Das Bild als Quelle des Mutes: Der visuelle Aktivismus von Zanele Muholi

Von Natasha Ginwala

„Und doch schaffst du immer wieder Raum für kollektives Sein und kollektives Atmen. Du erzählst die Geschichte aus dem ‚Inneren des Kreises‘ (Saidiya Hartman). Du stellst dir vor und erfindest neu. Du visualisierst, und visualisierst von Neuem. Du wagst es. Es gehört so viel Mut dazu … zu sein, zu atmen, zu überleben.“

Letter III: The Archive Other/wise — Renée Mussai (1)

Comfort, 2003

Comfort, 2003
© Zanele Muholi, mit Genehmigung der Künstler*in und von Stevenson, Kapstadt/Johannesburg und Yancey Richardson, New York

In den tiefen Verflechtungen von Ästhetik und Politik, die sich durch Zanele Muholis visuellen Aktivismus ziehen, taucht immer wieder das Bild als Quelle des Mutes auf. Muholi lädt uns ein, denen zuzuhören, die leiden und sich freuen, eine „Verbundenheit“ zu kultivieren und uns auf radikale Weise vorzustellen, was es bedeutet, ohne Angst zu leben.

Im Jahr 2003 absolvierte Muholi eine Ausbildung am Market Photo Workshop, der von dem erfolgreichen südafrikanischen Fotografen David Goldblatt gegründet wurde. (2) Zu dieser Zeit arbeitete Muholi auch für das Online-Archiv und -Magazin Behind the Mask, das sich mit afrikanischen LGBTIQA+-Bewegungen, -Berichten und -Gemeinschaftsaktionen befasst, und war Mitbegründer*in der gemeinnützigen Organisation Forum for the Empowerment of Women (FEW), die sichere Orte für Schwarze lesbische, bisexuelle und trans Menschen schafft. Das Repertoire von Muholis visueller Arbeit war also nie von den unterschiedlichen Formen des Aktivismus getrennt. Von Anfang portraitierten Muholis Bilder die tiefe Intimität in gleichgeschlechtlichen Beziehungen, während sie gleichzeitig geschlechtsspezifische Gewalt und rassistische Dynamiken dokumentierten – insbesondere Hassverbrechen und Aussagen von Überlebenden, als Wege der Zeug*innenschaft. Zu Muholis erster Einzelausstellung in der Johannesburg Art Gallery mit dem Titel „Visual Sexuality“ gehörte die Serie Only Half the Picture (2002–06), die im Gropius Bau zu sehen sein wird. Diese Fotografien zeigen biografische und gemeinschaftliche Begegnungen. In dem frühen Selbstporträt Zol (2002) ist Muholis Gesicht teilweise von Rauch verhüllt, der Blick ist durchdringend direkt. Das Bild verweist bereits auf die Art und Weise, wie Muholi sich später vor dem Objektiv präsentiert, um die politische Agenda der „Rückgängigmachung von Formen der Ausgrenzung“ (3) voranzutreiben und vielfältige Geschichten vom Schwarzsein zu erzählen. Wie der Titel andeutet, beschäftigt sich Muholi mit denjenigen, die in den Chroniken der Mehrheitsgesellschaft ausgeklammert, ausgegrenzt oder ausgelöscht wurden, und mit der Frage, wie die Fotografie als queerer Akt das Feld der Repräsentation tiefgreifend verändert. Darüber hinaus überlagert Muholi visuelle Erzählungen von Schmerz, Trauma und Widerstand jenseits der rhetorischen Mittel von Opferschaft und Fallzahlen.

Zol, 2002

Zol, 2002
© Zanele Muholi, mit Genehmigung der Künstler*in und von Stevenson, Kapstadt/Johannesburg und Yancey Richardson, New York

Katlego Mashiloane and Nosipho Lavuta, Ext.2, Lakeside, Johannesburg, 2007

Katlego Mashiloane and Nosipho Lavuta, Ext.2, Lakeside, Johannesburg, 2007
© Zanele Muholi, mit Genehmigung der Künstler*in und von Stevenson, Kapstadt/Johannesburg und Yancey Richardson, New York

Auch wenn sie Körper, die die binäre Geschlechterordnung in Frage stellen, verletzlich machen, bekräftigen Muholis Fotografien die mutige Liebe zum eigenen Körper und verbergen nicht die Narben, Flecken und Makel, die die Ganzheit einer Person ausmachen. Diejenigen, die in Muholis Werk abgebildet sind, werden als „Teilnehmende“ bezeichnet, und einige von ihnen sind langjährige Weggefährt*innen von Muholi. Sie offenbaren Zuneigung, Stolz und Verspieltheit innerhalb der Schwarzen lesbischen und trans Gemeinschaften Südafrikas und darüber hinaus.

Muholis Serie Being (2006–heute/fortlaufend) erweitert die Darstellungen queerer Intimität in Momenten sexueller Freiheit und alltäglicher Formen von Care. Zusammen mit Geliebten und Freund*innen verweist Muholi in dieser in Privaträumen fotografierten Sequenz auf erweiterte Kreise der Verwandtschaft und Wahlverwandtschaft. Damit erkennt Being das Bedürfnis nach Schutz und Erholung durch gemeinschaftliche Liebe an, insbesondere für gender-nonkonforme Menschen, die unter dem Druck der heteronormativen Gesellschaft leben. Auf dem Bild Katlego Mashiloane and Nosipho Lavuta, Ext. 2, Lakeside, Johannesburg (2007), wenden sich zwei Frauen einander zu, um sich zu küssen. Sie strahlen – in dieser Erklärung ihrer gemeinsamen Liebe – und halten selbstbewusst und glücklich den gegenseitigen Blick. Im Gegenzug stellen sie den voyeuristischen Blick in Frage, der oft mit Scham und Spott verbunden ist. Muholis Fotografien zeigen so ein breites Spektrum von Vergnügen als Kraftquelle und Schwarzer Freude als dauerhaftem Teil des Widerstands.

Muholi, aufgewachsen in den Jahren der Apartheid, schildert im Dokumentarfilm Difficult Love (2010) die Geschichte dieses Aufwachsens und zeigt die Gefahren und Probleme, von denen die LGBTQIA+-Community in Südafrika umgeben ist, obwohl das Land die gleichgeschlechtliche Ehe 2006 legalisiert hat und ausdrücklich vor Diskriminierung aufgrund von Geschlecht und Sexualität schützt. Muholi destabilisiert eine Kultur des Schweigens, die vor allem in den Townships vorherrscht, verarbeitet gemeinsame Traumaerfahrungen und setzt sich mit dem häufig zitierten Mythos auseinander, dass Lesben „unafrikanisch“ (4) seien. Ein weiteres wichtiges Werk, in dem Muholi die Erinnerung und Selbstbehauptung in den Mittelpunkt stellt, ist Somnyama Ngonyama (2012–heute/fortlaufend). Es handelt sich um eine epische Serie von Selbstporträts, die an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt entstanden sind und mit Muholis Reisen, persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen in Bezug auf Racial Profiling und politische Ereignisse korrespondieren. Diese Fotografien sind Ausdruck eines Ortssinns, der sich im queeren Auf-dem-Weg-Sein und den wachsenden Gemeinschaften, die Muholi umgeben, manifestiert. Muholi arbeitet in den Bildern mit allgegenwärtigen Materialien, die auf Schemata von Authentizität, Trauer und Transformation verweisen. Mehrere Werke sind nach Muholis Mutter Bester benannt und stellen eine Hommage an die häusliche Arbeit und die matrilinearen Bindungen dar. Durch die Beschäftigung mit der Geschichte der Mutter, die über 42 Jahre als Hausangestellte für eine Buren-Familie gearbeitet hat, stellt Muholi die Darstellung von Diener*innenschaft in Frage und bewegt sich in den Bereich der Souveränität und Heilung. Mehrere Titel der Serie sind in isiZulu, Muholis erster Muttersprache, verfasst. Sie deuten darauf hin, dass die Muttersprache ein Raum des Verständnisses und des Trostes ist, um „sich daran zu erinnern, woher wir kommen“ und um „meinen Grad an Schwarzsein“ zu definieren, wie Muholi sagt. (5)

Amanda du Preez kommentiert: „Muholis Darstellungen von Frauen und Sex/Gender werden in der Tat zu ‚Material Girls‘, die ihre Stellung behaupten.“ Die Fotografien in Queering Public Space (2006–10) und Brave Beauties (2014–heute/fortlaufend) stellen Schwarze LGBTQIA+-Menschen in den Vordergrund, darunter Teilnehmer*innen von Schönheitswettbewerben, queere Idole und Drag Queens in historischen städtischen Räumen, in Arbeiter*innenvierteln und an Stränden, wie dem Durban Beach in der Nähe von Muholis Geburtsort Umlazi. In der ganzen Bandbreite und Pracht ihrer Verkleidungen zeigen sie eine herausfordernde Präsenz, legen ihre Ängste ab und werfen sich in Pose. Muholi komponiert Zonen der Zugehörigkeit, um die Tradition der sogenannten „Rassentrennung“ während der Apartheid und die Auslöschung abweichender Sexualitäten aus dem öffentlichen Raum in Frage zu stellen.

In einem Interview von Muholi mit Deborah Willis (7) kommt zur Sprache, dass Muholi erst sehr spät von der Existenz südafrikanischer Fotografinnen erfuhr – und welch großen Einfluss die Begegnung mit dem Buch Viewfinders: Black Women Photographers (1993) der afroamerikanischen Fotografin Jeanne Moutoussamy-Ashe hatte, das eine 146-jährige Geschichte Schwarzer Fotografinnen nachzeichnet. Moutoussamy-Ashe fotografierte Südafrika in den 1970er Jahren und dokumentierte dabei das Arbeitsleben von Bergarbeiter*innen und Pendler*innen sowie die Segregation im öffentlichen Raum. Muholi nimmt eine unverwechselbare Position in der Darstellung der anspruchsvollen Realitäten und Bestrebungen der gender-diversen Gemeinschaft ein. Die fortlaufende Serie Faces and Phases (2006–heute/fortlaufend) ist ein gewaltiges Unterfangen mit über fünfhundert Porträts, die Schwarze Lesben, trans Menschen und gender-nonkonforme Personen in verschiedenen Phasen ihres Lebens zeigen.

Yaya Mavundla, Parktown, Johannesburg, 2014

Yaya Mavundla, Parktown, Johannesburg, 2014
© Zanele Muholi
Mit Genehmigung der Künstler*in und von Stevenson, Kapstadt/Johannesburg und Yancey Richardson, New York

Debora Dlamin, Kwa Thema Community Hall, Springs, Johannesburg, 2011

Debora Dlamin, Kwa Thema Community Hall, Springs, Johannesburg, 2011
© Zanele Muholi, mit Genehmigung der Künstler*in und von Stevenson, Kapstadt/Johannesburg und Yancey Richardson, New York

Die frühe Geschichte der Porträtfotografie ist geprägt von kolonialer und rassistischer Gewalt, wobei die Kamera als Instrument der Unterdrückung und des Zwangs fungierte. Während der Apartheid wurde das Leben Schwarzer Menschen durch Identitätsdokumente überwacht, zu denen auch das Fahndungsfoto gehörte. Im Kontrast dazu macht es sich Muholi zur Aufgabe, eine visuelle Aufzeichnung und ein Gegenarchiv zu schaffen, das Freiheit, Würde und Gegenseitigkeit anerkennt. Muholi hat oft betont: „In der Fotografie geht es um Beziehungen“, und getreu diesem Motto sind in Faces and Phases langfristige Kooperationen und dauerhafte Freundschaften zu sehen, die in (Folge-)Porträts der Teilnehmenden nachgezeichnet werden.

Diese Ausstellung rückt die kollektiven Visionen in den Vordergrund, die für Muholis Lebenswerk als Community-Organisator*in, Aktivist*in und Mentor*in grundlegend sind. Sie zeigt gemeinschaftliche Aufzeichnungen von öffentlichen Ereignissen wie Pride-Märschen und -Protesten sowie von privaten Momenten wie queeren Hochzeiten und Beerdigungen. Diese Bilder schaffen eine andere Art des Wissens, des Bewahrens und Sehens in einem visuellen Archiv. Muholi beschreibt dieses visuelle Archiv als einen Ort, „an dem wir unser eigenes Narrativ hervorbringen, das über uns hinaus weiterlebt.“ (8) Die Fotografie zeigt sich als ein Prozess der Trauer, der Zusammenkunft und der Schaffung eines Zufluchtsortes für eine endgültige Freiheit des Selbst.

Endnoten

(1) “And yet you keep creating space for collective being, and collective breathing. You tell the story from ‘inside the circle’ (Saidiya Hartman). You imagine and reimagine. You visualise, and visualise again. You dare. It takes so much courage ... to be, to breathe, to survive.” Renée Mussai, „Letter III: The Archive Other/wise“ in Zanele Muholi, Hrsg. Sarah Allen und Yasufumi Nakamori, Tate Publishing, 2020, S. 56.
(2) „Zanele Muholi und Katarina Pierre: A Conversation“ in Zanele Muholi, Hrsg. Sarah Allen und Yasufumi Nakamori, Tate Publishing, 2020, S. 164.
(3) “undoing forms of exclusion” https://www.youtube.com/watch?v=7xO-o9x_XNM. Muholi im Interview für Paris Photo, 27. April 2020.
(4) “un-African“, Siyasanga M Tyali, „Art, media and gender based activism: A critical reflection on the University of South Africa (UNISA) colloquium on Zanele Muholi“, Agenda – Empowering women for gender equity, 28:4, S. 145-153, Routledge, 2014.
(5) “remember where we come from” / “my level of blackness.” Renée Mussai und Zanele Muholi im Gespräch über Be Your Own Muse anlässlich der Ausstellung Zanele Muholi: Somnyama Ngonyama, Hail The Dark Lioness im Spelman College Museum of Fine Art (14. September 2018 - 8. Dezember 2018) https://soundcloud.com/spelmanmuseum/zanele-muholi-and-renee-mussai.
(6) “Muholi’s depictions of women and sex/gender, indeed become ‘Material Girls’ who firmly stand their ground” Amanda du Preez, „'Material girls': Lingering in the presence of the material sublime“ in Critical Arts: A Journal of South-North Cultural Studies, 24(3), November 2010, S. 392-417.
(7) „Zanele Muholi and Katarina Pierre: A Conversation“ in Zanele Muholi, Hrsg. Sarah Allen und Yasufumi Nakamori, Tate Publishing, 2020, S. 164.
(8) “where we bring forth our own narratives, that lives [sic] on beyond us“ https://aestheticamagazine.com/intimate-portraiture/.