Grußwort der Kulturstiftung des Bundes

„Shut your eyes and listen: This is what an empty theatre sounds like!“ – so rufen Gob Squad, das freie und wiederholt zum Theatertreffen eingeladene deutsch-britische Schauspielkollektiv, ins Kamera-Auge des menschenleeren Berliner Theaters Hebbel am Ufer. Dort herrscht Schweigen. Kein Räuspern, kein Atmen, kein Applaus. Was das Publikums- und Bühnenerleben ausmacht – die Kopräsenz der Körper im Raum – diese Spielregel hat das Corona-Beben des vergangenen Jahres nahezu völlig ausgehebelt.

Eine grüne Fläche zeigt leichte abstrakte Konturen.

Vor einem Jahr musste das Theatertreffen diesen Pandemie-Schock quasi aus dem Stand bewältigen. Die diesjährige 58. Ausgabe nimmt die Corona-Krisenerfahrungen von Beginn an ins Kalkül eines komplett digitalen Festivals, das nicht in Ohnmacht erstarrt, sondern seinen Radar in beide Richtungen zugleich lenkt: Vergangenheit und Zukunft.

Selbstverständlich präsentiert das Theatertreffen auch weiterhin die zehn bemerkenswerten Produktionen des Jahres 2020. Zum Teil reagieren diese bereits auf unser aller Lockdown-Leben und verwandeln dessen neue Abstandsregeln in Inszenierungen von dramatischer Berührungsarmut – wie in Schillers „Maria Stuart“ in der Regie von Anne Lenk. Zum Teil bringen sie aufwändige Technik an den Start für ein digitales Shooting des „Zauberberg“ in der Inszenierung von Sebastian Hartmann.

Apropos Digitalfilm: Eine Corona-Krisen-Erkenntnis wird das Theatertreffen im Jahr 2021 weiter beflügeln. Das Ad-hoc-Streaming-Angebot im vergangenen Jahr hatte die Publikumsreichweite in bislang unbekannte sechsstellige Höhen getrieben – mit Tausenden von Abrufen aus den USA, Japan, Russland und aus über einhundert weiteren Ländern. Diese Resonanz ist fulminant. Sie eröffnet Perspektiven auf eine Festivalvermittlung, die das Miterleben der Vielen zu einer demokratischen Praxis macht.

Dass dies in möglichst hoher Qualität geschieht, auch dafür macht sich das Theatertreffen stark. Es wird für die Präsentation von Marie Schleefs „NAME HER. Eine Suche nach den Frauen+“ und „SCORES THAT SHAPED OUR FRIENDSHIP“ von und mit Lucy Wilke und Paweł Duduś mit Musik von Kim Twiddle daher eigene Aufzeichnungen in Auftrag geben, die das Bühnengeschehen nicht allein dokumentieren, sondern filmisch übersetzen. Und mehr noch: In seinen signifikanten Nebenreihen eröffnet das Theatertreffen 2021 ein ganzes Laboratorium zur Frage, wie Digitalität und Theater in Zukunft zusammenwirken. Es geht um die partizipative Publikums-Mitwirkung in Chats oder in virtuellen Räumen, es geht um ein Theater der Teilhabe, das auch außereuropäischen Experimenten Raum gibt. Nicht zuletzt geht es um neue Berufsbilder, die sich mit Rasanz am Horizont der Theaterausbildung abzuzeichnen beginnen: vom Designer digitaler Szenographien über die Programmiererin virtueller Realitäten bis hin zur Erfindung einer Art „Bürger-Dramaturgin“, die es versteht, die Vielfalt diverser Stimmen aus dem Publikum im synchron-hybriden Bühnenraum zu orchestrieren.

Mag sein, in diesem Monat Mai bleiben die Theater noch leer. Aber alle Köpfe rauchen und längst laufen Proben und Experimente, wie wir einander in postpandemischen Zeiten begegnen werden. Auf diese Zwischenzeit kommt es an. Das diesjährige Theatertreffen versteht sie zu nutzen. Die Kulturstiftung des Bundes dankt daher den Berliner Festspielen und dem gesamten Festivalteam unter der Leitung von Yvonne Büdenhölzer. Wir wünschen allen Präsentationen und Veranstaltungen viel Erfolg, gutes technisches Gelingen und ein Publikum, das bei allem Streaming ebenso experimentierfreudig und groß sein wird wie begeistert.

Hortensia Völckers
Vorstand / Künstlerische Direktorin

Kirsten Haß
Vorstand / Verwaltungsdirektorin