1 / 5

Eine schlechte Zeit für Geschichte

Dies mag eine eigenartige Zeit sein, um sich mit der Geschichte zu beschäftigen. Absorbiert und überwältigt von einer prekären Gegenwart und einer ungewissen Zukunft, wie wir es sind, mag jeder „Blick zurück“ wie eine Zeitverschwendung erscheinen.

Kann sein, dass wir es müde sind, mit Vergangenem zu tun zu haben, erschöpft von einer Kultur der Retrospektion, die die Vergangenheit als etwas Gegebenes feiert, das die Gegenwart in den Schatten stellt. Mag sein, dass wir es überdrüssig sind, die alten Geschichten von Fortschritt, Aufklärung und Zivilisation zu lesen, während wir die Kosten ihrer Errungenschaften zählen: Umweltzerstörung und die Vernichtung des Lebens auf der Erde. Vielleicht möchten wir unseren Blick woandershin richten, weg von den dunklen politischen Kräften, die vor unseren Augen wieder auftauchen, obwohl wir sie bereits im Mülleimer der Geschichte gewünscht und gewähnt hatten. Während Geschichte in Echtzeit und in Einheiten von 280 Zeichen geschrieben wird, hat der langwierige historiografische Kampf um Fakten und Fakeness einen bitteren Beigeschmack erhalten. Dies mag eine schlechte Zeit für Geschichte sein.

Dennoch – oder gerade deswegen – widmet sich die fünfte Ausgabe dieses „Festivals für Zeitfragen“ zehn Tage lang dem Phänomen Geschichte bzw. Geschichtsschreibung. Geschichte verstanden als lebendiges, beseeltes Gebiet, das tief in das Jetzt hineinreicht. Geschichte als Extension der Gegenwart sogar, deren Praxis bestimmt, wie wir im Jetzt stehen und wie wir uns ins Morgen bewegen.

MaerzMusik 2019 besteht aus einer Konstellation von Begegnungen – Konzerten, Performances, Lesungen, Filmvorführungen, Installationen, Ausstellungen und Diskursformaten –, die historische Zeit spürbar, begreifbar, reflektierbar machen wollen. Das Eröffnungskonzert bringt Melodien des Widerstands und des Klassenkampfs zum Klingen, die von Frederic Rzewski meisterhaft in Variationsform gebracht wurden, und lässt selten zu hörende Klangwelten von Horațiu Rădulescu, eines Meisters der Spektralmusik, wieder aufleben (22.3.). Eine neue multimediale Arbeit von Jennifer Walshe und Timothy Morton – von MaerzMusik mit in Auftrag gegeben – erforscht die Vielfalt der Zeitlichkeiten im Zentrum des Menschseins (24.3.). „useless land“ lädt das Publikum ein, im Haus der Berliner Festspiele zu übernachten, sich niederzulegen und Texten zuzuhören, die von einer Welt vor der industriellen Revolution sprechen (24./25.3.). Elaine Mitchener „bewohnt“ und verkörpert in ihrer neuen Performance einen Begriff von Erinnerung als Akt der Verantwortung (25.3.). George E. Lewis’ „A Recital for Terry Adkins“ evoziert wichtige Persönlichkeiten der afroamerikanischen Kunst (26.3.). Ein Konzert im Konzerthaus Berlin stellt den Orchesterapparat den Stimmen von Komponistinnen zur Verfügung, darunter Olga Neuwirth mit ihrem brillanten Stück „Masaot / Clocks without Hands“ (28.3.). Ein Abend, der dem Buch und dem Stummfilm mit Live- Musik „Die Stadt ohne Juden“ gewidmet ist, regt zu tiefem Nachdenken über historische Zeit und über die Blindheit der Zeitgenossenschaft an. Und schließlich stellt „The Long Now“ wieder jenes besondere Zeit-Gefäß bereit, das seinen eigenen Gesetzen folgt und das die Rhythmen und Beschleunigungen unseres geschäftigen Lebens unterwandert (30./31.3.).

Das Diskursformat „Thinking Together“ stützt, umfasst und spiegelt diese Projekte ebenso wie zwei Ausstellungen im silent green, die mannigfaltige Archive entfalten: „Tele-Visions. Eine kritische Mediengeschichte der Neuen Musik im Fernsehen der 1950er bis 1990er Jahre.“ und „A Utopian Stage. Festival of Arts, Shiraz-Persepolis (1967–1977)“.

Es ist die tiefe Freude dieses Festivals, Momente des gemeinsamen Hörens zu schaffen, verschiedene Zeitlichkeiten zu imaginieren und zu beherbergen – Räume zu schaffen für unterschiedliche Weisen, in der Zeit zu sein. Seien Sie unser Gast.

heutige Veranstaltungen

Samstag, 23.03.2019

Trailer MaerzMusik 2019. Musik von u-matic & telematique

© Berliner Festspiele / MaerzMusik

Mehr Berliner Festspiele