz-Weiß-Selbstportraits und analysierte sowohl den männlichen Blick in der Kunstgeschichte als auch die Idee vom weiblichen Körper, insbesondere die gesellschaftlichen Erwartungen und den Druck, sich an eine bestimmte Form zu halten. Ich begann, über ähnliche Arten von Kodifizierungen in Bezug auf binäre Geschlechterdarstellungen nachzudenken, die in Time Lapse versammelt wurden. Im Gegensatz zu Antin beschloss ich herauszufinden, wie sehr ich das Material meines Körpers wachsen lassen konnte, anstatt mich selbst auszuhungern. Also trainierte ich mit einem Experten, ernährte mich mit der Kalorienzufuhr eines 80 Kilogramm schweren männlichen Athleten und nahm sechs Wochen lang Steroide ein. Ich führte dieses Projekt sechs Monate durch und fotografierte täglich, wie sich mein Körper veränderte. Die Arbeit erzählt von einer Fluidität zwischen der ein Geschlecht endet und das andere beginnt, und zeigt die Absurdität der Art und Weise, mit der wir an Abgrenzungen festhalten.

Cassils, Cuts: A Traditional Sculpture: Time Lapse (Back), 2011

Cassils, Cuts: A Traditional Sculpture: Time Lapse (Back), 2011, Archiv-Pigmentdrucke 152 x 102 cm. Courtesy: der*die Künstler*in

Lennart Salek Nejad: Gab es etwas spezifisch Befreiendes an dem maskulinen Körperbau, den Du dir angeeignet hast?

Cassils: Für mich betonte dieses Projekt eher das gesellschaftliche Festhalten an strikter Geschlechterbinarität und geschlechterspezifischen Signifikanten, indem ich diese Signifikanten „falsch“ darstellte. Ich habe mich für Bodybuilding entschieden, anstatt mich einfach operieren zu lassen, denn es gibt ein gewisses Entgleiten, das stattfindet, wenn man auf sozusagen „unvollkommene“ Weise versucht, diese Geschlechterräume zu besetzen. Den Körper zu stärken, hat einen gewissen Aspekt der Befreiung, und das ist etwas, mit dem ich vertraut bin, da ich als Profisportler*in mein Leben lang mit meinem Körper gearbeitet habe. Allerdings waren die Protokolle, die nötig waren, um die Extremität dieses „Übergangs“ zu manifestieren, in der Tat ziemlich umfassend. Ich konnte die Stadt nicht verlassen, weil ich jeden Tag in meinem Studio sein, alle drei Stunden eine bestimmte Zusammenstellung von Makronährstoffen zu mir nehmen und diese zermürbenden Trainingseinheiten absolvieren musste.

Lennart Salek Nejad: Könnest Du einen Einblick geben, wie Du Deine Praxis in und gegen Kunstinstitutionen positionieren?

Cassils: In meinem Leben hatte ich in verschiedenen Phasen unterschiedliche Beziehungen zu Machtstrukturen und Institutionen. Ich habe im Laufe meiner künstlerischen Laufbahn sehr hart gearbeitet, um als eine der wenigen trans Künstler*innen an diesen Punkt zu kommen – und ich versuche, meine Position zu nutzen, wenn ich es kann. Es gibt Einschränkungen innerhalb der Strukturen von Institutionen, aber ich glaube, es geht vielmehr darum, Gleichgesinnte zu finden. Es kann verlockend sein, über diese Art von Systemen als hegemonial zu sprechen; aber eine Sache, die ich gelernt habe, ist, dass es überall Verbündete gibt, und sie befinden sich auf unterschiedlichen Ebenen der Macht.

Yosimar Reyes, In Plain Sight, 2020

Yosimar Reyes, In Plain Sight, 2020. Courtesy: der*die Künstler*in, Foto: Dee Gonzales

Wenn wir zusammenarbeiten, stärken wir uns nur, wir nehmen uns nichts weg – es verwässert nichts, es macht die Dinge nur etwas komplizierter und schöner.
Cassils, 2021

Lennart Salek Nejad: Bei Deinem jüngsten Projekt In Plain Sight haben Du und Performance-Künstler*in Rafa Esparza mit mehr als 80 Künstler*innen und einer Vielzahl von verschiedenen Organisationen kooperiert. Könnest Du uns von Deinen Erfahrungen berichten?

Cassils: Mein*e gute*r Freund*in Rafa Esparza und ich entwickelten die Idee für In Plain Sight, ein großes Gemeinschaftswerk, das sich für die Abschaffung der Inhaftierung von Einwanderer*innen in den Vereinigten Staaten einsetzt und am Unabhängigkeitstag 2020 gestartet wurde. Wir buchten alle verfügbaren Himmelsschreiber und bildeten Partnerschaften mit 17 Organisationen, die sich für die Rechte von Einwanderer*innen einsetzen. Wir wollten kein Kunstwerk über Einwanderung produzieren, wir wollten ein Kunstwerk entwickeln, das den Organisator*innen dient und unsere künstlerischen Strategien nutzt – unsere Vorstellungskraft, unsere Fähigkeit, die allgemeine Rhetorik zu durchdringen – um das Bewusstsein des Landes zu verändern. Wir haben über 80 Künstler*innen aus vielen verschiedenen Disziplinen und Generationen mit sehr unterschiedlichen Hintergründen eingeladen und mit einem Ort von historischer Relevanz in Verbindung gesetzt – mit Haftanstalten, Einwanderungsgerichten und Grenzlinien – und sie eingeladen, einen Satz zu formulieren, der über dem Ort mit Hilfe der Flugzeuge in den Himmel geschrieben wurde. Die Schriftzüge waren so groß, dass jeder Buchstabe die Größe des Empire State Buildings hatte und bis zu zehn Kilometer in jede Richtung sichtbar war. Außerdem kreierten wir einen Hashtag, der an jeden Satz angehängt wurde und die Betrachter*innen zu einer von uns erstellten Website namens xmap.us führen sollte. Dort kann man seine US-Postleitzahl eintippen und es wird die nächstgelegene Haftanstalt des jeweiligen Wohnortes angezeigt. Es gibt diese Orte in jedem einzelnen Bundesstaat dieses Landes, nicht nur an der Grenze – über 200 Einrichtungen, die jeden Tag aktiv sind – oft direkt vor der eigenen Haustür. Unser Projekt gab den Menschen außerdem die Möglichkeit, für mehr Gerechtigkeit für Einwanderer*innen zu spenden, um zu helfen, Menschen aus der Haft zu befreien, sodass sie ihren Fall außerhalb der Anstalten anfechten können. Wir wollten ein großes Kunstwerk produzieren, das die Aufmerksamkeit auf dieses immense Problem lenkt, weil viele Menschen in den Vereinigten Staaten nicht wissen, was tatsächlich geschieht und dass sie diese Orte mit ihren Steuergeldern mitfinanzieren.

In meiner Praxis geht es darum, zu überlegen, wie wir von unseren verschiedenen Knotenpunkten und Orten innerhalb dieser Systeme aus solidarisch arbeiten können, um die Struktur dieser Mechanismen neu zu gestalten. Wenn wir zusammenarbeiten, stärken wir uns nur, wir nehmen uns nichts weg – es verwässert nichts, es macht die Dinge nur etwas komplizierter und schöner. Und so denke ich, dass es Wege gibt, sich innerhalb von Strukturen zu bewegen, ohne sich von den Strukturen verblenden zu lassen. Man kann nicht darauf warten, dass Menschen einem eine Chance geben; besonders, wenn man von einer minorisierten Subjektposition heraus agiert, muss man sich diese Möglichkeiten selbst schaffen und anderen zeigen, was möglich ist.

Cassils, In Plain Sight

Cassils, In Plain Sight, 2020. Courtesy: die*der Künstler*in, Foto: Robin Black