Forum

Das Forum des Theatertreffens der Jugend richtet sich an Spielleiter*innen und gliedert sich in die Bereiche Praxis und Dialog.

Die Sektion Praxis widmet sich in diesem Jahr der Reflexion der eigenen Theaterpraxis mit Jugendlichen. Im Rahmen von praxisorientierten Workshops soll es darum gehen, sich über Diskriminierungs-, Macht- und Ausschlussmechanismen auszutauschen und sowohl das eigene Selbstverständnis als Theaterschaffende*r wie auch die eigenen Privilegien in den Blick zu nehmen. Zur Diskussion steht damit auch die Frage, was Vielfalt im Theater (tatsächlich) bedeutet bzw. bedeuten kann: Wer hat Zugang zu Theater? Welche Erfahrungswelten gelangen auf die Bühne? Welche Geschichten werden erzählt? Aus welcher Perspektive? Wie kann es gelingen, sich szenisch mit dem Thema Identität und Geschlecht auseinanderzusetzen, ohne die dichotome und biologisch hergeleitete Geschlechterdifferenz implizit zu reproduzieren? Wie lassen sich Vorstellungen über eine geschlechtliche und sexuelle Norm mit den Mitteln des Theaters dekonstruieren?

Das Programm umfasst mehrere Workshops, die aufeinander aufbauen bzw. deren Themen ineinandergreifen und verschiedene Zugänge zum Thema Vielfalt eröffnen. Den Einstieg bildet der Workshop von Tupoka Ogette und Stephen Lawson, in dem es um die Sensibilisierung für das Thema Kritisches Weißsein und rassistische Sozialisierung geht und der dazu einlädt, einen diskriminierungskritischen Blick auf die eigene Theaterpraxis zu werfen. Danja Erni, Nello Fragner und (Chantal) Fleur Sandjon widmen sich in ihrem Workshop zur Macht der Sprache der Frage, wie im Theaterkontext machtkritisch und diversitätssensibel mit Sprache umgegangen werden kann, wobei auch das eigene Sprachverhalten beleuchtet wird. Der Workshop von Hieu Hoang greift das Thema Macht im Zusammenhang mit Sprache auf. Anhand der Übersetzung von Texten wird die Frage nach der Sprecher*innenposition explizit gemacht, das „Sprechen vom Rand aus“ thematisiert. Karu-Levin Grunwald-Delitz beschäftigt sich in seinem Workshop mit dem Thema Geschlechtervielfalt und nimmt eine szenische Untersuchung von Rollen- und Geschlechterbildern vor. Dabei geht es insbesondere um die Frage, wie eine Auseinandersetzung mit Rollenbildern gelingen kann, ohne dass dabei Klischees und Stereotype reproduziert werden.

Die Sektion Dialog unter der Leitung von Kristina Stang lädt alle Teilnehmer*innen des Forums und Fachbesucher*innen dazu ein, im Rahmen eines Aufführungsgespräches über die eingeladenen Produktionen des Theatertreffens der Jugend zu sprechen.

Konzeptionelle Leitung: Ina Driemel, Theaterpädagogin in Theorie und Praxis. Von 2015 bis 2018 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin des DFG-Graduiertenkollegs Das Wissen der Künste an der Universität der Künste Berlin tätig. Sie lehrt(e) als Dozentin an verschiedenen Hochschulen in den Studiengängen Soziale Arbeit und Theaterpädagogik, u. a. Alice Salomon Hochschule Berlin, Hochschule für Musik und Theater Rostock, Universität der Künste Berlin. Neben ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit ist sie auch theaterpraktisch tätig, u. a. als Mitglied des Künstlerinnenduos gruppegoldstrand.

Praxis

Weiße Privilegien und rassistische Sozialisierung
Der Workshop wird an zwei Terminen angeboten:
Samstag, 25. Mai 2019, 10:00 – 16:00 Uhr oder
Sonntag, 26. Mai 2018, 10:00 – 16:00 Uhr
Mit Tupoka Ogette und Stephen Lawson

In diesem Workshop geht es um eine nicht-konfrontative Sensibilisierung für das Thema Kritisches Weißsein und rassistische Sozialisierung speziell im Theaterkulturkontext. Dabei wird es zunächst um folgende Fragen gehen: Was ist Rassismus? Die Macht der Sprache – Sprache der Macht: Wie können wir diskriminierungsarm sprechen? Was hat es mit political correctness und Bildsprache im Theater auf sich? Von Vor- und anderen Urteilen – welche gesellschaftlichen „Funktionen“ erfüllen Vorurteile und wie können wir vorurteilsbewusster werden? Weiße Privilegien – was bedeutet es, Privilegien zu haben und wie können wir sie verantwortungsbewusst „nutzen“? Daran anschließend werden wir gemeinsam Handlungsoptionen für den Alltag mit Fokus auf den Kunst- und Theaterkontext entwickeln und diskutieren. Der Workshop wird interaktiv gestaltet sein. Voraussetzung für die Teilnahme ist die Bereitschaft zur Selbstreflexion.

Tupoka Ogette ist Expertin für Vielfalt und Antidiskriminierung, langjährige Trainerin, Beraterin und Dozentin und Autorin des Buches „exit Racism. rassismuskritisch denken lernen“.

Stephen Lawson ist Steinmetz, Bildhauer, rassismuskritischer Referent und Aktivist.
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Macht_Worte – ein Workshop zu machtkritischer und diversitätssensibler Sprache
Der Workshop wird an zwei Terminen angeboten:
Sonntag, 26. Mai 2019, 9:30–12:00 Uhr und 13:30–16:00 Uhr oder
Montag, 27. Mai 2019, 9:30–12:00 Uhr und 13:30–16:00 Uhr
Mit (Chantal) Fleur Sandjon, Nello Fragner und Danja Erni

Sprechtheater, Stückbeschreibungen, Regieanweisungen, Einladungsschreiben, Kritiken – Sprache spielt im Theaterbetrieb als Teil der Kunstproduktion und der Verständigung über sie eine entscheidende Rolle. Will Theater der Wirklichkeit unserer pluralen Gesellschaft gerecht werden, muss auch die verwendete Sprache diverse Sprechweisen widerspiegeln, Bezeichnungspraxen kritisch beleuchten und offen für Veränderungen sein. Der Workshop konzentriert sich darauf, wie im eigenen Berufsalltag machtkritisch und diversitätssensibel mit Sprache umgegangen werden kann. Hierbei wird es Raum dafür geben, sowohl das eigene Sprachverhalten zu reflektieren – aus welcher Position heraus spreche ich und wie? – als auch an Beispielen aus der Praxis zu arbeiten. Ausgehend von an der Schnittstelle von Kunst, Bildung und Aktivismus entwickelten Methoden und Materialien werden Transfermöglichkeiten für eine Auseinandersetzung mit Sprache und Macht in der eigenen (theaterpädagogischen) Arbeit mit jungen Menschen erprobt und diskutiert. Dabei werden wir uns auch mit Ausschlussmechanismen der eigenen Institution beschäftigen und Möglichkeiten von Inklusion und Empowerment untersuchen, die genutzt und gestärkt werden können.

(Chantal) Fleur Sandjon ist Kommunikationswissenschaftlerin und Schriftstellerin. Sie ist seit über zehn Jahren als Spoken-Word-Künstlerin tätig, begleitet künstlerisch-postkoloniale Stadtrundgänge und arbeitet als Bildungsreferentin bei der Berliner Bildungsinitiative Queerformat. Bei alledem beschäftigt sie sich stark mit der Dekolonialisierung von Sprache sowie mit der Erarbeitung widerständiger und empowernder Sprachregister.

Nello Fragner arbeitet in der politischen Erwachsenenbildung vor allem zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt. Nello Fragner lebt in Berlin und schreibt für verschiedene Blogs und Zeitschriften, oft zu den Themen Begehren, Sexualität und Gewalt. Auf verschiedenen Camps und Bildungsveranstaltungen teamt Nello Fragner Workshops zu kreativem Schreiben für Frauen*Lesben*Trans, zu Sexismus in (Werbe-)Bildern und zu feministischer Wiederaneignung von Stadtraum.

Danja Erni arbeitet als Kunstvermittlerin und Künstlerin in Berlin. Vor ihrem Umzug unterrichtete sie in der Schweiz Kunst auf verschiedenen Schulstufen und lehrte und forschte im Bereich Art Education an der Zürcher Hochschule der Künste. Seit 2014 verantwortet sie als Co-Projektleiterin die KontextSchule, eine Fortbildung für diversitätssensible künstlerisch-edukative Kollaborationen zwischen Künstler*innen und Lehrer*innen.
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Treffen auf unsichtbarer Brücke
Dienstag, 28. Mai 2019, 9:30–12:00 Uhr und 13:30–16:00 Uhr
Mit Hieu Hoang

„Don’t push me cause I’m close to the edge / I’m trying not to lose my head/”
So lauteten bereits zwei Zeilen aus dem vermeintlich wichtigsten Hip Hop Song „The Message” von Grandmaster Flash & The Furios Five, die den Rand, ein Sprechen vom Rand aus thematisieren. In dem Workshop werden zeitgenössische englischsprachige Gedichte vorgestellt (Ocean Vuong, Claudia Rankine u. a.) und der Frage nachgegangen, was es heutzutage bedeuten kann, vom Rand aus zu sprechen, welche Potentiale und Gefahren dem inne liegen. In Praxisaufgaben übersetzen wir Gedichte in die deutsche Sprache (soweit es geht) und widmen uns Fragen, die bei diesem (und nicht nur bei diesem) Transfer auftauchen: Welche Machtdynamiken, Erfahrungen und Positionen werden sichtbar, wenn wir von einer Sprache in eine andere, Körper in Textkörper und erlebte Geschichten in Sätze / Stories und dort evtl. weiter auf die Bühne überführen.

Mit Hieu Hoang freier Autor und Theatermacher und Performer. Er ist Mitglied des Netzwerks cobratheater.cobra und war in den Spielzeiten 2015/2016 und 2016/2017 Teil der künstlerischen Leitung für das Doppelpass-Projekt Haus der digitalen Jugend, das Inhalt- und Formreservoir des Internets im Theaterraum ästhetisiert und reflektiert. Er arbeitete 2017/2018 viel im Bereich zwischen Performance und Literatur, u. a. erarbeitete er in Kollaboration mit Senthuran Varatharajah die Performance „Und wir werden uns das halbierte Auge zerstört haben am Grund der Bilder”, die beim Festival „KOOK.MONO – schrift spricht” aufgeführt wurde. Zuletzt reiste er im Sommer 2018 mit dem Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch Stiftung für eine zweimonatige Filmrecherche nach Vietnam.
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Gender, Rollenbilder und Geschlechtervielfalt
Mittwoch, 29. Mai 2019, 9:30–12:00 Uhr und 13:30–16:00 Uhr
Mit Karu-Levin Grunwald-Delitz

Die öffentliche Debatte über die Vielfalt von Geschlecht wird zwar mittlerweile breiter geführt, dennoch werden wir immer noch in einer Normalität groß, die ein binäres Zweigeschlechtersystem reproduziert. Stereotype Annahmen bestimmen bewusst und unbewusst unsere Erwartungen und unser Handeln. Sie definieren, wer was darf, wem wie viel zugestanden wird, und was sag- und denkbar ist. Der Workshop setzt sich für eine Haltung und eine berufliche Praxis ein, die den Freiraum für persönliche Entfaltung abseits von Geschlechterstereotypen fördert. Im ersten Teil geht er auf die soziale Konstruktion von Geschlecht ein. Er offenbart die alltägliche Reduktion und die dem gegenüberstehende real existierende Geschlechtervielfalt. Lebenswelten abseits der heteronormativen Matrix, insbesondere von trans* und inter* Menschen werden empathisch verständlich. Fragen über den eigenen Umgang lassen sich klären. Im zweiten Teil reflektiert der Workshop die eigenen geschlechtlichen Rollenvorstellungen. Welche Mimik, welche Gestik, welches Verhalten und welches Aussehen sind für mich weiblich oder männlich konnotiert? Was ist für mich selbstverständlich und was weicht von meinen Erwartungen ab? Das Sammeln von Irritationsmomenten und Brüchen ermöglichst es uns anschließend, szenische Entwürfe zu erproben, die Geschlechtervorstellungen hinterfragen und aufweichen. Die eigene Praxis kann so bereichert werden.

Karu-Levin Grunwald-Delitz ist gelernter Kulturwissenschaftler*, Diplom-Sozialpädagoge* und Schreibpädagoge*. In seiner freiberuflichen Arbeit liegt sein Hauptaugenmerk auf der Initiierung und Durchführung soziokultureller Projekte. Er nutzt die Mittel der biografischen Schreibarbeit und des performativen, biografischen Theaters, um auf der Bühne oder in Texten Stimmen zu Wort kommen zu lassen, die im Alltag wenig Platz finden. Als Trans*Mann setzt er sich aktiv für die Sichtbarkeit und gesellschaftliche Anerkennung von trans*identen Menschen ein. Er gibt Lesungen und Workshops, die für Dialog und Geschlechtervielfalt plädieren. Mehr zu seiner Arbeit unter karu-grunwald.com.

Dialog

Beschreibungen und Beobachtungen führen in das tägliche Aufführungsgespräch der eingeladenen Produktionen mit Juror*innen, Spielleiter*innen und Teilnehmer*innen des Forums über formalästhetische, inhaltliche und thematische Aspekte der Produktionen. Gefragt sind Expertise und Kritik, Neugier und ein scharfer Blick sowie Lust auf neue Perspektiven im Gespräch.
Mit Suzanne Jaeschke und Kristina Stang

Suzanne Jaeschke ist Dramaturgin, Kulturvermittlerin und Kulturmanagerin. Sie wurde 1968 in den Niederlanden geboren. Dort studierte sie Theaterwissenschaften an der Universität von Amsterdam. Seit ihrem Abschluss 1997 lebt sie in Berlin und arbeitete dort bisher als freie Moderatorin, Dramaturgin und Produktionsleiterin in der freien Szene mit u. a. Constanza Macras, Johan Simons, Lotte van den Berg, Anne Hirth, nico & the navigators und lubricat. Von 2005 bis 2007 unterrichtete sie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und kuratierte dort das festival UNITHEA. Von 2009 bis 2018 war sie Geschäftsführerin der Dramaturgischen Gesellschaft. Sie arbeitet als Freelancerin in verschiedenen Kulturvermittlungsformaten u. a.für das Performing Arts Programm Berlin und die Bundeszentrale für politische Bildung.

Kristina Stang studierte Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis mit Schwerpunkt Theater an der Universität Hildesheim und an der Hogeschool voor de Kunsten Utrecht. Als Theaterpädagogin und Dramaturgin arbeitete sie im Festengagement von 2005 bis 2011 am Theater an der Parkaue Berlin und von 2011 bis 2015 am Jungen DT am Deutschen Theater Berlin. Seit 2015 ist sie freiberuflich als Theaterpädagogin, Dozentin und Dramaturgin tätig, u. a. ist sie am Jungen DT, der JugendTheaterWerkstatt Spandau, dem Kinder- und Jugendliteraturzentrum LesArt, für das internationale literaturfestival berlin, den Jugend-Performancewettbewerb unArt und an Schulen. Lehraufträge hatte sie u. a. an der Universität Erlangen-Nürnberg, am Sozialpädagogischen Institut Berlin und aktuell an der Universität der Künste Berlin. Als Moderatorin der Spielleiter*innengespräche ist sie zum vierten Mal beim Theatertreffen der Jugend.

Forum für Studierende

Was bedeutet es, Theater mit Jugendlichen zu machen? Das Theatertreffen der Jugend lädt Studierende ein, diesen und anderen Fragen im Rahmen des Festivals nachzugehen. Die Studierenden erhalten die Möglichkeit, in das Festival einzutauchen, Gespräche mit den eingeladenen Gruppen und deren Spielleiter*innen, mit Juror*innen und der Leiterin der Bundeswettbewerbe zu führen wie auch an Aufführungsgesprächen teilzunehmen. Im Rahmen von Workshops werden die Studierenden überdies schreibend, zeichnend, Klänge erzeugend und inszenierend auf die beim Theatertreffen der Jugend ausgewählten Aufführungen antworten. Im Zentrum stehen dabei ihre eigenen Wahrnehmungen. Das Forum für Studierende ist ein geschlossenes Programm.