Anna-Katharina Müller zum Stückemarkt 2021

Hallo, liebe Menschen an nahen und weit entfernten Bildschirmen,
Hallo, liebe Menschen, die uns alleine oder gemeinsam zusehen – Hallo, Welt!

Man könnte meinen, dieser Stückemarkt sei eine Wiederholung. Eine Wiederholung des noch-nicht-Gezeigten.

Eine grüne Fläche zeigt leichte abstrakte Konturen.

Die Künstler*innen, die sie in den nächsten Stunden und Tagen kennenlernen werden, haben sich im Herbst 2019 bei uns beworben. Sie folgten einem öffentlichen Open Call, den wir in die ganze Welt verschickt hatten. Jede*r war eingeladen, Texte oder Performances einzusenden, die sich thematisch mit dem Motto „Wider die Vereinzelung / Against Separation“ auseinandersetzen. Haben wir die Zukunft vorausgesehen? 361 Einsendungen erreichten uns aus 63 Ländern. Zwischen dem Zeitpunkt, als die Künstler*innen ihre Arbeiten einreichten und der Präsentation am heutigen Tage liegen mittlerweile 18 Monate und eine weltweite Pandemie, die uns immer noch beschäftigt und vermutlich nicht so schnell aus unserem Leben verschwinden wird. Man könnte annehmen, dass die Arbeiten veraltet sind. Denn das Theater ist ein flüchtiges Medium. Ganz im Gegenteil! Jude Christian, Laurence Dauphinais, Eve Leigh, Sam Max und das Kollektiv Talia Paulette Oliveras und Nia Farrell (Ta-Nia) demonstrieren, wie nachhaltig künstlerische Arbeit ist. Mit ihren einzigartigen künstlerischen Stimmen sagen sie uns, dass das Theater eine Berechtigung hat, dass es Themen anspricht, die uns alle betreffen.

Wenn wir auf die vergangenen Monate zurückblicken, regen sich die unterschiedlichsten Gefühle in uns allen. Mit „Wider die Vereinzelung“ haben wir Fragen über den Akt der Solidarität gestellt, über soziale und gleichberechtigte Koexistenz. Wie sieht eine Gesellschaft aus, in der es keine Solidarität mehr gibt? Was passiert, wenn die/der Einzelne nicht mehr an das große Ganze glaubt, wenn das Private das Öffentliche verdrängt? Heute haben diese Fragen, genau wie unser Motto selbst, schon lange eine ganz neue Bedeutung. Wir werden angehalten, uns zu isolieren, um die Gemeinschaft nicht in Gefahr zu bringen, um sie zu schützen. Seit mehr als einem Jahr ist die Vereinzelung oder: die Isolation zu einer täglichen Aufgabe geworden. Die Welt hat sich seit der Geburt unseres Mottos verändert: die COVID-19-Pandemie, weltweite Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus, Brexit und die Zustände in den Geflüchtetenlagern und im Mittelmeer. Diese Themen haben uns allesamt sehr beschäftigt und unser Bewusstsein für Konzepte wie sich öffnen vs. sich verschließen, Kollektiv vs. Individuum, zusammen vs. allein vergrößert.

Was vor zwei Jahren als theoretische Idee begann, hat sich mittlerweile zu einer zentralen gesellschaftlichen Frage entwickelt: Was bedeutet Solidarität überhaupt, wer erlebt sie und wie wird sie praktiziert? Der Stückemarkt 2020 wurde wegen der Pandemie abgesagt. Aber es war uns wichtig, die Künstler*innen nicht im Regen stehen zu lassen. Im März 2020 mussten wir sie auf Mai 2021 vertrösten. Unsere vielleicht etwas zu naive Hoffnung war, alle sechs Künstler*innen im Mai diesen Jahres in Berlin begrüßen zu können. Wir wissen alle, was tatsächlich passiert ist. Trotzdem ist jetzt die Zeit gekommen, diese wunderbaren Künstler*innen einem breiten und neugierigen Publikum nicht länger vorzuenthalten, sondern sie und ihre Arbeiten zu präsentieren. Auch wenn es digital geschehen wird, und natürlich ganz anders als ursprünglich geplant.

In „Midnight Movie“ verwebt Eve Leigh alles, was wir im Internet sehen und erleben können und wendet sich dabei ausdrücklich an Menschen, die das Theater nur selten erreicht und berücksichtigt.

In „Aalaapi“ geht es ums Zuhören: Laurence Dauphinais‘ vielsprachige Company erzählt von den Lebensrealitäten indigener Künstler*innen und lädt uns ein, uns zu verlangsamen, und uns ganz bewusst Begegnungen zu öffnen.

Coop (dt. Zaun)“ von Sam Max ist ein eindringliches, rhythmisches und verstörendes Netz von einem Text. Die Arbeit führt uns tief in die Welt eines Mädchens, das isoliert von der Außenwelt auf einer abgelegenen Farm lebt, und reflektiert so eine isolierte Gesellschaft.

In „Dreams in Blk Major“ spinnen Nia Farrell und Talia Paulette Oliveras ein Netz aus Träumen, Wünschen und Erinnerungen, das die Herausforderungen und Hoffnungen der afro-diasporischen Community in einem poetischen Ritual erforscht.

In „Nanjing“ kombiniert Jude Christian historische und persönliche Geschichten und gestaltet daraus einen bewegenden Aufruf zu Pazifismus und Solidarität.

Die Künstler*innen des Stückemarkts befragen unser Thema zweifach: sie beschäftigen sich einerseits mit sozialen und historischen Prozessen, erzählen aber auch ihre ganz individuellen und intimen Lebensgeschichten. Was diese Auswahl so schön und so besonders macht, ist der Perspektivwechsel, den sie vornehmen. Wir werden auf Stimmen aufmerksam gemacht, die sonst nicht gehört werden. Pluralität wird aufgezeigt, ohne zum Dogma erhoben zu werden. Und auch die große Frage, wie man im nächsten Schritt zu einer konkreten Praxis kommen kann, wird beantwortet: Durch Rituale, wie in „Dreams in Blk Major“ oder durch den Aufbau einer digitalen Community, wie in „Midnight Movie“. Wir zeigen die Texte „Midnight Movie“, „Coop“ und „Dreams in Blk Major“ als szenische Lesungen in Live Streams von den Münchner Kammerspielen und aus dem Haus der Berliner Festspiele. Die Aufführungen, die wir normalerweise als Gastspiele in Berlin gezeigt hätten, wurden in Kanada und England eigens neu aufgezeichnet und geschnitten.

Von heute an können Sie die Künstler*innen in kurzen Filmporträts auf Berliner Festspiele Digital sehen. Sie können Ihnen auch zuhören: im Gespräch mit dem Autor und Moderator Simon Stephens im Playwrights‘ Podcast des Royal Court Theatre (in englischer Sprache). Zudem leiten die Künstler*innen Workshops, in denen sie Einblicke in ihre Arbeit geben werden, und sie freuen sich schon jetzt sehr auf den Austausch mit den Teilnehmer*innen.

Im zeitgenössischen Drama und im literarischen Schreiben allgemein hat die Pandemie schon längst Spuren hinterlassen, sowohl bezüglich der Ästhetik und des künstlerischen Ausdrucks als auch im Hinblick auf strukturelle und wirtschaftliche Bedingungen.

Aber wie sehen diese Spuren genau aus? Welche Energien können daraus für die Zukunft des Theaters gewonnen werden? Und wie genau könnte diese Zukunft aussehen? Diese und andere Fragen werden in zwei Gesprächsveranstaltungen diskutiert, in denen wir uns das zeitgenössische Drama und seine Situation während der Pandemie und in post-pandemischen Zeiten ansehen werden.

Wir werden auch in Zukunft die nachhaltige Unterstützung von Künstler*innen fortführen. Deshalb wird der diesjährige Stückemarkt-Werkauftrag von unserem Partnertheater Schauspiel Dortmund verliehen, gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung. Unter der künstlerischen Leitung von Julia Wissert steht Schauspiel Dortmund vor allem für diversifizierte Strukturen und Weiterentwicklung. Die Gewinner*innen des Stückemarkt-Werkauftrags erhalten die Gelegenheit, eine neue Arbeit bei Schauspiel Dortmund umzusetzen. In einer öffentlichen Auftragsverleihung am 23. Mai werden Julia Wissert und das Ensemble von Schauspiel Dortmund die Künstler*innen bekanntgeben, mit denen sie in der nächsten Spielzeit zusammenarbeiten werden.

Wir danken der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Präsidenten Thomas Krüger und Frau Sabine Dengel! Ich möchte mich auch bei dem wunderbaren Schauspiel Dortmund für das Vertrauen und die großartige Zusammenarbeit bedanken – die jetzt eigentlich erst richtig beginnt! Herzlichen Dank auch an das Royal Court Theatre in London und an Simon Stephens für die inspirierende Zusammenarbeit bei der Entwicklung und Produktion der Podcasts.

Und, nicht zuletzt: Danke an die Stückemarkt-Jury von 2020, die diese besondere Auswahl von Künstler*innen vor vielen, vielen Monaten getroffen hat - Jackie Sibblies Drury, Marlene Monteiro Freitas, Laila Soliman, Maria Nübling und Linda Pöppel. In diesem Jahr wird der Stückemarkt Ihnen viel Unerwartetes zeigen! Lassen Sie uns die Künstler*innen gemeinsam herzlich begrüßen: Jude Christian, Laurence Dauphinais, Eve Leigh, Sam Max, Talia Paulette Oliveras und Nia Farrell – wir freuen uns sehr, dass ihr da seid!