Die Ausstellungsansicht zeigt eine Dom-Struktur aus Lehm, in der sich ein Bildschirm befindet.

YOYI! Care, Repair, Heal, Tabita Rezaire & Amakaba: Farmers’ Wisdom | Singing Bee Garden | Cacao d’Amazonie | Jardin Bois de Rose | Terre Rouge, Installationsansicht, Gropius Bau (2022)

Foto: Laura Fiorio

Interview mit Stephanie Rosenthal für Museumsjournal

Von Anne Haun-Efremides

Begriffe wie Heilung und Fürsorge sind überall präsent, und dies nicht erst seit der Pandemie oder im Angesicht des Krieges in der Ukraine. Warum erscheint Ihnen dieses Thema als so dringlich in der Kunstwelt?
Die künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Thema ist nichts Neues. Kunst war schon immer nah am Leben. Ein Ansatz der Ausstellung YOYI! Care, Repair, Heal ist zu verdeutlichen, dass Künstler*innen in das soziale Gefüge eingreifen und gesellschaftliche Veränderungen nicht nur durch ihre Kunst, sondern auch durch ihre Aktionen bewirken. Das war schon für Allan Kaprow, den Erfinder des Happenings, ein großes Thema. Künstler*innen sind Visionär*innen. Sie sind maßgeblich daran beteiligt, die Art und Weise zu überdenken, wie wir uns zur Natur und zueinander verhalten. Fragen der Fürsorge und Gesundheit stehen dabei zwangsläufig im Vordergrund.

Warum?
Eine Hauptaufgabe des Kurators oder der Kuratorin ist Fürsorge – für die Künstler*innen und das Publikum. Hier kommt die Dringlichkeit von Vermittlung ins Spiel, ein Thema, das in Deutschland erst zunehmend an Bedeutung gewinnt, während es in anderen Ländern seit Langem etabliert ist. Wir haben ein Projekt ins Leben gerufen, das sich „Resonanzraum“ nennt und in Zusammenarbeit mit der Londoner Treuhandstiftung Wellcome Trust entstanden ist. Hier geht es um mentale Gesundheit und die Frage, wie diese mit der Kultur in Verbindung steht. In diesem Kontext ist auch unser Programm Ámà im vergangenen November entstanden.

Ámà war eine viertägige Veranstaltung zu den Themen Fürsorge, Reparatur und Heilung, mit Vorträgen über Meditation und Speed-Dating-Sessions bis hin zu Workshops, in der Sie der Frage nachgegangen sind, wie sich Fürsorge im Museum anfühlt. Welche Antworten haben Sie gefunden?
Ámà war bewusst breit aufgestellt, um vorbereitend zur Ausstellung den Abhängigkeiten und Verstrickungen von Systemen und Strukturen nachzugehen, sei es das Verhältnis von Institutionen und Menschen oder die historisch gewachsenen Barrieren, die über Sprache, Architektur und vieles mehr fortgesetzt werden. An vielen Stellen werden bereits Anstrengungen unternommen, Wege der Fürsorge und der Reparatur im weitesten Sinne zu finden und die – oft widersprüchlichen – Geschichten zu betrachten, die sie ausmachen. Hier stellt sich selbstverständlich die Frage, was fehlt, denn die Dinge sind ja miteinander verknüpft.

Das Foto zeigt den Ausstellungsraum, in dem eine Glasvitrine gefüllt mit unterschiedlichen Objekten steht, von dem ein großer Grammophon-Trichter wegführt.

YOYI! Care, Repair, Heal, Brook Andrew: GABAN, Anatomy of a Body Record: Beyond Tasmania, Installationsansicht, Gropius Bau (2022), Foto: Laura Fiorio

Die Kultur und die Kunst im Besonderen sind die ersten, die autoritären Systemen zum Opfer fallen. Ist der Anspruch auf Heilung durch Kunst nicht ein wenig naiv?
Zunächst sollte doch die Gegenfrage lauten: Wer formuliert den Anspruch auf Heilung und was ist damit gemeint? Dieses Bedürfnis nach Heilung ist für viele der künstlerischen Positionen ein Trugschluss. Sie zeigen auf, dass es keine Heilung gibt. Stattdessen begegnen wir dem Begriff im Kontext von ebenjenen Beziehungen, die wir im sogenannten globalen Norden anders aufbauen und führen sollten. Ich bin sehr beeinflusst von Donna Haraways Buch Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän und ihrer Idee des Kinship (Verwandtschaftsbeziehungen). Innerhalb der sozialen Organisation verweist Kinship auf die Beziehungen im Jetzt, im Vergangenen sowie im Kommenden, so verbindet es menschliche und mehralsmenschliche Gemeinschaften. Meiner Meinung nach sind Ausstellungen eine Art von Kinship, man findet also durch die Kunst im besten Fall eine Art von common ground unterschiedlichster Sparten und Bereiche, den man vielleicht sonst nicht erreichen würde.

Gibt es eine neue gesellschaftliche, genauer gesagt: fürsorgliche Verantwortung der Museen?
Der Ausgangspunkt für die Ausstellung war die Frage: Was bedeutet es eigentlich, Menschen willkommen zu heißen und diese Gastfreundlichkeit auszuweiten? Museen müssen auch Orte der Gemeinschaft sein. Gleichwohl wissen wir, dass in einer riesigen bürokratischen Institution wie dem Gropius Bau Fürsorge vor allem eine schöne Idee ist, man aber letztlich in Strukturen verhaftet bleibt, die es schwer machen, sie tatsächlich umzusetzen.

Auf ihrer Künstler*innenliste finden sich unter anderem Heiler*innen und Schaman*innen, deren Kunstschaffen sekundär ist. Können Sie uns einige Positionen vorstellen?
Das Projekt hat mit Kader Attia begonnen, mit dem ich eigentlich eine Einzelausstellung machen wollte. Für Attia steht der Begriff des Reparierens im Zentrum sowie das Sichtbarmachen von Narben und der Umgang mit Traumata. Als Co-Kurator präsentiert er in der Schau mit André Eugène und Reginald Sénatus (Redji), zwei haitianische Künstler, die Vertreter der sogenannten Atis Rezistans (Künstler*innen des Widerstands) sind – ein Kollektiv aus Port-au-Prince, das häufig mit recycelten Materialien als einer Form von Reparatur arbeitet.
Brook Andrew wurde von mir eingeladen, weil er die Indigene Community auf vielen Ebenen vertritt. Er ist ein Aboriginal-Künstler, der seit Jahrzehnten auch als Berater für große Sammlungen tätig ist. Für unsere Ausstellung hat er ein kritisches und dennoch sehr humoristisches Theaterstück geschrieben, das sich der Frage widmet, wie sich Objekte in einem Museum „fühlen“. Es geht zum Beispiel um die Veränderung der Aura von Objekten, wenn sie aus ihrem Kontext gerissen und ins Museum gebracht werden, oder die Frage, wer das Recht hat zu entscheiden, welche Objekte ins Museum gehören und welche nicht.

Eine Installationsansicht, auf welcher links ein großes, weißes Element mit neun bunten Rechtecken und rechts Fotos von einer Wiese mit Gräben zu sehen ist. Die Wände des Ausstellungsraumes sind mit einem schwarzen, gestrichenen Gitter versehen

YOYI! Care, Repair, Heal, Andrea Büttner: Grid | Untitled (Painted Ceiling) | Former plant beds from the plantation and “herb gardens,” used by the Nazis for biodynamic agricultural research, at the Dachau Concentration Camp | Karmel Dachau, Installationsansicht, Gropius Bau (2022), Foto: Laura Fiorio

Brook Andrew ist auch Teil Ihres kuratorischen Teams.
Als solcher hat er andere Indigene künstlerische Positionen eingeladen, beispielsweise Betty Muffler und Maringka Burton, die beide traditionelle Heilerinnen sind. In ihrer Malerei geht es tatsächlich um den Prozess des Heilens durch das Malen, und zwar das Heilen der eigenen Community. Spiritualität steht hier klar im Vordergrund.

Warum kuratieren Sie die Ausstellung im Kollektiv?
Wir haben uns entschieden, als kuratorisches Team zu arbeiten, weil es uns wichtig war, dieses Thema aus den unterschiedlichsten, und das heißt auch nicht nur westlichen Blickwinkeln zu betrachten. Dies ist nur möglich, wenn man die entsprechende Perspektive auch tatsächlich repräsentiert.

Was treibt die anderen Künstler*innen der Ausstellung um?
Eine Künstlerin wie Grace Ndiritu würde wahrscheinlich gerne einen Workshop zum Thema „Heilung der Museen machen“. Das ist zwar ein Stück weit naiv, dennoch finde ich es wichtig, solche Standpunkte zu zeigen, weil auch eine Haltung etwas bewirken kann.
Aber bei den meisten Künstler*innen steht die Unmöglichkeit von Heilung im Vordergrund, die sich letztlich in der Sichtbarmachung der Problematik erschöpft. So zum Beispiel bei Andrea Büttner, der ein großer Raum in der Ausstellung gewidmet ist. Sie setzt den Fokus auf die deutsche Geschichte und deren Aufarbeitung und zeigt Fotos vom Pflanzgarten im Dachauer Konzentrationslager, wo es anthroposophische Ansätze gab und mit Heilpflanzen gearbeitet wurde. Ihre Position ist eher gegen Heilung – man kann nicht ausbrechen aus den Strukturen und den Traumata der Geschichte.

Zeigen Sie ältere Positionen in der Ausstellung?
Ja, vereinzelt. Lygia Clark zum Beispiel ist eine Position aus den 1960er-Jahren. Sie war Therapeutin und Künstlerin und hat ihre Skulpturen für ihre Therapien eingesetzt. Unsere früheste künstlerische Position ist Artemisia Gentileschi. Sie gilt als herausragendste Malerin des 17. Jahrhunderts. Gentileschis Bilder zeigen vor allem gewalttätige Szenen in Kombination mit heroischen Frauenfiguren, was oft mit ihrer Biografie in Zusammenhang gebracht wird. Sie wurde als junge Frau von ihrem Lehrer vergewaltigt. Ihre Gemälde werden in der Kunstgeschichte als aktivistische Position gelesen.

Aktivismus als Hilfe zur Selbstheilung?

Die Malerin Paula Rego ist ein konkretes Beispiel dafür, dass Kunst ein Mittel sein kann, um historisches Unrecht oder Missstände zu mildern oder zumindest sichtbar zu machen. Sie war uns ebenfalls aufgrund ihres aktivistischen Ansatzes wichtig, weil sie sich Ende der 1990er-Jahre gegen das Abtreibungsgesetz in Portugal ausgesprochen und dies in ihren Gemälden und Radierungen thematisiert hat. Schließlich hat sie zu einer Liberalisierung beigetragen.

Das Interview erscheint in: „Museumsjournal“, 3/22, Kulturprojekte Berlin (Hg.), Berlin 2022.