Extemporierte Rituale: Anmerkungen zu den Tänzen von Marcelo Evelin und Tosh Basco

Von Noémie Solomon

Rituelle Formen, experimentelle Klangterrains und zeitliche Verschiebungen bestimmen die flüchtigen Choreografien von Tosh Basco und Marcelo Evelin, die Anstöße geben, um Brüche innerhalb postkolonialer Geschichte und der Gewalt des modernen Denkens zu bilden. Die Autorin und Kuratorin Noémie Solomon untersucht die Beziehung des Tanzes in Bascos Untitled Duet (the storm called progress) und Evelins A Invenção da Maldade (Die Erfindung des Bösen) – zwei Werke die im Rahmen der Performancereihe Rituals of Care im Gropius Bau aufgeführt wurden –, zu normativer Zeit und nimmt ihr Potential in den Blick, imaginierte Zukunftsvorstellungen zu formen.

Marcelo Evelin, The Invention of Evilness, 2020

Marcelo Evelin, A Invenção da Maldade (Die Erfindung des Bösen), 2020, Performancedokumentation, Gropius Bau, 2020. Foto: Eike Walkenhorst

Dem Tanz wohnt ein paradoxes Verhältnis zu Zeit inne. Diese Ausdrucksform, die folkloristisch und archaisch, aber auch flüchtig und vergänglich ist, wurde stets von einer zeitlichen Ambivalenz innerhalb ästhetischer und epistemologischer Regime geprägt. Doch innerhalb dieser wesentlichen Ambiguität haben tanzende Körper die Fähigkeit, normativen Zeitordnungen entgegenzuwirken, nämlich mehrere und widersprüchliche Zeitlichkeiten simultan zu erzeugen, sich also vom Lauf der Geschichte zu entkoppeln und stattdessen andere Zukunftsbilder zu inszenieren. Solche flüchtigen choreografischen Praktiken lassen sich als Extempores betrachten. Sie stellen spontane und unvorbereitete Zeitschienen dar, die sich dem üblichen Lauf der Geschichte widersetzen und die Logik des Kapitalismus und Kolonialismus sprengen. Solche extemporierten, inszenierten Rituale finden sich in den beiden Tanzstücken A Invenção da Maldade (Die Erfindung des Bösen) von Marcelo Evelin (geb. 1962, Piauí, Brasilien) und Untitled Duet (the storm called progress) von Tosh Basco, früher bekannt als boychild (geb. 1988, USA) (1), wieder. Ihre choreografischen und körperlichen Techniken imaginieren Darstellungsformen als Möglichkeit, sich gegen gewaltsame politische Bedrohungen unserer Zeit zu erheben – von unmittelbarer staatlicher Gewalt bis hin zur Intensivierung und Verfestigung von Nationalismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

Marcelo Evelins A Invenção da Maldade (2) initiiert ein Ritual für sieben Performer*innen und ihr Publikum. Die Kulisse ist karg und besteht aus organischen Materialien wie Holzstücken, die im Raum verteilt und akribisch in Feuerstellen-ähnlichen Anhäufungen auf dem Boden platziert wurden. Es scheint, als sei die Außenwelt in den Ausstellungsraum transferiert worden – und mit ihr ein Gefühl von Wildnis, welches das glatte Gebilde der Repräsentation unterbricht. Rund um den Aufführungsbereich wurden kleine Glöckchen aufgehängt, die ein überirdisches Territorium markieren und scheinbar magisch läuten, wenn die Luft in Bewegung gerät – wenn Körper in ihre Nähe hasten oder ein einfaches Ventilatorensystem in der Nähe aktiviert wird. Wenn sieben nackte Tänzer*innen eintreten und sich inmitten der Menge einen Pfad erschließen, vergrößert und verkleinert sich der Raum des Publikums anhand ihrer verschiedenen Aktionen; gemäß ihrer sich verändernden Bewegungen und Rhythmen, dehnt die Zeit sich aus, um sich anschließend wieder zu verkürzen. Das leise Glockengebimmel wird von einem schweren Trommelschlag verdrängt. Die Körper fangen an zu tanzen, sie wirbeln umher und verwandeln sich.

Was vollführt dieses unzeitgemäße Ritual? Evelins Choreografie könnte als tranceartige Komposition beschrieben werden, als freudige Versammlung, als gewaltsames Ausdrucksventil, als körperliche Heilung, als Experiment der Desubjektivierung. Eine Zunge ist hier ebenso ausdrucksstark wie ein Zeh oder ein Zweig; frenetische Hüftbewegungen; Körper verschmelzen zu unerwarteten, mechanisch wirkenden Assemblagen. Eine Performerin, Rosângela Sulidade, schlüpft in die Rolle der Sklavenhalterin und schlägt kraftvoll mit einem Stock in die Luft, peitscht sie, kommandiert Körper und beschwört dabei eine unsichtbare Magie. Ein Mann reagiert gehorsam und stellt sich auf alle viere. Inmitten der Wucht des Schweißes, der Geschwindigkeit und des Affekts wird man Zeuge eines subtilen Austausches der Kräfte. Das Publikum wird geleitet, verführt, zurückgedrängt – choreografiert. Einige entscheiden sich, am Rand zu bleiben, während sich andere in das Geschehen begeben und zu ungeahnten Protagonisten*innen und Wächter*innen werden. Ein weiterer Tänzer hebt Holz aus einem Lagerfeuer, um damit einen sich beschleunigenden Rhythmus zu trommeln, der die Prozession vorantreibt. Die Zeit verfließt und verzerrt sich von Moment zu Moment; das, was an überlieferte Körperrituale erinnert, verwandelt sich in futuristische Gesten.

Die in Evelins Heimatstadt Teresina, Brasilien, entstandene Arbeit A Invenção da Maldade birgt starke politische Spannungen, eine Atmosphäre stetig zunehmender Gewalt und roher Prekarität. Man könnte die „Erfindung des Bösen“ in der Arbeit als „Rückkehr zu einem Urzustand“ und als Prozess der „Entmenschlichung“ verstehen, die wiederum eine erhöhte „Menschlichkeit“ oder einen stärkeren sozialen Zusammenhalt erfordern würde. (3) Durch die subtile Untergrabung des Verhältnisses zwischen Herr*in und Sklave*in wird die Kontinuität von Geschichtsbildern, die von rassistischer Gewalt geprägt sind, gewahrt, während sie gleichzeitig in der Gegenwart wieder aufgehoben werden. Alternativ könnten wir die Bewegungen auch schlicht als „Entnaturalisierung“ des Körpers empfinden: ein Ritual zur körperlichen Befreiung aus der Regierungsherrschaft, indem die wesentlichen Techniken der Kunst und Choreografie entwirrt und von den Fiktionen des Selbst und des anderen entkoppelt werden. Ein Ritual, das in jeder Geste Gewalt und Freude miteinander verwebt, das, im selben Atemzug, den sich bewegenden und fühlenden Körper sowohl von Angst als auch Unsicherheit befreit, welche Denise Ferreira da Silva als „Eckpfeiler der modernen ‚Race‘-Grammatik“ bezeichnet. (4) Sie fordert eine „ethisch-politische Ausrichtung“, die sich der Imagination öffnet, über die Gewalt des modernen Denkens hinauswächst und der „geordneten Welt” mit ihren Grundprinzipien der Unterscheidbarkeit, Determiniertheit und Sequenzialität entweicht. A Invenção da Maldade bietet eine solche Ausrichtung. Die Arbeit ist eine Komposition des Experimentierens. Sie führt wilde, schillernde, mitreißende, poröse, opake, unübersichtliche, vibrierende und begehrende Subjektivitäten zusammen, die sich in Beziehung zueinander bewegen und wahrnehmen, ohne dabei ihre Formen und Funktionen zu ordnen. Diese Subjektivitäten drücken immer ein Ganzes aus: einen verflochtenen Tanz, aus dem man sich nicht vollends herauslösen kann, während das Chaos zum Rhythmus wird und man sich von der Ekstase zur Fassung und wieder zurück bewegt. Die „Erfindung des Bösen“ imaginiert also einen kollektiven Körper, der historisch und trotzdem noch ungeformt ist. Die Arbeit erfindet eine gemeinsame Zeiterfahrung, die sich radikal und beharrlich der Abwandlung und Ungewissheit öffnet.

Marcelo Evelin, The Invention of Evilness, 2020

Marcelo Evelin, A Invenção da Maldade (Die Erfindung des Bösen), 2019, Performancedokumentation, Gropius Bau, 2020. Foto: Eike Walkenhorst

Tosh Basco fka boychild, Untitled Duet (the storm called progress), 2019, Performancedokumentation, Gropius Bau, 2020. Foto: Eike Walkenhorst

Untitled Duet (the storm called progress) ist eine zeitintensive Arbeit, die von Tosh Basco in enger Zusammenarbeit mit dem Tänzer Josh Johnson und dem DJ und Soundkomponisten Total Freedom für den Lichthof des Gropius Bau konzipiert und dort aufgeführt wurde. Ausgangspunkt sind Walter Benjamins Überlegungen zu Angelus Novus (1920), einem Einzeldruck von Paul Klee, auf dem der Engel der Geschichte die „Katastrophe“ der Vergangenheit kontempliert, „die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft“,(5) während er mit starrem Blick und weit ausgebreiteten Flügeln durch den Lauf der Zeit schwebt. Obwohl der Engel die Zeit anhalten und verweilen, und, so Benjamin, „die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen“ möchte, werden seine Flügel von einem Sturm aus dem Paradies in Bewegung gesetzt, der ihn unaufhaltsam rückwärts in die Zukunft treibt.(6)

In Untitled Duet nutzt Basco dieses Bild als Anregung und Vorlage für eine eindringliche choreografische Meditation über das Wesen der Zeit, der Geschichte und der improvisierten Bewegung. Während der Performancedauer von fünf Stunden durchqueren zwei Tänzer*innen die gesamte Länge des Lichthofes in einer Reihe von gleißenden Gesten und wechselnden Geschwindigkeiten rückwärts. Die Performance findet im Dunkeln statt; nur zwei Scheinwerfer folgen den Bewegungsbahnen der Körper. Dies ermöglicht Einblicke in eine komplexe Choreografie: flüchtige Begegnungen oder Momente der Stille, ruhende Virtuosität, die den Nachhall der Geschichte lenkt, während zugleich von der nächsten Entfesselung geträumt wird. Manchmal hinken die Scheinwerfer den Bewegungen hinterher und beleuchten nichts als Leere, eine Spur vergangener Anwesenheit. An anderen Stellen kündigt das Licht an, was noch folgt: das Erwarten einer Hand, die den Boden berührt, eines Sprunges durch den Raum oder wirbelnder Flügel. Ihr Haar wird nach vorne geworfen, hartnäckig auf die Vergangenheit verweisend, vom Wind des Paradieses getragen, während die Tanzenden mit und gegen den Sturm namens Fortschritt (the storm called progress) dahingleiten.

Untitled Duet wird begleitet von einem stimmungsvollen Soundtrack, improvisiert von Total Freedom, der eine Musikgeschichte sowohl zerlegt als auch wieder neu zusammenfügt – die Vergangenheit wird verzerrt, die Zukunft gesampelt. Als das Publikum eintritt, um sich am äußeren Rand des Aufführungsbereiches zu bewegen, erfüllt der Sound bereits den Lichthof; dieser wird zu einem Resonanzraum, der jeden Rhythmus, jede Textur und jeden Affekt mischt und verstärkt. Die Tänzer*innen beginnen die Performance unweit des DJ-Pults, der Musik zugewandt, die Augen auf einen fernen Horizont gerichtet. Der Engel, der in die Vergangenheit starrt, ist bereit, die Flucht zu ergreifen. Es folgt eine Reihe von improvisierten Gesten, welche Musik und Tanz, aufeinanderfolgende Bewegungen, Stille und Reglosigkeit, aber auch Licht und Dunkelheit miteinander verflechten. Man könnte die Improvisation hier als einen, wie Basco es ausdrückt, „Überlebensmodus“ begreifen: als eine choreografische Technik oder ein anderes körperlich-politisches Ritual, das uns hilft, die Trümmer der Vergangenheit zu umgehen, die sich in der Gegenwart auftürmen und uns vor die Füße geworfen werden. Mit den Worten Benjamins könnten wir es als „eine einzige Katastrophe” bezeichnen, die sich akkumuliert und inmitten der kontinuierlichen Ausbreitung des Faschismus, Rassismus, der Queer- und Trans-Phobie „zum Himmel wächst”, während die moderne Geschichte Unterschiedlichkeit immer wieder als feststehend, unbestreitbar und unüberwindbar darstellt.

Nach langen Momenten der Reglosigkeit stürmen die Tänzer*innen in unvorhergesehene Fluchtrichtungen, als würden sie auf den Wellen der Zeit reiten. Ihre Körper werden zu purer Ausdrucksfähigkeit und bewegen sich durch komplexe Sequenzen, die das Kommende vorwegnehmen und zugleich rückgängig machen. Entfesselte Gliedmaßen, Finger, Hände und Arme stürzen sich in rasante Choreografien. Sprünge schießen durch die Luft. Jede Geste ist sowohl minutiös als auch unbändig, geprägt von kinästhetischer Präzision und Sorgfalt, welche die üblichen Formen und Bewegungen des Körpers übersteigern und zerrütten. Eine affektive und virtuose Ebene wird gewebt. Es ist ein Balanceakt an der Schwelle von Bild und Bewegung, von Repräsentation und Entstehung. Diese Gesten sind Extempores, nicht wegen ihres paradoxen Verhältnisses zu Zeit oder ihrer fehlenden Vorbereitung, sondern vielmehr wegen ihrer Fähigkeit, Geschichten zu verarbeiten, weil sie sich abseits der ausgetretenen Pfade und Vorgaben bewegen. Sie führen das Improvisierte jenseits von Angst und Ungewissheit auf.

Als unzeitgemäße und improvisatorische Choreografien erfinden Untitled Duet und A Invenção da Maldade den Körper und seine Geschichten (neu), indem sie Verlauf, Erzählung und Bestimmung aufheben. Hier wird keine Geschichte im Singular erzählt. Es gibt kein einzelnes Subjekt, mit dem man sich identifizieren, auf das man etwas projizieren oder dem man verfallen könnte. Es gibt nicht einmal eine Metapher, mit der man tanzen kann – nur Rituale für eine verworrene Welt. Solche Rituale bilden (und prophezeien) die notwendigen Bewegungs- und Darstellungsformen, um die Auflösung des modernen zeitlichen Paradigmas, das von der Gewalt der „Welt, wie wir sie kennen“ (7), durchsetzt ist, zu spüren und sich anstelle dessen das Zukünftige vorzustellen.

Tosh Basco fka boychild, Untitled Duet (the storm called progress), 2020, Performancedokumentation, Gropius Bau, 2020. Foto: Eike Walkenhorst

Übersetzung: Katerine Niedinger

Noémie Solomon ist als Autorin, Lehrerin, Dramaturgin und Kuratorin im Bereich der zeitgenössischen Performance und Choreografie tätig. Sie ist Herausgeberin der Sammlung DANSE (2015) für Les Presses du réel. Sie ist zudem Direktorin des Institute for Curatorial Practice in Performance, das derzeit an der Wesleyan University angesiedelt ist.

Endnoten

1. Beide Arbeiten wurden im Rahmen der Performancereihe Rituals of Care, die von Stephanie Rosenthal und Noémie Solomon gemeinsam kuratiert wurde, im Januar und Februar 2020 im Lichthof des Gropius Bau präsentiert. A Invenção da Maldade eröffnete die Veranstaltungsreihe am 16. und 17. Januar, wohingegen Untitled Duet (the storm called progress) am 1. und 2. Februar den Abschluss bildete.
2. A Invenção da Maldade wurde erstmals am 5. April 2019 im CAMPO arte contemporânea in Teresina, Brasilien, aufgeführt. Zu den Darsteller*innen im Gropius Bau gehörten Bruno Moreno, Elliot Dehaspe, Javé Montuchô / Sho Takiguichi, Maja Greczka, Márcio Nonato, Matteo Bifulco und Rosângela Sulidade.
3. Jonas Schnor, „A Invenção da Maldade”, 2019 (Abruf am 15. December 2020).
4. Denise Ferreira da Silva, „On Difference Without Separability“, in Hrsg. Jochen Vo und Júlia Rebouças, 32nd Bienal de São Paulo – Incerteza Viva, Ausst.-Kat. (São Paulo: Fundação Bienal de São Paulo, 2016), 57–65.
5+6. Walter Benjamin, „Über den Begriff der Geschichte“[1940], in Gesammelte Schriften, Bd. I/2, (Frankfurt: Suhrkamp, 1980), 697. Hinweis: Englische Originalzitate in Illuminations, Hrsg. Hannah Arendt (New York: Schocken, 1968), 253–264.
7. Ferreira da Silva, „On Difference“, 59. Op. cit.