Masculinities

Werkbetrachtungen

Männlichkeit ist voller Widersprüche. Zum Beispiel das Wort selbst: „die Männlichkeit” ist weiblich. Und auch ihre Bilder können unterschiedlich gelesen werden und verändern sich dadurch – heute rasanter denn je. So wie die Bilder der Fotoausstellung Masculinities: Liberation through Photography im Gropius Bau mit über 300 Arbeiten von 50 internationalen Künstler*innen. Der Junge Gropius Bau stellt hier seine Sichtweisen auf individuell ausgewählte Werke in kurzen Betrachtungen vor.

Peter Hujar, David Britzenhofe Applying Makeup (II), 1982

Peter Hujar, David Britzenhofe Applying Makeup (II), 1982

© 1987 The Peter Hujar Archive LLC

Weiche Zukunft

Janneke Brahms (17) über Sam Contis (39), „Eggs“, 2015

Das erste, was ich in der Fotografie gesehen habe, ist etwas Aufregendes, Sensibles und Neues. Die Fotografie Eggs (2015, dt. Eier), aus der Reihe Deep Springs (dt. Tiefe Quellen) stammend, wurde von der amerikanischen Künstlerin Sam Contis in dem gleichnamigen „Deep Springs College“ im US-amerikanischen Westen aufgenommen. Die Künstlerin lichtet eine schmutzbedeckte, raue, gebräunte Männerhand ab, die vorsichtig ein Paar zarte, glatte, elfenbeinfarbige Eier hält. So gibt sie dem „Cowboy“-Image des Wilden Westens, welches von Schroffheit, Brutalität, grimmiger Unabhängigkeit und anderen Ausdrücken eines alteingesessenen Männlichkeitsbilds dominiert wird, eine neue, geradezu umgekehrte Bedeutung: friedliche Harmonie. Durch ihre Bilder revidiert Contis ein altmodisches Männerbild, geprägt durch Stärke und Unantastbarkeit, zu einem Männlichkeitsbild voller Intimität, Zärtlichkeit, Sinnlichkeit, Offenheit und Freiheit. Daher finde ich, dass sie mit ihrer Serie Deep Springs ein Modell für die Zukunft schafft. Eines, das Raum für viele verschiedene Versionen der Männlichkeit bietet, die nicht durch Geschlechterstereotypen definiert sind. Mir gibt es ein Gefühl des „Werdens“, bei dem nichts feststeht und alles formbar ist.

Sam Contis, Eggs, 2015

Sam Contis, Eggs, 2015. Aus der Serie Deep Springs, 2017

© Sam Contis, Courtesy: die Künstlerin und Klaus von Nichtssagend Gallery, New York

Schlafender Frieden

Mira Raue (16) über Adi Nes (55), „Untitled“, 1999

Schlafende Gesichter haben etwas Unschuldiges, Reines und Intimes an sich. Manche mögen glauben, dass unsere Träume dann auf der Miene zu erraten sind. Wir wissen selber nicht, wie wir aussehen, wenn wir unsere Augen schließen. Nach Männlichkeit sucht man in schlafenden Gesichtern vergeblich. Ich schaue dieses Bild sehr gerne an, allein schon weil es mein Auge erfreut. Es verflechtet einen schlafenden Frieden mit dem Soldatensein der jungen Männer. Als Soldaten verkörpern sie das Kriegerische, die Aufopferung, den Beschützer, die Nationaltreue. Diese klassisch männlichen Attribute stehen der puren Menschlichkeit des Schlafs gegenüber. Dem Fotografen Adi Nes gelingt es, beides einzufangen. Für mich fühlt es sich so an, als würde der Künstler die beiden Gegensätze in die Schale seiner Hand legen und sanft in die Luft heben. Damit gewinnen sie an Leichtigkeit, schweben fast schon schwerelos – und werden so erst sichtbar.

Adi Nes, Untitled, aus der Serie „Soldiers“, 1999

Adi Nes, Untitled, aus der Serie „Soldiers“, 1999

Courtesy: Adi Nes & Praz-Delavallade Paris, Los Angeles

Codes sind nicht nur Codes

Mert Kazar (20) über Hal Fischer (70), „Handkerchiefs“, 1977

Die Fotografie von Hal Fischer zeigt zwei Männer von hinten. Genauer gesagt zeigt es den Ausschnitt des unteren Rückens abwärts bis hin zu den Knien. Das Bild ist in schwarz-weiß gehalten und fokussiert die Handkerchiefs oder auch Stofftaschentücher. Im Bild selbst wird erklärt, was es damit auf sich hat. Es zeigt, dass diese Handkerchiefs nicht nur Taschentücher sind, sondern Codes für andere Männer. Dabei spielt die Farbe und Seite des Tuchs eine wesentliche Rolle. Heutzutage verwenden wir Codes besonders oft in Programmen – war einer meiner anfänglichen Gedanken. Zeichen, Symbole, Nummern. Sie werden verwendet, um Informationen eine Aufgabe zu geben, um ein System funktionieren zu lassen. Eine sehr informatik-orientierte Betrachtungsweise. Da Smartphones, Tablets, etc. mittlerweile einen Teil unseres Lebens bilden, konnte ich verstehen, wieso ich das Gefühl hatte: „Da ist doch noch mehr!“ Ich brauchte zwar ein paar Minuten, doch dann erinnerte ich mich an Vieles aus meiner Kindheit. Codes sind nicht nur Codes. Sie sind ein Teil des zwischenmenschlichen Verhaltens. Das Erste, was mir dazu in den Sinn kam, waren „Insider“. Wenn ich an Codes denke, dann denke ich an etwas Unzugängliches, an Geheimnisse, die sich über Wort, Schrift, Gestik und Mimik äußern. Vielleicht denkt man nicht sofort daran, aber in Freundschaften, in Schulklassen, im Alltag sind Codes immer da. Ich glaube, ich lehne mich nicht weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass man Insider nicht umsonst so nennt und dass sie nicht jeder zu verstehen braucht. Insider waren schon immer ein Teil meines Lebens und sie zeigen nur ein Stück von Codes, die das Leben vieler Menschen bereichern – was denken sie? Es ist zwar einerseits schade, dass man zu Zeiten der Entstehung des Fotos (1977) seine Sexualität chiffrieren musste. Andererseits zeugt das auch von Kreativität, zum Beispiel eben mit verschiedenen Farben des Taschentuchs. Dennoch hat sich der Fotograf für ein Schwarz-Weiß-Bild entschieden – eine Möglichkeit zu sagen, dass es keinen Grund für diese Codes geben sollte?

Hal Fischer, Handkerchiefs, 1977

Hal Fischer, Handkerchiefs, 1977

Courtesy: der Künstler und Project Native Informant London

Aussehen zieht an, Charakter hält fest

Lena Preuß (17) über Hans Eijkelboom (73), „The Ideal Man“, 1978

Viele Frauen und Männer*, die auf Männer stehen, haben oft schon früh eine Vorstellung von ihrem idealen Mann. Dieses Ideal kann sich zwar über die Zeit ändern und auch sehr weit gefächert sein, aber aus meiner persönlichen Erfahrung und Beobachtung kristallisieren sich trotzdem einzelne Merkmale raus. Doch woher kommen sie und ist das Aussehen wirklich wichtiger als der Charakter? Ich glaube, dass wir viel von den Medien, Stars und Sternchen und eventuell auch von unserm Vater beeinflusst werden. Oft habe ich schon so etwas gehört wie „Aussehen zieht an und Charakter hält fest”. Oder der Freund sieht genauso aus wie der Vater. Im Jahr 1978 hat der Künstler Hans Eijkelboom 100 Frauen dazu befragt, ihren idealen Mann zu beschreiben, bezogen auf Aussehen und Kleidung. In seiner Arbeit The Ideal Man (1978) hält er die zehn diversesten Antworten fest. Der spannende Aspekt ist, dass Hans Eijkelboom diese dann auch selbst performt und fotografiert hat. Diese Werke haben mich in der Ausstellung immer wieder fest gehalten. Sie haben etwas Britzliges und Emotionales an sich. Ich hatte das Gefühl, dass Viele mit dem Werk ihre eigenen Erfahrungen verbinden können, so wie ich. Gleichzeitig hat es mich aber auch zum Nachdenken angeregt: Ich als cis-Frau frage mich, wie viel Druck Männer haben ihrem Gegenüber zu gefallen. Gerade, weil es andersherum ja genauso ist: Wir als Frauen wollen auch nicht auf das Aussehen reduziert werden, kaum jemand möchte das. Trotzdem ist dieser gesellschaftliche Druck da. Viele in meinem Alter denken zum Beispiel, dass der Partner größer als man selbst sein muss. Dieser Druck wird auf Männer übertragen – sie wollen groß, stark und mutig sein. Aber brauchen wir das wirklich?

Hans Eijkelboom, The Ideal Man, 1978

Hans Eijkelboom, The Ideal Man, 1978, Ausstellungsansicht Gropius Bau 2020

© Hans Eijkelboom, Foto: Luis Kürschner

Bedrohliche Siegerpose

Robert Schulte (18) über Mikhael Subotzky (40), Tactical Unit, Johannesburg, 2007

In der Masculinities-Ausstellung im Gropius Bau habe ich dieses Foto des südafrikanischen Fotografen Mikhael Subotzky entdeckt. Mir gefiel es direkt. Ich habe mir das Bild länger angeschaut und konnte immer wieder neue Bereiche entdecken, die mich begeistern. Ich finde, es strahlt eine ganz besondere Atmosphäre aus – durch die Farben, durch die Komposition und durch immer wieder neu auftauchende Facetten. Der Polizist (Tactical Unit, Johannesburg) in diesem Bild reckt selbstbewusst seinen Mittelfinger in die Höhe und hält mit der anderen Hand seine Schusswaffe fest. Das wirkt schon fast wie eine Siegerpose. Aber an wen ist sie gerichtet? Er ist der Mann, der die Bürger*innen schützen darf, dies zeigt er hier der Welt. Seine Körpersprache spiegelt puren Stolz und pures Selbstbewusstsein wieder. Seine dunkle Uniform und seine Statur wirken bedrohlich und provokant.

Mikhael Subotzky, Tactical Unit, Johannesburg, 2007

Mikhael Subotzky, Tactical Unit, Johannesburg, 2007

© Mikhael Subotzky und VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Sport!

Paul Maragnoli (20) über Catherine Opie (59), „Stephen“, 2009

Sport ist ein Wort das weltweit mit Emotionen, Leidenschaft und Körperlichkeit einher geht, aber auch in einem Atemzug mit Männlichkeit. Nicht umsonst schaut die Welt alle vier Jahre auf die Fußball WM und jährlich auf den Superbowl in den USA. Es ist eine Branche, die durch und durch von Männern dominiert ist. Da stellt sich die Frage: Ist Sport Männlichkeit oder gibt Sport ein starres Männlichkeitsbild vor, an dem sich viele Männer orientieren? Sport bedeutet in den meisten Fällen Wettkampf, sei es das Ringen um den Sieg oder das Vergleichen untereinander, z.B. wer der Stärkere oder Schnellere sei. Man möchte wahrhaftig zum Superman werden – stark, ruhmreich, heldenhaft und beeindruckend. Nicht umsonst trägt Stephen in der Fotografie (2009) von Catherine Opie ein T-Shirt mit Superman-Logo darauf. Es ist ein Symbol und gleichzeitig ein Ziel. Dieses Ziel zu erreichen, dass ist der Traum vieler junger Sportler, vermutlich auch die Stephens. Er sieht aus wie ein Soldat, der sich vor seinem letzten Gefecht noch einmal fotografieren lässt. Er steht heldenartig mit breiten Schultern und Muskeln zeigend auf dem Football-Rasen und hält seinen Helm in den Händen. Er wirkt wie ein Fels in der Brandung, als könnte ihm niemand etwas anhaben, als sei er unverwüstlich. Doch er ist verletzlich, nicht nur körperlich, wie das Pflaster an seinem Schienbein erahnen lässt, sondern auch geistig. Seine Haltung wirkt zwar heldenmutig, aber auch leicht ängstlich vor der eventuellen Niederlage. Dort liegt für mich der Knackpunkt: der Sport gibt ein fast unerreichbares Ziel mit seinen Supermännern vor, in dem es keine Makel und Fehler gibt. Doch macht nicht genau das, die Makel und Fehler, einen erst zu einem Menschen, zum Mann?

Catherine Opie, Stephen, 2009

Catherine Opie, Stephen, 2009

© Catherine Opie, Courtesy Regen Projects, Los Angeles und Thomas Dane Gallery, London

Scheinbare Leichtigkeit

Emilia Stroschein (18) über Herb Ritts (1952–2002, wäre heute 68), „Fred with Tires, Hollywood“, 1984

Was verstehen wir unter „Männlichkeit“? Sätze wie „Männer weinen nicht!“ oder „Jungs müssen groß, stark und muskulös werden, um „echte“ Männer zu sein!“ prägen traurigerweise bis heute häufig die Erziehung vieler Kinder, welche sich scheinbar dem binären System unterzuordnen haben. Das biologische Geschlecht (Sex) eines Menschen scheint die Person direkt in die Geschlechterrolle zu drängen, die dem jeweiligen sozialen-konstruierten Geschlecht (Gender) zugeschrieben ist. Ihre Eigenschaften müssen übernommen werden. Was heißt das jetzt also für Männer? Härte, Muskeln, Dominanz, Stärke, Selbstbewusstsein, wenig Gefühle, keine Schwäche, Autos und Handwerk. Die Fotografie Fred with Tires, Hollywood (1984) von Herb Ritts galt in den 1980er Jahren als repräsentative Abbildung der Männlichkeit. Das inszenierte Foto ist ursprünglich im Rahmen eines Fotoshootings für einen italienischen Modedesigner entstanden. Es stellt in meinen Augen ein konstruiertes Bild von Männlichkeit dar. Das wild fallende Haar von einem Oberkörper-freien, muskulösen Mann, der mit scheinbarer Leichtigkeit zwei offensichtlich schwere Autoreifen in einer Werkstatt hochhebt und sich dabei gelassen zeigt – viel mehr Männlichkeitsklischee geht glaube ich nicht. Gleichzeitig ist die Erkenntnis der Inszenierung der Männlichkeit hinter der Fotografie ausschlaggebend: das Model wurde von Stylist*innen geschminkt, die Haare wild fallend zurecht gemacht, der Körper eingeölt, um ihn in „maskulinem Schweiß“ badend darzustellen, das Licht so gerichtet, dass die Muskeln besonders auffallen und eine Autowerkstatt, welche als stereotypisch männlich gilt, zur Location gemacht. Diese extreme Inszenierung von 100%iger „Männlichkeit“, wie sie in gesellschaftlichen Rollenbildern festgeschrieben wird, findet sich in dieser Fotografie wieder und weist in meinen Augen auf die Absurdität von dem gesellschaftlichen Rollenbild des Mannes hin. Das heißt nicht, dass man dem „typischen Bild eines Mannes“ nicht entsprechen darf. Aber es ist nur eine von vielen Varianten, Männlichkeit zu verkörpern – und sicher nicht die einzig richtige.

Herb Ritts, Fred with Tires, Hollywood, 1984

Herb Ritts, Fred with Tires, Hollywood, 1984

© Herb Ritts Foundation, Courtesy Hamiltons Gallery, Foto: Luis Kürschner

Starke Tränen

Janneke Brahms (17) über Bas Jan Ader (1942–75, wäre heute 79), „I’m Too Sad to Tell You“, 1971

Wieviel Menschlichkeit kommt zum Vorschein, wenn die Sprache versagt? Ich denke, der Künstler Bas Jan Ader versucht genau das auszudrücken mit seiner Videoinstallation „I’m Too Sad to Tell You“ (1971, dt. Ich bin zu traurig, um es dir zu sagen). Die Installation zeigt ihn selbst, wie er vor der Kamera steht und herzzerreißend weint. Viele sehen Weinen als eine Schwäche an, doch meiner Meinung nach ist es eine Stärke, eine tief empfundene Leidenschaft, eine innere Bewegtheit oder schlicht die Aufrichtigkeit eines Gefühls. Es braucht eine große Portion an Selbstbewusstsein, zu seinen Gefühlen zu stehen und vor allem sie auch in der Öffentlichkeit zu zeigen. Es vermittelt ein Vertrauen gegenüber der Familie, dem Freundeskreis, Bekannten und Fremden – der ganzen Welt gegenüber. Und das ist eine Art von Stärke, die nur selten vorkommt und mich zutiefst berührt. Die Installation revidiert nicht nur ein altmodisches Männerbild, geprägt von Stärke, Unabhängigkeit und Unantastbarkeit. Sie zeigt auch Charakterzüge, zu denen in unserer heutigen Welt – dominiert von Unpersönlichkeit, Schnelligkeit, Modernisierung und Digitalisierung – nicht jede*r im Stande ist.

Bas Jan Ader, I’m Too Sad to Tell You, 1971

Bas Jan Ader, I’m Too Sad to Tell You, 1971, Ausstellungsansicht Gropius Bau 2020

© The Estate of Bas Jan Ader / Mary Sue Ader Andersen, 2019 / The Artist Rights Society (ARS), New York / DACS, London. Courtesy of Meliksetian | Briggs, Los Angeles, Foto: Luca Girardini