Theatertreffen 2018

© Piero Chiussi

Das Theatertreffen

Bemerkenswerte Inszenierungen des deutschsprachigen Raums sowie Arbeiten von Nachwuchskünstler*innen weltweit holt das Theatertreffen jedes Jahr nach Berlin. Welche Themen, Ästhetiken und Schwerpunkte prägen das Theater? Das Festival wirft zusammen mit Künstler*innen, Wissenschaftler*innen, Journalist*innen und dem Publikum einen Blick auf den Status Quo sowie in die Zukunft.

Im Zentrum des Theatertreffens steht die 10er Auswahl: Zehn bemerkenswerte Inszenierungen, die jedes Jahr von einer unabhängigen Kritiker*innenjury aus rund 400 Aufführungen des deutschsprachigen Raums innerhalb des Sichtungszeitraums ausgewählt werden. Sie werden nach Berlin eingeladen und im Mai geballt im Haus der Berliner Festspiele und an anderen Orten der Stadt gezeigt. Dazu gruppieren sich die weiteren Programmsäulen und Formate des Festivals:

Fast wie ein Festival im Festival funktioniert der Stückemarkt, der sich bereits seit 1978 der Förderung der Gegenwartsdramatik verschrieben hat und Theatermacher*innen – 2018 erstmals aus der ganzen Welt - einlädt, sich mit ihren neuen Stücken oder bereits fertigen Theaterprojekten zu bewerben. Beim Internationalen Forum kommen junge internationale Künstler*innen im Rahmen des Stipendienprogramms zusammen, um gemeinsam Kunst zu schauen und an der Zukunft des Theaters zu arbeiten. Kritisch begleitet wird das Theatertreffen von den Nachwuchsjournalist*innen des TT Blog und zusätzlich gerahmt vom Diskursprogramm TT Kontext.

Auch einige kleinere Bestandteile des Theatertreffens haben sich inzwischen etabliert: Im Rahmen von Open Campus ist das Theatertreffen Vernetzungs- und Begegnungsort für Schüler*innen und Studierende. Seit 2015 produziert der Fotograf und Regisseur Marcus Gaab im Rahmen seines Projekts One on One on One außergewöhnliche Kurzfilme für das Theatertreffen. Jedes Jahr wird die Theatertreffen-Auszeichnung an die eingeladenen Ensembles der 10er Auswahl vergeben. Und ausgewählte Inszenierungen sind alljährlich zum Theatertreffen in China eingeladen.

So versteht sich das Theatertreffen heute als Treffpunkt für Theatermacher*innen und Interessierte aus aller Welt, als Vernetzungs- und Diskursplattform und Open Space der Theaterkünste.

Geschichte des Theatertreffens

Bereits 1963, ein Jahr vor dem ersten Theatertreffen in Berlin, luden die Berliner Festwochen fünf Gastspiele deutscher Bühnen ein – eine Art Pilotprojekt. 1964 fand dann das erste Theatertreffen unter der Bezeichnung „Berliner Theaterwettbewerb“ statt, allerdings noch im Oktober während der 14. Berliner Festwochen, wobei die Grundstruktur die heute nach wie vor gültige war: zehn bemerkenswerte Inszenierungen werden von einer Jury aus Theaterkritiker*innen ausgewählt und nach Berlin eingeladen.

In der Gründungserklärung der Berliner Festspiele (1964) heißt es: „Mit dem Berliner Theaterwettbewerb soll der Versuch gemacht werden, durch eine Auswahl von Schauspielinszenierungen aus der Bundesrepublik Deutschland, aus Österreich und der Schweiz nicht nur ein Bild vom Stand des deutschsprachigen Theaters zu geben, sondern auch die wegen der Isolierung der einzelnen Theaterstädte so notwendige Möglichkeit des Vergleichs zu schaffen. Ein Gremium aus deutschen, österreichischen und Schweizer Kritikern hat hierzu diejenigen Aufführungen aus der Spielzeit 1963/64 ausgewählt, die ihm besonders bemerkenswert erschienen. Die jährlichen Konfrontierungen können vielleicht aus dem kontaktlosen Nebeneinander ein Miteinander machen, lassen vielleicht wieder Maßstäbe finden, wie sie einst von dem Theaterzentrum Berlin gesetzt wurden.“

Im Gründungsjahr war Nicolas Nabukov Leiter des Theatertreffens.

Der bekannte Begriff „Schaufenster des Westens“ bezog sich zunächst auf die gesamten Berliner Festspiele. 1961, nach dem Bau der Mauer, steigerte sich jedoch seine Brisanz und ab 1964 bezog er sich vor allem auf das Theatertreffen. Zwar gehörte es nicht zu den ersten Begründungen für die Notwendigkeit des Theatertreffens, ein „Schaufenster des Westens“ zu sein, jedoch wurde der Slogan vor allem im Kalten Krieg gerne als Argumentationshilfe in Anspruch genommen. Wiederholte Einladungen an ostdeutsche Bühnen mussten lange Zeit symbolischer Natur bleiben.

Ab 1965 firmierte das Theatertreffen unter der Bezeichnung „Treffen“ und wurde zudem in den Mai verlegt, um eine Einbeziehung von Produktionen der bereits laufenden Spielzeit leichter möglich zu machen. Zudem erfolgte eine Abkopplung von den übrigen Veranstaltungen der Berliner Festwochen. 1966 tauchte dann erstmalig die heutige Bezeichnung „Theatertreffen“ auf. 1967 gründete sich die Berliner Festspiele GmbH als Trägergesellschaft für das Theatertreffen.

Gerhard Hellwig hatte die Leitung des Theatertreffens von 1965 bis 1968 inne.

1965 entstand das Internationale Forum des Theatertreffens (bis 1973 unter der Bezeichnung „Begegnung junger Bühnenangehöriger“, bis 2005 unter dem Titel „Internationales Forum junger Bühnenangehöriger“). Damit ist es die älteste kontinuierlich arbeitende Einrichtung seiner Art. War es zunächst nur eine Informations- und Diskussionsveranstaltung für junge professionelle Theatermacher*innen aus der Bundesrepublik Deutschland (die DDR beteiligte sich auch hier nicht), konnte der Teilnehmer*innenkreis 1970 nach Vereinbarungen mit Institutionen in Österreich und der Schweiz auf diese beiden Länder erweitert werden.

In den 1960er- und 1970er-Jahren spielte das Theatertreffen eine wichtige Rolle bei der Etablierung neuer Regie-Generationen im Theaterbetrieb. So erhielten Peter Zadek (21), Claus Peymann (19) und Peter Stein (18) bis heute die meisten Einladungen zum Theatertreffen.

Walther Schmiedling leitete das Theatertreffen von 1969 bis 1972, Ulrich Eckhardt von 1973 bis 1981.

1978 wurde der Stückemarkt des Theatertreffens als erste Förderinitiative für Neue Dramatik im deutschsprachigen Raum gegründet. Vorher gab es keine solche Autor*innenförderung, keine Plattform für noch nicht aufgeführte Stücke und schon gar keine Schreibschulen für angehende Dramatiker*innen. In den ersten zwanzig Jahren des Festivals wählte die Stückmarkt-Leitung aus den zur Uraufführung freien Stücken jährlich fünf aus, um sie einem breiteren Publikum im Rahmen des Theatertreffens vorzustellen. Eine Jury gab es noch nicht – der*die Stückemarktleiter*in war allein für das Programm verantwortlich.

1980 begann die Kooperation zwischen dem Internationalen Forum und dem Goethe-Institut, wodurch sich das Internationale Forum für die ganze Welt öffnete. Gleichzeitig verlagerte sich der Schwerpunkt des Forums auf die praktische Arbeit; nach einer Phase des Experimentierens seit 1975 wurden 1980 Workshops zum integralen Bestandteil des Forum-Programms.

1982 bis 1988 wurde das Theatertreffen von Ulrich Eckhardt und Börries von Liebermann geleitet. Von 1989 bis 2001 war Torsten Maß Leiter des Theatertreffens.

Im Mai 1989, wenige Monate vor dem Fall der Berliner Mauer, durften schließlich Theater aus dem sozialistischen Teil des Landes zum Festival reisen. Nach dem Fall der Mauer rückte die ursprüngliche Begründung der Gründungserklärung wieder in den Vordergrund, nämlich „ein Bild vom Stand des deutschsprachigen Theaters zu geben“, statt aufgrund der isolierten Lage West-Berlins ein „Schaufenster des Westens“ zu sein.

Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 hat die „Leistungsschau“ nichts von ihrer Relevanz verloren. Vielmehr entwickelte sich das Festival durch die vielen internationalen Kurator*innen, Künstler*innen, Intendant*innen und Journalist*innen, die die Aufführungen besuchten, zu einem Schaufenster des deutschsprachigen Theaters für die Welt.

So öffnete sich der Stückemarkt 2003 für Autor*innen aus ganz Europa, die in Originalsprache Theatertexte einreichen konnten. Aus der Präsentation neuer Dramen für Theaterleute wurde ein Wettbewerb für noch unbekannte Autor*innen. Eine Fach-Jury sichtet seither hunderte von Stücken, von denen während des Theatertreffens zwischen fünf und sieben in Szenischen Lesungen präsentiert werden.

Von 2003 bis 2011 leitete Iris Laufenberg das Theatertreffen, nachdem 2002 Dieter Hansen die Leitung übernommen hatte.

2005 wurde die Festivalzeitung ins Leben gerufen, die bis 2008 in Zusammenarbeit mit der Berliner Zeitung entstand und das Theatertreffen kritisch begleitete. 2009 erfolgte dann der Umzug ins Internet und aus der Festivalzeitung entstand das TT-Blog. Außerdem führte die Ausweitung der Ausschreibung auf nicht nur deutsch-, sondern auch englischsprachige Teilnehmer*innen zu einer Internationalisierung der Debatten.

Seit 2012 ist Yvonne Büdenhölzer die Leiterin des Theatertreffens.

2012 wurde der Open Campus als Begegnungs- und Vernetzungsort für die Theatermacher*innen von morgen ins Leben gerufen. In diesem Education-Programm besuchen die angehenden Schauspieler*innen, Regisseur*innen, Dramaturg*innen, Szenograf*innen und Theaterwissenschaftler*innen von Universitäten, Kunsthochschulen und Theaterinstituten aus dem deutschsprachigen Raum die Aufführungen des Theatertreffens. Sie nehmen am Diskursprogramm des Festivals teil und treten in einen Austausch über ästhetische und gesellschaftspolitische Fragen sowie eigene Interessen und Ideen.

2012 erweiterte der Stückemarkt seinen Autor*innenbegriff: Erstmals wurden Projektarbeiten von Theaterkollektiven für den Wettbewerb zugelassen.

Seit 2015 wird das Internationale Forum verstärkt für globalgesellschaftliche Entwicklungsdynamiken geöffnet, um Theater als Raum politischer Öffentlichkeit zu befragen. Seitdem richten die Workshops und Diskursveranstaltungen in diesem Bereich ihr Augenmerk auf Theater im Spannungsfeld von Kunst, Politik und Gesellschaft.

Seit 2016 vergibt der Stückemarkt gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb einen Werkauftrag.

2017 wurde die internationale Plattform des Theatertreffens Shifting Perspectives ins Leben gerufen, die über die 10 bemerkenswerten Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum hinaus außereuropäische Perspektiven in das Festival holt und ein breiteres Spektrum an aktuellen gesellschaftlichen Themen, ästhetischen Positionen und wegweisenden Tendenzen widerspiegelte.

2018 fand erstmals das übergreifende Diskurs-Programm TT Kontext statt, das die etablierten künstlerischen Programmsäulen des Theatertreffens begleitet. Es eröffnet einen diskursiven Zugang zu seinen künstlerischen Beiträgen, indem es soziale, politische und ökonomische Kontexte und Hintergründe herstellt und die Werke als Anlass nimmt, auch darüber hinausgehende Fragen für unser Zusammenleben hier und heute zu stellen. Außerdem öffnete sich in diesem Jahr der Open Campus in Kooperation mit der LiteraturInitiative Berlin (LIN) auch für Berliner Schüler*innen.

2019 wurden beim Stückemarkt erstmals Arbeiten aus der ganzen Welt präsentiert. Ab 2020 führt das Theatertreffen für zwei Jahre eine Frauenquote von mindestens 50 % in der Regieposition der 10er Auswahl ein.