Ausstellungstexte

Hella Jongerius: Kosmos weben

„Durch Kosmos weben versuche ich, die kulturelle Bedeutung des Webens – über Materialien und Technik hinaus – zu verstehen. Das ist tief mit den Herausforderungen unserer Zeit verbunden, mit Fragen von Nachhaltigkeit, sozialer Verantwortung und Spiritualität. Zum Beispiel: Was kann die heilende Funktion von Objekten sein?“ — Hella Jongerius

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Hella Jongerius Woven Cosmos – Woven Window, 2020

Hella Jongerius Woven Cosmos – Woven Window, 2020

© Hella Jongerius, VG Bildkunst Bonn, 2020 Courtesy: Hella Jongerius, Foto: Magdalena Lepka

Kosmos weben

Einleitung

Seit drei Jahrzehnten beschäftigt sich die Künstlerin und Designerin Hella Jongerius (*1963 in den Niederlanden) mit dringlichen Themen wie nachhaltiger Innovation, verantwortungsvoller Produktion und gesellschaftlicher Regeneration. Gegenstände und ihre Materialien betrachtet Jongerius dabei nicht getrennt voneinander, vielmehr konzentrieren sich ihrem Verständnis nach in ihnen soziale und politische Zusammenhänge.

Für die Ausstellung Kosmos weben setzt sich Jongerius unter anderem mit dem Weben als zukunftsweisende und vielfältige Technik auseinander. Das Weben ermöglicht über Gegenwart und Zukunft, Nachhaltigkeit und Gesellschaft nachzudenken. In Kulturenauf der ganzen Welt ist das Urbild, ein kosmisches Existenznetz zu spinnen, tief verwurzelt und gilt seit langer Zeit als ein spirituelles Modell für das menschliche Verständnis des Kosmos.

Neben Jongerius’ Recherchen zu Innovation und zukunftsgerichteten experimentellen Praktiken liegt ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung auf ihrer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit der Frage, welche Beziehung wir zu Gegenständen einnehmen. Für sie würde die Abschaffung der herrschenden Hierarchisierung zwischen Menschen, Pflanzen, Tieren und Gegenständen eine heilende Wirkung haben. In ihren Arbeiten tauchen immer wieder Tiere als Erzähler*innen auf, welche das menschliche Verhältnis zur Umwelt und zu Gegenständen anklingen lassen.

Für die Ausstellung Kosmos weben zeigt Jongerius unterschiedliche Forschungsergebnisse der letzten zwei Jahre. Die Entstehung aller Arbeiten Jongerius’ basiert auf umfangreichen Recherchen, wobei offene Produktionsprozesse stärker als finale Ergebnisse betont werden.

In den Monaten vor der Ausstellung bezog das Studio Jongeriuslab Räume im zweiten Stock des Gropius Bau, um intensiv an ihren Forschungen und der Entwicklung neuer Objekte zu arbeiten und vor Ort weiter zu experimentieren. Jongeriuslab ist täglich in der Ausstellung anzutreffen und so entwickeln sich zahlreiche Arbeiten im Lauf der Ausstellung weiter. Die Transformation von Ausstellungsräumen zu Studioräumen spiegelt auch die Geschichte des Gropius Bau als ehemaliges Kunstgewerbemuseum mit angeschlossener Schule wider.

Hella Jongerius, Kosmos weben – Ausstellungsansicht (2021)

Hella Jongerius, Kosmos weben – Ausstellungsansicht (2021)

© Gropius Bau / Hella Jongerius, VG Bild-Kunst 2021, Foto: Laura Fiorio

Space Amulets / Guardian Dolls / Extended Jugs / Grain Wheel

Raum 1

Mit den Space Amulets in der Mitte des Raumes setzt sich Jongerius mit Heilung und dem transformativen Einfluss von Gegenständen auf Menschen und Räume auseinander. Sie erzählen von der heilenden und schützenden Wirkung dieser Gegenstände. Die materielle Kultur prägt die Welt und das Menschsein. Objekte bekommen über die verwendeten Materialien und die Auseinandersetzung mit ihnen, wie zum Beispiel das Berühren ihrer Oberflächen, emotionale Bedeutung.

Die Guardian Dolls erzählen von einem sehr alten Verhältnis des Menschen zu Gegenständen: Von der besonderen Beziehung von Kindern zu Puppen, die beruhigen und beschützen. Gleichzeitig verweisen Elemente von Rüstungen darauf, dass sich auch die Puppen selbst schützen müssen.

In der Serie Extended Jugs wird elementaren Gefäßformen eine weichere Masse hinzugefügt. Die Serie lässt auch über die Idee der Reparatur nachdenken und darüber, dass sichtbare Brüche und die Geschichte der Gegenstände Teil ihrer Schönheit sind. Jongerius beschäftigt sich besonders mit den sinnlichen und materiellen Eigenheiten von Objekten. Sie reflektiert, wie sie sich in der Beziehung zu Besitzer*innen und den damit verbundenen Erinnerungen und in der Begegnung mit anderen Objekten verändern.

Jongerius’ Designansatz ist, die Industrie darin zu unterstützen, sich wieder zu heilen, indem soziale, kulturelle und wirtschaftliche Interessen wieder miteinander verbunden werden. Erfolg wäre nicht an Wachstum gemessen, sondern an der Fähigkeit, den Zustand des Gleichgewichts herzustellen. Für Grain Wheel arbeitet Jongerius mit der Technik des Recyclings, indem sie Materialien verwendet, die sonst aus dem Kreislauf der Produktion herausfallen würden, weil sie als unbrauchbar gelten. In dieser Arbeit verwendet sie Sandkörner, die ursprünglich Teil einer Kunstinstallation im Lichthof des Gropius Bau im Jahr 2020 waren. Der Sand wurde geschmolzen und zu Glaselementen geblasen. Die unterschiedlichen Farben des Glases hängen von den Eigenschaften des bereitgestellten Sandes ab.

Cosmic Loom

Raum 2

In vielen Kulturen ist das Weben und das Spinnen Sinnbild für das Schicksal und den Moment, an dem die Fäden des Lebens entstehen und abgeschnitten werden. In vielen Entstehungsgeschichten der Welt sind Himmel und Erde durch Garne verbunden, wie ein Netzwerk, das den Kosmos zusammenhält. In diesen Geschichten offenbart das Drehen der Spindel, wie das Kreisen des Mondes um die Welt und die Welt um die Sonne, die Geheimnisse der Zeit. Der Wechsel von Sonne und Mond am Himmel ist ein Bild für den Kreislauf von Leben und Tod. Im Zeitalter des Anthropozän weben nicht mehr nur Sonne, Mond und Wetter, auch die Menschen bewegen die Spindeln und üben so einen Einfluss auf die Umwelt aus. Jongerius beschäftigt sich in der Installation Cosmic Loom mit der Idee, eine neue Textur der Welt zu weben: ein Textil, das Geist und Materie verbindet. Die Fäden des Cosmic Loom verweisen auf die sieben Wochentage. Der Donnerstag und der Samstag und die damit verbundenen Planeten Jupiter und Saturn nehmen eine besonders wichtige Rolle in der Installation ein. Diese Tage, wie auch die verwendeten Fasern und Farben, wurden vor der Ausstellung zusammen mit Schamaninnen im Gropius Bau ausgesucht, deren Verständnis von astronomischen und spirituellen Kreisläufen der Zeit in diese Arbeit eingeflossen ist.

Hella Jongerius, Woven Cosmos – Ausstellungsansicht, Cosmic Loom (2021)

Hella Jongerius, Woven Cosmos – Ausstellungsansicht, Cosmic Loom (2021)

© Gropius Bau / Hella Jongerius, VG Bild-Kunst 2021, Foto: Laura Fiorio

Hella Jongerius, Woven Cosmos – Ausstellungsansicht, Woven Windows und Frog Table (2021)

Hella Jongerius, Woven Cosmos – Ausstellungsansicht, Woven Windows und Frog Table (2021)

© Gropius Bau / Hella Jongerius, VG Bild-Kunst 2021, Foto: Laura Fiorio

Frog Table / Woven Windows

Raum 3

In vielen Kontexten werden Fröschen besondere Kräfte zugeschrieben und sie werden mit Metamorphosen in Zusammenhang gebracht, also mit Umwandlung oder Veränderung. Da sie unter der Erde überwintern und im Frühling wieder aktiv werden, sind Frösche in europäischen Märchen und Sagen oft ein Symbol für Neuanfang und für Fruchtbarkeit. Die Arbeit Frog Table ist die Verbindung von einem Gebrauchsgegenstand und einer Skulptur – die eines übergroßen Frosches. Mit der Arbeit stellt Jongerius das zentrale Kriterium von Industriedesign – der Funktionalität – in Frage. Die Arbeit beleuchtet den rein praktischen Nutzen von Gebrauchsgegenständen und eröffnet eine Beziehung auf Augenhöhe zu dem Tier. Jongerius denkt über die vermeintlichen Gegensatzpaare natürlich-künstlich und Mensch-Objekt und deren Beziehung zueinander nach. Denn in ihrem Verständnis sind Objekte grundlegend für die menschliche Wahrnehmung, Identität und Sozialisierung.

In der Serie Woven Windows untersucht Jongerius an dem Motiv des Fensters die Möglichkeiten des Webens als Akt des Malens. Mit der Jacquard-Webtechnik wird der Faden zum dreidimensionalen Werkzeug, mit dem sie „malt“. Das Fenster ist ein prominentes Motiv in der Malerei. Schon in seinem Aufbau ist es mit dem Bilderrahmen verwandt und offenbart einen Blick nach draußen, oder auch nach drinnen sowie in ein Bild hinein. So ist das Fenster ein Sinnbild des Sehens.

Dancing a Yarn

Raum 4

Weben und Spinnen sind in ihrer jahrhundertealten Geschichte eng mit dem Zusammensein in der Gemeinschaft verbunden. Vor allem vor der Industrialisierung wurden die langen Produktionszeiten von Textilien zusammen verbracht und im Miteinander soziale Strukturen gepflegt. Viele Hände arbeiten an einem einzelnen Produkt, in welches Geschichten und Gespräche einfließen. Dem gemeinsamen handwerklichen Arbeiten wird dabei oft ein heilendes Moment zugesprochen. Dancing a Yarn entsteht täglich während der gesamten Ausstellungszeit. Es ist eine Einladung an die Besucher*innen, sich aktiv an der Herstellung zu beteiligen. Ähnlich wie beim Tanz um einen Maibaum soll das Garn hier gemeinsam „ertanzt“ werden. Mit speziell für die Ausstellung vom Jongeriuslab entwickelten Maschinen und industriellen Werkzeugen zum Flechten, entsteht ein faseriges Netzwerk. Die gemeinsam produzierten Seile werden zu Strickleitern heranwachsen, die in den Außenbereich des Gropius Bau hinauswachsen.

In diesen Ausstellungsraum ist ein Teil des Jongeriuslab eingezogen. Die einzelnen Schritte der Herstellung und das Zusammenknoten und Entstehen der Strickleitern können über den Ausstellungstag mitverfolgt werden. Für Jongerius gehören das Unfertige, Vorläufige und Mögliche zum künstlerischen Prozess, wodurch sie das allmähliche Entstehen einer Arbeit würdigt.

Hella Jongerius, Woven Cosmos – Ausstellungsansicht, Dancing a Yarn (2021)

Hella Jongerius, Woven Cosmos – Ausstellungsansicht, Dancing a Yarn (2021)

© Gropius Bau / Hella Jongerius, VG Bild-Kunst 2021, Foto: Laura Fiorio

Hella Jongerius, Woven Cosmos – Ausstellungsansicht, Spaceloom 2 (2021)

Hella Jongerius, Woven Cosmos – Ausstellungsansicht, Spaceloom 2 (2021)

© Gropius Bau / Hella Jongerius, VG Bild-Kunst 2021, Foto: Laura Fiorio

Space Loom #2

Raum 5

Der Webstuhl ist ein archetypisches Beispiel für die erste Maschine. Während der industriellen Revolution ersetzten die Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelten mechanischen Webstühle die Tätigkeit vieler Arbeiter*innen und veränderten so drastisch die beschleunigte Textilproduktion. In den letzten Jahrzehnten haben sich industrielle Webstühle so effizient weiterentwickelt, dass sie praktisch keinen Raum für die menschliche Interaktion mit der Maschine und damit für kreative Eingriffe lassen. Space Loom #2 wurde von Jongerius entwickelt, um dreidimensionales Weben zu untersuchen. Sie betrachtet die Maschine als ein Gerät, das keine Antworten gibt, sondern Fragen materialisiert. Im Arbeitsprozess entwickeln sich so Antworten auf Fragen, die die Experimentierenden noch gar nicht stellen konnten. Die Installation erforscht, welche Möglichkeiten das Weben in Zukunft hat und stellt unter anderem die Bausteine für die Serie Pliable Architecture her.

Pliable Architecture

Raum 6

Seit einigen Jahren experimentiert Jongerius mit dreidimensionalen Webtechniken und gewebten Bauteilen. Sie geht davon aus, dass Technologie die Entwicklung der Gesellschaft und die kulturellen Werte mitbestimmt. Auch Objekte geben Antworten auf die Frage, wie wir leben wollen. Jongerius verbindet Handwerk und Industrie, um neue und dauerhafte Techniken und Materialien zu erforschen.

Die Werkgruppe Pliable Architecture fragt: Wie und wofür kann dieses alte Handwerk heute verwendet werden? Wie können sich Weberei und Technologie miteinander verbinden? Diese Recherche verbindet das Nachdenken über Ressourcen mit der dringenden Frage, welche Materialien heutzutage verwendet und wie Baumaterialien neu erdacht werden können. Jongerius experimentiert hierfür mit mehrdimensionalen, raumgreifenden Konstruktionen, bei denen die Fäden ihre Webrichtung ändern können. Mithilfe dieser Methode entstehen Objekte, die beispielsweise ein großes Volumen bei minimalem Materialeinsatz realisieren. Pliable Architecture spielt mit der Dicke von Fäden, gespaltenem Garn, Materialverdichtungen und Leerstellen. Dadurch entstehen verschiedene Materialitäten innerhalb einer Struktur, die von steif bis flexibel oder von undurchsichtig bis transparent reichen. Einigen dieser gewebten Strukturen fügt Jongerius Funktionen hinzu, wie etwa Fotovoltaikstreifen und Energie leitende Garne, welche die gewebte Struktur in Bewegung setzen oder zum Leuchten bringen können.

Es scheint widersprüchlich zu sein der statischen und dauerhaften Architektur mit weichem und geschmeidigem Material zu begegnen. Doch gewebte Strukturen sind leichter, haltbarer und benötigen weniger Material, daher sind sie wirtschaftlich sinnvoll und umweltschonend.

Hella Jongerius, Woven Cosmos – Ausstellungsansicht, Pliable Architecture (2021)

Hella Jongerius, Woven Cosmos – Ausstellungsansicht, Pliable Architecture (2021)

© Gropius Bau / Hella Jongerius, VG Bild-Kunst 2021, Foto: Laura Fiorio

Hella Jongerius, Woven Cosmos – Ausstellungsansicht, Woven Systems (2021)

Hella Jongerius, Woven Cosmos – Ausstellungsansicht, Woven Systems (2021)

© Gropius Bau / Hella Jongerius, VG Bild-Kunst 2021, Foto: Laura Fiorio

Woven Systems / Angry Animals

Raum 7

Für Woven Systems hat Jongeriuslab mit Garnen, Bindungen und Texturen und der grundlegenden Logik des Webens experimentiert – Fäden, die sich in einem Raster überkreuzen. Die Serie ist ein Spiel mit transparenten und dichten Schichten. Diese ergeben immer wieder neue Bilder und Zusammenhänge, je nachdem, von wo aus die Arbeiten angesehen werden. Jongerius ist von der Starrheit des Webens fasziniert, welches sie als Sinnbild nimmt, über Systeme, Gitter, Schichten und Verbindungen nachzudenken. Vor allem das westliche Denken bricht Prozesse auf Kategorien und Regeln herunter, die einem kreisförmigen Planeten eine lineare Logik aufzwingt. Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt sind mehr und mehr voneinander abhängige Systeme, die ein großes Ganzes bilden. Die Gesundheit des einen beeinflusst die Vitalität des anderen. Nahrungsmittelketten, Wettersysteme, Modezyklen oder Kunstnetzwerke sind alle miteinander verbunden. Für Jongerius erzeugen Systeme im Entwurfsprozess Bedeutung, können aber zugleich einengen und einschüchtern. Sie fragt danach, wie wir uns zu diesen Netzwerken von Verbindungen verhalten, die sich unserer Kontrolle entziehen.

In vielen Arbeiten beschäftigt sich Jongerius mit Tieren und dem ungleichen Verhältnis, das Menschen zu ihnen schaffen. Für sie würde die Abschaffung der herrschenden Hierarchisierung zwischen Menschen, Pflanzen, Tieren und Gegenständen eine heilende Wirkung haben. Gegenständen kann die Fähigkeit zugesprochen werden, dass sie das ausdrücken, was unsagbar oder unaussprechlich ist. Mit dieser Eigenschaft werden sie zu stummen Partner*innen, sie werden aktiviert und dadurch zu Katalysatoren und Protagonist*innen. Viele Tiere in Jongerius Arbeiten wirken freundlich, sie sind oft naturgetreu nachgebildet und mit Gegenständen, wie einem Tisch oder – in der neuesten Serie – einer Vase, verbunden. In der Serie Angry Animals bringt Jongerius jedoch die zunehmend prekäre Situation der Tiere zum Ausdruck und kritisiert ihre Objektifizierung.

Hella Jongerius, Kosmos weben – Angry Animals (2021)

Hella Jongerius, Kosmos weben – Angry Animals (2021)

© Hella Jongerius, VG-Bildkunst 2021, Courtesy: Hella Jongerius, Foto: Magdalena Lepka