Das Ereignis der Faser

Von Regine Hengge & Karin Krauthausen

Weben sollte, wie Anni Albers wusste, nicht als einfache menschliche Handlung gesehen werden, sondern vielmehr als eine sich entwickelnde Begegnung mit den sich ständig entfaltenden materiellen Möglichkeiten des Fadens. Was aber, wenn wir die fadenähnlichen Makromoleküle betrachten, die die Grundlage allen Lebens auf unserem Planeten sind? Der Blick in Nano- und Mikrowelten offenbart komplexe fadenförmige Architekturen, mikrobielle Städte, die für das vernetzte irdische Überleben unerlässlich sind – und die Modelle für unsere eigenen zukünftigen Ökologien liefern können.

Studio Jongerius, 2021 © Hella Jongerius, VG Bildkunst Bonn, 2021, Foto: Magdalena Lepka

Auf eine Fadenlänge – Das Textil
Beginnen wir wie Anni Albers mit einem Ereignis: Die Künstlerin und Theoretikerin schreibt 1965, dass ihr Nachdenken über das Weben von „the event of a thread“ (dem Ereignis eines Fadens) angeleitet wurde. (1) Die Aussage ist gehaltvoll, insbesondere in Hinsicht auf unser Verständnis von Material. Den Faden begreifen wir nicht als einen alltäglichen Gegenstand und als passives Material – nein, der Faden ist selbst ein aktives Geschehen, und zwar eines, das aus dem Alltäglichen heraustritt und zum „Ereignis“ wird. Der Faden macht sich bemerkbar, er überrascht diejenige, die sich in eine Auseinandersetzung begibt. Dieser Faden ist nicht der so genannte „rote Faden“, der kontinuierlich durch eine Erzählung oder ein Argument führt, indem er die einzelnen Elemente logisch-kausal verknüpft. Dieser Faden ist auch nicht der trickreiche Faden der kretischen Ariadne, mit dem Theseus seinen Weg hinein in das Labyrinth des Minotaurus markiert, um nach vollbrachter Tötung entlang des Fadens auch wieder aus der Architektur heraus zu finden. Die Aktivität des Fadens, die Albers an den Anfang ihrer Schrift On Weaving stellt, ist weder ein semantisches Abstraktum noch ein dienliches Konkretum. Dieser Faden fügt sich nicht unauffällig in das Bestehende ein, er fügt ihm vielmehr etwas hinzu, etwas Ungewohntes und in dieser Hinsicht Neues. Das Momentum, das von diesem Faden ausgeht, hängt an ihm selbst, besteht in ihm selbst, in seiner materialen „Struktur“, die zu einer treibenden Kraft, einem Potential wird. Und es überrascht nicht, dass Albers diesen Fokus auf die Struktur für das gewebte Textil stark macht: „The structure of a fabric or its weave – that is, the fastening of its elements of threads to each other – is as much a determining factor in its function as is the choice of the raw material. In fact, the interrelation of the two, the subtle play between them in supporting, impeding, or modifying each other's characteristics, is the essence of weaving.“ (Die Struktur eines Gewebes oder seine Bindung – also die Befestigung seiner Fadenelemente aneinander – ist ebenso bestimmend für seine Funktion wie die Wahl des Rohmaterials. In der Tat ist die Wechselbeziehung der beiden, das subtile Spiel zwischen ihnen, indem sie sich gegenseitig in ihren Eigenschaften unterstützen, behindern oder modifizieren, das Wesen des Webens.) (2)

Fasern, Fibrillen und Filamente – Der Stoff des Lebens
In ihrer Auseinandersetzung mit dem Fadenmaterial und den Techniken des (Ver-)Webens erfasst Albers ein fundamentales Prinzip. Die Eigenschaften und Funktionen des komplexen Webprodukts entstehen in einem Wechselspiel zwischen den Techniken und Mustern einerseits und den Eigenschaften der basalen Materialelemente andererseits. Hier gestaltet also nicht ein aktives Subjekt – der*die Webende – ein passives Material zu einem ebenso passiven fertigen Produkt, sondern das Material und die es kennzeichnenden Strukturen entscheiden mit, indem sie Möglichkeiten eröffnen und zugleich einschränken, auf welche der*die Webende gestaltend antwortet. Auch in der Natur werden über alle Skalen hinweg fädige Grundelemente zu Fasern, Fibrillen und Filamenten gesponnen, die wiederum zu dreidimensionalen Strukturen verwoben werden. Das ganze Leben auf unserem Planeten beruht auf fadenförmigen Makromolekülen, die die Grundbestandteile aller Zellen darstellen, gleichgültig ob es sich um einzellige Bakterien oder unsere eigenen Zellen handelt. DNA, RNA, Proteine und Polysaccharide – der Stoff, aus dem Leben entsteht und besteht – sind prinzipiell eindimensionale Polymerketten von sich wiederholenden kleinen Molekülbausteinen, „gesponnen“ von Enzymen, die ihrerseits energiegetriebene molekulare Maschinen aus dreidimensional gefalteten Proteinen darstellen.

Auf dieser kleinsten Skala, in der Nanowelt, ist die Eigenaktivität und Selbstorganisation der Materie der entscheidende Faktor bei der Assemblierung zu funktionellen Einheiten. Die Grundlage hierfür ist das inhärente thermische Vibrieren, das die Moleküle den Raum erkunden lässt, die sogenannte „Brownsche Molekularbewegung“, sowie die Möglichkeit, über struktural determinierte molekulare Interaktionen tiefere Energieniveaus zu erreichen. So ergibt sich die Struktur der berühmten, aus zwei DNA-Fäden zusammengesetzten Doppelhelix aus der Struktur ihrer Bausteine (Nukleotide) und aus deren Fähigkeit, durch Basenpaarung stabil miteinander zu wechselwirken. Neu synthetisierte Proteinketten falten sich spontan zu dreidimensionalen Makromolekülen aufgrund der vielen Interaktionen zwischen ihren wie Perlen aufgereihten Bausteinen (Aminosäuren). Die bei dieser Faltung aktiv helfenden Proteine, die sinnigerweise Chaperone (engl. für Anstandsdame) genannt werden, fördern und beschleunigen dabei nur die im „Material“ der Proteinkette mit ihrer spezifischen Aminosäuresequenz bereits angelegten möglichen Wechselwirkungen. Diese führen zu hoher Stabilität des fertig gefalteten Proteins, welches in dieser Form dann zum Beispiel als Enzym oder als Teil einer molekularen Maschine, die wiederum Proteine herstellt, in der umgebenden Zelle tätig wird. Die molekularen Maschinen stellen sich also selbst her.

Auf der nächsthöheren Ebene, der Mikroskala, werden die Zellen zu den gestaltenden Subjekten. Mit Hilfe energiegetriebener Makromolekül-Verbindungen, sogenannter molekularer Maschinen, können sie im Zellinneren Proteine und Polysaccharide nicht nur herstellen, sondern diese auch durch die Zellwand hindurch an ihre Oberflächen transportieren. Im Fall der Polysaccharide werden diese molekularen Fäden dort zu miteinander verdrehten Fibrillen versponnen und diese wiederum zu zweidimensionalen, also flächigen oder auch zu dreidimensionalen Netzen verwoben, die die Zellverbände zusammenhalten und schützen. Ein prominentes Beispiel ist die Zellulose, eines der häufigsten Biomoleküle – das übrigens auch in Holz, Baumwollstoffen und Papier steckt und der Ausgangsstoff für die Produktion von Zelluloid war, dem langjährigen Material für Filmrollen. Mit Hilfe des Zellulose-Materials konnten Bakterien und Pflanzen das Verweben von Polysaccharidfäden perfektionieren (Abb. 1). Auch bereits dreidimensional gefaltete Proteinmoleküle werden an den Zelloberflächen wiederum zu langen Fasern oder Filamenten zusammengesetzt. Diese sind zu weiteren Interaktionen fähig und ermöglichen die Adhäsion der Zellen aneinander, also eine mechanische „Verklebung“ der Zellen zu „Geweben“.

Abbildung 1: Rasterelektronenmikroskopische Nahaufnahme eines bakteriellen Biofilms. Die gezeigten Zellen des Bakteriums Escherichia coli haben sich mit einer Matrix aus selbstproduzierten, verwobenen Zellulosefasern umgeben, die ihrer Gemeinschaft Schutz und Zusammenhalt verleiht. Einzelne Zellen haben einen Durchmesser von circa 0.001 Millimeter. Das Zellulosegeflecht ist zur Veranschaulichung der Struktur in Falschfarben wiedergegeben.
© Diego O. Serra und Regine Hengge

Abbildung 2: Fluoreszenzmikroskopische Aufnahme eines vertikalen Dünnschnitts durch einen bakteriellen Biofilm von Escherichia coli. Grünfluoreszierende Farbe beruht auf einem Farbstoff (Thioflavin-S), der die extrazelluläre Matrix bindet und damit sichtbar macht, die in diesem Fall aus eng verflochtenen Zellulosefasern und amyloiden Proteinfasern besteht. Einzelne Bakterienzellen sind als winzige schwarze Punkte in dieser angefärbten Matrixarchitektur zu sehen. Die gesamte Matrixschicht hat eine Höhe von circa 0.05 Millimeter.
© Diego O. Serra und Regine Hengge; zuvor bereits publiziert von Diego Serra et al. In: Environmental Microbiology 17 (2015), S. 5073–5088 (unter Creative Commons Attribution-NoneCommercial-NoDerivatives Lizenz).

Die Bildung der meisten natürlichen aus Proteinen bestehenden Mikrofasern wird durch die bereits erwähnten Chaperon-Systeme unterstützt. Es gibt jedoch auch Proteine, die sich spontan, also ohne fremde Hilfe zu dicken Fasern und großen räumlichen Strukturen zusammenlagern. Dies gilt insbesondere für die hochstabilen beta-amyloiden Proteinfaserstrukturen, die man zum Beispiel in Seide findet und die im Gehirn von Alzheimerpatient*innen zu toxischen „Plaques“ verfilzen. In bakteriellen Biofilmen, also multizellulären Aggregaten von Bakterien, die sich vielerorts in der Umwelt, aber auch in unserem Körper bilden, werden beta-amyloide Proteinfasern oft mit Zellulose-Fibrillen verwoben. (3) Aus diesem faserigen Verbundmaterial entsteht eine stabile und elastische extrazelluläre Matrix, welche die bakteriellen Zellen zu einem dreidimensionalen Gewebe verbindet und sie vor toxischen Umwelteinflüssen und Fressfeinden schützt. Tatsächlich produzieren hier Millionen von Bakterien eine hochstrukturierte Architektur, die mehr als hundertfach größer ist als jene einzelnen Zellen, die sie „weben“ (Abb. 2). Die Leistung dieses Zellkollektivs ist bemerkenswert: Das Größenverhältnis zwischen den produzierenden Bakterienzellen und der Matrixarchitektur des Biofilms entspricht demjenigen zwischen einem Menschen und einer gotischen Kathedrale.

Was also die lebende Welt im Innersten zusammenhält, sind aus der Perspektive der Molekularbiologie hochaktive molekulare Fasern, Fibrillen und Fäden. Diese stellen nicht nur die Grundbestandteile von Zellen dar, sondern verweben diese Zellen auch von außen zu weichen, flexiblen, aber zugleich stabilen und elastischen Geweben. Blickt man auf diese Nano- und Mikroebene, dann wird deutlich: Die Natur „mauert“ nicht, vielmehr „spinnt“, „filzt“ und „webt“ sie, indem sie geradezu exzessiv mit eindimensionalen langen Fasern arbeitet (und nicht mit dreidimensionalen Bausteinen, also bricks), um dreidimensionale funktionelle Einheiten auf höheren Skalen zu assemblieren. Fasern sind filigrane Leichtgewichte mit – bezogen auf ihr Volumen – sehr großen Oberflächen, die gleichzeitig viele schwache Wechselwirkungen eingehen können. Aus diesen Wechselwirkungen ergibt sich in der Summe ein starker Zusammenhalt, zugleich bleibt die Möglichkeit erhalten, die Verbindungen lokal wieder zu lösen und neu zu gestalten, ohne dass das gesamte Gewebe reißt oder kollabiert. Diese feingliedrige, verschlungene Faserwelt führt zu weichen, elastischen und dynamisch veränderbaren, aber dennoch stabilen Strukturen – also genau den Strukturen, die aktive, wachsende, lebende Systeme sowohl im Innern ihrer Zellen und Gewebe wie für ihre flexibel erweiterbaren Grenzflächen und Hüllen und damit für den kontrollierten Austausch mit ihrer Umgebung benötigen.

An bakteriellen Biofilmen ist gut zu sehen, dass die verwobene Faserarchitektur eine existentielle Funktion für diese gewebeähnliche bakterielle Gemeinschaft hat, denn sie verwandelt die für das Einzelindividuum unberechenbare und gefährliche Außenwelt in einen geschützten, von den Bakterien zudem homöostatisch kontrollierbaren und damit lebensfreundlichen Innenraum. Der Biofilm etabliert für die Bakterien eine gemeinsame Versorgungsstruktur, er ähnelt im Grunde einer Stadt, einer „city of microbes“ (Stadt der Mikroben) (4), aber als Erweiterung des eigenen individuellen (Zell-)Körpers. Dieser „extended organism“ (erweiterter Organismus) und die damit verbundene „Physiology of the Environment“ (Physiologie der Umwelt) gelten nicht nur für Biofilme, sondern finden sich auch bei sozialen Insekten wie etwa den Termiten, deren beeindruckende Bauten die Größe der Einzelindividuen bei Weitem übertreffen. (5) Der Physiologe J. Scott Turner hat dieses Verhalten für verschiedene Spezies beschrieben und den Mehrwert ihrer kollektiven Produktionen für das Leben des einzelnen Organismus vorgeführt. Ließe sich die Idee des extended organism nicht auch auf menschengemachte Strukturen übertragen? Etwa auf die gebaute Stadt, die die Ströme von Menschen und Materialien, aber auch von Energie, Information und Kapital gewissermaßen zum „Vorteil“ des sozialen Miteinanders kanalisiert? (6) Wäre also auch unsere durch Bauten strukturierte Umwelt als eine externalisierte und kollektivierte Physis zu begreifen? Und wie sähe eine Architektur aus, die nicht „mauert“ , sondern sich auf die Prinzipien des Spinnens und Webens besinnt, um die Ansprüche der Technik mit denen einer über Individuum und menschliche Spezies hinausgehenden Physiologie zu verbinden? Vielleicht wäre es eine geschmeidige und aktive Architektur, wie sie Hella Jongerius mit ihrer Forschung zu Pliable Architecture (2021) (Abb. 3) und den gewebten 3D-Elementen ihres Space Loom #2 (2019–fortlaufend) ergründet.

Faserwelt – Geteilte Agency
Wechselt man also von der Nano- und Mikroebene der Moleküle und Zellen auf unsere makroskopische Skala, was sieht man? Weben ist eine Kulturtechnik und zudem eine der ältesten der Menschheit. Sie geht der Schrift lange voraus und gehört zu jenen händischen Tätigkeiten, die instrumentelle Zwecke (schützende Hülle) und symbolische Bedürfnisse (Schmuck, Identifikation, Kommunikation), aber auch epistemische Neugier (Mathematik) verbinden konnten. Der gewebte Stoff isolierte vor unbehaglichen Temperaturen, er schmückte und ließ unter Umständen Rückschlüsse auf die soziale Position der Träger*innen oder die Identität der Weber*innen zu. Zudem verlangte das Weben der Muster ein „Zählen“ der Fäden schon vor der Erfindung der Zahl. (7) Die Etymologie bewahrt noch heute die Erinnerung an die umfangreiche Bedeutung des Webens, so etwa im Begriff „Text“, der auf das lateinische Verb texere und damit auf die Tätigkeit des Webens und Flechtens (sowie im weiteren Sinn das Anzetteln, Zusammenfügen und Verfassen) zurückverweist. Doch die Kulturtechnik des Webens sowie die Techniken, die ihr vorausgehen oder sie begleiten (Fasermaterial kultivieren und zu Fäden spinnen, aber auch das Flechten von Körben sowie später das Nähen und Zuschneiden) sind in westlichen Konsumgesellschaften nicht mehr alltäglich. Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts und die Globalisierung der Märkte im 20. Jahrhundert haben das Weben hier zur Leistung von Maschinen und das Textil zu einer kurzlebigen Massenware gemacht, die in anderen Gesellschaften (und durchaus auf deren Kosten) preisgünstig produziert wird. Wir kaufen Kleidung, aber weben und verarbeiten Stoff nur selten selbst (außer im Kunstbereich) – das charakterisiert arbeitsteilig organisierte und durchkapitalisierte moderne Gesellschaften. Von den Fasern und Fäden wissen wir im Allgemeinen nur, was wir im Endprodukt mit bloßem Auge und zumeist ohne Wissen über die Herstellung erkennen. Wie sich die Faser beim Spinnen und der Faden beim Weben verhält, welche Eigenschaften seine materiale Struktur in den Prozess des Webens und den resultierenden Stoff einbringen, können wir kaum noch „erspüren“. Material ist im 21. Jahrhundert weniger ein Produkt der Kultivierung denn der Synthese, ob als billiges Plastik- oder avanciertes Hochleistungsmaterial, ob zu Wegwerfprodukten oder zu komplexen Forschungsanwendungen verarbeitet, ob in Form eines Nanopartikel-bewehrten Putztuchs oder eines Quantencomputers.

Um die Aktivität eines Materials und insbesondere des Fadenmaterials wiederzuentdecken, bedarf es einer Art intellektueller und sensueller Schubumkehr, wie ihn etwa der Wechsel der Skala zu erzeugen vermag. Der Blick auf den molekularen Stoff des Lebens kann dies zeigen, aber auch die Revolte, die Hella Jongerius mit ihrem Space Loom #1 für Lafayette Anticipations 2019 in Paris anzettelte (Abb. 4): Der raumhohe, dreidimensional aufgespannte Fadenrahmen – ein System aus Kettfäden, in denen sich problemlos wohnen ließe – übernahm klar die Leitung über Raum-, Material- und Weberfahrung. Eines Webrahmens bedurfte es hier nicht, da die Kettfäden sich autonomisiert hatten und die Webenden wie tiny figures lokal in und an den Fäden hingen, um (keineswegs wie Marionetten, aber doch mit verminderter Souveränität) die Schussfäden von Hand eher einzuflechten, denn einzuweben. Hier war die Aktivität des Materials unmittelbar erfahrbar, aber auch die räumliche Relationierung und soziale Verabredung, die durch den Prozess der Verwebung hergestellt wurden. Die Opposition aktiv/passiv mündete in eine Konfiguration der geteilten agency (engl., ursprünglich für Handlungs- und Wirkmächtigkeit) – aber „agency“ im Sinn einer „geteilten Aktivität“, also so wie dieser Begriff in philosophischer Perspektive seit dem späten 20. Jahrhundert verstanden wird: „In agency, the agents themselves are no longer only the actors/authors of action; instead, they are also caught up in a system of relations that shifts the place and authority of action and modifies [...] the definition of action.“ („In der geteilten Aktivität sind die Handelnden nicht mehr nur die Akteure*innen/Autoren*innen des Handelns, sondern sie sind auch in ein System von Beziehungen verstrickt, das den Ort und die Autorität des Handelns verschiebt und die Definition des Handelns modifiziert [...].“) (8)

Abbildung 3: Hella Jongerius, Module #1, from the series Pliable Architecture, 2021–fortlaufend. Courtesy: die Künstlerin, Foto: Magdalena Lepka © Hella Jongerius, VG Bildkunst Bonn, 2021

Abbildung 4: Hella Jongerius, Space Loom #1, 2019, Installationsansicht, Lafayette Anticipations, Paris. Foto: Roel van Tour © Hella Jongerius, VG Bildkunst Bonn, 2021

Um Aufmerksamkeit für die Textur eines gewirkten Materials – seine stoffliche Qualität – zu entwickeln, bedarf es einer Aktivität der Sinne und des Intellekts. Diese ist der Person, die „wirkt“ – also „macht“ – selbstverständlich. (9) Das händische Herstellen weiß implizit und explizit um die Stofflichkeit der Formgebung, dem was Tim Ingold „textility of making“ (Textilität der Herstellung) nennt und explizit am Beispiel des Webens vorstellt. (10) Auf dem Spiel steht hier nicht das Handwerk per se, sondern eine andere „Ökologie des Lebens“, so der Anthropologe. (11) Wir denken unsere Produkte und Kreationen allein über die rationale und ökonomische Konstruktion, anstatt sie auf unsere kollektive und individuelle Existenz zu beziehen, die nicht ohne die Einbettung in Umwelten zu verstehen ist. Das organische Leben, das die Molekularbiologie beschreibt, kennt mit der DNA zwar einen Bauplan, aber es entsteht, besteht und wächst nur in Wechselwirkung mit anderem – ob anderem Leben oder „toter“ Materie. Organismus und Umwelt sind im strengen Sinne nicht zu trennen, die Aktivität ist ge- und verteilt, da beide nur in einem interdependenten Prozess mit prinzipiell offenem Ausgang bestehen können. Der Organismus vermag „webend“, „flechtend“ und „filzend“ die Ströme an Material und Energie zu orchestrieren, die durch ihn hindurchgehen und ihn am Leben erhalten, aber er verändert damit eben auch, was ihn umgibt und muss dann mit den Reaktionen und Transformationen dieser Umwelt auskommen. Und so ist die Anerkennung und praktische Erfahrung der Aktivität des uns umgebenden und von uns verarbeiteten Materials wohl auch eine Voraussetzung zu unserer eigenen heilsamen Anbindung und dringend nötigen Wiedereingliederung in die aktiven materiellen Kreisläufe auf unserem Planeten.

Regine Hengge ist Professorin für Mikrobiologie am Institut für Biologie und Projektleiterin im Projekt Weaving des Exzellenzclusters „Matters of Activity. Image Space Material“ der Humboldt-Universität zu Berlin. Der Exzellenzcluster „Matters of Activity. Image Space Material“ wird gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder – EXC 2025 – 390648296.

Karin Krauthausen ist Kultur- und Literaturwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt Weaving des Exzellenzclusters „Matters of Activity. Image Space Material“ der Humboldt-Universität zu Berlin. Der Exzellenzcluster „Matters of Activity. Image Space Material“ wird gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder – EXC 2025 – 390648296.

Endnoten

1. Anni Albers, On Weaving (London: Studio Vista, 1974 [zuletzt: 1965]), S. 15.
2. a. a. O., S. 38.
3. Detailliert nachzulesen in Diego O. Serra, Regine Hengge, „Cellulose in bacterial biofilms“, in: Ephraim Cohen, Hans Merzendorfer (Hg.), Extracellular Sugar-Based Biopolymer Matrices (Basel: Springer International Publishing, 2019), S. 355-392.
4. Paula Watnick und Roberto Kolter, „Biofilm, city of microbes“, in: Journal of Bacteriology 182, 2000, S. 2675–2679.
5. J. Scott Turner, The Extended Organism: The Physiology of Animal-Built Structures (Cambridge/MA und London: Harvard University Press, 2000), Titel und S. 7. Turner spricht in diesem Zusammenhang auch von „external physiology“, also „externer Physiologie“ (ebd).
6. Überlegungen hierzu in Karin Krauthausen, „Hüttenkunde“, in Ute Holl, Claus Pias, Burkhardt Wolf (Hg.): Gespenster des Wissens. Für Joseph Vogl, (Zürich und Berlin: Diaphanes, 2017), S. 189–199.
7. Genaueres zur vergessenen Epistemologie der Webkunst findet sich in Ellen Harlizius-Klück, Weberei als „episteme„“ und die Genese der deduktiven Mathematik in vier Umschweifen entwickelt aus Platons Dialog ‚Politikos‘, (Berlin: Edition Ebersbach, 2004).
8. Étienne Balibar, Sandra Laugier: „Art. Agency“, in: Barbara Cassin (Hg.) sowie für die engl. Übersetzung Emily Apter, Jacques Lezra, Michael Wood (Hg.), Dictionary of Untranslatables. A Philosophical Lexicon, (Princeton und Oxford: Princeton University Press, 2014), S. 17-24, hier S. 17.
9. „Wirken“ wird hier nicht fachsprachlich, sondern entsprechend seiner Etymologie als Herstellen ‚Herstellen, Verfertigen‘ verstanden. Der Begriff impliziert den Bezug auf „Wirklichkeit“, was für unser Argument von Bedeutung ist: Wir verstehen Weben im Sinne eines Wirkens und genauer: als Herstellen von Wirklichkeit. Vgl. zu dem Bedeutungsreichtum den Artikel „WIRKEN“ in Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/21, (abgerufen am 1.3.2021).
10. Tim Ingold: The Textility of Making, in Cambridge Journal of Economics 34, 2010, S. 91–102, hier S. 92f.
11. Dargelegt hat der Anthropologe sein Programm im Kapitel „Culture, nature, environment: steps to an ecology of life“ in Tim Ingold, The Perception of the Environment. Essays on Livelihood, Dwelling and Skill, (London und New York: Routledge, 2000), S. 13–26. Vgl. auch seine Gegenüberstellung zweier Modi der Herstellung: die traditionelle westliche Art, „poetics of building“(Poetik des Bauens), und die von ihm bevorzugte „poetics of dwelling“ (Poetik des Wohnens), ebd., S. 26.