Ausstellungstexte

Yayoi Kusama: Eine Retrospektive

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Einführung

Yayoi Kusama (geb. 1929, Matsumoto, Japan) zählt zu den bedeutendsten Künstler*innen der Gegenwart. Yayoi Kusama. Eine Retrospektive umfasst Arbeiten aus ihrem 80-jährigen Schaffen und bietet einen Überblick über das Werk der Künstlerin. Von der Entstehung früher Gemälde und Skulpturen bis zu ihren raumgreifenden Installationen wird das breite Spektrum ihrer Kunst in Deutschland und Europa sowie in Japan und den Vereinigten Staaten nachvollziehbar.

Aufgewachsen in Matsumoto während der japanischen Expansionspolitik der 1940er Jahre, verdiente Kusamas Familie ihren Lebensunterhalt mit dem Betrieb einer Samengärtnerei. 1948 zog sie im Alter von 19 Jahren nach Kyoto, um an der damaligen Kunsthandwerksschule den traditionellen nihonga-Malstil zu studieren. Später erlernte sie die yōga-Technik, eine japanische Malweise in westlichem Stil. Diese gewann zeitgleich mit Japans rasanter Modernisierung an Bedeutung. Ein Briefwechsel mit der amerikanischen Malerin Georgia O’Keeffe bestärkte Kusama in den späten 1950er Jahren in die Vereinigten Staaten zu ziehen. In den 1960er Jahren wurde sie auch zunehmend in Europa bekannt. Ihre Werke wurden in Städten wie Amsterdam, Bern, Den Haag, Essen, Mailand, Rotterdam, Stockholm, Turin und Venedig ausgestellt. Die chronologisch angelegte Retrospektive im Gropius Bau zeigt Kusamas künstlerisches Schaffen von 1952 bis 1983 auf.

Acht Räume mit dem Titel „Made by Kusama” zeigen Rekonstruktionen Kusamas wichtigster Ausstellungen. Jeder dieser Räume wurde durch umfangreiche Recherchen auf der Grundlage von historischen Texten, Fotografien und Grundrissen realisiert, um erstmals Originalausstellungen der Künstlerin nachzubilden.

Kusama hat mit vielen verschiedenen Medien wie Malerei, Collage, Skulptur, Film, Performance, Installation, Mode, Literatur und Musik gearbeitet. Ihre Infinity Mirror Rooms und großformatigen Installationen schaffen Welten, die alle Sinne ansprechen. Die neueste dieser Installationen ist im Lichthof des Gropius Bau zu sehen. Unendlichkeit und Selbstauflösung sind Motive, die in Kusamas Werk immer wiederkehren. Ausufernde Punkt- und Netzmuster bedecken Oberflächen in ständiger Wiederholung. Spiegel erzeugen schwindelerregende Räume, die unseren Blick vervielfachen. In ihren Ausstellungen setzt Kusama den eigenen Körper stellvertretend für die der Betrachter*innen ein. Sie lässt so die Grenzen zwischen der Figur und der sie umgebenden Welt verschwimmen – ein Streben nach der allumfassenden Ausdehnung ins Unendliche.

Neben dokumentarischen Fotografien und Filmen zieht sich eine Zeitleiste durch die Ausstellung, um Kusamas Leben und Werk in einen zeitgeschichtlichen Zusammenhang zu bringen. Außerdem wird die Zeitleiste um Archivbilder von künstlerischen Ereignissen und Ausstellungsstationen ergänzt.

Die großformatige Fotografie im Treppenhaus zeigt Kusama vor einem Ölgemälde aus ihrer aktuellen Serie My Eternal Soul. Diese ist als vollständige Gruppe im letzten Raum der Ausstellung zu sehen.

Alle Raumtexte können auch online über den QR-Code aufgerufen werden.

Matsumoto Ausstellungen, 1952

Made by Kusama

In diesem Raum werden die ersten beiden Einzelausstellungen von Yayoi Kusama nachgebildet, die sie im März und Oktober 1952 im Ersten Gemeindezentrum in ihrer Heimatstadt Matsumoto realisierte. Wie bei allen ihren Ausstellungen war Kusama direkt an der Auswahl der Werke und der Gestaltung ihrer Präsentation beteiligt. Die Arbeiten wurden an Fäden befestigt und in zwei dichten Reihen auf einen dunkelbraunen Stoff gehängt. Die Befestigung erinnert an die des kakemono, ein hochformatiges, japanisches Rollbild.

Einige der in Matsumoto gezeigten Werke sind in Gropius Baus Retrospektive zu sehen. Ihre Wirbel- und Punktmuster bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Abstraktion und Figuration. Für diese Arbeiten auf Papier verwendete Kusama Tusche, Aquarell-, Tempera- und Pastellfarben. Die Werktitel beschreiben Flora und Fauna, wie zum Beispiel Tree, The Bud und The World of Insect. Kusama beobachtete und skizzierte Blumen und Tiere in der alpinen Landschaft von Nagano, was diese Zeichnungen beeinflusst haben wird.

Die Ausstellungen im März und Oktober waren sich so ähnlich, dass sie heute auf Fotos kaum noch zu unterscheiden sind. Doch Kusama zeigte in dieser zweiten Ausstellung deutlich mehr Werke, denn sie war getrieben von der Faszination, Betrachter* innen in eine Kusama-Welt eintauchen zu lassen – unsere Körper mit Kunst zu umhüllen. Sie wollte einen Raum schaffen, der über die Grenzen des Körpers und der Sprache hinausgeht. Wie sie erklärte: „Ich zeichne, weil ich mich nicht in Worten ausdrücken kann.”

In diesem Raum befinden sich zwei großformatige Fotografien. Eine zeigt Kusama in ihrem Elternhaus in einer von ihr entworfenen Bluse sitzend, umgeben von ihren frühen Aquarellen. Die andere Fotografie zeigt eine Installationsansicht ihrer ersten Ausstellung in Matsumoto.

Infinity Nets

Yayoi Kusama fing in den späten 1950er Jahren an, Infinity Net Gemälde zu malen. Sie haben eine unverkennbare Bildsprache, mit der die Vorstellung von Endlosigkeit dargestellt wird. Filigrane, sich wiederholende, halbkreisförmige Pinselstriche erzeugen Muster, welche die Leinwand vollständig bedecken und eine Ausdehnung ins Unendliche suggerieren. Die ersten Infinity Nets von 1958 sahen aus wie geisterhafte Monochrome, da weiße Ölfarbe auf einen schwarzen Malgrund aufgetragen wurde. Die Vorstellung von Unendlichkeit spielt in Kusamas Ästhetik und Denkweise bis heute eine grundlegende Rolle.

Die Technik und der Stil dieser Bilder weisen auf Kusamas Halluzinationen hin, die im Alter von ungefähr zehn Jahren einsetzten und seither nie aufgehört haben. Sie sah Lichtblitze und Punktfelder und spürte förmlich, wie diese Muster aus ihrem Geist in die sie umgebende Welt übergingen. Zu diesem Zeitpunkt begann sie sich für die Idee der Selbstauflösung zu interessieren – die Übergabe ihres Körpers an den sie umgebenden Raum.

Kusama beschrieb, wie ihr Malen in obsessiven Phasen ablief, geprägt von der Verschmelzung ihrer Haut mit Objekten: „Ich übersäte eine Leinwand mit Netzen und malte diese dann auch auf den Tisch, auf den Boden und schließlich auf meinen eigenen Körper. [...] Die Netze begannen sich ins Unendliche auszudehnen. Ich habe mich selbst vergessen, als sie mich umhüllten.”

Die großformatige Fotografie in diesem Raum zeigt Kusama im Jahr 1961, wie sie vor ihrem Infinity Net Gemälde in der New Yorker Stephen Radich Gallery steht. Mit einer Breite von zehn Metern bedeckte es die komplette Wand vom Boden bis zur Decke; es war so groß, dass ein Stück abgeschnitten werden musste, bevor es in den Raum passte.

Aggregation: One Thousand Boats Show, New York, 1963

Nachdem Yayoi Kusama 1958 nach New York gezogen war, plagten sie Geldsorgen und Visaprobleme, was zu Depressionen führte. Als sie ein Loft in der 53 East 19th Street bezog, lernte sie den Minimalisten Donald Judd (geb. 1928, Excelsior Springs, Missouri, gest. 1994, New York) kennen, mit dem sich eine enge Freundschaft entwickelte. Die Aggregation: One Thousand Boats Show war ihr erster immersiver Erlebnisraum, der in der Gertrude Stein Gallery in New Yorks Upper East Side präsentiert wurde und maßgeblich dazu beitrug, dass Kusamas Arbeiten bekannt wurden.

Die Galerieräume befanden sich im Erdgeschoss und die Besucher*innen traten durch einen schmalen, dunklen Korridor ein. Man kam in einen beleuchteten Raum mit schwarzen Wänden und einer schwarzen Decke, in dem sich ein großes Ruderboot mit Stoffphalli befand. An den Wänden hingen Plakate, die in reproduzierter Form das Bild des Boots wiedergaben.

Diese Arbeit ist ein frühes Beispiel von Kusamas akkumulativen Skulpturen (Accumulations), die Alltagsgegenstände mit phallischen Formen verbinden. Bestehend aus Stoff, der mit Baumwolle ausgestopft wurde, erinnern diese Formen auch an Korallen und Wurzelstrukturen von Pflanzen. Kusama sah in diesen die Möglichkeit ihre, wie sie beschrieb, „Angst vor Sex” auszudrücken, die auf ein Kindheitstrauma zurückführt: Sie war von ihrer Mutter aufgefordert worden, ihrem Vater nachzuspionieren und wurde so Zeugin seiner Affären.

Die großformatige Fotografie in diesem Raum zeigt Kusama, wie sie in dieser Ausstellung nackt auf dem Boot sitzt. Sie platzierte sich selbst in die Installation, um an Besucher*innen zu vermitteln, mit dem eigenen Körpern in die Kusama-Welt eintauchen zu können – wenn auch bekleidet.

Floor Show, New York, 1965

Made by Kusama

Floor Show eröffnete im November 1965 in der Castellane Gallery in New York. Die Ausstellung zeigte neben weiteren Arbeiten Phalli’s Field – Kusamas ersten Infinity Mirror Room. In Zusammenarbeit mit dem Architekten Allan Buchsman bedeckte sie die Wände eines etwa 25 Quadratmeter großen, oktogonalen Raums mit Spiegeln und erzielte so eine mis en abyme (eine Kopie eines Bildes in sich selbst) mit Spiegelungen in einer unendlich wiederkehrenden Sequenz.

Bei der Eröffnung waren die Besucher*innen dazu eingeladen, den Raum barfuß zu betreten und eine Auflösung der normalen Zeit und des Raumes zu erleben, indem sie den Weg in Richtung Unendlichkeit beschritten: Beim Betreten eines schmalen Pfades, der den Raum in zwei Teile trennte, verschwand der Boden unter Kusamas Accumulations – weiche, weiße, phallische Formen, übersät mit roten Punkten. Die Pressemitteilung der Galerie beschrieb die Arbeit als „ein fröhliches Märchenland organischer Auswüchse”.

Jeder Punkt stand für Kusamas Auffassung der Selbstauflösung. Sie wollte die Trennung von Mensch und Objekt aufheben, damit sie und das Publikum Teil des Werks wurden. Wie Kusama sagte: „Für Phalli’s Field wollte ich zeigen, dass ich eines der Elemente bin – einer der Punkte zwischen den Millionen von Punkten im Universum. Indem ich mich für diese Arbeit inmitten der unendlichen Polka Dots einbette, wird meine mentale Kraft als Polka Dot gestärkt.”

Die großformatige Fotografie in diesem Raum zeigt Kusama in einem roten Ganzkörperanzug, auf den Stoffphalli in dem Infinity Mirror Room liegend. In dieser Phase ihrer Karriere war sie enorm produktiv; ihre künstlerische Persona und Präsenz wurden zum Bestandteil jeder Ausstellung und Performance.

Driving Image Show, New York, 1964 & Mailand, 1966

Made by Kusama

Yayoi Kusamas Driving Image Show, ihre vierte Ausstellung in New York, wurde 1964 in der Castellane Gallery eröffnet. Mit ihren Accumulations und Makkaroni-Skulpturen schuf sie ein immersives Erlebnis. Nachdem Kusama zwei Jahre lang Stoffschläuche ausgestopft und genäht hatte, befestigte sie die Phalli an einen Sessel, ein Sofa, ein Ruderboot (von Aggregation: One Thousand Boats Show), an Stühle, eine Leiter sowie an Tische, Schuhe oder Schalen. Eine der Accumulations war sogar unter ein Bügeleisen gequetscht.

Die Gemälde an den Wänden bestanden aus Airmail Aufklebern und Eierkartons. Makkaroni-Nudeln quollen aus Kochtöpfen in den Raum. Bei der Eröffnung waren zwei bellende Hunde anwesend, die Makkaroni-Jacken trugen. Der surreale Erlebnisraum drückte aus, was Kusama als „Obsession mit Sex und Essen” beschrieb.

Auf einer großformatigen Fotografie in diesem Raum gibt Kusama vor, vom Tisch zu essen. Auf einer anderen ist das Ruderboot zu sehen. Das dritte zeigt Kusama 1966 in der Galleria d’Arte del Naviglio in Mailand.

Sie lebte von Ende 1965 bis Anfang 1966 in Mailand und wurde im Atelier des Künstlers Lucio Fontana (geb. 1899, Rosario, gest. 1968, Varese) aufgenommen, der als Begründer der Kunstbewegung Spatialism bekannt ist und zu Kusamas Förderern gehörte. Von seinem Atelier aus entwickelte sie Arbeiten für ihre Driving Image Show in der Galleria d’Arte del Naviglio 1966. Bemalte Schaufensterpuppen mit Infinity Nets standen in der Galerie neben Compulsion Furniture (ein Sessel mit phallischen Überständen) und mit Silber oder Gold besprühten Makkaroni-Kleidungsstücken. Auch eine Leiter und ein Koffer waren mit Infinity Nets bemalt.

Driving Image Show, Essen, 1966

Made by Kusama

Nach Italien war Essen die nächste Station von Yayoi Kusamas Europa-Tour. Ihre Driving Image Show wurde in der Galerie M. E. Thelen ausgestellt. Es war Kusamas erste Ausstellung in Deutschland, die sich wesentlich von der vorherigen in New York unterschied und hatte fünf Untertitel: Sex Obsession, Food Obsession, Compulsion Furniture, Repetitive Room und Macaroni Vision.

Drei Räume waren mit Teppichboden ausgelegt. Im Hintergrund lief der Beatles- Song „Michelle”, was die immersive Atmosphäre zusätzlich verstärkte. Zwei große Infinity Net Gemälde hingen an den Wänden und wurden durch rote, blaue und pinkfarbene Schaufensterpuppen ergänzt, die mit gelben und grünen Polka Dots übersät waren. Makkaroni bedeckten den Boden, einen Mantel, eine Jacke und eine Handtasche.

Der WDR (Westdeutscher Rundfunk) produzierte eine Dokumentation über die Ausstellung für das Fernsehen. Auf einer der großformatigen Fotografien ist Kusama mit dem Kamerateam zu sehen. Eine weitere Fotografie zeigt die Installationsansicht der Driving Image Show in Essen. Kusama nutzte die Raumwelt der Ausstellung als Bühnenbild für Performances, wobei ihr eigener Körper mit dieser verschmolz. Für Kusama war es der Akt der Selbstauflösung; man könnte es auch als Vorbote der heutigen Selfie-Kultur verstehen, die unsere individuelle Subjektivität in den Mittelpunkt stellt.

Die Ausstellung entstand aus der Verbindung Kusamas mit Udo Kultermann, dem damaligen Direktor des Museums Morsbroich, Leverkusen. Er hatte 1959 Rezensionen ihrer ersten Einzelausstellung in der New Yorker Brata Gallery gelesen und beeinflusste von da an den Verlauf ihrer Karriere in Europa.

Alles in Europa

Nachdem Yayoi Kusama bereits 1962 zur Teilnahme an sechs Gruppenausstellungen in den Niederlanden eingeladen worden war, reiste sie anlässlich der Eröffnung der Ausstellung Aspekte zeitgenössischer Erotik in der Internationale Galerij Orez in Den Haag, Niederlande, 1965 erstmals nach Europa. Eine der großformatigen Fotografien in diesem Raum zeigt Kusama zur Ausstellung mit einer Makkaroni-Handtasche. Sie war außerdem auf der Titelseite der Zeitschrift De Nieuwe Stijl abgebildet, die sich kritisch mit der Präsentation bei Orez auseinandersetzte und ihre Bekanntheit deutlich steigerte.

Kusamas Verbindung zu Europa trug in den 1960er Jahren entscheidend zur Entwicklung ihrer Karriere bei; sie stellte unter anderem in Essen, Gelsenkirchen, Mailand, Venedig, Turin, Stockholm, Bern und Rotterdam aus. Sie war in dieser Zeit an mehr Ausstellungen in Europa als in den Vereinigten Staaten beteiligt. In der Regel war sie in Gruppenausstellungen mit Vertreter*innen der Zero- und Nul-Bewegungen zu sehen, die sich für Raumwahrnehmungen und visuelle Illusionen interessierten. Aggregation: One Thousand Boats Show war Teil der Gruppenausstellung nul neunzehnhundertfünfundsechzig im Stedelijk Museum in Amsterdam und wurde dem Museum anschließend von Kusama geschenkt.

Auf Einladung des Künstlers Ferdinand Spindel (geb. 1913, Essen, gest. 1980, Neuenkirchen) zog Kusama im April 1966 in die Künstler*innensiedlung Halfmannshof in Gelsenkirchen. Hier hatte sie eine kleine Ausstellung, bereitete aber hauptsächlich ihre Schau in der Galerie M. E. Thelen in Essen vor.

In der Gruppenausstellung Kunstmesse Balans im Stedelijk Museum in Schiedam, Niederlande, präsentierte sie 1967 einige ihrer Accumulations, darunter acht Paar Schuhe, einige ihrer neuen Infinity Net Gemälde und ein mit Coca-Cola beladenes Tablett. Die weitere Fotografie in diesem Raum zeigt, wie Kusama vorgibt, aus einer der goldenen Flaschen in der Ausstellung zu trinken.

Narcissus Garden, Venedig Biennale, 1966

Im Jahr 1966 arbeitete Yayoi Kusama auch im Atelier von Lucio Fontana an ihrem Beitrag zur 33. Biennale von Venedig. Sie hatte keine offizielle Einladung erhalten, ihre Arbeit dort zu präsentieren, doch der Vorsitzende des Biennale-Komitees erteilte ihr die Erlaubnis. Sie installierte Narcissus Garden auf dem Rasen vor dem italienischen Pavillon. Fontana unterstützte Kusama bei der Herstellung ihres Werks mit sechshundert US-Dollar.

1500 silberne Spiegelkugeln bildeten zusammen ein reflektierendes Feld, wovon einige am Gropius Bau gezeigt werden. Die großformatige Fotografie in diesem Raum zeigt, wie Kusama eine der Kugeln in die Luft wirft. Der Titel der Arbeit verweist auf Narziss, der in der griechischen Mythologie sein Spiegelbild im Wasser einer Quelle sieht und sich darin verliebt; seine Selbstbesessenheit führt schließlich zu seinem Tod. Kusamas Interesse an diesem Mythos war nicht morbide. Vielmehr ging es ihr darum, wie endloses Spiegeln zur Selbstauflösung und zur Verschmelzung des Körpers mit seiner Umgebung führen kann.

In einen goldschimmernden Kimono gekleidet, stand Kusama inmitten der Kugeln und verkaufte sie an Biennale-Besucher*innen für zwei US-Dollar pro Stück. Zusätzlich verteilte sie Flugblätter mit einem Text von Herbert Read über ihre Arbeit. Viele Künstler*innen übernahmen in dieser Zeit die Idee des Auflagenobjekts, um ein breiteres Käufer*innenspektrum zu erreichen und Kunst zugänglich zu machen. Das Büro der Biennale untersagte Kusama jedoch die Weiterführung der Geschäfte und verglich ihre Aktivität mit dem „Verkauf von Eiscreme”.

1993 erhielt Kusama eine offizielle Einladung, den japanischen Pavillon auf der Biennale von Venedig zu bespielen, der von Akira Tatehata kuratiert wurde.

Kusama’s Peep Show or Endless Love Show, New York, 1966

Made by Kusama

Yayoi Kusamas Ausstellung in der Castellane Gallery 1966 hatte zwei alternative Titel, die zu einem wurden: Kusama’s Peep Show or Endless Love Show. Sie präsentierte einen hexagonalen Infinity Mirror Room, den die Besucher*innen erleben konnten, indem sie durch zwei Fenster auf gegenüberliegenden Seiten des Raumes hineinsschauten. Die Künstlerin schrieb mit Weiß ihre Signatur auf die in Schwarz gestrichene Konstruktion – in diesem Raum zu sehen auf einer der großformatigen Fotografien.

Im Inneren schuf Kusama eine psychedelische, hypnotisierende Welt. Am Boden und an den Wänden waren Spiegel installiert, an der Decke blinkende Lichter in Gelb, Grün, Blau und Rot. Diese beschleunigten sich kontinuierlich in neun Zyklen und bildeten insgesamt 17 verschiedene Muster, die an eine unendliche Bienenwaben-Struktur erinnerten, während im Hintergrund Musik der Beatles lief.

Der Kunstkritiker Peter Schjeldahl schilderte für die Zeitschrift ARTnews sein Erlebnis als „ein tiefenloses, schwindendes Lichtermeer – in der weitesten Ferne eine schimmernde Milchstraße – und dazu tausend oder mehr Spiegelungen des eigenen Gesichts und des Gesichts der Person am anderen Guckloch.”

Kusama verteilte bei der Ausstellungseröffnung Ansteckknöpfe mit dem Slogan Love Forever. Eine weitere großformatige Fotografie in diesem Raum zeigt die scheinbar mit dem Raum verschmelzende Künstlerin, die einen roten Ganzkörperanzug trägt. Kusama beschrieb ihr Interesse an der Selbstauflösung folgendermaßen: „Dies war die Materialisierung eines Rauschzustandes, den ich selbst erlebt hatte und in dem mein Geist davongetragen wurde, um auf der Schwelle zwischen Leben und Tod zu wandern.”

Kusama’s Self-Obliteration: Performance und Film

Für ihre Performances und Filme erforschte Yayoi Kusama die Grenze zwischen Kunst und Leben. Ein frühes Happening fand 1966 auf dem Bürgersteig vor ihrem Loft in der 14th Street in New York statt. Schwarz gekleidet, ihr Haar zu einem Zopf geflochten, lag sie auf einem Teil ihres Accumulations Objekts Phalli’s Field.

Ein Jahr später entstand der psychedelische 16-mm-Film, Kusama’s Self-Obliteration, den sie mit dem Künstler Jud Yalkut produzierte. Hierin zeigte sich die Künstlerin in einem traumähnlichen Zustand mit ihrer Umgebung verschmolzen. In einer Szene klebt sie Polka Dots auf ein Pferd und reitet davon, in einer anderen versinkt sie zwischen Seerosen und bemalt die Wasseroberfläche mit sich auflösenden Punkten.

Ab 1967 gestaltete Kusama psychedelische, audiovisuelle Lichtshows in Underground-Klubs und veranstaltete sogenannte Naked Body Festivals und Orgy Parties auf öffentlichen Plätzen in New York. Sie löste eine öffentliche Kontroverse aus, indem sie nackte Körper mit Polka Dots bemalte, wie es die Filme Love-In Festival (1969) und Flower Orgy (1968) veranschaulichen.

Die 1960er Jahre waren eine Zeit des politischen Wandels in den Vereinigten Staaten: Homosexualität wurde 1961 entkriminalisiert, drei Jahre später erklärte der Civil Rights Act die Rassentrennung für illegal. Kusama hatte eine beständige Anti-Kriegs-Haltung. Ihre Happenings entwickelten eine politische Dimension, in deren Rahmen sie an Protesten gegen den Vietnamkrieg teilnahm. Anlässlich einer Performance schrieb sie sogar einen Brief an den Politiker Richard Nixon, in dem es hieß: „Wir wollen uns selbst vergessen, liebster Richard, und eins werden mit dem Absoluten [...] und schließlich die nackte Wahrheit entdecken: Gewalt lässt sich nicht ausrotten, indem man mehr Gewalt anwendet.”

Love Room, Den Haag, 1967

Made by Kusama

1967 präsentierte Yayoi Kusama ihre zweite Einzelausstellung Love Room in der Internationale Galerij Orez in Den Haag, Niederlande. Es war das erste Mal, dass sie einen ganzen Raum mit verschiedenfarbigen Polka Dots übersäte. Im Mittelpunkt standen fünf Schaufensterpuppen (drei rote, eine gelbe und eine grüne), die mit fluoreszierender Farbe und unterschiedlich großen Polka Dots überzogen waren.

Im Raum befand sich neben den Punkten, die sämtliche Oberflächen der Wände, des Bodens und der Objekte bedeckten, auch ein Tisch mit Farbdosen und Pinseln. Beim Betreten wurden die Besucher*innen in ein ultraviolettes Licht getaucht, das die Punkte erleuchtete und sie scheinbar schweben ließ.

Im Rahmen der Eröffnung fand ihr Happening im Student*innenzentrum Sociëteit Novum in Delft mit Personen aus der Kunstwelt statt, darunter Museumsdirektoren*innen, Kritiker*innen und Künstler*innen. Sie zogen sich aus und bemalten sich bei experimenteller Musik gegenseitig mit Punkten. Um 5 Uhr morgens löste die Polizei die Veranstaltung auf. Nur zwei Wochen später veranstaltete Kusama eine sogenannte Naked Demonstration im Stedelijk Museum in Schiedam, was den Direktor Hans Paalman fast seine Stelle kostete. Kusama organisierte auch klein angelegte Body Festivals auf dem Flight to Lowlands Paradise Festival in Utrecht und im Bird’s Club in Amsterdam.

Die großformatige Fotografie in diesem Raum zeigt Kusama, wie sie die Schaufensterpuppen nachahmt und ihren Körper auf diese Weise in einem Akt der Selbstauflösung mit der Umgebung vereint. Sie sagte: „Wenn wir die Natur und unsere Körper mit Polka Dots auflösen, werden wir Teil der Einheit unserer Umgebung; ich werde Teil des Ewigen und wir lösen uns selbst in Liebe auf.”

Kusamas Mode

Mit der Absicht, auch außerhalb des Kunstmarktes zu arbeiten sowie einem Interesse an Kleidung seit einem jungen Alter, begann Yayoi Kusama Mode zu entwerfen. Ihre Entwürfe waren eng mit ihrer künstlerischen Arbeit verknüpft und wurden von den kulturellen Einflüssen der Zeit geprägt, unter anderem von der Hippie-Bewegung. Die großformative Fotografie in diesem Raum zeigt Kusama umgeben von Models in ihrem New Yorker Modeinstitut.

Bereits 1962 verwandelte Kusama gefundene Kleidungsstücke, indem sie Hemden, Mäntel und Handtaschen mit Makkaroni versah und diese mit Gold oder Silber besprühte. Später verzierte sie auch Kleider mit Stoffphalli. Ab Mitte der 1960er Jahre professionalisierte sie ihr Modeatelier und strebte eine internationale Expansion an. 1969 wurden ihre Entwürfe in vierhundert Geschäften in New York verkauft, darunter im Alexander’s und Bloomingdale’s.

Kusamas Modeentwürfe waren mit der persönlichen, sozialen und politischen Befreiung verbunden, die sie in ihren Happenings darstellte. Sie schnitt punktförmige Löcher in ihre See Through Dresses und verwendete lichtdurchlässige Materialien, um das Nacktsein zu betonen. In Anlehnung an ihre Accumulations entwickelte sie eine Serie von Phallus-Kleidern aus Stoff. Untitled (Dress) (ca. 1968) ist ein ikonisches Beispiel: eine Tunika wurde mit Stoffphalli versehen und pink besprüht. Kusama trug dieses regelmäßig zu ihren Happenings.

Das 1968 entworfene Orgy Dress erlaubte es mehreren Personen, gemeinsam ein Kleid zu tragen. Das maschinengenähte Kleid in leuchtenden Farben und mit gepunkteten oder floralen Mustern konnte von zwei bis 25 Personen getragen werden. John Lennon und Yoko Ono wurden sogar zusammen in einem Kleid fotografiert.

Rückkehr nach Japan

1970 kehrte Yayoi Kusama erstmals nach Jahren in den Vereinigten Staaten und Europa für zwei Monate nach Japan zurück. Sie beabsichtigte, die sexuelle Revolution nach Japan zu bringen und wollte auf der Expo ’70 in Osaka ein Naked Happening veranstalten. Geplant waren ein „Nackt-Panorama” vor dem Parlamentsgebäude in Tokio und eine „Homo-Parade” auf der Weltausstellung. Bei dem Versuch ihrer Realisierung wurde Kusama am 13. März 1970 aufs Polizeipräsidium abgeführt und wiederholt von den japanischen Behörden davon abgehalten, Happenings durchzuführen.

Nachdem sich Kusamas Gesundheitszustand zu verschlechtern begann, zog sie 1973 dauerhaft nach Japan zurück in dem Glauben, dass es dort zu dieser Zeit interessanter und friedlicher war. Die halluzinatorischen Episoden, die sie als Kind erlebt hatte, traten immer wieder auf und ihre psychischen Zusammenbrüche wurden regelmäßiger. 1977 beschloss Kusama dauerhaft in einer psychiatrischen Klinik in Tokio zu leben, wo sie, sowie in ihrem Studio, bis heute künstlerisch tätig ist.

Kusamas Ästhetik und psychologischer Zustand umkreisen Themen wie Wiederholung, Fragmentierung, Obsession und Selbstauflösung. Dies definiert ihre einzigartige künstlerische Sensibilität, was sich zurückführen lässt auf die „Generation nach Hiroshima” nach der Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki 1945 durch die USA, wie vom japanischen Kritiker Tono Yoshiaki beschrieben.

Ihre erste Einzelausstellung nach der Abreise aus den Vereinigten Staaten fand 1975 in der Nishimura Gallery in Tokio statt. Während dieser Phase erweiterte sie ihr Interesse für Literatur und veröffentlichte 1978 ihren autobiografischen Roman Manhattan Suicide Addict über ihr Leben im New York der 1960er Jahre. Von 1984 bis in die späten 1990er Jahre erschienen zwanzig Romane und Kurzgeschichten sowie zwei Gedichtbände.

Encounter of Souls, Jardin de Luseine, Tokio, 1983

Made by Kusama

Zehn Jahre nach ihrer Rückkehr nach Japan präsentierte Yayoi Kusama 1983 Encounter of Souls im Jardin de Luseine in Tokio. Das damalige Kulturzentrum hatte eine unverwechselbare Art-Déco- und Jugendstil-Inneneinrichtung. Die Künstlerin realisierte die Ausstellung im gesamten Gebäude und zeigte ihre Kunst auf Tischen, Schränken, Kaminen, dem Klavier und bedeckte die Treppenhäuser mit Stoffen.

Kusama nutzte ihr gesamtes visuelles Repertoire: ihre Infinity Nets, Polka Dots und Kürbisse – die mittlerweile zu ihren charakteristischen Motiven geworden waren – sowie ihre Accumulations und Phalli. Sie organisierte eine Diashow mit Schwarz-Weiß-Fotografien ihrer Happenings, die nicht in der Ausstellung gezeigt werden konnten und lud den Fotografen Shigeo Anzai zum Gespräch ein.

Obwohl Kusama unterschiedliche Materialien in ihren Werken verwendete, waren Handschuhe ein wiederkehrendes Merkmal – auch in dieser Schau. Sie bezeichnete diese als „Protuberanzen”, was auf ihre Sex-Obsessionen hinwies. In den Arbeiten geht es um Berührung: eine Unmenge von Händen, die sowohl intime Beziehung suggerieren als auch einen Albtraum. Mit dieser Schau wollte Kusama zeigen, wie es wäre, in einer vollkommenen Kusama-Welt zu leben. Sie sagte: „Werden Sie eins mit der Ewigkeit. Löschen Sie Ihre Persönlichkeit aus. Werden Sie Teil ihrer Umgebung. Vergessen Sie sich selbst.”

Die Fotografien im nächsten Raum zeigen Installationsaufnahmen von Kusama beim Vorbereiten ihrer Ausstellung.

Rückkehr zur Malerei

Yayoi Kusama fand in den 1980er Jahren wieder mehr Anerkennung, nachdem ihr anfänglicher Erfolg in den 1970er Jahren nachgelassen hatte. Als Künstlerin verstand sie im Zuge des Globalismus, sich ein Netzwerk in der Kunstwelt aufzubauen, um so auf internationaler Ebene sichtbar zu werden. Ihre Arbeiten wurden in den 1990er Jahren immer spektakulärer und begannen, um die ganze Welt zu touren. Sie erklärte: „Die Zeit schenkt mir endlich einen wohlwollenden Blick. Doch das spielt kaum eine Rolle, denn ich stürze mich in die Zukunft.”

Bereits in den frühen 1980er Jahren kehrte Kusama zur Malerei zurück und verband leuchtende Farben mit unverkennbaren Formen. Indem sie ihr eigenes Werk als Sammlung zusammenführte, schuf sie anhand der Variationen vieler verschiedener Netze, Punkte, biomorpher Formen und Phalli sich wiederholender Muster. Die Gemälde aus dieser Zeit sind optisch überwältigend und weisen eine durch Acrylfarben erzielte Flachheit und Gedämpftheit auf – ein Markenzeichen von Kusama. Sie verwendete auch mehrere Leinwände, Polyptychen, die ganze Räume füllten.

Die Fuji Television Gallery in Tokio vertrat Kusama ab 1982. Mit ihrem sich festigenden Ansehen fand 1987 ihre erste Retrospektive im Kitakyushu Municipal Museum of Art in Fukuoka statt. In den Medien wurde ausführlich über die Ausstellung berichtet, unter anderem von Fuji Television, NHK und TV Tokyo, die alle Kusamas Werk positiv bewerteten.

Zwei Jahre später wurde ihre erste Retrospektive in den Vereinigten Staaten im Center for International Contemporary Arts in New York eröffnet. Parallel dazu war sie die erste japanische Künstlerin, die auf dem Cover von Art in America abgebildet war.

Über die Grenzen hinaus

Für die Infinity Net Gemälde der 1960er Jahre nutzte Yayoi Kusama Ölfarbe, während sie in den 1980er und 1990er Jahren hauptsächlich Acrylfarbe verwendete. Die Netzstrukturen der frühen Arbeiten wurden durch scharfkantigere und lebhaft gemusterte Bilder erweitert, die in ihrer Form weniger abstrakt wirken. Punkte, Netze und Phalli ähneln auch Formen aus der Natur, wie beispielsweise Blasen, Blätter oder Ranken. Sie bilden ihr eigenes Ökosystem.

Die kühnen Motive tauchten zunehmend in Kusamas Modestücken der 2000er Jahre auf und ließen die Grenze zwischen ihren unterschiedlichen Medien verschwimmen. Eine großformative Fotografie in diesem Raum zeigt Kusama in einem Kleid vor einem Gemälde mit identischem Motiv.

Ihre Accumulations wurden immer anspruchsvoller und fingen an, wie surreale, psychedelische Pflanzen auszusehen: Handgenähte Phalli entspringen aus Stoffstängeln und bersten in eine weiche Blütenstaubmasse. Kusama betonte, dass diese Bilder aus den Tiefen ihres Geists kommen: „Es entspringt [...] dem sich wiederholenden Bild in mir. Wenn man diesem Bild Freiheit gibt, wächst es über die Grenzen von Zeit und Raum hinaus.”

Nachdem Kusama in den 1960er Jahren viele ihrer kleineren Accumulations mit Silber- und Goldfarbe besprüht hatte, weitete sie ihre Vision in Objekten wie Dressing Table (1990) aus. Aus allen Oberflächen der silberglänzenden Arbeit treten Phalli hervor. Nur der Spiegel bleibt unbedeckt; in ihm wird das Abbild des*der Betrachter*in eingefangen und somit zu einem Teil von Kusamas Welt. Die zweite großformative Fotografie in diesem Raum zeigt Kusama beim Blick in eben diesen Spiegel.

Love Forever

Die Serie Love Forever besteht aus fünfzig großformatigen Leinwänden, von denen 37 im Gropius Bau präsentiert werden. Yayoi Kusama fertigte diese Arbeiten zwischen 2004 und 2007. Als zusammengehörige Gruppe zeichnen sie sich durch ihre zweidimensionale Flachheit aus, die sich wie ein monochromes Leinwand-Feld zwischen Abstraktion und Figuration bewegt.

Diese Schwarz-Weiß-Zeichnungen werden mit Filzstift angefertigt, wobei die endgültige Arbeit im Siebdruckverfahren aufgedruckt wird. Durch die Wiederholung der Motive werden die Leinwände regelrecht von verschieden großen Punkten und Kringeln verschlungen. Große schwarze Pupillen unzähliger Augen starren den*die Betrachter*in an; immer wieder wird das Profil einer Person angedeutet. Man könnte sie auch als Landschaften verstehen, als kleine Häuser in dichten Reihen oder Meereswellen, die ans Ufer schwappen.

Diese Arbeiten sind Fenster, die Einblicke in Kusamas Welt gewähren. Es sind Formen, die sie imaginiert und Halluzinationen, die sie seit vielen Jahren durchlebt. Ihre Punktfelder und Netze wie auch ihre großflächigen Erlebnisräume sind das Resultat dieser Visionen. Kusama stellt Fragen wie: „Existieren unendliche Unendlichkeiten jenseits unseres Universums?” Mit dieser Serie scheint sie bewusst zu hinterfragen, wo wir beginnen und wo unsere Umgebung endet.

Kusamas Wiederholung von Mustern ist das Kernelement ihres Schaffens und ein Versuch, ihren eigenen geistigen Obsessionen zu entfliehen. Mit der Entscheidung, ihre Vorstellung von Angst zu malen, versucht sie, diese durch Selbstauflösung zu neutralisieren: „Ich male sie in großen Mengen, dadurch versuche ich zu entkommen.” Möglicherweise ist dies ihre Rettung.

Infinity Mirror Room – The Eternally Infinite Light of the Universe Illuminating the Quest for Truth

Seit mehr als 50 Jahren konzipiert Kusama Infinity Mirror Rooms, die den*die Betrachter*in vollständig in eine Kusama-Welt eintauchen lassen. Dieser neue Infinity Mirror Room besteht aus Lichtquellen mit blinkenden LEDs und verspiegelten Kugeln, die sowohl den Raum als auch den*die Betrachter*in beleuchten. Wie die Künstlerin einmal beschrieb, schafft sie „einen Kunst-Tsunami, der die ganze Welt verschlingen könnte.”

Kusamas erster Infinity Mirror Room war Phalli’s Field, den sie 1965 für die Ausstellung Floor Show in der Castellane Gallery schuf. Diese Arbeit wird hier im Gropius Bau gezeigt und erzeugt Reflexionen in einer unendlich wiederkehrenden Sequenz. 1966 präsentierte Kusama einen hexagonalen Infinity Mirror Room für eine weitere Ausstellung in der Castellane Gallery unter dem Titel Kusama’s Peep Show or Endless Love Show. Auch diese Installation ist hier im Gropius Bau zu sehen. Die Betrachter*innen können das Werk erleben, indem sie durch zwei Fenster in den Raum hineinsschauen.

Kusamas Interesse, die Betrachter*innen in ihre Arbeiten einzubeziehen, geht weit über ihre Installationen hinaus. Die rasterartige Hängung ihrer Gemäldeserien Love Forever und My Eternal Soul bilden einen unendlichen Raum, bestehend aus Muster, Form und Farbe.

Mit ihrem neuen Infinity Mirror Room führt Kusama die Idee der Selbstauflösung weiter fort – das Individuum verschmilzt mit dem weiten Universum. Dabei hat sie die Absicht, den Körper auf eine Art und Weise zu umhüllen, die der heutigen Faszination für die virtuelle Realität entspricht. Für Kusama ist die Unendlichkeit ein hypnotischer kosmischer Raum, der größer ist als jedes Individuum und in dem sich die Besucher*innen individuell auflösen können.

My Eternal Soul

Von ihrem unverkennbaren Stil der Netze und Punkte ausgehend, begann Yayoi Kusama 2009 mit der Arbeit an My Eternal Soul – eine bis heute andauernde Serie von Gemälden, die mit Acryl auf Leinwand gemalt werden. Pulsierende Farben umranden halbfigürliche, biomorphe Formen, die sowohl Hieroglyphen als auch Pflanzen oder Phalli sein könnten. Amöben treffen auf gezackte Zähne, Augen wiederholen sich in Gesichtern im Profil, dunkle Kreise schweben im amorphen Raum und alles deutet auf Tod und Unfruchtbarkeit hin, aber auch Leben, Freude und das unbekannte Jenseits.

Indem Kusama ihre Leinwände flach auf einen Tisch legt und nah an der Oberfläche arbeitet, bemalt sie den Bildträger zunächst nur mit einer Farbe, um anschließend mit diversen Pinseln oder einem schwarzen Marker ihre obsessiven Muster zu malen. Ursprünglich sollte die Serie hundert Arbeiten umfassen, doch inzwischen sind es weit über siebenhundert. Kusamas täglicher Schaffensprozess scheint kein Ende zu nehmen. Im Gropius Bau sind 62 Werke der Serie ausgestellt. Und sie hat nicht vor, ihren täglichen Schaffensprozess zu beenden, der in der Regel ein bis mehrere Tage andauert.

Kusama ist stets daran interessiert, ein immersives Erlebnis für ihr Publikum zu schaffen und präsentiert die Gemälde in Rastern, so dass sich die Bildkanten knapp berühren und das Auge des*der Betrachter*in sich über das Feld bewegen kann. Dies gibt unserem Körper das Gefühl, in einem unendlichen Farb- und Bewegungsraum zu sein.

Kusamas Werk ist ein in sich geschlossener Kreis. Der einzige Unterschied zu den Anfängen ihrer Karriere, als sie 1952 inmitten ihrer Werke in Matsumoto fotografiert wurde, liegt in der Inszenierung dieses Moments für die Kamera. Heute taucht der*die Betrachter*in unweigerlich kopfüber in ein alles verschlingendes Kusama-Universum, in dem die äußere Welt ihre innere Welt vollständig widerspiegelt.

Impressum Audioguide

Sprecherin deutsche Texte: Sithembile Menck
Sprecherin englische Texte: Ruth Rosenfeld
Aufnahme: Matthias Hartenberger
Mischung: Felix Petzold
Projektleitung: Louisa Elderton, Clara Meister
Assistenz: Lennart Salek Nejad, Luis Kürschner