Kollektive Care: Verantwortung, Freude, Heilung – Teil 2

Von iLiana Fokianaki

Dies ist der zweite Teil eines Essays von iLiana Fokianaki, in dem die philosophische Dimension von Care in Bezug auf ihre Politik und Ethik herausgearbeitet wird. Gleichzeitig geschieht dies mit Hinblick auf die Idee der Kollektivität, um herauszufinden, wie Care die kulturelle Praxis in einer Zeit prägen kann, in der die COVID-19-Pandemie das Thema international in den Fokus gerückt hat. Der erste Teil kann hier nachgelesen werden.

The New Woman’s Survival Catalog, 1973

The New Woman’s Survival Catalog, 1973. Courtesy: Primary Information

St. Galler Klosterplan

St. Galler Klosterplan. Courtesy: Stiftsbibliothek Sankt Gallen and Wikimedia Commons

Care als Heilung: Individualismus vs. Gemeinschaft

Bezieht man Care auf den Aspekt des Heilens, hat sie ihre Wurzeln in der klösterlichen Form; in den Klöstern des mittelalterlichen Nordeuropas mit ihren Heilkräutergärten. Eine der wenigen großen Architekturzeichnungen, die aus dem Mittelalter erhalten geblieben sind, ist der Plan für die Schweizer Abtei St. Gallen, bekannt als St. Galler Klosterplan. Dieses einzigartige Dokument aus dem 9. Jahrhundert stellt zwar einen Entwurf dar, der nie gebaut wurde, zeigt aber das Ideal eines gut versorgten Klosters. Es beweist die Bedeutung von Kräutergärten in dieser historischen Epoche – sie sollten in dieser benediktinischen Klosteranlage unter anderem in der Nähe einer Krankenstation, eines Arzthauses, von Ställen, einer Brauerei und einem Haus für Aderlässe angelegt werden. Solche klösterlichen Gärten waren bis zur Industriellen Revolution äußerst verbreitet, nicht nur in den Klöstern selbst, sondern auch in den Gemeinden; auf Gutshöfen und in bäuerlichen Gemeinschaften wurde ebenfalls der kollektive Anbau von Gemüse und Heilkräutern betrieben. Ironischerweise wurden diejenigen, die die Gemeinschaft mit diesen Kräuterheilmitteln versorgten (die Heilerinnen), oft als Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt, manchmal sogar von denselben Mönchen, die das Wissen um Selbstheilung und Selbsthilfe bewahren wollten. Silvia Federicis bahnbrechendes Buch Caliban and the Witch: Women, the Body and Primitive Accumulation (2004) markiert eine weitere Modifikation von Care als Heilung durch das patriarchalische Mandat: Care wird eingeschlossen und eingedämmt in den eigenen vier Wänden, die unbezahlte Arbeit von Frauen mit Liebe gleichgesetzt; die Mütter als Care-Geberinnen verpflichtet.

Das Konzept eines Gesundheitswesens als öffentliche Dienstleistung wurde vom 17. Jahrhundert bis in die 1950er Jahre hinein ausgebaut. Der gleichzeitige Siegeszug der Globalisierung hatte jedoch erhebliche Auswirkungen auf die Standards im Gesundheitswesen des späten 20. Jahrhunderts, sodass die Gesundheitsversorgung und andere Formen von staatlich bereitgestellter Care seit den 1970er Jahren wieder abgenommen haben. Mit dem Neoliberalismus hat sich Care aufgrund der Privatisierung von Gesundheitssystemen und der Kürzung staatlicher Leistungen von einem grundlegenden Menschenrecht zu einer Dienstleistung gewandelt, die stark mit dem Kapitalismus des freien Marktes verbunden ist. Der „Heilungsprozess“, den das medizinische System des weißen Patriarchats bereitstellte, war auf ein sehr spezifisches Subjekt ausgerichtet (weiß und männlich), während die Bedürfnisse der Anderen nicht angemessen berücksichtigt wurden – wie sowohl weiße als auch Schwarze Feministinnen und Bürgerrechtsbewegungen betonten. Jede dieser Gruppen bezog sich insbesondere auf die Fortpflanzungsrechte und die Care-Arbeit und setzte sich damit auseinander, wie das Gesundheitswesen den weiblichen Körper und seine „angemessene“ Versorgung definierte. Feministinnen setzten sich darüberhinaus für Abtreibungsrechte ein und forderten einen Ansatz in der Gesundheitsversorgung, der die Hoheit der Frauen über ihre eigenen Körper anerkennt.

Seit den 1970er Jahren haben Gesundheitsaktivisten*innen das Care-Modell angeprangert, dass auf der Maxime beruht, der Arzt wisse immer am besten, was gut für die Patient*in sei. Sie haben darauf hingewiesen, dass es Frauen sowohl als Anbieterinnen als auch als Konsumentinnen von medizinischer Versorgung ausschließt. (1) Untergrundvereinigungen wie das Jane Collective (offiziell bekannt als Abortion Counseling Service of Women’s Liberation, dt.: Abtreibungsberatung zur Befreiung von Frauen) in den USA – und ähnliche Gruppen in anderen Ländern – versuchten, die steigende Zahl unsicherer Abtreibungen zu adressieren, die von ungeschulten Anbieter*innen durchgeführt wurden, und die Betroffenen aktiv zu unterstützen; all das zu einer Zeit, als Abtreibungen in weiten Teilen der USA illegal waren. Einige Mitglieder des Kollektivs wurden 1972 verhaftet und in jeweils elf Fällen wegen Abtreibung und Verabredung zu einer Straftat angeklagt. Mit der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs zum Fall „Roe vs. Wade“ wurden die Anklagen jedoch im darauffolgenden Jahr fallen gelassen und viele Abtreibungsbeschränkungen aufgehoben.

Bahnbrechende Texte wie Our Bodies, Ourselves – von der gleichnamigen Non-Profit-Organisation verfasst und 1970 erstmals veröffentlicht – enthielten Informationen zu vielen Aspekten der weiblichen Gesundheit und Sexualität, wie zum Beispiel zur sexuellen Gesundheit, sexuellen Orientierung, zu Geschlechtsidentität, Verhütung, Abtreibung, Schwangerschaft, Geburt und Wechseljahren sowie zu Gewalt und Missbrauch. Ebenfalls in den 1970er Jahren wurden in den USA und verschiedenen anderen Ländern zahlreiche feministische Gesundheitszentren gegründet, in denen Frauengruppen bis heute – teils im Verborgenen – aktiv sind. Ein Beispiel ist die Coalicion Nacional de Mujeres del Ecuador (dt.: Nationale Koalition der Frauen Ecuadors), die noch immer für sichere Abtreibungen kämpft, da Abtreibungen in diesem Land zwar vor kurzem entkriminalisiert wurden, allerdings nur im Falle einer Vergewaltigung. (2) Dies sind nur einige wenige Beispiele, die von solchen kollektiven Care-Ansätzen für die eigene Gemeinschaft zeugen und die Methoden der Selbstfürsorge als Heilmittel unterstreichen. Solche kollektiven Bemühungen richten sich gegen konservative, patriarchalische Gesetzgebungen, die weiterhin viele Arten von Abtreibungen verbieten – wie eine Umfrage des Pew Research Centers aus dem Jahr 2015 zeigt. (3)

Audre Lorde, Die Berliner Jahre 1984-1992, 2012, Filmstill

Audre Lorde, Die Berliner Jahre 1984-1992, 2012, Filmstill. Courtesy: Dagmar Schultz

Wie die Dichterin und Theoretikerin Audre Lorde 1988 in ihrem Essay „A Burst of Light“ schrieb, der während ihres ersten Kampfes mit einer Krebserkrankung entstand: „Sich um sich selbst zu kümmern, ist keine Selbstverliebtheit, sondern Selbsterhaltung, und das ist ein Akt der politischen Kriegsführung.“ (4) Die Fokussierung auf das Selbst steht hier nicht im Widerspruch zum Konzept der Gemeinschaft, sondern ist vielmehr integraler Bestandteil der Vorstellung, dass das Private politisch sei, wie ein Slogan der Studentenbewegung und des Feminismus der zweiten Welle ab den späten 1960er Jahren proklamierte. In den späten 1980er Jahren demonstrierte auch die LGBTQIA+-Gemeinschaft, dass das Private politisch ist. Mit der basisdemokratischen Organisation ACT-UP (AIDS Coalition to Unleash Power) setzte sie sich für die Beendigung der AIDS-Pandemie durch direkte Aktionen, medizinische Forschung, Behandlung und Lobbyarbeit sowie für eine Änderung der Gesetzgebung und der öffentlichen Politik ein. Tatsächlich war ihr Behandlungs- und Datenkomitee direkt dafür verantwortlich, einen Großteil der Versäumnisse von Ronald Reagans unfürsorglichem Staat zu beheben. Einige Mitglieder des Komitees verließen 1991 die Organisation, um die Treatment Action Group (TAG) zu gründen, die sich bei Wissenschaftlern*innen der Regierung, Forscher*innen der Pharmaiundustrie und Beamte*innen der Arzneimittelzulassungsbehörde dafür einsetzte, die Entwicklung neuer HIV-Therapien zu beschleunigen. Die Gruppe erstellte einen einflussreichen Bericht über die Investitionen der Regierung in die Grundlagenforschung, in dem eine Aufstockung der Finanzmittel für die staatlichen Gesundheitsinstitute und eine Reorganisation der nationalen AIDS-Forschung empfohlen wurde. Nach der Zulassung mehrerer wirksamer antiretroviraler Medikamente im Jahr 1995 drängte die TAG die Regierung und die Pharmaindustrie, die Langzeitwirkungen der neuen Medikamente zu erforschen. Ihre Arbeit dauert bis heute an, und im Jahr 2020 deckte sie in Zusammenarbeit mit Ärzte ohne Grenzen die äußerst hohen Gewinnspannen großer Pharmaunternehmen auf; insbesondere der Firma Cepheid wird vorgeworfen, überhöhte Preise zu verlangen und gleichzeitig zu wenig COVID-19-Schnelltests im Globalen Süden zu liefern. (5) Die Gruppe kämpft außerdem für die weltweite Verbreitung von sicheren und wirksamen Diagnosemethoden, Präventivmaßnahmen und Heilmitteln für andere Viren und Krankheiten wie HIV, Tuberkulose und Hepatitis C. (6)

Denkt man über die Zukunft von Care nach, ist es trotzdem von zentraler Bedeutung, zu verstehen, dass die Care-Arbeit, die tausende Menschen auf der ganzen Welt leisten – freiwillige, unter- oder unbezahlte Arbeitskräfte; häufig Frauen –, jene Care nicht ersetzen kann und sollte, die Regierungen ihren Bürger*innen und Bewohner*innen bieten müssen. Wie die Soziologin Emma Dowling in ihrem 2021 erschienenen Buch The Care Crisis: What Caused It and How Can We End It? bemerkt, kann die Idee der gemeinschaftlichen Care zwar dazu dienen, eine radikale politische Position zu stärken, sie kann aber auch als Ausrede für mangelnde staatliche Care missbraucht werden. Anstelle einer Gesetzgebung, die Care sicherstellt und stärkt, werden die Bürger*innen sich selbst überlassen. Das Konzept der Gemeinschaft sollte, wie Dowling betont, sorgfältig überdacht werden. Sie stellt Fragen wie diese: „Wer konstituiert die Gemeinschaft und welche Machtverhältnisse liegen ihrer Logik zugrunde?“ Aus diesem Grund ziehe ich es vor, Care mithilfe des Begriffs der Kollektivität zu diskutieren, und nicht mit dem Begriff der Gemeinschaft. Wie also können wir das Kollektiv in einer Kunstwelt denken, die durch Individualismus definiert ist?

The New Woman’s Survival Catalog, 1973, book cover

The New Woman’s Survival Catalog, 1973, Buchcover. Courtesy: Primary Information

Kunst und kollektive Care: Institutionelle Abhilfe

An welcher Stelle kommen dabei Kunst und die Kunstinstitution ins Spiel? Die 1960er und 1970er Jahre waren wichtige Jahrzehnte, in denen Fragen rund um die Ethik und Politik von Care und deren kollektiver Ansatz in den Vordergrund rückten. Feministische Künstlerinnen wie Mary Kelly und Mierle Laderman Ukeles sowie Künstler*innen aus der Bürgerrechtsbewegung wie Emory Douglas, Rasheed Araeen und Lee Wen, die für ihr kollektives Kunstschaffen bekannt waren, setzten Care als einen kollektiven politischen und radikalen Akt in Szene und legten eine wichtige Fährte im Hinblick auf die Mobilisierung von Gemeinschaften. In der Tat waren Kritikerinnen wie Griselda Pollock und Lucy Lippard sowie Publikationsinitiativen wie The New Woman‘s Survival Catalog (1973) ebenfalls entscheidend für dieses Projekt. Leider propagierten die Kunstinstitutionen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auch nach dem Aufkommen der Institutionskritik weiterhin das Erbe der Aufklärung. Das Konzept der Kollektivität steht im Widerspruch zu einer Kunstwelt, die auf Individualismus basiert. Ich könnte jetzt versuchen, einen linearen Zeitrahmen zu erstellen, der aufzeigt, ab wann alles schief gelaufen ist – sei es mit Aufkommen des Warenkapitalismus, dem dubiosen Kunstmäzenatentum, den Spekulationen auf dem Kunstmarkt oder, oder, oder. Aber da wir uns an einem kritischen Punkt befinden, an dem die Pandemie die grassierenden Probleme der Care in den staatlichen Systemen und in der Folge auch in der Kulturwelt noch weiter aufgedeckt hat, werde ich mich auf unsere missliche Lage heute konzentrieren und darüber nachdenken, wie wir die notwendigen nächsten Schritte angehen können, um unsere gegenwärtigen Bedingungen zu ändern.

Kunstakteur*innen werden angesichts der prekären Bedingungen, unter denen sie arbeiten müssen, immer verwundbarer. Kunstinstitutionen erscheinen starr – oder unfähig, sich der Herausforderung zu stellen, sich um das Personal zu kümmern, das ihre eigene Existenz garantiert: Bildungs- und Verwaltungspersonal, Angestellte in Gleitzeit und Freiwillige sind diejenigen, die in den letzten zwei Jahren am stärksten von der COVID-19-Pandemie betroffen waren. Welche Schritte können wir in Zukunft unternehmen, um dies wieder in den Griff zu bekommen? Wie können wir ein Handeln sicherstellen, dass care-full ist? Es gibt zahlreiche Lehren aus der Geschichte von Ethik und Politik der Care und diese können einen konstruktiven kollektiven Ansatz von Care bieten.

Sowohl Audre Lordes Ansätze als auch Joan C. Trontos Vorstellungen von den vielfältigen Komponenten kollektiver Care, sind sehr nützlich: Achtsamkeit, Fähigkeiten, Verantwortung und Reaktionsbereitschaft; ein radikaler Akt der Politik. Tatsächlich kann das Aufbrechen des individualistischen Ansatzes von Care für alle Aspekte der institutionellen Kunstpraxis in Betracht gezogen werden. Wir müssen damit anfangen, wie wir Care als Last oder bezahltes Privileg betrachten. Gesundheitsfürsorge sollte ein universelles Recht für alle prekären Kulturarbeiter*innen sein, kein Privileg der wenigen, die institutionelle Positionen innehaben. Regierungen könnten konkretere Gesundheitspakete für alle freiberuflichen und prekären (Kunst-)Arbeiter*innen einführen; Institutionen könnten sicherstellen, dass alle Stellen, auch die befristeten, eine Gesundheitsversorgung der Mitarbeiter*innen beinhalten. Und sicherlich muss die Art und Weise, wie Gelder innerhalb des Kunstbetriebs verteilt werden, neu überdacht werden. Wie können die Mittel so verteilt werden, dass kollektive Care-Maßnahmen gewährleistet sind? Die hierarchischen Top-to-Bottom-Strukturen der Entscheidungsfindung, die Fragmentierung und der Mangel an Kommunikation zwischen den Abteilungen in den Institutionen sowie die unfürsorgliche Art und Weise, in der die Programmgestaltung in Bezug auf Mitglieder und Geopolitik der Institution selbst entschieden wird – all das sind die Startpunkte, von denen aus Experimente für kollektive Care beginnen können. Die Bereitstellung und Umsetzung von kollektiver Care könnte durch Aktivitäten und Initiativen erfolgen, die bisher nur selten in ihrer institutionellen Reichweite gedacht wurden. Durch die Gründung der Forschungsplattform The Bureau of Care haben meine Kolleg*innen und ich herausgefunden, dass für die Mehrheit der Care-Arbeiter*innen – ob ehrenamtlich oder nicht – die Idee einer Versammlung, in der horizontale Machtstrukturen vorherrschen, ein zentraler Weg des Vorgehens ist. Zieht man diesen Ansatz als Modell für Kunstinstitutionen in Betracht, könnte er sich als innovativer Ersatz für anstrengende Personalversammlungen erweisen, in denen die Entscheidungsbefugnisse von einigen wenigen hinter verschlossenen Türen gehalten und erst später den vielen anderen mitgeteilt werden.

Die Vorstellung von der „genialen Künstler*in“ als einer singulären Entität, die geschätzt wird und im harten Wettbewerb mit ihresgleichen steht, sollte ebenfalls überdacht werden. Sie speist sich aus einer individualistischen Vorstellung von Care, in der Institutionen, Galerien, Mäzen*innen und Stiftungen Care als wohlwollende Nächstenliebe ausüben, als Belohnung der „Selbstentfaltung“. Eine Möglichkeit gegenzusteuern, ist es, das wettbewerbsorientierte Format von Preisen zu durchbrechen – wie das Beispiel des Nominierungsprozesses für den Turner Prize 2019 zeigte, bei dem Tai Shani, Oscar Murillo, Lawrence Abu Hamdan und Helen Cammock darauf bestanden, den Preis zu teilen. (7) Künstlerische Exzellenz als interdependenten Prozess neu zu denken, ist ein Schritt in diese Richtung; ein anderer besteht darin, mehr Raum für kollaborative Prozesse zu bieten, die keine kompetitiven Umgebungen schaffen, welche für die geistige und körperliche Gesundheit von Kulturarbeiter*innen schädlich sind.

Die Idee der Care-Arbeit, die ein Kernstück des Feminismus der zweiten Welle war und ein Lieblingsthema von Institutionen und kuratorischen Narrativen auf der ganzen Welt ist, erhält viel Aufmerksamkeit in den diskursiven und öffentlichen Programmen von Institutionen. In den Infrastrukturen, die diese Institutionen schaffen, um Care-Arbeit anzuerkennen, ist sie jedoch kaum zu finden. Es ist paradox, dass Theoretikerinnen wie Silvia Federici von denselben Kunstinstitutionen verehrt werden, die nicht bereit – oder desinteressiert – sind, ihre Theorien auf die tatsächlichen Praktiken anzuwenden. Die Feindseligkeit der Kunstwelt gegenüber der Elternschaft ist zum Beispiel ein Thema, das schon vor längerer Zeit diskutiert wurde und heute wieder auftaucht. Kollektive Care-Praktiken gegenüber Menschen, die Kinderbetreuung sicherstellen müssen, können auf viele einfache Arten erreicht und umgesetzt werden; eine solche Möglichkeit wären kostenlose Angebote zur Kinderbetreuung von Institutionen während Eröffnungen oder öffentlichen Programmen. Ein anderes Beispiel wäre die Übernahme von Betreuungskosten, wenn Künstler*innen, die gleichzeitig Eltern sind, zu einer Ausstellung, einer Residenz oder einem anderen derartigen Programm eingeladen werden. Die Kunstkritikerin und Autorin Hettie Judah hat kürzlich im Rahmen ihres Projekts „How Not to Exclude Artist Parents“ einige sehr nützliche Vorschläge präsentiert. (8) Vor einiger Zeit stieß ich auch auf Verdensrommet („Weltraum“), ein von Künstler*innen geleitetes basisdemokratisches Betreuungsnetzwerk für Nicht-EU/EWR-Künstler*innen und Kulturarbeiter*innen in Norwegen, das sich um Lösungen für Personen mit einer befristeten Aufenthaltsgenehmigung in Norwegen bemüht, die keinen Zugang zu Krisenunterstützung, finanzieller und sozialer Unterstützung sowie Arbeitslosengeld haben.

Ein fürsorglicherer Umgang mit Themen, die sich auf spezifische politische und soziale Kämpfe beziehen, sollte neben anderen Punkten ebenfalls überdacht werden – denn das Problem der Aneignung bleibt weiterhin der große Dorn in der inhaltlichen Gestaltung von kuratorischen und künstlerischen Narrativen. Um es mit den Worten der Theoretikerin und Filmemacherin Trinh T. Minh-Ha zu sagen: Wie kann ein „speaking nearby“ anstelle eines „speaking about“ gelingen; wie können wir uns Themen respektvoll nähern? Kollektive Care erfordert das Teilen von Macht. Zur Seite zu treten und anderen das Wort (und unsere Macht) zu überlassen, ist ein Akt kollektiver Care. Macht zu teilen ist ein anderer. Organisationen und Stiftungen, die für große Ausstellungen verantwortlich sind, wie zum Beispiel die Manifesta, die documenta sowie verschiedene Biennalen, werden neu aufgestellt, und wir sehen immer häufiger Kollektive, die solche Veranstaltungen leiten. Die kommende documenta 15 im Jahr 2022, kuratiert von ruangrupa, einem Künstler*innenkollektiv aus Jakarta, ist ein solches Beispiel. Diese Herangehensweise bricht mit dem Format des individuellen, genialen Kurators – einer weißen, männlichen, heteronormativen Idee – und bietet stattdessen eine Art der Praxis, die die Kollektivität in den Mittelpunkt stellt. Andere Beispiele, die von einer kollektiven Praxis von Care zeugen, sind der Raum in Jakarta, den ruangrupa 2015 mit mehreren Künstler*innenkollektiven gegründet hat, Gudang Sarinah Ekosistem, sowie Gudskul, eine Kunstschule in Süd-Jakarta, die ruangrupa gemeinsam mit Serrum und Grafis Huru Hara gegründet haben. Diese Projekte pflegen, kultivieren und etablieren ein integriertes Unterstützungssystem, das sich auf Kollaborationen in einem offenen, öffentlich zugänglichen Lernraum konzentriert. Es wurde gegründet, um ein erweitertes Verständnis von kollektiven Werten wie Gleichheit, Teilen, Solidarität, Freundschaft und Zusammengehörigkeit zu praktizieren. Und es sind solche Praktiken, die jetzt zunehmend im Mittelpunkt stehen, obwohl die Kunstinstitutionen – aufgrund der inhärenten radikalen Auffassungen von Ko-Autor*innenschaft und horizontalen Strukturen – anfangs vielleicht zu viel Angst hatten, sich ihnen zu nähern.

Die Beispiele existieren. Das Herunterfahren der Kunstwelt aufgrund der Pandemie bietet eine so unerwartete wie dringend benötigte Gelegenheit – ich möchte fast sagen: „Angebot nur zeitlich begrenzt verfügbar“ – die Regeln des kulturellen Schaffens neu zu entwerfen: als einen kollektiven und radikalen Akt von Care.

Mary Kelly, Post-Partum Document: Documentation IV, Transitional Objects, Diary and Diagram (prototype), Detail, 1976/2015

Mary Kelly, Post-Partum Document: Documentation IV, Transitional Objects, Diary and Diagram (prototype), Detail, 1976/2015., Plexiglas, weiße Karte, Gips, Baumwolle, Tinte, Schnur, Holz, 35.5 x 28 cm. Courtesy: die Künstler*in, Pippy Houldsworth Gallery, London und Collection of the Museum of Modern Art, New York

Übersetzung: Christoph Jehlicka

iLiana Fokianaki ist Theoretikerin und Kuratorin sowie die Gründerin und künstlerische Leiterin der Kunstinstitution State of Concept in Athen, Griechenland. Darüber hinaus hat sie die Forschungsplattform The Bureau of Care gegründet, die sich mit der heutigen Politik und Ethik von Care beschäftigt und untersucht, wie diese für eine institutionelle Praxis genutzt werden können; für eine Praxis, die, wie sie es nennt, „care-full“ ist. Sie ist Dozentin am Dutch Art Institute und schreibt für Zeitschriften wie e-flux, Frieze, art agenda u.a.  

Endnoten


1. Sandra Morgen, Into Our Own Hands: The Women‘s Health Movement in the United States, 1969-1990 (New Brunswick: Rutgers University Press, 2002).
2. „Ecuador’s high court backs decriminalizing abortion for rape“, The Independent, 29. April 2021, (aufgerufen am 10. Juni 2021).
3. Angelina E. Theodorou und Aleksandra Sandstrom, „How abortion is regulated around the world“, Pew ResearchCenter, 6. Oktober 2015, (aufgerufen am 10. Juni 2021). Anmerkung: Dieser Bericht wurde 2015 verfasst und die Abtreibungsgesetze in Irland haben sich seitdem geändert: Abtreibung ist in Irland während der ersten zwölf Schwangerschaftswochen erlaubt; in Fällen, in denen das Leben oder die Gesundheit der Schwangeren gefährdet ist, oder in den Fällen einer tödlichen Anomalie des Fötus auch noch zu einem späteren Zeitpunkt.
4 .Audre Lorde, A Burst of Light: Essays (Ithaca: Firebrand Books, 1988), S. 126.
5 .„Cepheid charges four times more than it should per COVID-19 test“, Ärzte ohne Grenzen, 28. Juli 2020, (aufgerufen am 27. Mai 2021)
6. Weitere Informationen finden Sie auf der Website der TAG (aufgerufen am 11. Juni 2021)
7. Mark Brown, „Turner prize awarded four ways after artists’ plea to judges”, The Guardian, 9. Dezember 2019, (aufgerufen am 27. Mai 2021).
8. Weitere Informationen finden Sie unter: www.artist-parents.com