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Jazzfest Berlin 2022

Die nächste Festivalausgabe findet vom 3. bis 6. November 2022 statt. Das vollständige Programm ist erschienen. Der Vorverkauf läuft.

Trailer Jazzfest Berlin 2022

Trailer Jazzfest Berlin 2022
Design, Visuals & Animation: Eps51

Moving Back / Forward

Die Künstlerische Leiterin Nadin Deventer über die diesjährige Festivalausgabe

Das Jazzfest Berlin zieht zurück! Aus dem silent green ins Festspielhaus, aus Johannesburg, Kairo, New York und São Paulo nach Berlin und aus den virtuellen Sphären des Internets in den physischen Resonanzraum des Hier und Jetzt. Nach zwei hybriden Festivals sind wir einerseits reicher an neuen Partnerschaften rings um den Atlantik und neuen künstlerischen Formaten. Andererseits freuen wir uns, Sie zur 59. Edition des Jazzfest Berlin wieder in das frisch sanierte Haus der Berliner Festspiele, den Pierre Boulez Saal, die nahe gelegenen Clubs A-Trane und Quasimodo sowie in die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche einzuladen.

Analog zum dialektischen Fluss einer Strömung, die immer schon von Migration, Veränderung und Dialog geprägt war, reichen sich auch in den künstlerischen Begegnungen beim diesjährigen Festival Jung und Alt, Tradition und Erneuerung, Kontinuität und Bruch sowie eine Pluralität an Kulturen die Hand. Eine Spielart dieses Zusammenwirkens zeichnet sich dabei durch originelle Verbindungen von Jazz, Improvisation und musikalischen Folktraditionen aus. In einem Jahr, in dem folkloristische Kunstformen mitunter in kriegsverherrlichende Propagandamaschinen eingespannt werden, möchten wir ein positives Gegenzeichen setzen. Dazu haben wir eine Vielzahl an europäischen Improvisationsmusiker*innen eingeladen, die sich in internationalen Kooperationen mit folkloristischen Traditionen aus (vorwiegend Ost-)Europa und dem Raum rund um das Schwarze Meer auseinandersetzen. Junge Künstler*innen mit genreübergreifenden Bezügen wie die Pianistin Kateryna Ziabliuk (KOMПOUSSULĂ, Shadows of Forgotten Ancestors), die Sängerinnen Maryana Golovchenko (Shadows of Forgotten Ancestors) und Olga Kozieł (Lumpeks) oder die Musiker*innen Sanem Kalfa, George Dumitriu und Joachim Badenhorst (Black Sea Songs) stellen dabei nicht minder eindrücklich als die langjährig erfahrenen Instrumentalisten John Surman, Lucian Ban und Mat Maneri („Transylvanian Folk Songs“) in einer musikalischen Verarbeitung von Béla Bartóks Field Recordings unter Beweis, dass sich Tradition am besten nicht durch Abgrenzung nach außen und Konservierung nach innen, sondern im kulturellen Dialog und durch Offenheit für Veränderung am Leben erhalten lässt.

Darüber hinaus werden neben etablierten Größen der US-amerikanischen Avantgarde-Szene wie Craig Taborn, Kris Davis, Hamid Drake, Tomeka Reid oder Matana Roberts neue Gesichter und Stimmen wie Isaiah Collier, Immanuel Wilkins und Ben LaMar Gay ihr Jazzfest Berlin-Debüt feiern. Diese zum Teil stark von der Chicagoer Szene geprägten Musiker*innen, die sich mal mehr, mal weniger direkt auf die Tradition des Spiritual Jazz oder das kulturelle Erbe und den kreativen Zeitgeist der AACM (Association for the Advancement of Creative Musicians) beziehen, treffen unter anderem auf das Johannesburger Kollektiv The Brother Moves On und das Quartett des südafrikanischen Schlagzeugers Asher Gamedze. Damit rücken Berührungspunkte zur südafrikanischen Jazz-Geschichte wie die spirituelle Dimension und die historisch enge Verbindung zu kulturellen Identitätsprozessen und Emanzipationsbewegungen in den Mittelpunkt, die wir auch im Digital Guide zur diesjährigen Festivalausgabe näher beleuchten werden.

Dezidiert nicht spirituell, sondern als künstlerische Emanzipation aus dem Fahrwasser der US-amerikanischen Tradition möchte Sven-Åke Johansson die europäische Free-Jazz-Bewegung der 1970er-Jahre verstanden wissen. Johansson und seine damaligen Mitstreiter*innen – von denen auch Peter Brötzmann und Alexander von Schlippenbach beim diesjährigen Festival in Erscheinung treten – haben den Jazz mit freier Improvisation, experimenteller Offenheit und einer körperlich-dinglichen Soundkonzeption von seinen damals als einschränkend empfundenen „klassischen“ Parametern und den auf den europäischen Kontext kaum authentisch übertragbaren historisch-politischen Konnotationen befreit. Damit haben sie ihrerseits eine Tradition des Bruchs eingeleitet, die parallel zu und in der Schnittmenge mit anderen europäischen Kunstströmungen unsere ästhetischen Erwartungen auf die Probe stellt. In diesem Zusammenhang rückt das Jazzfest Berlin 2022 das schillernde, weit über die Grenzen des Genres und der Musik hinausreichende künstlerische Lebenswerk von Sven-Åke Johansson mit mehreren Konzerten, einer Filmvorführung sowie Wort- und Bild-Beiträgen im Digital Guide und im Rahmenprogramm des Festivals ins Scheinwerferlicht.

Bis heute ist das improvisatorische Moment in der kreativen Musik Europas vom experimentellen, auf Innovation und Erweiterung zielenden Impetus sowie einem ausgeprägten Hang zur demonstrativen Missachtung musikalischer Genre- und sozialer Milieugrenzen getrieben. Improvisationsmusiker*innen von Estland über Norwegen, die Niederlande bis hin nach Portugal und Griechenland wie Kirke Karja, Mette Rasmussen, Sun-Mi Hong, Gard Nilssen, Rodrigo Amado oder Evi Filippou lassen auch bei ihren Konzerten in Berlin keinen Zweifel daran.

Der Reiz der Überschreitung wird besonders eindrucksvoll zu erleben sein, wenn unter dem Titel „Umpire Jumble“ Musiker*innen aus dem Umfeld des zwischen Paris und Berlin angesiedelten Kollektivs Umlaut das Publikum aus dem Zuschauersaal auf die umgebaute Bühne holen. Dort wird nicht nur europäische Improvisationskunst par excellence zelebriert, sondern auch swingend zum Tanz aufgespielt. Mit zwei weiteren, parallel bespielten Bühnen im Oberen Foyer und in der Kassenhalle, auf denen unter anderem die junge Schlagzeugerin und Experimentalistin Camille Émaille, die Pianistin Lisa Ullen, das Duo Silvia Tarozzi & Deborah Walker und die Multitalente der Band Synesthetic4 auftreten, laden wir Sie unter dem Motto „Playing The Haus“ ein, sich im offenen Resonanzraum des Festspielhauses zu verlieren und sich ganz von den musikalischen vibes der verschiedenen Bühnen lenken zu lassen.

Zum Entdecken und Flanieren lädt abschließend auch unser Kiezspaziergang am Sonntag, der mit intimen Konzerten in einem Buchladen, einer Galerie sowie einer Weinhandlung in unmittelbarer Festspielhausnähe den letzten Festivaltag eröffnet. Neben dieser liebgewonnenen vorpandemischen Tradition ist dank unserer Medienpartnerschaften mit den ARD-Hörfunkanstalten und Deutschlandradio das Jazzfest Berlin auch dieses Jahr wieder im Radio mitzuverfolgen.

Feiern Sie mit uns die Musik in ihrer Vielfalt und den Reiz der Begegnung in Live-Konzerten, Gesprächen und Filmbeiträgen beim Jazzfest Berlin 2022. Wie freuen uns auf Sie!

Nadin Deventer
Künstlerische Leitung Jazzfest Berlin
Berlin, September 2022

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