Die Heilung sozialer Gefüge unter der Last der Geschichte

Ein Gespräch zwischen Brook Andrew und Marcia Langton

Als Australien 1901 zu einem föderalen Staat wurde, waren Indigene Australier*innen von den Diskussionen über die Gründung der neuen Nation auf dem Land ihrer Vorfahr*innen völlig ausgeschlossen. Erst durch ein Referendum 1967 wurden zwei rassistische Klauseln aus der damals verabschiedeten Verfassung gestrichen. Eine Reihe von Versuchen, den Aborigines und Torres-Strait-Insulaner*innen ein Mitspracherecht einzuräumen, scheiterte – meist an der Weigerung der Regierung. In ganz Australien wächst jedoch der Druck, Indigene Gruppen in gemeinsame Entscheidungsprozesse einzubeziehen und ihre Stimmen bei der Ausarbeitung von Politik und Gesetzen zu hören und zu berücksichtigen. Der folgende Text ist ein Auszug aus einem Gespräch zwischen dem Künstler, Kurator und Wissenschaftler Brook Andrew und der Anthropologin und Geografin Marcia Langton über die Bedeutsamkeit der Anerkennung Indigener Australier*innen, das im Rahmen von Ámà: 4 Tage zu Fürsorge, Reparatur und Heilung 2021 im Gropius Bau stattfand.

[Content warning: Koloniale Gewalt, Rassimus]

AIATSIS Karte. Diese Karte versucht, die Sprach-, Gesellschafts- oder Nationengruppen der australischen Indigenen darzustellen. Sie zeigt nur die allgemeinen Standorte größerer Gruppen von Menschen, die Clans, Dialekte oder einzelne Sprachen innerhalb einer Gruppe umfassen können. Es wurden veröffentlichte Quellen aus dem 18. Jahrhundert bis 1994 verwendet, und es ist weder beabsichtigt, genau zu sein, noch sind die Grenzen festgelegt. Sie eignet sich nicht für den Erwerb von Landtiteln oder anderen Landansprüchen. David R Horton (Ersteller), © AIATSIS, 1996. Keine Reproduktion ohne Genehmigung.

Brook Andrew: Wir werden über Kinship (Verwandtschaftlichkeit), Fürsorge, Reparatur und Heilung sprechen und die Great Western Desert als Beispiel betrachten, um einige der verwandtschaftlichen Verbindungen dort näher zu beleuchten. Auf dieser Karte von Australien sind die über 300 verschiedenen Nationen und Sprachen abgebildet, und es ist äußerst wichtig, über ihre Souveränität zu sprechen.

Marcia Langton: Von allen, die in diesem Bereich arbeiten, wird diese Karte „Horton Map“ (1) genannt, da sie von dem australischen Schriftsteller David Robert Horton entwickelt wurde. Normalerweise wird immer darauf hingewiesen, dass man sich nicht auf die Karte verlassen sollte, wenn es darum geht, die Gebietsansprüche der Indigenen Gruppen zu bestimmen. Trotzdem ist sie sehr nützlich, um die große Vielfalt der australischen Aborigines – der Nachkommen jener Menschen, die vor mehr als 65.000 Jahren hierher kamen – und der Torres-Strait-Insulaner*innen, die seit etwa 20.000 Jahren in der Region leben, zu erklären.

Australien wurde vor rund 250 Jahren von Großbritannien kolonisiert. Im späten 19. Jahrhundert beschlossen die weißen Kolonialist*innen die sechs getrennten Kolonien in einer Nation zu vereinen. Die australische Verfassung wurde auf einer Reihe von Kongressen ausgearbeitet, basierend auf dem Prinzip, ein „Land für den weißen Mann“ zu schaffen. Die Aborigines waren von diesem Prozess völlig ausgeschlossen. Es gab mehrere rassistische Klauseln in der Verfassung; zwei davon wurden erst 1967 infolge eines Referendums gestrichen. Damit war das Problem jedoch längst nicht gelöst, denn formal ist die Verfassung nach wie vor rassistisch. Die sogenannte „races power“ der Verfassung gibt dem Parlament zum Beispiel die Befugnis, spezielle Gesetze für Aborigines und Torres-Strait-Insulaner*innen zu erlassen – und das kann zu ihrem Nachteil sein.

Andrew: Der Minister für Indigene Angelegenheiten, Ken Wyatt – der erste Indigene Minister Australiens überhaupt – hat kürzlich Pläne zur Einrichtung von Beratungsgremien oder sogenannten „Voices“ vorgestellt, welche die Regierungen der Bundesstaaten und Territorien bei allen politischen Entscheidungen beraten sollen, die Indigene Gruppen betreffen. Du hast in den letzten Jahren zusammen mit dem Indigenen Aktivisten und Wissenschaftler Tom Calma an einem Bericht über die so genannte „Indigenous Voice“ („Stimme der Indigenen“) gearbeitet. Könntest du ein wenig über das Projekt und die Gespräche über die Anerkennung in der Verfassung erzählen?

Langton: Ende 2019 hat mich Minister Ken Wyatt als eine von 52 Indigenen beauftragt, die „Indigenous Voice“ im Parlament mitzugestalten. Anlass dazu war das  Uluru Statement from the Heart, das aus der ersten „National Indigenous Constitutional Convention“ (Nationale Verfassungskonferenz der Indigenen) im Jahr 2017 am Uluru in Zentralaustralien hervorging. An diesem Treffen nahmen 250 Delegierte der Aborigines teil und verfassten eine Erklärung, die sich an alle Australier*innen richtet. In der Erklärung fordern sie eine verfassungsrechtlich geschützte „Stimme“, eine Vertragskommission namens Makarrata (2), sowie Aufrichtigkeit und Wahrheitsfindung in Bezug auf historische Ereignisse. Unser gemeinsamer Gestaltungsprozess wurde stark von dieser Erklärung und anderen Entwicklungen beeinflusst und führte zu einem  Abschlussbericht, der dem Minister im Juli 2021 vorgelegt wurde. Darin wird aufgezeigt, auf welche Weise Indigene im Parlament Gehör finden können. Derzeit warten wir darauf, dass das Kabinett unsere Vorschläge prüft.

In drei Bundesstaaten gibt es inzwischen schon Vertragsprozesse: Am weitesten fortgeschritten ist die Entwicklung in Victoria, wo es bereits eine Gesetzgebung und eine Vertragskommission gibt, die  First Peoples’ Assembly of Victoria. Auch in Queensland wurde ein Vertragsprozess eingeleitet, und im Northern Territory ist der Prozess mit einem Vertragskommissar und stellvertretenden Kommissar*innen schon recht weit fortgeschritten. In Victoria wurde außerdem ein Gesetz zur Einrichtung der  Yoo-rrook Justice Commission (3) verabschiedet, die mit den Befugnissen einer königlichen Kommission ausgestattet ist. Sie soll Angelegenheiten untersuchen, bei denen es um die Wahrheitsfindung in Bezug auf historische Geschehnisse rund um die Aborigines geht.

Colonial Frontier Massacres

Colonial Frontier Massacres. Australia, 1780–1930, Screenshot. Courtesy: Frontier Massacres

Die Kolonisierung Australiens war ein äußerst gewalttätiger Prozess. Es gibt ein großes Forschungsprojekt namens  Frontier Massacres, das alle dokumentierten Massaker in Australien online kartiert. Die Forscher*innen arbeiten sich schrittweise von der Ost- zur Westküste Australiens vor und es gibt Hunderte von Stätten, an denen Gewalttaten stattfanden. Jeder Punkt auf der Karte steht für einen solchen Ort. Es gibt begleitende historische Dokumente, in denen die Anzahl der Toten, die Einzelheiten des Geschehens und weitere Daten zusammengefasst sind.

Dieser Hintergrund der brutalen Kolonisierung und der Verweigerung unserer Bürger*innenrechte – sowohl in der Verfassung als auch in der Rechtsprechung – muss mitbetrachtet werden, wenn wir über Kinship sprechen. Wie man sich vorstellen kann, sind nicht viele Kinship-Systeme intakt geblieben. Ein großer Teil unserer Bevölkerung lebt heute in urbanen Räumen oder in ländlichen Kleinstädten und hatte über viele Jahre hinweg nicht das Recht, die eigene Sprache zu sprechen. Mit dem Verlust der Sprache gehen auch kulturelle Details verloren, wie zum Beispiel Bezeichnungen für Kinship-Verhältnisse und alles, was damit zusammenhängt. Bei den meisten Aborigines gibt es jedoch noch Anknüpfungspunkte an die alten Verwandtschaftstraditionen: zum Beispiel uns gegenseitig als Kin (Verwandte, Familie) anzuerkennen. So sind du und ich biologisch nicht verwandt, aber wir betrachten uns als Familienmitglieder aufgrund dieser alten Tradition, sich gegenseitig als Verwandte zu adoptieren.

Ámà: 4 Tage zu Fürsorge, Reparatur und Heilung

Ámà: 4 Tage zu Fürsorge, Reparatur und Heilung

Andrew: Es ist wichtig zu erwähnen, dass in unseren traditionellen Ländern der Schmerz, den wir noch immer fühlen – das generationenübergreifende Trauma – wirklich viel murumgidyal braucht, was auf Wiradjuri (4) „Heilung“ bedeutet. Für uns ist es ein fortlaufender Heilungsprozess. Nicht nur auf verfassungsrechtlicher Ebene, wo es darum geht, in unserem eigenen Land anerkannt zu werden. Es ist auch eine kontinuierliche Heilung, die wir immer wieder aufs Neue vollziehen müssen.

Langton: Aus Sicht der Aborigines verbindet Kinship uns untereinander und mit der Welt, die uns umgibt. Unser Verständnis von Verwandtschaft geht weit über die englische Bedeutung des Begriffs hinaus. Dort gibt es nur Worte wie Mutter, Vater, Bruder, Schwester usw. Der Verwandtschaftsbegriff der Aborigines umfasst sehr viel mehr – er ist eine Art soziale Logik. All die intakten Kinship-Systeme, die überlebt haben, müssen sehr alt sein. Sie erklären die Welt in Bezug auf alle bekannten menschlichen und nicht-menschlichen Phänomene und schaffen ein Netzwerk von Verwandtschaftsbeziehungen, das wir erben und vererben. Dabei werden nicht nur Menschen in ihren direkten familiären Beziehungen klassifiziert und benannt, sondern auch viele andere Menschen, so dass letztlich alle miteinander in Beziehung stehen. Wir stellen eine Verbindung über Kinship her und geben uns gegenseitig Kinship-Namen, und wenn wir keine biologische Verbindung herstellen können, schaffen wir eine andere. Mit anderen Worten: Potenziell sind alle miteinander verwandt. Zu diesen Systemen gehören alle benannten Lebewesen, Merkmale unserer Umgebung, Himmelskörper und (heilige) Vorfahr*innen sowie die Orte, Land- und Meeresgebiete.

In diesem Sinne sind die Vorfahr*innen nicht vergessen, und die Massaker stellen eine doppelte Belastung dar. Wir wissen nicht nur, dass viele unserer Leute ermordet wurden – in jeder Familie gibt es Geschichten darüber, oder wir erfahren als Erwachsene in Bibliotheken davon, wenn Aufzeichnungen ans Licht kommen –, sondern es gibt auch diese großen Leerstellen in unserem sozialen Leben, weil so viele Menschen während der kolonialen Invasion oder an Krankheiten starben. Es ist sehr schwierig, eine feste Verbindung zu den Orten von Vorfahr*innen herzustellen, deshalb verbringen wir viel Zeit damit, zu forschen und miteinander zu sprechen. Wir befragen unsere Verwandten, um sicherzustellen, dass wir die bestmögliche Chance haben, diese Beziehungen zur Vergangenheit wiederherzustellen.

Meine Tochter war beispielsweise vor kurzem bei einem großen Indigenen Treffen, bei dem es um die staatliche Anerkennung Indigener Landansprüche ging, und wir wollten Queensland besuchen, um einen heiligen Stein – den Star of Taroom – zu besuchen, der dem Land zurückgegeben wurde. Diese Versammlungen sind enorm wichtig als moderne Zeremonien und Markierungspunkte, die die Menschen wieder zusammenbringen.

Andrew: Beweise für die Massaker wurden lange Zeit absichtlich versteckt und unsichtbar gemacht. Die Leugnung dieser und anderer Handlungen wurde und wird bis heute fortgesetzt. Ich selbst habe einen privaten Brief gefunden, den der ehemalige Premierminister von Queensland, James Robert Dickson (1832–1901), 1854 aus der Snowy Mountains-Region in Victoria an einen Freund in England schickte. In dem Brief beschrieb er ein Massaker, bei dem 17 Aborigines ermordet wurden. Ich habe das Dokument daraufhin an Frontier Massacres weitergeleitet. Auch mit diesen Mitteln und anderen Recherchen schaffen wir also historische Räume, die zur Wiederbelebung der Kinship und zur Heilung beitragen.

Aus Sicht der Aborigines verbindet Kinship uns untereinander und mit der Welt, die uns umgibt.
Marcia Langton

Langton: Es gibt immer mehr Forschungsergebnisse über die Auswirkungen eines generationenübergreifenden Traumas, das durch diese Gewalttaten verursacht wurde und das zu psychischen und physischen Erkrankungen führt. Wenn man also von Heilung und Wahrheitsfindung spricht, geht es um die landesweite Herausforderung, Wege zu finden, das Erbe der kolonialen Invasion zu überwinden, Menschen, Familien und Genealogien zu heilen und wiederherzustellen, und unser Bestes zu tun, um unser kulturelles Erbe zurückzugewinnen.

Andrew: Es gibt auch Beispiele für Heilungsprozesse, die durch verwandtschaftliche Beziehungen in Kunstprojekten angestoßen wurden, zum Beispiel in der Great Western Desert.

Langton: Ja, im Jahr 1996 machten 40 Indigene Kläger*innen ihren Anspruch auf das Land ihrer Vorfahr*innen durch eine Kunstaktion geltend. Sie versammelten sich am Lake Pirnini in der Great Western Desert, um ihren Landanspruch zu demonstrieren. Das Ergebnis war eine fünf mal zehn Meter große Leinwand mit dem Titel  Ngurrara, die sich heute in der Sammlung des National Museum of Australia in Canberra befindet. Ein Jahr später banden die Organisator*innen noch mehr Menschen ein und bildeten ein Kinship-Netzwerk in der gesamten Western Desert. Mit Hilfe weiterer Landanwärter*innen schufen sie eine zweite, 80 Quadratmeter große Version von Ngurrara. Das Kunstwerk zeigt eine riesige Landschaft mit heiligen Wasserlöchern (jila) und Wasserstellen (juma) in der Wüste. Eine Linie stellt die „Canning Stock Route“ dar, eine 1850 Kilometer lange Strecke zwischen Halls Creek und Wiluna in Westaustralien. Sie ist nach Alfred Wernam Canning benannt, der die Strecke 1906–07 festgelegt hat. Im Jahr 1997 wurde die Klage der Indigenen endlich verhandelt, und die Mitglieder des Tribunals reisten zum Lake Pirnini. Die Künstler*innen standen auf den Abschnitten, die sie gemalt hatten, und sprachen in der eigenen Sprache über ihre Verbindung zu dem jeweiligen Gebiet – was zu einem entscheidenden Beweis für ihren Landanspruch wurde. Es dauerte jedoch weitere zehn Jahre, bis der Anspruch offiziell anerkannt wurde. 2017 wurde dieses zweite Gemälde an die Menschen in der Great Western Desert zurückgegeben und neue Generationen versammelten sich – nach 20 Jahren – um dem Akt beizuwohnen. Ihre  zeremonielle Versammlung hatte den Zweck, das Gemälde zu erwecken. Das ist ein großartiges Beispiel dafür, wie die Menschen ihre Kinship- und Ahnenbeziehungen sowie ihre kulturellen Toolkits nutzen, um ihr soziales Leben und ihre Gesellschaft zu heilen und wiederherzustellen.

Marcia Langton ist Nachfahrin der Yiman in Queensland und Inhaberin des Foundation Chair of Australian Indigenous Studies an der University of Melbourne. Sie hat zahlreiche Arbeiten im Bereich der politischen Anthropologie und Rechtsanthropologie sowie über die Kunst und Kultur der Aborigines verfasst.

Brook Andrew ist ein australischer Künstler, Kurator und Forscher, der den Wiradjuri angehört. In seiner Arbeit entwirft er alternative Zukunftsvisionen, die anhaltende koloniale Praktiken hinterfragen und Indigene Lebensweisen in den Vordergrund stellen. Er ist Ko-Kurator einer für 2022 geplanten Gruppenausstellung über Fürsorge, Reparatur und Heilung im Gropius Bau.

Endnoten

1 Die offizielle Bezeichnung der Karten ist:  „AIATSIS Karte des Indigenen Australiens“, (aufgerufen am 24. Februar 2022).
2 Makarrata ist ein Wort in der Yolngu-Sprache und bedeutet, dass man nach einem Kampf zusammenkommt, sich den Tatsachen des Unrechts stellt und wieder in Frieden lebt.
3 Yoo-rrook bedeutet in der Sprache der Wemba Wemba/Wamba Wamba „Wahrheit“ oder „die Wahrheit sagen“.
4 Wiradjuri ist eine der First People (Aborigines) Australiens. Die Sprache ist eine Pama-Nyungan-Sprache der Wiradhuric-Untergruppe im westlichen New South Wales, Australien.