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Jetzt erst recht: Now is the time!

Das Jazzfest Berlin 2020 on Demand

Wir freuen uns sehr, dass das Festival zwar ohne Publikum aber mit allen geplanten Projekten stattfinden konnte! Die Konzerte sind als Video kostenfrei auf ARTE Concert und auf Berliner Festspiele on Demand weiterhin verfügbar.

Too Much Sugar for a Dime

Eine digitale Brücke

Festivalleiterin Nadin Deventer zum digitalen Jazzfest Berlin

Seit Monaten arbeiten wir an unterschiedlichsten Szenarien für das Jazzfest Berlin 2020 im silent green. Seit Anbeginn der Corona-Krise haben wir dabei in einem hybriden Festivalformat gedacht, das sowohl digital als auch live vor Ort funktionieren sollte. Im Sommer hat sich in Gesprächen u. a. mit den Kolleg*innen des Roulette in Brooklyn die Idee einer digitalen Brücke in die USA mit Musiker*innen aus New York konkretisiert. Hinzu gesellten sich Konzerte in acht Landesrundfunkanstalten quer durch die deutsche Jazzlandschaft. Bei all diesen neuen Kooperationen und Formaten begleitete uns stets auch die Sorge, dass all das notfalls auch ohne Zuschauer*innen vor Ort stattfinden müsste. Und jetzt ist klar: Weder in Brooklyn, noch in Berlin und all den anderen deutschen Städten ist Publikum in den Konzerten zulässig. Ich freue mich sehr, dass trotzdem alle 27 Projekte an den vier Festivaltagen wie angekündigt stattfinden können. Wir hoffen gemeinsam mit unseren fantastischen Musiker*innen und Partner*innen, die diesen langen Weg mit uns gegangen sind, umso mehr, dass der Livestream für das internationale Festivalpublikum ein besonderes Erlebnis werden wird.

Die Kernkompetenzen des Jazz

Festivalleiterin Nadin Deventer zur Konzeption des Festivals 2020

Seit der ersten Ausgabe 1964 ist das Jazzfest Berlin Plattform für Musiker*innen aus aller Welt. Besonderes intensiv war all die Jahre lang dabei die Verbindung zu den Musiker*innen aus den USA. In diesem Jahr voller gesellschaftlicher Herausforderungen und politischer Umbrüche – sowie nur wenige Tage nach den US-Präsidentschaftswahlen – baut das Jazzfest Berlin der Coronakrise zum Trotz auf eben diesen transatlantischen Dialog und stellt die kreativen Zentren New Yorks und Berlins ins Zentrum seiner 57. Ausgabe.

Das Festival findet aufgrund von Sanierungsarbeiten am Haus der Berliner Festspiele erstmalig im silent green Kulturquartier statt und besinnt sich in Zeiten der Pandemie auf eine der Kernkompetenzen des Jazz – die Improvisation:

Wir schlagen temporäre Brücken, suchen in den Zwischenräumen von analoger und digitaler Welt kreative Schlupflöcher, schließen den Äther mit der Cloud kurz und entsenden nach dem Vorbild Sun Ras musikalische Signale ins Weltall zu kosmischen Kreuzungen mit anderen Künsten und bislang unbekannten Kulturen.

Führten improvisierte Brücken zwischen US-amerikanischen und lokalen Sphären in Berlin einst schon durch die Luft und später über Richtfunkmasten, so nutzt das Jazzfest Berlin – New York im Jahr 2020 Glasfaserkanäle unter dem Atlantik, um die neuen Barrieren zu überbrücken, die mit der Pandemie einhergehen. Mit dem Roulette als Partnervenue in New York, einem renommierten Produktions- und Veranstaltungsort für experimentelle Musik und performative Kunst, und dem silent green Kulturquartier als Hauptspielstätte findet das Festival in diesem Jahr gleichzeitig in zwei Städten auf zwei verschiedenen Kontinenten statt. Per Streaming-Standleitung wird der Saal des Roulette im Herzen Brooklyns direkt mit der unterirdischen Betonhalle in Berlin-Wedding verbunden, um zwei Musikszenen durch mehrkanalige Audio- und Videoübertragungen in Konzertqualität zu verschalten und jeweils sechs hochkarätige Bands auf beiden Seiten des Atlantiks in einen Dialog treten zu lassen.

Komplementiert wird dieses hybride Live-Format von der Online-Video-Plattform Jazzfest Berlin Off Stage. Angesichts mangelnder Auftrittsmöglichkeiten im Lockdown hat das Festival interdisziplinär arbeitende Musiker*innen mit Videostatements beauftragt, um künstlerische Perspektiven auf das politische und gesellschaftliche Geschehen in der Krise dies- und jenseits des Atlantik zu öffnen. Die Videos werden im Vorfeld zum Festival auf der Online-Plattform Berliner Festspiele on Demand veröffentlicht. Mit Jason Moran, Camae Ayewa a.k.a. Moor Mother und Matana Roberts kommen profilierte Stimmen der internationalen Jazz-Szene zu Wort, die sich in ihrem multimedialen Schaffen u. a. mit der afroamerikanischen Musik- und Emanzipationsgeschichte auseinandersetzen. Das Berliner KIM Collective überführt seine drei Videoarbeiten zum Festivalabschluss mit weiteren Akteuren aus der Stadt in die Performance „De-Isolation“.

In der Kuppelhalle treffen sich indessen die internationalen Subszenen Berlins und Londons in den Jazzfest Berlin Outer Spaces und gehen neue, interdisziplinäre Konstellationen in den äußeren Grenzgebieten des Jazz ein. Verloren geglaubte und wiedererfundene Sprachen, planetarische Klangsphären und indigene Kosmologien, aber auch Berliner Räume im Off des Mainstreams werden dabei ebenso eine Rolle spielen wie das Erbe der kanonisierten Außenseiter Sun Ra und Thelonious Monk. In ihren raumspezifischen Arbeiten nutzen die Künstler*innen die intime Atmosphäre der Kuppelarchitektur, um immersive Klang- und Bildwelten entstehen zu lassen.

Rest Assured. Bodi No Be Fayawood. Zu Atem kommen. Ausruhen. Auftanken. Denken: In einer erstmaligen Zusammenarbeit mit dem Jazzfest Berlin schafft der unabhängige Weddinger Kunstraum Savvy Contemporary eine Insel der radikalen Fürsorge und damit einen Freiraum für Begegnung, Austausch und Regeneration von Musiker*innen, Künstler*innen und Theoretiker*innen, die Gemeinschaften angehören, welche permanent daran erinnert werden, dass sich ihr Atem und der bloße Akt des Atmens dauerhaft in einem prekären Zustand befinden. Nach zwei Workshop-Tagen überführen die Künstler*innen ihren Austausch am letzten Tag des Festivals in der Kuppelhalle des silent green in Performances, musikalische und theoretische Beiträge für das Publikum.

Schließlich intensiviert das Festival in der Jazzfest Berlin Radio Edition seine Jahrzehnte währende Partnerschaft mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und widmet der beeindruckenden Bandbreite des Jazz in Deutschland – vom State of the Art europäischer Spielarten der US-Tradition bis hin zu lokalen Genregrenzgängen – ein Festival im Festival. Über das bundesweite Sendegebiet der ARD verteilt laden regionale Ensembles, die in Zusammenarbeit mit den einzelnen Sendern ausgewählt wurden, zu acht Studiokonzerten ein, die teilweise von einem kleinen Publikum vor Ort, deutschlandweit im Radio und weltweit online im Videostream verfolgt werden können.

Das Jazzfest Berlin nimmt 2020 neue Formen an, um die kreative Musikszene auch weiterhin einem möglichst großen Publikum zugänglich zu machen. All dies ist nur dank langjähriger und neuer Partnerschaften und des starken gemeinsamen Willens möglich, kreative Wege im Umgang mit der Krise zu beschreiten. Unabhängig von der Produktionsweise bleibt dabei unser Engagement für die spannendsten und progressivsten Erscheinungsformen des Jazz ungebrochen. Wir laden Sie ein, das Entstehen und Wachsen unseres Festivals in Echtzeit – digital auf unserer Online-Plattform oder vor Ort in Berlin, New York und sechs weiteren Städten Deutschlands – an vier Festivaltagen zu verfolgen.

Dank unserer Medienpartnerschaften mit ARTE Concert, den ARD-Hörfunkanstalten und Deutschlandradio ist das Festival im Video-Stream online und im Radio zu erleben.

Nadin Deventer
Künstlerische Leitung Jazzfest Berlin
Berlin, September 2020

Jazzfest Berlin 2021

Die nächste Ausgabe des Jazzfest Berlin findet vom 4. bis 7. November 2021 statt.

Das Jazzfest Berlin

Rund um stilbildende Ikonen des Jazz wie auch junge Positionen aus verschiedensten Stilrichtungen entwirft das Jazzfest Berlin ein Festivalprogramm voller kreativer Grenzgänge und kollektiver Visionen.
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