Füreinander sorgen, wie wir es gerne würden: Die sozial-ökologische Krise und unsere Care-Sackgasse

Von Manuela Zechner

„Wir schlagen vor, dass Care als die Aktivität einer Spezies betrachtet wird, die alles umfasst, was wir tun, um unsere ‚Welt‘ zu erhalten, fortzuführen und zu reparieren, damit wir in ihr so gut wie möglich leben können. Diese Welt umfasst unseren Körper, unser Selbst und unsere Umwelt, die wir alle in ein komplexes, lebenserhaltendes Netz zu verweben versuchen.“ – Diese einflussreiche Definition von Care*, die Joan C. Tronto und Berenice Fisher in Toward a Feminist Theory of Care (1990) formuliert haben, erscheint heute, wo die Sorge um die verflochtenen Schicksale menschlicher und nicht-menschlicher Welten weit verbreitet ist, mehr als vorausschauend. Tronto und Fisher trugen, zusammen mit Carol Gilligan, Silvia Federici, Donna J. Haraway und anderen, zu einer Verschiebung der damals vorherrschenden Lesarten kantischer Moraltheorien bei – weg von einer Care-Ethik, die auf Vorstellungen von Autonomie und Rationalität beruht, hin zu einer Vorstellung von gegenseitiger Abhängigkeit und verwobener Verbundenheit. Heute sind wir ständig von Zeichen der ökologischen Krise umgeben, vom Versagen der neoliberalen Care-Systeme und auch von der Sprache von Care selbst. Aber der schier unüberschaubare Umfang dieser Thematik führt zu einer schwindelerregenden Verwischung der Perspektive: Es ist nicht einfach, sich mit etwas auseinanderzusetzen, was der Philosoph Timothy Morton in seiner gleichnamigen Publikation aus dem Jahr 2013 als „Hyperobjects“ bezeichnet – Objekte, deren Ausdehnung über das menschliche Verständnis von Raum und Zeit hinausgeht. Das Problem wird dadurch verstärkt, dass technologische Netzwerke und der Unternehmenskapitalismus die Sprache von Care vereinnahmen, um einfache „Lösungen“ anzubieten. Im folgenden Essay untersucht die Aktivistin und Forscherin Manuela Zechner Trontos Modell als Mittel, um praxisbasierte Wege aus der heutigen „Care-Sackgasse“ zu finden, und verweist auf aktuelle Bewegungen, die als Modelle für die Zukunft dienen könnten.

– Die Redaktion

Courtesy: Manuela Zechner

Der Begriff Care ist weit verbreitet – in der Kunstwelt, aber auch in den verwandten Bereichen der Wissenschaft, des Aktivismus und der Werbung. Zum einen moralische Haltungen beschreibend, zum anderen Praktiken oder Formen der Arbeit benennend, fordert Care unsere Aufmerksamkeit. In Zeiten von miteinander verflochtenen ökologischen Krisen und der COVID-19-Pandemie ist der Ruf nach Care überall zu hören – in den Reden von Politiker*innen, in Erklärungen zur Unternehmensverantwortung, in sozialen Protesten und Klimaaktionsnetzwerken sowie im Produktmarketing. „Sorgt euch! Kümmert euch!“ – rufen wir als Antwort auf die sich verschärfende Krise. Millionen von COVID-19-Toten weltweit, überlastete Krankenhäuser, unterbezahlte und überarbeitete Pflegekräfte, die vor dem Burnout stehen, Reinigungspersonal und andere prekär Beschäftigte, die von Arbeitgeber*innen formlos „entsorgt“ werden, Frauen, die Vollzeitarbeit, Kinderbetreuung und nun auch das Homeschooling ihrer Kinder gleichzeitig jonglieren. Es gibt viel Beifall von außen, aber wenig echte Unterstützung für diejenigen, die dem System geopfert werden. Als „systemrelevant“ zu gelten, bedeutet offenbar, entbehrlich und nicht, wie behauptet, hoch geschätzt zu sein. Zugleich tritt die natürliche Welt immer weiter ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Die Emissionen steigen nach einer kurzen pandemiebedingten Pause wieder an, und mit ihnen werden auch all die anderen Probleme wieder größer: globale Erwärmung, der Zusammenbruch des Ökosystems, Verlust der Artenvielfalt, die Zerstörung von Lebensräumen, Naturkatastrophen, Ernährungsunsicherheit, Umweltverschmutzung, Migrationsbewegungen, Krankheiten, Todesfälle. Jede*r beteuert, sich zu sorgen, während gleichzeitig das Mantra des „business as usual“ wiedergekäut wird. Nur sehr wenige von uns sind so fürsorglich, wie wir es gerne wären.

Die Care-Sackgasse
Im Jahr 1993 veröffentlichte Joan Tronto das Buch Moral Boundaries: A Political Argument for an Ethic of Care, das die ethischen und politischen Dimensionen von Care untersucht und bis heute ein wichtiger Prüfstein der feministischen Theorie ist. (1) Sie analysiert dort unterschiedliche Momente von Care-Prozessen, die sie „phases of care“ (Phasen von Care) nennt, die – wie das Wort „Prozess“ nahelegt – idealerweise miteinander verbunden sind und ineinander übergehen. Die vier Phasen sind: „caring about“ („besorgt sein“, „sich sorgen (um)“), „taking care of“ („sich kümmern“, „sorgen für“), „care giving“ („pflegen“, „Sorgearbeit“) und „care receiving“ („Pflege empfangen“, „umsorgt werden“); später fügte sie eine fünfte Phase hinzu, „caring with“ („gemeinsam sorgen“), eine solidarische und vertrauensbasierte Form von Care, die aus den vier anderen Phasen hervorgeht. Ähnlich wie die drei miteinander verbundenen Bereiche der mentalen, sozialen und umweltbezogenen Ökologie, die Félix Guattari 1989 in seinem Text The Three Ecologies (2) skizziert hat, sind diese Formen von Carearbeit immer miteinander verwoben und erlauben uns, bereichsübergreifend in Begriffen von Subjektivität, Relationalität, Organisation und Materialität zu denken. Übertragen auf unser gegenwärtiges Stadium der ökologischen Krise, insbesondere in Bezug auf den Klimawandel, manifestieren sich diese Phasen auf mehrere Arten, die ich im Folgenden skizzieren werde. Auf diese Weise möchte ich ein umfassenderes Bild der „Care-Sackgasse“ skizzieren, in der wir uns befinden; eine Blockade unserer Fähigkeiten, durch alle fünf Phasen hindurch transversal, frei und dynamisch fürsorglich zu sein.

Care Network Mapping Workshop mit Manuela Zechner. Courtesy: Manuela Zechner

„Caring about“ als Aufmerksamkeit, Bewusstsein und Besorgnis
„Besorgt sein“ oder „sich sorgen (um)“ bezeichnet den Moment, in dem wir uns eines Bedürfnisses oder eines Problems bewusst werden. Es ist ein Schlüsselmoment, denn ohne ihn gäbe es kaum Potenzial für Veränderung. Und doch ist jede Politik mangelhaft, wenn sie sich allein auf die Bewusstmachung – auf den Willen – verlässt und annimmt, dass sich Menschen oder Situationen allein durch das Verstehen eines Problems leicht verändern ließen. Menschen ändern sich nicht allein aufgrund ihres Verstandes. Sie handeln aus einer Vielzahl von Faktoren wie ihren Körpern, Umweltkontexten, Positionen, Beziehungen, Interessen, subjektiven und affektiven Fähigkeiten, materiellen und systemischen Bedingungen. Deshalb impliziert „besorgt sein“ nicht unbedingt eine Situation, in der man etwas aktiv tut. Obwohl es zynisch wäre, festzustellen, dass „besorgt sein“ allein nie ausreicht, ist es wichtig zu beachten, dass es eine ganze Industrie gibt, die auf psychosoziale Mechanismen setzt und darauf basiert, aus unserer Besorgnis Profit zu schlagen. „Besorgt sein“ wird jedoch erst dann transformativ, wenn es uns erlaubt, es mit Aktion, Praxis, Verletzlichkeit und Solidarität zu verbinden.

„Besorgt sein“ ist vermutlich die dominanteste Art und Weise, in der wir uns auf die ökologische Krise beziehen. Es ist ein Mittel, Sorgen und Bedenken zu äußern. Die sozialen Medien sind vielleicht eine der am weitesten verbreiteten und demokratischsten Möglichkeiten, um „besorgt zu sein“. (3) Sie ermöglichen es uns, unsere Besorgnis und Aufmerksamkeit über Likes, Reposts, Kommentare, Nachrichten und Geschichten auszudrücken – in einem Klick. Allerdings reicht diese Methode von Care nicht unbedingt über unsere sozialen Blasen hinaus, ist durch uns unzugängliche Algorithmen konfiguriert, und täuscht oft über unsere Machtlosigkeit oder Entfremdung von konkreten Sorgehandlungen hinweg.

„Taking care of“ als Handeln
Das bringt uns zur zweiten Phase von Care, die Tronto als „sich kümmern um“ oder „sorgen für“ bezeichnet; jene Phase, in der wir Maßnahmen ergreifen, um ein wahrgenommenes Bedürfnis zu befriedigen. Das „Kümmern“ ist traditionell die wohl sichtbarste Form von Care und wurde lange Zeit Männern zugeschrieben. Sogenannten „Ernährern“ – eine Rolle, die historisch gesehen von Männern eingenommen wurde – wird immer noch zugesprochen, sich um ihre Familien zu kümmern. Eine solche Position wird viel gelobt, während häuslichere Rollen weniger Anerkennung und Sichtbarkeit erhalten: Reproduktionsarbeit wird ausgeblendet, während Lohnarbeit und die damit verbundene Kaufkraft auf ein Podest gestellt werden. Ein weiteres Beispiel für die hierarchischen Strukturen im Zusammenhang mit dem „Kümmern“ ist, wenn Ärzte*innen als „Verantwortliche“ Beifall und Anerkennung erhalten, während Pflegekräfte unerwähnt bleiben. Care ist mit Macht verbunden, und ein genauerer Blick auf diesen Bereich des „Kümmerns“ kann uns viel darüber verraten, wie sich Privilegien und Sichtbarkeit im Bereich von Care auswirken können.

Für Menschen, die ökonomisch der Mittelschicht zugerechnet werden, ist das „Kümmern“ eine dominante Form von Care, die in Bezug auf die kapitalistische Umweltzerstörung betrieben wird. Diese Form umfasst die Welt des „grünen Konsums“ und der technologischen Versprechen, die auf Gesten und schnellen Lösungen (4) basieren. Oft werden folgende konsumorientierte und technologische „Lösungen“ artikuliert: Technowissenschaft wird uns durch so genannte grüne Energien retten, ebenso wie Geo-Engineering, neue Materialien, Technologien und Techniken – alles für den freien Markt geeignet und für uns schon bald käuflich zu erwerben. Dahinter steht der Glaube, dass Märkte und Regierungen alles für uns regeln werden, wir müssen uns nur auf kleine Veränderungen einstellen und neuen Trends folgen.

„Sich kümmern um“ umfasst auch das Unterschreiben von Petitionen und andere Gesten wie das Ausrufen des Klimanotstands oder die Unterzeichnung von Vereinbarungen: allesamt Dinge, die Handeln signalisieren. Vielleicht haben Sie es auf die Verteilerliste einer dieser Kampagnen-Organisationen geschafft, die Ihnen nun E-Mails schicken, in der große soziale/ökologische Probleme beschrieben werden und in denen Sie mit folgenden Worten aufgefordert werden, Petitionen zu unterschreiben: „Handeln Sie jetzt“. Nicht dass Petitionen unwichtig wären. Solche individualisierten, transaktionalen Formen der Carearbeit lassen uns jedoch oft mit einem Gefühl der Unzulänglichkeit zurück.

„Sich kümmern um“ kann aber auch bedeuten, Dinge mit anderen zu tun, z. B. Karton als Material für Schilder zu einer Demonstration zu bringen; das Gemüse für die Suppenküche zu besorgen; die Medikamente für eine*n kranke*n Freund*in oder Verwandte*n zu kaufen; unsere Präsenz, unsere Fähigkeiten, unsere Ressourcen für einen konkreten gemeinsamen Zweck einzubringen. Das „Kümmern“ ist in der Tat ein wichtiger Schritt, um eine wahrgenommene Not zu beheben, und lässt uns das bloße Sorgen und Zweifeln überwinden, indem wir uns mit anderen verbinden und erproben, was funktioniert. Es kann anfangs hoffnungslos erscheinen, eine Form des Handelns in Bezug auf ein Problem zu ergreifen, aber dies ist der Ausgangspunkt unserer experimentellen und kollektiven Stärke. Filme wie Robin Campillos 120 BPM, der sich der Organisations- und gegenseitigen Carearbeit von Act Up! (AIDS Coalition to Unleash Power, einer internationalen, politischen Grassroots-Organisation) widmet, die sich für die Beendigung der AIDS-Pandemie einsetzt, fangen einen Teil der Komplexität und kollektiven Intelligenz ein, die mit der Verflechtung verschiedener Ebenen von Care verbunden sind. Das „Kümmern“ kann Lernprozesse auslösen, die unsere affektiven Möglichkeiten verändern – und unsere Wahrnehmung davon, wer wir sind und was unsere Beziehungen und Körper tun können, um kollektive Macht zu entwickeln.

„Caregiving“ als (Aufrecht-)Erhalten
Kommen wir also zur „Sorgearbeit“, der dritten Phase von Care und einer Schlüsseldimension für den Weg aus unserer Sackgasse. Das „Pflegen“ ist eine Praxis, die sich in alle zeitlichen und räumlichen Dimensionen ausbreitet, aber im öffentlichen Leben und in der Privatwirtschaft oft unsichtbar gemacht wird. „Sorgearbeit“ führt uns heraus aus den Hallen und Büros der Politik und Wirtschaft – den Domänen von Männern (weiß, unabhängig, privilegiert) – und hinein in die Zonen, in denen Leben reproduziert wird: Küchen, Hinterhöfe, Krankenhäuser, Felder, Bauernhöfe, Gärtnereien, Pflegeheime und, ja, auch auf die Mülldeponien, in die Schlachthäuser und Leichenhallen. Das „Sorgen“ – als Arbeit, die ambivalenterweise oftmals sowohl Liebe als auch Ausbeutung beinhaltet – findet in Welten der sozialen Reproduktion statt, in denen individuelles und gemeinschaftliches Leben auf unzählige Arten aufrechterhalten wird. Trotzdem senkt es scheinbar den Wert von Menschen, wenn sie mit körperlicher Pflege in Verbindung gebracht werden. Diejenigen, die in der Gesellschaft als „anders“ gelten, werden oft in körperlichen Begriffen gedacht: Sie werden anhand ihrer physischen Voraussetzungen beschrieben, gelten als „schmutzig“ oder als „natürlicher“. (5)

Die Assoziation des „Pflegens“ mit Frauen(-körpern) und Natur in der Geschichtsschreibung ist nicht von emanzipatorischer Art gewesen. Diese Assoziation zu politisieren, bedeutet deshalb, auf der Grundlage dieser Verbindung radikale Forderungen zu stellen. Ökofeminismus und Queer-Ökologie zum Beispiel befähigen Menschen und Gemeinschaften, die Assoziation zwischen Frauen und Natur sowohl neu zu beanspruchen als auch zu überwinden. Trotz ihrer Zerstörung durch kapitalistische Wirtschafts- und Beziehungsmodi (6) erhält und untergräbt die „Sorgearbeit“ Gemeinschaften auf positive Weise (7) und erlaubt es uns, die Kräfte von Hexen, Hebammen und Krankenschwestern zurückzugewinnen. (8) Sie erlaubt uns, unsere Verletzlichkeit zurückzufordern, unsere Körper und Beziehungen zu transformieren. Die Bedürfnisse unserer Körper, ihre Verwundbarkeit, ihre Fähigkeit zu spüren und zu fühlen, sich zu bewegen und auszudrücken, affektiv mit anderen in Resonanz zu treten, sich gegenseitig zu nähren, zu leiden, zu altern, zu wachsen und sich zu transformieren, sind die Quellen unserer Kraft. Territorio Doméstico, ein Kollektiv von migrantischen Hausangestellten in Madrid, ist ein Beispiel für den Aufbau solcher Machtformen – auf Freude und Komplizenschaft mit verschiedenen Bewegungen und Organisationen basierend –, die sich für die Rechte von Frauen, Arbeiter*innen, Migrant*innen, Menschen in prekären Lebensumständen sowie für globale Gerechtigkeit einsetzen.

Die starke Assoziation mit dem Körper weist auch darauf hin, dass „Pflegen“ nicht notwendigerweise ein willentlicher, souveräner Akt ist. Dieses Verständnis von Pflege erlaubt es uns, Projektionen von Handlungsfähigkeit zu entkommen, die auf Vorstellungen von Autonomie als freiem Willen und Unabhängigkeit beruhen und die darauf ausgerichtet sind, dass das Subjekt der Politik weiß, männlich, privilegiert und erwachsen ist. Das „Pflegen“ würde in dieser Betrachtungsweise nicht nur als zwischenmenschliche Carearbeit verstanden werden, sondern auch als Carearbeit für die Erde („earthcare labour“) (9), die uns mit den Jahreszeiten, Böden, Wäldern, Flüssen, Wüsten, Tieren und Bakterien verbindet und uns unweigerlich dazu zwingt, sauren Regen, Minen, ausgebeutete Gebiete, Fabrikfarmen, Viren und ähnliches zu erkennen. Die COVID-19-Pandemie hat diese Erkenntnis für uns in neue Richtungen erweitert und verdeutlicht erneut die Verflechtungen und Wechselwirkungen zwischen unseren Körpern und heimischen Wäldern, Menschen in weit entfernten Gegenden, Massenfarmen, Schweinen, Fledermäusen und vielem mehr. Unsere Abhängigkeit von menschlichen und mehr-als-menschlichen Anderen ist sehr real und muss uns nicht in Schwierigkeiten bringen: sie ist unsere Stärke. Wir müssen, um mit Donna Haraway zu sprechen, unruhig bleiben und die Art und Weise annehmen, in der uns unsere gegenseitige Abhängigkeit Mühe und Unruhe bereitet. (10)

Robin Campillo, 120 BMP

Robin Campillo, 120 BMP, 2017, Filmstill. Courtesy: the artist and Salzgeber, Berlin

Future Archive Workshop bei Intermediae Madrid mit Valeria Graziano, 2010. Courtesy: Manuela Zechner and Future Archive

„Care receiving“ als verkörperte Interdependenz
Damit sind wir bei der vierten Ebene von Care angelangt: „Pflege empfangen“, oder „umsorgt werden“. Tronto sowie jüngere feministische Weiterentwicklungen der Caretheorie (11) ermöglichen uns, das „umsorgt werden“ als eine relationale, verkörperte und geerdete Praxis und Kunst wahrzunehmen, die eine entscheidende Einsicht mit sich bringt: verletzlich und von anderen abhängig zu sein, ist nicht außergewöhnlich; Bedürfnisse zu haben ist nicht außergewöhnlich. Politische Subjektivität neu zu erfinden, zu unterwandern und umzugestalten bedeutet nicht nur, Pflege als Arbeit aufzuwerten, sondern sich auch intensiv mit dem „Empfangen von Pflege“ als Anerkennung unserer Bedürfnisse und Verletzlichkeit auseinanderzusetzen. (12) Das impliziert auch, dass wir uns von den Rahmenbedingungen der „citizenship“ (Staatsbürger*innenschaft) hin zu Formen der „caretizenship“ (Carearbeiter*innenschaft) bewegen, in denen Rechte eher mit Formen von Care als mit dem gesetzlichen Status verknüpft sind. In unserem Heute sind wir Zeug*innen einer Politisierung von Bedürfnissen und Care, die durch Bewegungen von Menschen angetrieben wird, die teils mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten leben und die oft mit Kämpfen um soziale Rechte, Umwelt- oder Gesundheitsfragen (Krebs, endokrine Störungen, Entwicklungsprobleme, psychische Gesundheit usw.) in Zusammenhang stehen. (13) Die sozialen Medien sind der Ort, an dem Menschen zunehmend Bedürfnisse und Verletzlichkeiten teilen und politisieren, aber auch toxische Kräfte anprangern, die sie und ihre Gemeinschaften direkt betreffen – ein Kontrapunkt zur individualisierenden Funktion dieser Netzwerke.

Hoffnung schöpfen können wir aus der Arbeit jener Bewegungen, die ein enormes Potenzial haben, (neo)liberale Subjektivität effektiv zu untergraben und uns dazu bringen, anders mit unserer gegenseitigen Abhängigkeit umzugehen. Eine inspirierende Initiative, die diese Herausforderung angenommen hat, ist die Zusammenarbeit zwischen organisierten feministischen Prekär- und Pflegearbeiter*innen in Madrid mit Menschen in der Zeit um 2010, die sich rund um das Thema Behinderung und Selbstbestimmungsrecht organisierten. (14) Ihre unterschiedliche Positionierung innerhalb des Pflegespektrums – als Pflegende und Pflegeempfänger*innen, jede*r mit ihrer*seiner eigenen Prekarität und Verletzlichkeit, alle in gegenseitiger Abhängigkeit in Pflegearrangements, einige als Pflegearbeiter*innen und andere als Patient*innen oder Klient*innen – brachte eine Menge Einsichten, Widersprüche und Fragen zutage. Ihre Zusammenarbeit ist ein kraftvolles und herausforderndes Beispiel für ein solidarisches Miteinander zwischen Pflegen und Pflege empfangen.

Der heutige, von neoliberalen Logiken geprägte Umgang mit der Pandemie verstärkt die Art und Weise, wie sogenannte „vulnerable Gruppen“ oder Gruppen mit „besonderen Bedürfnissen“ als „außenständig“ oder als Opfer dargestellt werden. Pflegebedürftige haben Glück, wenn sie am Leben bleiben können: Sie haben weder die Wahl, noch eine Stimme. Doch wenn das „Empfangen von Pflege“ ernst genommen wird, können wir lernen, wie Bedürfnisse angemessen verstanden und erfüllt werden können – denn nicht jede Form der Pflege ist hilfreich. Im Gegenteil, Pflege kann extrem herablassend und entmündigend sein, wenn sie die Pflegebedürftigen nicht ernst nimmt. Wohltätigkeit zum Beispiel ist eine Form von Sorge, die Abhängigkeit aufrechterhält, anstatt Gleichheit herzustellen und das Entstehen von Bedürftigkeit an seiner (systemischen) Wurzel zu packen. Neoliberale, soziale Almosen und Workfare-Richtlinien (Gewährung von Sozialleistungen nur bei Erbringung von Arbeitsleistungen oder Teilnahme an Qualifizierungsmaßnahmen) hingegen beuten diejenigen aus, die Anspruch auf soziale Unterstützung haben, und demütigen sie. In einem System, das auf Sozialdarwinismus basiert, geht es bei Care oft um eine Form der „Macht-über-andere“ („power over“) und um die Produktion von gefügigen Subjekten. Die Art von Care, die wir zurückfordern müssen, ist, in den Worten der radikalen Aktivistin und Hexe Starhawk, die der „Macht-aus-uns-selbst-heraus“ („power from within“) und der „Macht-unter-Gleichen“ („power with“). (15)

„Caring with“ als Solidarität
Damit kommen wir zu Trontos fünfter Phase: dem „gemeinsamen Sorgen“. (16) Diese Phase von Care verweist – zu guter Letzt – auf globale feministische und dekoloniale Wege aus unserer Sackgasse. (17) Entgegen dem Geist des Neoliberalismus und der Individualisierung müssen wir Care wieder als solidarisches Prinzip etablieren – überall auf der Welt. Der Kampf mit anderen für gemeinsame Systeme – beispielsweise der Wohlfahrt, der Gesundheitsversorgung, der Bildung und des Wohnens – kann Hand in Hand gehen mit dem Aufbau alternativer Infrastrukturen der sozialen Reproduktion und Carearbeit, wie Solidaritätskliniken, Nachbarschaftsnetzwerken, solidarischer Landwirtschaft, Kooperativen oder kollektive Kinderbetreuung. Diese realisieren Care als Solidarität und investieren in kollektive Wege der Reproduktion unseres Lebens, die erlauben, die verschiedenen Phasen von Care auf sozialer und planetarischer Ebene zu verbinden. Care ist nie etwas, das wir alleine schaffen können.

Kämpfe für Care, Kämpfe um Care
Der Kapitalismus hat uns – ein vermeintlicher Segen – aus den Prozessen der Reproduktion von Leben wie auch aus unserer eigenen Verletzlichkeit herausgelöst. Diese Entfremdung geschieht auf Kosten anderer, die sich in weniger privilegierten Positionen befinden; sie beschränkt einige von uns auf das „Besorgtsein“ und „sich Kümmern“, während andere auf das „Pflegen“ und „Umsorgtwerden“ festgeschrieben werden. Geist und Körper werden auseinanderdividiert. Die Moderne ist eine Erzählung, in der sich diese Entitäten niemals treffen dürfen und der Fortschritt durch strenge Unterteilungen von Care definiert wird. Der Öko-Modernismus ist bloß eine grüngewaschene Variante der gleichen Geschichte, die eine technologische Teleologie ohne gemeinsamen Horizont für soziale Reproduktion und Care bietet.

Wie also kommen wir aus dieser Sackgasse heraus?
1. Stellen wir eine lebendige Verbindung zwischen den verschiedenen Phasen von Care in unserem Leben, unseren Praktiken und Kämpfen her; sehen wir unsere Kämpfe um Care (zur Überwindung der Entfremdung) in enger Verbindung mit unseren Kämpfen für Care (zur Verteidigung und Stärkung der Praktiken und Infrastrukturen von Care).
2. Versuchen wir, diese Verbindungen über die menschliche und mehr-als-menschliche Welt hinweg herzustellen, indem wir für lokale und planetarische Koexistenz kämpfen und dabei lernen, zuzuhören und uns auf neue Weise zu positionieren.
3. Fragen wir uns: Haben wir es mit einer Blockade auf der Ebene des Sehens und Erkennens von Bedürfnissen zu tun, des sinnvollen Handelns, des Aufbaus nachhaltiger Praktiken und Infrastrukturen und des Zugehens auf andere? Um wessen Bedürfnisse, um welche Bedürfnisse geht es? Dann können wir strategisch darüber nachdenken, wie die verschiedenen Phasen von Care uns dabei helfen können, uns zu organisieren, Kraft und Macht aufzubauen, uns zu verbinden und solidarisch die Hand zu reichen. (18)
4. Schauen wir uns an, wo die systemische Macht konzentriert ist und wessen Interessen unser Leben und unsere Entscheidungen auf materieller, wirtschaftlicher, politischer, rechtlicher und räumlicher Ebene strukturieren.
5. Finden wir Freude (19) daran, uns vorzustellen, was es bedeuten würde, so füreinander zu sorgen, wie wir es gerne würden. (20)
Wir haben gesehen, wie verschiedene Phasen von Care ineinanderfließen können, und doch ist dies keine lineare Geschichte. Es gibt keinen direkten Weg und kein Rezept, um aus der Sackgasse herauszukommen – sondern unzählige Pfade und Wunschlinien, die das Diagramm von Care durchziehen. (21)

Übersetzung: Christoph Jehlicka

Courtesy: Territorio Doméstico

Manuela Zechner ist eine Forscherin und Moderatorin, die in sozialen Bewegungen, in der Wissenschaft und in der Kunst arbeitet. Ihre Arbeit befasst sich mit Care, Feminismus, Mikropolitik, ökologischer Krise und translokalen Bewegungen, in dem Versuch, Geschichten, Imaginäres und Werkzeuge für Transformation und Kämpfe bereitzustellen. Seit 2005 koordiniert sie das Projekt Future Archive, arbeitet mit Video/Film (Remembering Europe, 2016) und freiem Radio und moderiert Workshops sowie kollektive Forschungsprozesse. Zu den von ihr mit herausgegebenen Büchern gehören das Nanopolitics Handbook (2013), Situating Ourselves in Displacement (2017) und Una Ciudad Muchos Mundos: Artistic Research and Situated Practices (2018). Derzeit arbeitet sie an einer Monografie über Care, Commons und Mikropolitik in Barcelonas Kinderbetreuungs- und Gemeindebewegungen, die demnächst bei Transversal Texts erscheint. Sie schloss 2013 ihre Promotion an der Queen Mary University London ab und ist derzeit Postdoktorandin an der Universität Jena.

Endnoten
1. Joan C. Tronto, Moral Boundaries: A Political Argument for an Ethics of Care (London: Routlege, 1993). Siehe auch: Joan C. Tronto, „An Ethic of Care“, in: Generations: Journal of the American Society on Aging 22, No. 3 (1998): S. 15-20 (abgerufen am 8. März 2021).
2. Félix Guattari, The Three Ecologies (London: Bloomsbury Academic, 2005 [Erstauflage 1989]). Deutschsprachige Ausgabe: Die drei Ökologien. Übersetzt von Alec A Schaerer. (Wien: Passagen Verlag, 2012).
3. Für eine tiefgreifendere Auseinandersetzung mit diesem Thema, siehe Manuela Zechner und Bue Rübner Hansen, Careless Networks? Social media, care and reproduction in the web of life (Spheres Journal No.6, 2020) (abgerufen am 22. März 2021).
4. Gemeint sind schnelle „Lösungen“, die ein Problem verdrängen, ohne es an der Wurzel zu packen. Siehe dazu auch: Emma Dowling, „Confronting Capital’s Care Fix: Care Through the Lens of Democracy,” in:Equality, Diversity and Inclusion, Vol. 37 No. 4, S. 332-46.
5. Joan C.Tronto, Moral Boundaries, S. 114 (abgerufen am 22. März 2021).
6. Silvia Federici, Caliban and the Witch: Women, the Body and Primitive Accumulation (Oakland: PM Press, 1998).
7. Mariarosa Dalla Costa und Selma James, The Power of Women and the Subversion of Community, Streitschrift (1972).
8. Barbara Ehrenreich, Witches Midwives and Nurses (New York: CUNY Feminist Press, 1972) (abgerufen am 22. März 2021).
9. Stefania Barca, Forces of Reproduction: Notes for a Counter-Hegemonic Anthropocene (Cambridge: Cambridge University Press, 2020).
10. Donna J. Haraway, Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene (North Carolina: Duke University Press, 2016). Deutschsprachige Ausgabe: Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. Übersetzt von Karin Harasser. (Frankfurt/New York: Campus Verlag, 2018).
11. Von der feministischen Ökonomie bis zu den ökologischen Geisteswissenschaften, den feministischen Wissenschaftsstudien und der politischen Ökologie, um nur einige Bereiche eines solchen Denkens zu nennen. Siehe zum Beispiel: Maria Puig della Bellacasa, Matters of Care (Minneapolis: University of Minnesota Press, 2017).
12. Ausgehend von der Interdependenz hat die Verwundbarkeit tiefgreifende Konsequenzen für die Art und Weise, wie wir über Politik, Wirtschaft, Recht, Städte usw. nachdenken. Siehe: caring labor: an archive (abgerufen am 22. März 2021).
13. Die Arbeit der feministischen Endokrinologin Carmé Valls Llobet ist hier eine wichtige Referenz (leider ist sie bisher nur auf Spanisch verfügbar): Carmé Valls Lobet, Mujeres, salud y poder (Feminismos) (Valéncia: Universitat de Valéncia, 2009).
14. Foro de Vida Independiente y Agencia Todas a Zien, “Cojos y Precarias Haciendo Vidas Que Importan”, Traficantes de Sueños, Madrid (2011).
15. Starhawk, Truth or Dare: Encounters with Power, Authority, and Mystery (New York: Harper Collins, 1989).
16. „Interview with Joan Tronto”, Ethics of Care: Sharing Views on Good Care, 4. August 2009 (aufgerufen am 12. März 2021).
17. Das Feminist Monitoring & Advocacy Toolkitgibt einen Überblick über mögliche Reaktionen auf die derzeitige COVID-19-Pandemie (aufgerufen am 12. März 2021).
18. Gemeinsam mit Bue Rübner Hansen und Julie Wieger haben wir im Projekt Radical Collective Care Practices einige inspirierende Beispiel dokumentiert (abgerufen am 22. März 2021).
19. Siehe auch: Silvia Federici, Carla Bergman, Nick Montgomery, Feeling Powers Growing: An Interview with Silvia FedericiFeeling Powers Growing: An Interview with Silvia Federici (2018) (aufgerufen am 22. März 2021).
20. In vielerlei Hinsicht geht es beim Future Archive Project, das Menschen und Gruppen dazu einlädt, sich gemeinsam wünschenswerte und nachhaltige Zukünfte vorzustellen, darum, solche Imaginationen performativ und spielerisch anzunehmen (abgerufen am 22. März 2021).
21. Ich arbeite schon seit vielen Jahren mit einer ‚Care Network Mapping‘-Methodik, die es Menschen und Gruppen ermöglicht, verschiedene Ebenen und Beziehungen von Fürsorge und Interdependenz, in die sie verwoben sind, zu visualisieren. In letzter Zeit habe ich dies mehr in Richtung der Visualisierung von ökologischen Beziehungen entwickelt. Ein Beispiel und eine Anleitung für ein solches Mapping finden Sie in meinem demnächst erscheinenden Text in Jesko Fezer, Claudia Banz and Studio Experimentelles Design: (How) do we (want to) work (together) (as (socially engaged) designers (students and neighbours)) in neoliberal times)? (Berlin: Sternberg Press, kommend)

Manuela Zechner, Portrait. Courtesy: Manuela Zechner