Ausstellungsprogramm 2020

Gropius Bau

Pressemeldung vom 07.11.2019

„Auch das Ausstellungsprogramm 2020 beschäftigt sich mit Themen von globaler und historischer Relevanz: Fragen nach Land, dem Anthropozän, Grenzen, globalen Ressourcen, Trauma – und der Art und Weise, wie diese mit dem Körper verbunden sind. 

Diese Fragen hängen eng mit der Lage und der Geschichte des Gropius Bau zusammen: Dieser befindet sich mitten in einem von Migrationsströmen geprägten Kontinent, direkt neben Reststücken der Berliner Mauer und gegenüber vom ehemaligen Gestapo-Hauptquartier. Bei der Renovierung des Gebäudes nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg standen Konzepte von Beschädigung, Reparatur und Fürsorge im Vordergrund, die sich auch in Arbeiten von Künstler*innen wie Otobong Nkanga, Zheng Bo und Lee Mingwei wiederfinden. 

Zudem werden wir im Ausstellungsjahr 2020 wieder die Grenzen in den Blick nehmen, die zwischen Menschen und Nationen liegen. Ausstellungen wie The Cool and the Cold. Malerei der USA und der UdSSR 1960–1990. Sammlung Ludwig setzen prominente künstlerische Positionen der 1950er und 60er Jahre wie Andy Warhol und Il’ja Kabakov im Jahr der deutschen Wiedervereinigung in Beziehung zueinander und untersuchen, wie Künstler*innen auf beiden Seiten der Mauer ihre unterschiedlichen Erfahrungen in ihren Werken verarbeitet haben.

Die Idee des ‚Walking in the artist’s mind‘ ist weiterhin eine wichtige Quelle der Inspiration und Reflexion – und auch eine Verbindungslinie zur Vergangenheit des Gropius Bau als Kunstgewerbemuseum. Das Programm In House: Artist in Residence wird in diesem Jahr mit Zheng Bos Aufenthalt in Berlin fortgeführt.

Das Vorhaben des Gropius Bau, Einzelausstellungen international renommierter Künstlerinnen nach Berlin zu bringen, wird zudem mit der ersten großen Retrospektive Yayoi Kusamas in Deutschland fortgesetzt.“

— Stephanie Rosenthal (Direktorin, Gropius Bau)

Akinbode Akinbiyi: Six Songs, Swirling Gracefully in the Taut Air

7. Februar bis 17. Mai 2020

Die Fotografieausstellung Six Songs, Swirling Gracefully in the Taut Air versammelt Arbeiten aus Langzeitserien des in Berlin lebenden nigerianischen Fotografen Akinbode Akinbiyi aus vier Jahrzehnten. Als Chronist von gelebten Rhythmen und sozialen Texturen von Räumen hat Akinbiyi unter anderem in Städten wie Lagos, Berlin, Johannesburg, Bamako und Chicago vertraute Momente und das menschliche Zusammenleben festgehalten. Seine Sammlung von Schwarz-Weiß-Fotografien zeigt eine Welt häufig übersehener Narrative, Gesten und Glaubensvorstellungen inmitten von lauten Straßen, Küstenlinien und dicht besiedelten Vierteln. Das Umherwandern ist für Akinbiyi dabei zentrales Instrument, um soziale Realitäten zu dokumentieren und die Psychogeografie städtischer Umfelder zu erforschen. Die Ausstellung umfasst die international vielbeachtete Serie Lagos: All Roads und die fortlaufende Reihe African Quarter – Fotografien, die seit den späten 1990er Jahren in Berlin entstanden sind. Diese zeigen Straßen, in denen die historischen Spuren der deutschen Kolonialvergangenheit eingeschrieben sind, und offene Begegnungen in der afrikanischen Diaspora und in afrodeutschen Communitys in der Stadt, vor allem im Bezirk Wedding.

Kuratiert von Natasha Ginwala (assoziierte Kuratorin)

Lee Mingwei

27. März bis 7. Juni 2020

Im Mittelpunkt von Lee Mingweis künstlerischer Praxis stehen Rituale des Schenkens und Beschenktwerdens. Vom 27. März bis 7. Juni 2020 zeigt der Gropius Bau eine Einzelausstellung des Künstlers, die seine Performances und Installationen der letzten dreißig Jahre präsentiert und Kunst als transformatives Geschenk untersucht. In Lees Arbeiten werden immaterielle Gaben wie Lieder, Gespräche und Raum für Kontemplation verschenkt und empfangen. Ansatzpunkt seiner Projekte sind häufig persönliche Begegnungen, auf deren Basis der Künstler Installationen entwickelt. Lee Mingweis Auseinandersetzung mit Erfahrungen, in denen Zeit verschenkt wird, bedingt seine Faszination für das Gastgeben. Im Herbst 2019 hat Lee daher Open Calls veröffentlicht, um Berliner*innen als Gastgeber*innen in seine kommende Ausstellung einzubinden. Im Rahmen des Projekts The Living Room sind diese Gastgeber*innen eingeladen, ihre persönlichen Sammlungen auszustellen, während sie in The Mending Project mitgebrachte Textilien von Besucher*innen ausbessern und mit diesen ins Gespräch kommen. Diese Prozesse begründen einen gemeinsamen Erfahrungsraum, der gegenseitigen Austausch sowie heilende und fürsorgliche Rituale erlaubt.

Kuratiert von Stephanie Rosenthal (Direktorin, Gropius Bau) mit Clare Molloy (Assistenzkuratorin)

The Cool and the Cold. Malerei der USA und der UdSSR 1960–1990
Sammlung Ludwig

25. April bis 6. September 2020

Im Jahr des 30. Jubiläums der deutschen Wiedervereinigung ist im Gropius Bau eine Gruppenausstellung zu sehen, die zur Zeit des Kalten Krieges entstandene Gemälde aus beiden weltpolitischen Machtzentren vereint. Unter dem Titel The Cool and the Cold. Malerei der USA und der UdSSR 1960–1990. Sammlung Ludwig werden unter anderem Arbeiten von Andy Warhol, Il’ja Kabakov, Erik Bulatov, Lee Lozano, Jackson Pollock, Helen Frankenthaler, Viktor Pivovarov, Natal’ja Nesterova und Ivan Čujkov aus der Sammlung Ludwig miteinander in Beziehung gesetzt. Peter und Irene Ludwig gehörten zu den ersten europäischen Sammler*innen von US-amerikanischer Pop-Art und Kunst aus der Sowjetunion; ihre umfangreiche Sammlung ermöglicht so die kritische Gegenüberstellung von Werken aus beiden Lagern des Ost-West-Konflikts. Die Ausstellung im Gropius Bau untersucht, wie Künstler*innen auf politische wie ästhetische Fragen ihrer Zeit reagierten und Vorstellungen individueller und gesellschaftlicher Freiheit verhandelten; im Dialog von Konzeptkunst und Pop-Art aus drei Jahrzehnten wird Kunst als Ausdruck von und Kommentar zu Ideologien lesbar.

Kuratiert von Benjamin Dodenhoff und Brigitte Franzen (Peter und Irene Ludwig Stiftung)
Organisiert in Zusammenarbeit mit der Peter und Irene Ludwig Stiftung

Otobong Nkanga

30. April bis 2. August 2020

Otobong Nkangas Interesse gilt der komplexen Beziehung zwischen Mensch und Land, die sie in ihren Arbeiten im Spannungsfeld von Kolonialisierung und extraktivem Kapitalismus, von Reparatur und Fürsorge untersucht. Nach ihrem einjährigen Aufenthalt als In House: Artist in Residence im Gropius Bau bietet die Einzelausstellung ab dem 30. April 2020 einen Einblick in zentrale Fragestellungen ihres Schaffens. Für Nkanga lassen sich der menschliche Körper und die Erde, auf der er sich bewegt, nicht losgelöst voneinander betrachten; auf Basis umfassender Recherchen und durch die Verschränkung verschiedener Medien wie Zeichnung, Installation und Performance zeichnet Nkanga die Bewegung von Mineralien, Gütern und Menschen nach, um ökonomische und ökologische Prozesse umfassend zu ergründen. In ihren Arbeiten erforscht sie zudem die variierenden Bedeutungen, die natürlichen Ressourcen in unterschiedlichen Kulturen zugeschrieben werden, sowie das gewaltsame Verhältnis, auf dem deren Abbau und Weiterverarbeitung fußen – und stellt so tradierte Denkweisen infrage.

Vorbehaltlich der Juryentscheidungen potenzieller Förderer
Kuratiert von Stephanie Rosenthal (Direktorin, Gropius Bau) mit Clara Meister (kuratorische Referentin)

Yayoi Kusama

4. September 2020 bis 17. Januar 2021

Yayoi Kusama zählt zu den bedeutendsten japanischen Künstler*innen der Gegenwart. Im Herbst 2020 widmet der Gropius Bau Kusama die erste umfassende Retrospektive in Deutschland, die einen Überblick über sämtliche Schaffensperioden der letzten siebzig Jahre bietet und neben aktuellen Gemälden einen neuen Infinity Mirrored Room und Installation der Künstlerin umfasst. Kusama wurde durch ihre Auseinandersetzung mit repetitiven Mustern und Strukturen, ihre charakteristischen Polka Dots und Spiegelräume weltberühmt; in ihren Arbeiten konfrontiert sie Betrachter*innen mit Welten, die sich grenzenlos auszudehnen scheinen, und spürt der Auflösung des Subjekts in der Unendlichkeit nach. Seit Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn im New York der späten 1950er Jahre verband sie klassische Medien wie Malerei, Skulptur und Zeichnung mit Installationen, Performances und Happenings. Auf einer Fläche von knapp 3000 m² macht der Gropius Bau Kusamas Werk in seiner Gesamtheit erstmals in Deutschland zugänglich und knüpft damit an den Beginn der breiten Rezeption der Künstlerin Mitte der 1960er Jahre im deutschen und europäischen Kontext an, wo sie aktiver war als in den USA, ihrem damaligen Lebensmittelpunkt.

Die Ausstellung wird kuratiert von Stephanie Rosenthal (Direktorin, Gropius Bau), Yilmaz Dziewior (Direktor, Museum Ludwig) und Beatrix Ruf (Gastkuratorin, Fondation Beyeler) und entsteht in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin. Im Museum Ludwig in Köln wird die Ausstellung ab April 2021 und in der Fondation Beyeler in Riehen ab Oktober 2021 zu sehen sein.

Thea Djordjadze

10. September bis 13. Dezember 2020

Thea Djordjadzes künstlerische Praxis lässt sich als Prozess des beständigen Wiederverwertens, Rekonfigurierens und Neuordnens von Objekten begreifen. Gleichermaßen von historischen Artefakten wie von Konzepten moderner Kunst und Architektur beeinflusst, zeichnen sich Djordjadzes skulpturale Arbeiten durch formale Brüche und eine eigenwillige Materialästhetik aus. Indem sie Materialien wie Gips, Metall, Gummi, Textilien, Holz oder Pappmaché kombiniert, schafft Djordjadze fragmentarische Raumsituationen, anhand derer sie das klassische Display – Vitrine, Sockel, Rahmung und Podest – als wiederkehrendes Motiv in ihrer Arbeit neu formuliert. Ab dem 10. September 2020 zeigt der Gropius Bau bestehende und neue Arbeiten der in Berlin lebenden Künstlerin in seinen Räumlichkeiten; so auch im sogenannten Schliemann-Saal, der von 1881 bis 1885 die archäologischen Ausgrabungen Heinrich Schliemanns beherbergte. In Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des Ausstellungshauses treten Djordjadzes Arbeiten und Interventionen in einen Dialog mit diesen geschichtsträchtigen Räumen. Die Ausstellung markiert den Beginn einer Reihe von künstlerischen Präsentationen, die sich mit der Geschichte der archäologischen Ausstellungen im Gropius Bau befassen.

Kuratiert von Julienne Lorz (Hauptkuratorin, Gropius Bau)

Masculinities: Liberation through Photography

16. Oktober 2020 bis 10. Januar 2021

Unter dem Titel Masculinities: Liberation through Photography untersucht eine umfangreiche Gruppenausstellung im Gropius Bau, auf welche Weise Männlichkeit seit den 1960er Jahren erlebt, performativ hergestellt und sozial konstruiert wird. In einer Zeit, in der sich klassische Männlichkeitsbilder in der Krise befinden und Begriffe wie „toxische“ und „fragile“ Männlichkeit gesellschaftliche Diskurse prägen, bieten über 300 Arbeiten von 50 internationalen Künstler*innen, darunter Laurie Anderson, Richard Avedon, Rotimi Fani-Kayode, Peter Hujar, Isaac Julien, Annette Messager und Catherine Opie, ein Panorama der filmischen und fotografischen Auseinandersetzung mit dem Maskulinen in all seiner Widersprüchlichkeit und Komplexität. Zentrale Bezugspunkte sind Themen wie Patriarchat, Macht, queere Identität, Race und Class, Sexualität sowie die weibliche Wahrnehmung von Männlichkeit, welche als ein weitgehend fließendes, performatives Identitätskonzept ins Blickfeld rückt.

Kuratiert von Alona Pardo (Kuratorin, Barbican Art Gallery)
Organisiert vom Barbican Centre, London

In House: Artist in Residence 2020 – Zheng Bo

Im Rahmen des 2018 von Stephanie Rosenthal initiierten Programms In House: Artist in Residence wird nach Wu Tsang und Otobong Nkanga der Künstler und Theoretiker Zheng Bo für ein Jahr ein Studio im Gropius Bau beziehen. Vergangenheit und Zukunft sind zentrale Parameter seiner politisch und wissenschaftlich informierten künstlerischen Praxis, in der er sich mit sozialökonomischen Themen und dem Verhältnis von Mensch und Natur befasst. Im Gropius Bau wird Zheng verschiedenen Fragen nachgehen: Wie können Pflanzen, insbesondere in Zeiten des rasant fortschreitenden Klimawandels, Teil einer politischen Idee werden und helfen, sich von anthropozentrischen Vorstellungen von Freiheit zu entfernen? Wie lässt sich die Gleichstellung der Arten auf dem Planeten imaginieren und realisieren? Während seines Aufenthaltes wird der Künstler seine Recherchen im Austausch mit Wissenschaftler*innen vertiefen und zu Künstlergesprächen sowie mehrtägigen Workshops einladen.

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Annie-Claire Geisinger
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