Die 10er Auswahl 2021

Es wurden 285 Inszenierungen in 60 Städten analog oder digital besucht. 531 Voten gingen ein und insgesamt wurden 26 Inszenierungen vorgeschlagen und diskutiert.
Das Theatertreffen-Team gratuliert den ausgewählten Regisseur*innen und Kollektiven, Ensembles, Theatern und Produktionshäusern!

Automatenbüfett

Automatenbüfett

© Matthias Horn

Automatenbüfett

Burgtheater (Wien)

von Anna Gmeyner
Regie Barbara Frey
Premiere 30. Oktober 2020
burgtheater.at

Statement der Jury
Anna Gmeyners „Automatenbüfett“ ist eine Wiederentdeckung. Die Autorin wird gern mit Ödön von Horváth verglichen, häufig zu ihren Ungunsten. Dabei sind gerade ihre Frauenfiguren – im Unterschied zu Horváths verlorenen Fräuleins – zähe Kämpferinnennaturen. Der Regisseurin Barbara Frey ist knapp vor dem Lockdown im Wiener Akademietheater eine so unaufgeregte wie leichthändige Inszenierung geglückt, die keineswegs die genretypischen Opferrollen des kleinbürgerlichen Panoptikums bedient. Bereits das Bühnenbild sticht heraus: Martin Zehetgruber hat einen überdimensionierten gläsernen Automaten ins Theater gestellt, der nach Münzeinwurf rund um die Uhr Würstel und Bier bereithält; der Bühnenmusiker spielt ebenfalls nur gegen Bares. Gegen die totale Automatisierung lehnt sich die Regisseurin auf, indem sie das Ensemble auf ein artifizielles Bewegungsrepertoire einschwört; alles passiert hier absichtsvoll langsam, nicht die große Geste, der Blick fürs Detail zählt. „Automatenbüfett“ ist subtil, tieftraurig, zum Brüllen komisch.

Der Zauberberg

Der Zauberberg. Probenfoto

© Arno Declair

Der Zauberberg

Deutsches Theater Berlin

nach Thomas Mann
Regie und Bühne Sebastian Hartmann
Livestream-Premiere 20. November 2020
deutschestheater.de

Statement der Jury
Regisseur Sebastian Hartmann verzichtet in seiner „Zauberberg“-Inszenierung am Deutschen Theater Berlin auf Nacherzählung – und geht die Sache grundlegend anders an als gängige Bühnenbearbeitungen des Mann’schen Werkes. Bei Hartmann geht es um philosophische Aspekte; um das Phänomen von Zeit und Endlichkeit, die Frage nach dem richtigen Leben, schließlich um den Schrecken und das Faszinosum von Krieg und Tod. Hartmann verzichtet auch auf die auktoriale Erzählerposition; die Szenerie folgt vielmehr der Dramaturgie eines Albtraumes: Assoziation geht vor Narration, Gefühl vor Vernunft; die Folge ist kunstvoll intendierter Kontrollverlust. Postdramatische Spielweisen wie Wiederholungen, choreografierte Sequenzen und chorische Passagen dominieren, Kameras erweitern den Blick auf die Hinter- und Nebenbühne. Die Figuren schleppen sich in wattierten Bodysuits durch die leer geräumte Bühne, wirken identitätslos und seltsam entstellt. „Ich bin der Welt abhanden gekommen“, heißt es im Lauf des zweistündigen Livestreams. In einem publikumsverwaisten Theatersaal, die Welt im Griff der Pandemie, entfalten solche Sätze enorme Wirkung.

Einfach das Ende der Welt

Einfach das Ende der Welt

© Diana Pfammatter

Einfach das Ende der Welt

Schauspielhaus Zürich

nach Jean-Luc Lagarce
auf Grundlage einer Übersetzung von Uli Menke
Regie Christopher Rüping
Premiere 3. Dezember 2020
schauspielhaus.ch

Statement der Jury
„Einfach das Ende der Welt“ ist die Geschichte vom verlorenen Sohn, Louis, hier Benjamin (Lillie), der mit zwanzig Jahren in die Großstadt abgehauen ist, um sein Leben als Homosexueller und als Künstler zu leben. Zwölf Jahre danach kommt er todkrank zurück, um mit der Familie zu reden. Es geht schief, was nur schief gehen kann – respektive, wie es seine Richtigkeit hat. Christopher Rüping arbeitet die ausweglose Einsamkeit, in der alle Protagonist*innen gefangen sind, mit Unbarmherzigkeit heraus: die gegenseitige Verständnislosigkeit, die Projektionen, das zwanghafte Familiengeflecht. In herzzerreißenden Momenten scheint bei allen auch eine immense Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe auf. In einer ausgedehnten, spannungsgeladenen Exposition verweilt Benjamin zunächst in der Heimat als seinem Erinnerungsort, ein obsessives Wohlfühl-Setting, das in der Konfrontation mit der Familie einer harten und kargen Gegenwart weicht. Nichts ist je eindeutig, keine Lösung in Sicht, die Perspektiven verschieben sich ständig und formen das schönste neurotische Gebilde.

Graf Öderland

Graf Öderland

© Birgit Hupfeld

Graf Öderland

Eine Koproduktion von Theater Basel (Intendanz Andreas Beck) und Bayerisches Staatsschauspiel/Residenztheater (München)

Eine Moritat in zwölf Bildern von Max Frisch
Regie Stefan Bachmann
Premiere 14. Februar 2020 (Basel)
theater-basel.ch | residenztheater.de

Statement der Jury
„Graf Öderland“ ist ein irrationaler Amoklauf aus der sozialen Mitte heraus. Ein Staatsanwalt, der Welt und Recht nicht mehr sortieren kann, fällt buchstäblich in ein Loch. Ein gigantischer horizontaler Trichter beherrscht die Bühne, aus dem heraus Menschen stürzen, in dem sie kraxeln und fallen. Staatsanwalt und Mörder ohne Motiv verschmelzen zum Monsterbild von „Graf Öderland mit der Axt in der Hand“, der mordend durch die Lande zieht. Stefan Bachmann inszeniert den Albtraum der Zivilisation, einen Rausch der Gewalt, in überwältigenden Stimmungsbildern und surrealen Nachtmahr-Paraden. Der Schauspieler Thiemo Strutzenberger ist darin ein Hochrisiko-Öderland, für den die Trennlinien von Wachtraum und panischer Klarheit längst durchlässig geworden sind. Und wie Entfremdung, kulturelles Unbehagen, zivilgesellschaftlicher Überdruss in Aggression umschlagen, das sind Fragen, die uns auch heute interessieren müssen.

Maria Stuart

Maria Stuart

© Arno Declair

Maria Stuart

Deutsches Theater Berlin

von Friedrich Schiller
Regie Anne Lenk
Premiere 30. Oktober 2020
deutschestheater.de

Statement der Jury
In diesem Setzkasten ist zwischenmenschlicher Kontakt kaum möglich: Pink ausgemalte Kammern trennen die Figuren in Anne Lenks „Maria Stuart“-Inszenierung, machen sie zu Gefangenen, unabhängig von Position und Lage. Im Zentrum ringt Julia Windischbauers Elisabeth mit verhuscht nerdiger Machtkrampfigkeit um Haltung, Franziska Machensʼ Maria mit strahlend rotziger Ironie ums letzte Wort. Ein Albtraumpaar, das sich in entscheidenden Momenten hinter Pokerface und Maske versteckt, statt weibliche Solidarität zu üben. Kein Wunder, dass die Männer, obwohl allesamt Witzfiguren, ihre Ränke schmieden können. Wie Elisabeth sie am Ende dennoch auflaufen lässt (und sich dabei emotional verzockt), gehört zu den großen Momenten dieses an schauspielerischen Feinheiten reichen Abends.

Medea*

Medea*

© Gina Folly

Medea*

Schauspielhaus Zürich

nach Euripides von Leonie Böhm
Regie Leonie Böhm
Premiere 19. September 2020
schauspielhaus.ch

Statement der Jury
Medea steht einsam an einem toten Punkt. Das streicht Leonie Böhm in ihrer Inszenierung – im Grunde ist es ein Monolog – von Anfang an heraus. Die sozialen Bande sind gerissen, es gibt keinen festen Boden unter den Füßen (nur flottierende Tücher), das destruktive und selbstdestruktive Handeln hat seine alternativlose Eigendynamik schon in Gang gesetzt. Böhm zeigt eine Frau im freien Fall. Sie legt ihr Augenmerk nicht auf den unmenschlichen Akt der Kindstötung, sondern auf die Entwicklung, die diesem passage à lʼacte vorausgeht. Die Selbstermächtigung, die ihm inneliegt. Die neuen Entfaltungsmöglichkeiten, die er vielleicht schafft. Die Zürcher Medea ist eine Medea, die Christa Wolf gelesen hat und der Sigmund Freud, Jacques Lacan, Walter Benjamin zumindest nicht fremd sind. Auch wenn sie neben improvisierten Texten vor allem Euripides spricht. Eine Medea von heute, die das ganze kranke System an die Wand fährt. Wie Maja Beckmann das schauspielerisch entwickelt, wie Leonie Böhm es bildhaft anlegt, wie Johannes Rieder es musikalisch spiegelt, ist atemberaubend und klug.

NAME HER. Eine Suche nach den Frauen+

NAME HER. Eine Suche nach den Frauen+

© Lea Hopp

NAME HER. Eine Suche nach den Frauen+

Eine Produktion von Marie Schleef in Kooperation mit dem Ballhaus Ost (Berlin), den Münchner Kammerspielen und dem Kosmos Theater (Wien). Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds und das Bezirksamt Pankow von Berlin, Amt für Weiterbildung und Kultur – Fachbereich Kunst und Kultur

Idee, Konzept, Text und Regie Marie Schleef
Uraufführung 25. September 2020 (Ballhaus Ost, Berlin)
ballhausost.de | muenchner-kammerspiele.de | kosmostheater.at

Statement der Jury
Wo sind all die Frauen hin? Es gibt sie ja, die Komponistinnen, Wissenschaftlerinnen, U-Boot-Ingenieurinnen, die in den letzten Jahrhunderten den Laden am Laufen hielten. Jetzt setzen Marie Schleef und Anne Tismer ihnen mit „NAME HER. Eine Suche nach den Frauen+“ ein Denkmal. In vier mal 90 Minuten tanzt Tismer vor einem Handydisplay-Triptychon chemische Formeln, performt Spioninnen, erzählt von Heldinnen des Alltags. Beiträge werden als Video, als Sound, als projizierter Text zugespielt; manchmal mischt sich Schleef vom Technikpult aus ein. Schlaglichter, die in ihrer Summe deutlich machen, wie vergesslich unsere Gesellschaft gegenüber der Leistung von Frauen lange war und bis heute ist. Und die der schier endlosen alphabetischen Reihung mit erstaunlich abwechslungsreichen Erzählstrategien und theatralen Mittel begegnen.

Reich des Todes

Reich des Todes

© Arno Declair

Reich des Todes

Deutsches SchauSpielHaus Hamburg

von Rainald Goetz
Regie Karin Beier
Uraufführung 11. September 2020
schauspielhaus.de

Statement der Jury
Es ist ein fast Brecht’sches Aufklärungs- und Erinnerungstheater, das hier in einem Rausch aus Videobildern, Tanzszenen und Politiker*innenparodien auf einer Kerkerbühne von Johannes Schütz zu betrachten ist. In Karin Beiers Inszenierung hält das Theater Gericht über die moralische Verkommenheit der US-amerikanischen Regierung nach den Anschlägen vom 11. September 2001 – aber auch über uns. Das brachial anklägerische Stück des Autors Rainald Goetz verpasst Männern wie Donald Rumsfeld oder George W. Bush eher läppische deutsche Namen; die Schauspieler*innen führen unter anderem durch eine Hitler-Parodie die Verwandtschaft von faschistischer Verrohung und zynischer Machtpolitik im 21. Jahrhundert vor. Die Faszination des Verbrechens, der archaische Skandal der Gewalt sind hier in grotesk ästhetisierten Folter- und Kriegsszenen abgebildet. Ein Stimmen-Orchester beschwört das Gedankengewitter im Kopf des Dichters und die Todesangst in uns allen. Durchaus nah am Text gelingt der Aufführung eine maßlose, grandios finstere, verstörende Gegenwartsbeschreibung.

Scores That Shaped Our Friendship

Scores That Shaped Our Friendship

© Martina Marini Misterioso

Scores That Shaped Our Friendship

Ein Projekt von und mit Lucy Wilke und Paweł Duduś
Gefördert durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München, den Bayerischen Landesverband für zeitgenössischen Tanz (BLZT) aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst, den Bezirk Oberbayern und die Kulturstiftung der Stadtsparkasse München. Diese Produktion wird unterstützt von Tanztendenz München e.V.

Idee und Konzept Lucy Wilke, Paweł Duduś
Uraufführung 13. Februar 2020 (schwere reiter, München)
ratundtat-kulturbuero.de

Statement der Jury
In sieben kurzen Kapiteln vermessen und feiern die mit spinaler Muskelatrophie geborene Schauspielerin Lucy Wilke und der queere Tänzer Paweł Duduś ihre besondere Freundschaft. Mit Sprache und Tanz, fein synchronisierten Bewegungen, innigen Zwei-Körper-Skulpturen und Gedankenreisen nehmen sie gängige Abhängigkeits- und Opfer-Narrative auf, um sie zumindest für den Moment mit der Freiheit des Spiels und der Fantasie zu überwinden. Die beiden versuchen sich an einer Utopie bedingungsloser Akzeptanz, die die Grenzen der Freundschaft in Richtung Lust und Sinnlichkeit erweitert. Dabei wissen sie sehr wohl um deren Zerbrechlichkeit und die Grausamkeit normativer Zuschreibungen, machen aber seine ‚weiblichen‘ Bewegungen oder ihre Standard-Zurückweisung bei Tinder – „Du hast ein so hübsches Gesicht, aber …“ – leichterhand zu ihrem ureigenen Spiel-Material. Dieser fragile Freie Szene-Abend erweist sich als ein kompromissloser Kategoriensprenger und ist als zärtlich-entspannter Pas de deux der Berührungen von phänomenaler Wucht. Nicht nur in diesen berührungsarmen Zeiten.

Show Me A Good Time

Show Me A Good Time

© Dorothea Tuch

Show Me A Good Time

Eine Produktion von Gob Squad. Uraufführung im Auftrag und koproduziert von HAU Hebbel am Ufer (Berlin) und La Jolla Playhouse Without Walls Series (San Diego). Koproduktion Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt am Main), Schlachthaus Theater Bern, Internationales Sommerfestival Kampnagel (Hamburg). Mit Unterstützung durch den Fonds Darstellende Künste gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Gob Squad wird gefördert durch die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa

Konzept und Regie Gob Squad
Livestream-Uraufführung 20. Juni 2020 (HAU Hebbel am Ufer, Berlin)
gobsquad.com | hebbel-am-ufer.de | lajollaplayhouse.org | mousonturm.de | schlachthaus.ch | kampnagel.de

Statement der Jury
Dieser Abend ist Sinn- und Abbild unseres ersten Corona-Jahres: Wie in Zoom-Meetings mit Familie oder Freund*innen ziehen sich die Dialoge über Kilometer und Zeitzonen hinweg. Im Alltäglichen suchen Gob Squad die großen Themen, die uns 2020 beschäftigt haben: Sterben, Natur, Umwelt, Hygiene, die Zukunft des Theaters. Strukturiert wird dieses Plaudern und Flanieren durch die Stadt – ein*e Performer*in ist vor Ort im Theater, die anderen schwärmen aus – durch viertelstündlich wiederkehrende Aufgaben. So wird die Zeit selbst zur Protagonistin: mal mit Hofmannsthal’scher Melancholie, mal mit lässiger Verschwendungsgeste, mal im Staunen über die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen oder in wilden persönlichen Zeitreisen. So ist dieser Abend noch im Leerlauf interessant, geht auf als Zwölf-Stunden-Marathon, als beglückendes Wärmen am virtuellen Lagerfeuer eines sowohl analog als auch digital funktionierenden Theaters.