Die 10er Auswahl 2020

Es wurden 432 Inszenierungen in 56 deutschsprachigen Städten besucht. 744 Voten gingen bei uns ein und die einzelnen Juror*innen haben jeweils zwischen 87 und 120 Inszenierungen gesehen. Insgesamt wurden 35 Inszenierungen vorgeschlagen und diskutiert.

Das Theatertreffen-Team gratuliert den ausgewählten Regisseur*innen, Ensembles und Theatern!

Anatomie eines Suizids

Anatomie eines Suizids. Julia Wieninger, Gala Othero Winter, Sandra Gerling. Hinten: Christoph Jöde, Paul Herwig, Tilman Strauß

© Stephen Cummiskey

Anatomie eines Suizids

DeutschesSchauSpielHausHamburg

von Alice Birch
Deutsch von Corinna Brocher
Regie Katie Mitchell
Deutschsprachige Erstaufführung 17. Oktober 2019
schauspielhaus.de

Statement der Jury
Die Dramatikerin Alice Birch bittet in ihrem Theaterstück „Anatomie eines Suizids“ drei Frauen auf die Bühne: Mutter Clara, Tochter Anna und Enkelin Bonnie. Die Mutter leidet unter einer schweren Depression, ihre Tochter kompensiert ihr Unglück mit Drogen, beide nehmen sich das Leben. Die Enkelin indes beschreitet andere Wege. Die Schauspielerinnen Julia Wieninger, Gala Othero Winter und Sandra Gerling verkörpern die Frauen zu unterschiedlichen Zeiten. Katie Mitchell inszeniert das kunstvoll komponierte Stück als feinnervigen Abend über den Schmerz, am Leben zu sein, und den Versuch, die eigene Existenz in den Griff zu bekommen. Die Geschichten der drei Frauen spielen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und werden im Text und auf der Bühne parallel montiert. Drei Türen an der Hinterwand führen in drei unterschiedliche Frauenleben. Ein Generationen-Triptychon entsteht. Und ein psychologisch komplexer Abend, der die Frage nach dem gelingenden Leben aufregend neu verhandelt.

Chinchilla Arschloch, waswas

Chinchilla Arschloch, waswas. Barbara Morgenstern, Christian Hempel, Benjamin Jürgens

© Robert Schittko

Chinchilla Arschloch, waswas

Eine Produktion von Schauspiel Frankfurt, Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt) und Rimini Protokoll in Koproduktion mit Westdeutscher Rundfunk (WDR) und HAU Hebbel am Ufer (Berlin)

von Rimini Protokoll (Helgard Haug)
Konzept, Text und Regie Helgard Haug
Uraufführung 11. April 2019 (Frankfurt)
rimini-protokoll.de | schauspielfrankfurt.de | mousonturm.de | hebbel-am-ufer.de

Helgard Haugs „Chinchilla Arschloch, waswas“ ist nur auf den ersten Blick ein lässiger Abend über Menschen mit Tourette-Syndrom und das Leben mit Tics – unkontrollierbaren Worten, Lauten, Bewegungen. Denn es geht in diesem Recherche-Abend mit Expert*innen des Alltags auch um das Theater an sich, seine Limitierungen und Möglichkeiten. Jeden Abend entsteht hier der dramatische Text neu. Alles kann passieren, weil sich Tourette kaum kontrollieren lässt. Dafür haben Haug und ihre Protagonist*innen Spielräume und -situationen geschaffen und sie genau rhythmisiert. Es geht aber auch ums Publikum, das getriggert und beschimpft, umarmt und beschenkt wird. Um das Aus-der-Rolle-Fallen. Um eine utopische Gemeinschaft, in der alles möglich und jede*r willkommen ist.

Der Mensch erscheint im Holozän

Der Mensch erscheint im Holozän. Karin Pfammatter, Maximilian Reichert

© Zoé Aubry

Der Mensch erscheint im Holozän

Schauspielhaus Zürich

Ein Visual Poem nach Max Frisch
Regie Alexander Giesche
Premiere 23. Januar 2020
schauspielhaus.ch

Statement der Jury
Herr Geiser geht unter: im regenverhangenen Tessin und in der zunehmenden Vergesslichkeit, in einem abgeschnittenen Bergdorf gegenüber rutschenden Hängen. Alexander Giesche findet bei Frisch weniger die Erzählung vom Abhandenkommen der Welt und vom Sich-Verlieren als einen Text, der über das Verhältnis von Mensch und Natur nachdenkt, über die Wissensaneignung als Existenzvergewisserung. Der Tessiner Dauerregen prasselt in allen erdenklichen Tonlagen und Farbgebungen über den Vorhang und auf den Bühnenboden; Wissensmaterial vom Zementmischer bis zum holografischen Projektor sammelt sich an und verschwindet in der Versenkung; Kinder überwinden solidarisch einen Abgrund. Auch der Dinosaurier taucht auf, an den Max Frisch ein Salamander im Wohnzimmer erinnert hatte. „Katastrophen kennt allein der Mensch“, schreibt er, „sofern er sie überlebt. Die Natur kennt keine Katastrophen.“

Der Menschenfeind

Der Menschenfeind. Ulrich Matthes, Manuel Harder, Lisa Hrdina, Franziska Machens, Jeremy Mockridge, Elias Arens

© Arno Declair

Der Menschenfeind

Deutsches Theater Berlin

von Molière
Deutsch von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens
Regie Anne Lenk
Premiere 29. März 2019
deutschestheater.de

Statement der Jury
„Der Menschenfeind“ am Deutschen Theater Berlin ist eine Klassiker-Inszenierung, die ihren Stoff ernst nimmt, historische Bezüge herstellt und ihn zugleich entschieden ins Heute holt, auch dank der Gosch/Wiens-Übersetzung mit ihren wilden, hemmungslosen Versen. Anne Lenk verschiebt über weite Strecken den Fokus von Alceste zu Célimène: Wie Franziska Machens sich hier die Hauptrolle erspielt, lässig und hypnotisch zugleich, ist großartig. Ulrich Matthes verleiht seinem Alceste menschliche Tiefe – die Tragik, dass die beiden nicht aus ihrer Haut können oder wollen, grundiert den Abend schwarz. Auch die anderen spielen bei aller Drastik keine Knallchargen, sondern Menschen in Korsetten, unter denen es bebt. Hinter der Komik findet Lenk Individuen in all ihrer Zerrissenheit, in all ihrer Wahrheit. Ein Abend, der sich – auch wegen der exquisiten Ausstattung – ebenso als Parabel auf das Versailles Ludwigs XIV. lesen lässt wie auf das Heute.

Die Kränkungen der Menschheit

Die Kränkungen der Menschheit. Joana Tischkau, Vincent Redetzki, Ensemble

© Gabriela Neeb

Die Kränkungen der Menschheit

Eine Produktion von Anta Helena Recke mit den Münchner Kammerspielen in Koproduktion mit HAU Hebbel am Ufer (Berlin), Kampnagel (Hamburg) und Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt)

Regie Anta Helena Recke
Uraufführung 26. September 2019 (München)
muenchner-kammerspiele.de | hebbel-am-ufer.de | kampnagel.de | mousonturm.de

Statement der Jury
Anta Helena Recke fügt den von Sigmund Freud festgehaltenen drei „Kränkungen der Menschheit“ (1. Der Mensch stammt vom Affen ab; 2. Die Sonne ist der Mittelpunkt des Universums; 3. Der Mensch ist dem Unbewussen ausgeliefert) eine weitere hinzu: Der europäische, weiße Mann ist doch nicht der Inbegriff des Menschen. In ihrer White-Supremacy-Kritik stößt die Regisseurin beim Publikum eine Reflexion über den jeweils eigenen Blick und die damit verbundenen Dekodierungsmuster an. Schauplatz ist ein Kunstmuseum, in dem ein Gemälde zunächst nachgestellt und ein anderes Bild später von einer Besucher*innengruppe gemeinschaftlich diskutiert wird. Die weitgehend meditative Performance hinterfragt auf sublime Weise Betrachtungsnormen und damit Muster der Rezeption und Repräsentation. Recke touchiert postkoloniale Diskursfelder – von Restitution bis zum weißen Normdenken. Sie arbeitet hier mit ungewöhnlichen, energetischen Mitteln von Präsenz und Absenz.

Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini

Eine göttliche Komödie. Dante <> Pasolini. Max Gindorff, Philip Dechamps, Gunther Eckes, Franz Pätzold, Tim Werths

© Matthias Horn

Eine göttliche Komödie. Dante < > Pasolini

Bayerisches Staatsschauspiel / Residenztheater, München
(Intendanz Martin Kušej)

von Federico Bellini
Deutsch von Katrin Hammerl und Laura Olivi
Regie Antonio Latella
Uraufführung 22. März 2019
residenztheater.de

Statement der Jury
Antonio Latella denkt Dante und Pasolini zusammen, die beiden großen Moralisten der italienischen Literatur. Vergils Höllengang in der „Göttlichen Komödie“ wird zur Matrix für Pasolinis konfliktreiche politische und private Biografie: Der Regisseur wurde im November 1975 am Strand von Ostia ermordet; die wahren Täter hat man nie gefunden. Latella perpetuiert diesen Mord auf der Bühne in einem eindringlichen Ritual und spiegelt Pasolinis Sterben in Dantes Gang durch die Höllenkreise. Die Beziehungen und Motivverflechtungen, die er so herstellen kann, sind frappant und bis ins Detail thematisch abgestützt, und dies ganz ohne Auftrumpfen, sondern mit großem Ernst aus dem Material heraus gedacht. Latellas künstlerische Aufrichtigkeit und der damit verbundene Mut zur großen Geste, auch zum ungeschützten Pathos, sind ebenso beeindruckend wie seine formale Sicherheit und die stupende Präzision des Schauspieler-Ensembles. Ein bestürzend brutaler und sagenhaft zarter Abend.

Hamlet

Hamlet. Sandra Hüller

© JU Bochum

Hamlet

Schauspielhaus Bochum

von William Shakespeare
mit Auszügen aus „Die Hamletmaschine“ von Heiner Müller
Übersetzung von Angela Schanelec und Jürgen Gosch
Regie Johan Simons
Premiere 15. Juni 2019
schauspielhausbochum.de

Statement der Jury
Es geht um die Wahrheit, nicht mehr und nicht weniger. Für die hier bewusst durchschnittlich gezeichnete, machtkorrumpierte Staatsspitze wird die*der durchlässige Hamlet von Sandra Hüller am Schauspielhaus Bochum zum unberechenbaren Risiko: Hamlet hat in der Inszenierung von Johan Simons von einer Vision gebeutelt quasi selbst durchlebt, wie der Vater ermordet wurde. Nun versucht sie*er in leiser manischer Denk- und Rechercheschwerstarbeit zu klären, was wirklich Sache ist und was folglich, moralisch konsequent, zu tun bleibt. An Hüllers Seite ist Gina Haller als Ophelia – in Personalunion mit Horatio – Hamlet klar ebenbürtig, ein quirliger Querkopf, klug, lässig lebenslustig, realistisch und 100 Prozent zugewandt. Bestechend strenges Understatement ist Programm auf der von Gefahr umkreisten Bühne von Johannes Schütz. Anstelle des handelsüblichen Blutbads wird hier sauber und mit feiner Ironie aufgeräumt. Nur: Hüllers gnadenlos aufrechter Hamlet kommt zu spät, um diese kaputtregierte Welt noch zu retten. Das ist die eigentliche Tragödie.

Süßer Vogel Jugend

Süßer Vogel Jugend. Ensemble

© Rolf Arnold

Süßer Vogel Jugend

Schauspiel Leipzig

von Tennessee Williams
Deutsch von Nina Adler
Regie Claudia Bauer
Premiere 6. April 2019
schauspiel-leipzig.de

Statement der Jury
Wer immer denkt, wir wohnen heutzutage dem Niedergang der politischen Kultur der USA bei, der*dem kann geholfen werden. Früher, genauer Ende der 1950er-Jahre, war es dort nicht besser, im Gegenteil. Tennessee Williams’ „Süßer Vogel Jugend“ ist ein dramatisches Prachtexemplar westlicher Desillusionierung, das die gängigen Mythen nicht nur amerikanischer Träume mit bissigem Witz zerlegt. Erfolg, Ruhm, Geld, Liebe und vor allem jede Hoffnung auf zwischenmenschliche Verständigung werden liebevoll zu Feinstaub zermahlen. Den besonderen Charme macht aus, dass keine*r der Beteiligten über die eigene Niederträchtigkeit und die der anderen im Zweifel ist und das auch jederzeit sehr pointiert ausspricht. Diese unbedingte Ehrlichkeit kann man sich leisten, weil alle schon längst die Hoffnung aufgegeben haben, irgendjemand anders als durch brutale Gewalt oder rücksichtslose Erpressung zu beeinflussen. Was in Claudia Bauers Inszenierung zählt, ist furchtlose Performance unter zwischendurch mitleidloser Analyse der eigenen Fakes und Verbrechen. Denn die Regisseurin und ihre Schauspieler*innen wissen nur zu gut, dass Authentizität in diesem Panorama der Selbstsüchte, zerschossenen Illusionen und Lebensträume keine Währung sein kann. Ihre schonungslosen Scharfzeichnungen voll Härte und Bösartigkeit werden umso gefährlicher, je lächerlicher sich die Figuren entlarven. Claudia Bauers Horrorclowns und Glücksleichen sind hochlebendig.

TANZ

TANZ

© Eva Würdinger

TANZ
Eine sylphidische Träumerei in Stunts

Eine Produktion von Florentina Holzinger in Koproduktion mit Spirit und Tanzquartier Wien, SPRING Festival (Utrecht), Productiehuis Theater Rotterdam, Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt), Arsenic (Lausanne), Münchner Kammerspiele, Take Me Somewhere Festival (Glasgow), Beursschouwburg (Brüssel), deSingel (Antwerpen), SOPHIENSÆLE (Berlin), Frascati Producties (Amsterdam), Theater im Pumpenhaus (Münster), asphalt Festival (Düsseldorf)

Konzept, Performance und Choreografie Florentina Holzinger
Premiere 3. Oktober 2019 (Wien)
tqw.at | springutrecht.nl | theaterrotterdam.nl | mousonturm.de | arsenic.ch | muenchner-kammerspiele.de | takemesomewhere.co.uk | beursschouwburg.be | desingel.be | sophiensaele.com | frascatitheater.nl | pumpenhaus.de | asphalt-festival.de

Statement der Jury
In „TANZ“ antwortet Florentina Holzinger auf Bilder und Fantasien, die das klassische Ballett über Jahrhunderte tradiert hat. Unter anderem bezieht sich die Tänzerin, Performerin und Choreografin auf „La Sylphide“ von Filippo Taglioni. Die Sylphiden (Luftgeister) schweben hier aber nicht auf Spitzenschuhen über den Erdboden, sondern drehen splitternackt auf Motorrädern ihre Kreise oder fliegen auf Besen durch den Schnürboden – und rauchen dabei auch noch! „TANZ“ überträgt Motive aus romantischen Balletten wie „Schwanensee“ oder „Giselle“ in einen an Dario Argentos Horrorfilm „Suspiria“ angelehnten Plot: eine unheilvoll aus dem Ruder laufende Ballettunterrichtsstunde. Holzinger ist seit ihrer programmatischen Arbeit „Kein Applaus für Scheiße“, die sie 2011 mit Vincent Riebeek entwickelt hat, bekannt für einen markerschütternden Einsatz des Körpers. Ihre Performances tragen die Chuzpe des Wiener Aktionismus in sich, viel mehr noch aber feiern sie subversive Bühnenformate, die den Körper als Spektakel und Machtinstrument begreifen: Sideshows, Stunts, Martial Arts.

The Vacuum Cleaner

The Vacuum Cleaner. Damian Rebgetz, Thomas Hauser, Annette Paulmann, Walter Hess, Julia Windischbauer

© Julian Baumann

The Vacuum Cleaner

Münchner Kammerspiele

von Toshiki Okada
Übersetzung aus dem Japanischen von Andreas Regelsberger
Regie Toshiki Okada
Uraufführung 12. Dezember 2019
muenchner-kammerspiele.de

Statement der Jury
Saturiert alternde westliche Hochzivilisationen (in diesem Fall die japanische) fordern ihre Opfer. Ausgangspunkt für Toshiki Okada ist eine Hikikomori, eine inzwischen über fünfzigjährige Frau, die noch immer sozialapathisch bei ihrem über achtzigjährigen Vater lebt. Beobachtet wird sie unter anderem von ihrem titelgebenden Staubsauger, der sich mit der boden- und staubzentrierten Perspektive vorstellt: „Ich bin der Typ, der mehr auf unten achtet.“ Mit Vater und Tochter lebt ein erwachsener Sohn, der noch zu Hause wohnt und seine versteckte Arbeitslosigkeit tagsüber in Parks und Malls spazieren führt, sowie dessen neuer Freund, der nach vier Tagen bei Amazon gekündigt hat, weil er den Scheißjob nicht aushält: ein Panorama aus Wohlstandblase, Sozialphobie, Durchschnittsarbeitsbiografie, Perspektivlosigkeit, Depression und McJob-Elend. Die Gesten laufen immer etwas neben der Spur und folgen vergrößernd dem Gesagten und Gefühlten: Blüten des Verfalls im Irgendwo zwischen sozialer Fremdsteuerung und den Resten eigener Handlungsfähigkeit.