“I Wanted to Start a Revolution”

Stephanie Rosenthal beantwortet 5 Fragen zu Yayoi Kusamas Retrospektive im Gropius Bau

Die Direktorin des Gropius Bau und Kuratorin der umfangreichen Einzelausstellung Yayoi Kusama: Eine Retrospektive beschreibt hier ihr tiefgehendes Interesse an den bahnbrechenden Interventionen der japanischen Künstlerin und verdeutlicht die Relevanz ihrer Tätigkeit – die Performance, Happenings, Malerei, Mode und Aktivismus umfasst – in der heutigen Kunstwelt. Im Rahmen der intensiven Ausstellungsvorbereitungen und -recherchen traf Rosenthal die Künstlerin und ihr Team mehrfach in Tokio und gibt nun Einblicke in ihre persönliche Verbindung zu Kusamas Œuvre

Yayoi Kusama, Kusama mit Skulpturen in ihrem Studio, New York, 1963

Yayoi Kusama mit Skulpturen in ihrem Studio, New York, 1963, Fotocollage © YAYOI KUSAMA

Sonja Borstner: Wer ist Yayoi Kusama und was zeichnet sie als Künstlerin aus?

Stephanie Rosenthal: Yayoi Kusama ist eine japanische Künstlerin, die seit den 1960er-Jahren an internationaler Bedeutung gewonnen hat und heute eine der bekanntesten Künstlerinnen weltweit ist. Als Frau, primär in der Performancekunst, war sie mit ihrem innovativen Schaffen federführend, nicht nur im New York der 1960er-Jahre, sondern auch in Europa. Ihre künstlerische Position zeichnet sich durch revolutionäre Interventionen aus, die von dem Wunsch einer vollkommenen Vereinigung von Körper und Kunstwerk, aber auch einer Neudefinition der Rolle der Frau in der Kunst getragen wurden. In ihren Werken nutzt sie ihren eigenen Körper als eine Art Platzhalter für Betrachtende. Dies lässt sich auch als Antizipation der Selfiekultur lesen – des Strebens danach, selbst im Bild zu sein. Vorrangig geht es ihr jedoch um eine Art Emotionalisierung und Verschmelzung des Selbst mit Kunst. Es ist ein Ansatz, der es auch den Betrachtenden ermöglichen soll, sich immersiv einzufühlen. Aus diesem Blickwinkel kann sie als eine Vorläuferin des Sich-Selbst-Integrierens angesehen werden, das heutzutage besonders auf Social-Media-Plattformen praktiziert wird.

SB: Wie ist die Idee zur Ausstellung Yayoi Kusama: Eine Retrospektive ursprünglich entstanden?

SR: Als ich 2018 die Leitung des Gropius Bau übernommen habe, stellten wir fest, dass es noch nie eine große Retrospektive von Yayoi Kusama in Deutschland gegeben hat. Dabei ist sie eine Künstlerin, die auch aus der europäischen und vor allem aus der deutschen Perspektive betrachtet werden sollte. Besonders über den Einfluss ihrer Zeit in Deutschland gab es bisher keine große Forschung – und genau da setzen wir mit unserer Ausstellung an. Wir haben sehr intensive, akademische Recherche betrieben, die die umfassende Ausstellungskonzeption begleitet, und denken, dass die Thematik über ein Nischenpublikum hinaus für viele Besucher*innen ansprechend sein wird.

Stephanie Rosenthal, Porträt, 2020. Foto: Victoria Tomaschko

SB: Der forschende Aspekt der Ausstellung spiegelt sich auch in der umfangreichen Publikation wider. Können Sie mir berichten, was Leser*innen im begleitenden Katalog erwartet?

SR: Die Publikation ist die Vertiefung dessen, was die Ausstellung in den Fokus rückt. Zum einen zeichnet sich der Katalog durch eine Chronologie aus, die das Leben von Kusama veranschaulicht, zum anderen wird ein Schwerpunkt auf ihre künstlerische Aktivität in Deutschland und Europa gelegt. Die Tatsache, dass sie in den späten 1960er-Jahren in der europäischen Kunstwelt viel präsenter war als in der amerikanischen, wird hier genau unter die Lupe genommen. Das ist bisher so ausführlich noch in keinem Katalog dargelegt worden.

Des Weiteren werden die Rekonstruktionen von acht Ausstellungen aus den Jahren 1952 bis 1983 intensiver vorgestellt, die das Verhältnis der Künstlerin zu ihren Arbeiten verdeutlichen. Wir haben originale Ausstellungsgrundrisse aufwendig reproduziert, um die Präsentationen nicht nur genau nachvollziehen und nachbilden zu können, sondern auch zu verstehen, wie Kusama ihre eigenen Arbeiten in Ausstellungsräumen selbst installierte. So haben wir uns zum Beispiel in Anlehnung an die Herangehensweise der Künstlerin dazu entschieden, keine Angst davor zu haben, eine Vielzahl an Arbeiten aus unterschiedlichen Medien und Farbkombinationen in einem Raum zu kombinieren. So hat es Kusama schließlich auch selbst praktiziert.

In der aufwendigen Ausstellungsproduktion haben viele unterschiedliche Personen mitgewirkt. Zum Beispiel hat das Architekturbüro Andreas Lechthaler Architecture einen zentralen Beitrag zur Recherche der Rekonstruktionen beigetragen. Mit ihrer Hilfe war es möglich, detaillierte Grundrisse der Ausstellung zu erstellen, die auch im Katalog abgedruckt werden konnten. Andreas Lechthaler war dafür mit in Tokio, hat Kusama mit mir gemeinsam kennengelernt, Fotos sowie Grundrisse studiert und Zeichnungen angefertigt. Die originalen Ausstellungen gibt es ja als statische Installation nicht mehr und viele ursprüngliche Ausstellungsräume sind heute zum Teil vollkommen umgebaut. Es braucht ein ausgeprägtes architektonisches Verständnis, um sie rekonstruieren zu können. Die Ausstellungsarchitektur will also den besten Raum für die Werke der Künstlerin herstellen und weniger eine eigene Sprache der Architekt*innen einführen.

Yayoi Kusama, Ein Retrospektive, Ausstellungskatalog, Berlin: Prestel, 2021

Eine ganz persönliche Bindung habe ich zu Kusamas wunderschönen Gemälden und Papierzeichnungen, die sie in Matsumoto um 1958 fertigte.
Stephanie Rosenthal, 2021

SB: Sie haben das Kusama Studio während der Vorbereitungen für die Ausstellung mehrfach in Tokio besucht. Wie und wo fand das erste persönliche Treffen mit der Künstlerin statt?

SR: Kusamas Studio wird von mehreren Mitarbeiter*innen betreut, die dort zum Teil seit fast 30 Jahren tätig sind. Unterteilt in verschiedene Stockwerke, befindet sich in dem Studio neben der Produktionsstätte, in der man ihr Malstudio und eine Vielzahl von entstehenden Arbeiten und Kleiderkreationen sehen kann, auch ein Archiv, in dem ich die meiste Zeit verbracht habe. Dort konnte ich von persönlichen Fotos bis hin zu Installationsaufnahmen und Erinnerungsstücken, die von Kusama konzipiert wurden, eigentlich alles finden. Das Gefühl war ähnlich eines Besuchs bei Bekannten, die plötzlich ein Fotoalbum hervorziehen.

Kusama dann persönlich zu treffen, war sehr bewegend. Ich traf sie eines Nachmittags, an dem sie mich sehr herzlich mit dem Wort „Berlin“ und einer euphorischen Geste empfing. Es war spürbar, wie sehr sie sich freute und welche Wichtigkeit die Ausstellung für sie hat. Ich habe auch einen Einblick in ihre unglaubliche Produktion bekommen – sie zeigte mir vier oder fünf neue Gemälde – auf die sie sich zurzeit konzentriert. Diesen Aspekt reflektieren wir auch in der Ausstellung, indem wir ihr herausragendes Spätwerk der Öffentlichkeit vorstellen.

Yayoi Kusama, The Visual Beauty of a Flower’s Life Blossoming, 2020

Yayoi Kusama, The Visual Beauty of a Flower’s Life Blossoming, 2020, Series: My Eternal Soul, 2009–ongoing, Acryl auf Leinwand, 100 x 100 cm © YAYOI KUSAMA Courtesy: die Künstler*in, Ota Fine Arts, Victoria Miro and David Zwirner

SB: Können Sie ein Werk oder eine Serie in der Ausstellung nennen, das oder die Sie den Besucher*innen besonders ans Herz legen möchten?

SR: Eine ganz persönliche Bindung habe ich zu ihren wunderschönen Gemälden und Papierzeichnungen, die sie in Matsumoto um 1958 fertigte und die ich zum ersten Mal in den Depots in Japan gesehen habe. Auch freue ich mich sehr auf die eindrucksvolle neue Installation, A Bouquet of Love I Saw in the Universe (2021), die sie für unseren Lichthof entwickelt hat.
Zu ihren frühen Arbeiten habe ich persönlich aber den größten Bezug. Ich empfinde sie als sehr poetisch und es zeichnet sie eine Tiefe aus, die ich auch in ihren neuesten Produktionen wiederfinde. Damit schließt sich ein Kreis innerhalb der Ausstellung, und für mich auch innerhalb ihres Werkes.

Eine Fotografie von Kusama finde ich besonders spannend; sie stammt aus ihrer Zeit in Matsumoto als sie Anfang zwanzig war. Sie sitzt zwischen ihren Papierzeichnungen und trägt eine Bluse, die sie selbst entworfen hat. Hier lässt sich bereits der Ursprung ihrer Disziplinen übergreifenden Praxis erkennen, die Kunst, Performance, Mode und mehr beinhaltet – und wie Gestaltung und besonders sie selbst Teil ihrer Kunst wurde. Für mich ist das eine der schönsten Dokumentationen, weil man erkennt, dass diese Verschmelzung, das völlig Umschlossen-Sein, schon früh begonnen hat.

Yayoi Kusama in ihrem Studio, 1961

Yayoi Kusama in ihrem Studio, ca. 1961, New York © YAYOI KUSAMA

Zur Ausstellung:
Yayoi Kusamas (geb. 1929) Werk war in zahlreichen internationalen Ausstellungen vertreten, ihre Arbeiten wurden u. a. im Boston Institute of Contemporary Art (2020); Matsumoto City Museum, Nagano (2019); Fosun Foundation, Shanghai (2019); MUSEUM MACAN, Jakarta (2018), Queensland Art Gallery | Gallery of Modern Art, Brisbane (2017–2018); National Gallery Singapore (2017) Museum and Sculpture Garden, Washington D.C. (2017); Louisiana Museum of Modern Art, Humlebaek (2015); Fundacion Malba, Buenos Aires (2013); Whitney Museum of American Art, New York (2011–2012) und im Tate Modern, London (2011) gezeigt. 2017 wurde das Yayoi Kusama Museum in Tokio eröffnet. Die Retrospektive des Gropius Bau wird anschließend im Tel Aviv Museum of Art (Israel) zu sehen sein.

Yayoi Kusama: Eine Retrospektive wird von Stephanie Rosenthal, Direktorin des Gropius Bau, in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin und ihrem Studio in Tokio kuratiert. Die Ausstellung schöpft aus Yayoi Kusamas persönlichem Archiv, das Stephanie Rosenthal und ihr Ausstellungsteam persönlich besucht haben. Zusätzlich kollaborierte sie unter anderem mit dem Archiv des deutschen Kunsthistorikers Udo Kultermann, der die Karriere der Künstlerin in Europa maßgeblich prägte.