Kluger und versierter Risse-Aufspürer

Laudatio auf Thiemo Strutzenberger von Andreas Klaeui anlässlich der Verleihung des 3sat-Preises

Eine grüne Fläche zeigt leichte abstrakte Konturen.

Nicht an der Rampe im Scheinwerferlicht tritt er auf, der Graf Öderland in Stefan Bachmanns Basler Max-Frisch-Inszenierung. Er gleitet vielmehr rein, zögerlich, fast unwillig, duckt sich förmlich und schleicht sich von der Seite her ins Licht. Wie eine optische Linse leuchtet die hohe, schmale Kreisöffnung des fallenden Trichters auf, in dem Bühnenbildner Olaf Altmann Frischs Fabel verortet, und da schiebt er sich nun herein, aus dem Dunkel des Schnürbodens, der Schauspieler Thiemo Strutzenberger: in sich gekrümmt, eine Schulter hochgezogen, mit merkwürdig – anatomisch eigentlich unmöglich – verknäuelten Beinen, die Hände stützen sich an den Trichterwänden ab und suchen Halt. Natürlich gibt es keinen.

Wohlkalkuliert empathisch entlockt Staatsanwalt Martin bei Frisch den Angeklagten ihre Geständnisse und verleibt sich ihre Erzählungen mit saturiertem Schaudern ein. Aber ein Fall verstört ihn und stellt seine Welt auf den Kopf. Der bürgerliche Staatsdiener wandelt sich zum Anarchisten. Er wird zu „Graf Öderland mit der Axt in der Hand“. Ein Mord ohne Motiv – das ist „wie ein Riss in der Mauer“, stößt Thiemo Strutzenberger hervor. Es wird dieser Riss sein, den er nun zu seiner Passion macht, der seine Figur fortan geradezu biblisch durchzieht, „von oben an bis unten aus“. Durch den Riss schiebt sich Öderland ins satte Juste-Milieu, ein Monster, der Albtraum der Zivilgesellschaft. Es ist von Anfang an ein Frieren in Strutzenbergers Figur, selbst wenn von Urlaub in Spanien die Rede ist. Ein eisiges, unaufhaltsames Sich-Verzweigen der Machtfantasien und ohnmächtigen Ressentiments, das aus dem Outcast ein bürgerliches Gespenst macht.

„Graf Öderland“, das Frisch als sein Lieblingsstück bezeichnet hat, vielleicht weil er darin dramaturgisch so zwangfrei ist wie in kaum einem anderen, ist zugleich sein unzugänglichstes Stück. Ein irrationaler Amoklauf aus der sozialen Mitte heraus. Wo aber bei Frisch noch der existenzialistische acte authentique hineinspukte und die Kommunistenhetze des Kalten Kriegs (und leider auch sein schwieriges Frauenbild), machen Stefan Bachmann mit seiner Inszenierung und Thiemo Strutzenberger in seiner Darstellung den reinen, kruden Horror aus. Ein Rausch der Auflehnung, der Macht und der Gewalt, in dem Entfremdung, kulturelles Unbehagen, zivilgesellschaftlicher Überdruss in die pure Aggression umschlagen. Wie Thiemo Strutzenberger dies mit kaltem Fieber entwickelt, wie er die Trennlinien von Wachtraum und panischer Klarheit durchlässig macht, ist atemberaubend.

Thiemo Strutzenberger ist ein Hochrisikospieler. Niemals lässt er es bei einer Figurenfindung right in the face bewenden, immer sucht er die Risse, durch die er sich seitlich hineinschieben kann. Zum ersten Mal ist es mir – ist er mir – im Zürcher Neumarkt-Theater aufgefallen, als er 2009 im neuen Ensemble von Barbara Weber und Rafael Sanchez spielte: in der Musicalgroteske „Hair“ als Schweizer Hippie im Alpenchalet, in „Anna Karenina“ als russischer Lover mit exakt dem erforderlichen Quäntchen Playboy in der Borniertheit. Ein Jahr darauf ging er nach Wien zu Andreas Beck ans Schauspielhaus, mit Becks Ensemble zog er 2015 weiter nach Basel, 2019 nach München.

Maximilian Aue in „Die Wohlgesinnten“ (2013), Gessler in „Wilhelm Tell“ (2017), der Hauptmann in Ulrich Rasches „Woyzeck“-Inszenierung (Herbst 2017), endlich Jago in „Othello X“ (2018) – die künstlerischen Dispositionsbüros sehen Thiemo Strutzenberger gern als Bösewicht. Er sich selbst womöglich auch. Wir Zuschauenden ganz bestimmt – weil er auch im Bösen immer die Risse findet, und, besonders wichtig: den Wicht.

Freilich auch das Leid, wie – andere bleibende Erinnerung – bei seinem Gaveston in Ewald Palmetshofers Marlowe-Überschreibung „Edward II.“ am Schauspielhaus Wien, der erst frivole, erotisierte, erotisierende, dann aber blut- und schmerzüberströmte „Eindringling aus Ficker-Franzenland“. Passion in ihrer doppelten Bedeutung.

Thiemo Strutzenberger ist ein Hochrisikospieler auch in seiner Arbeit am Text und mit der Sprache. Auch hier sucht er die Risse, schiebt sich in die Worte hinein. Auferlegt ihnen bisweilen seinen eigenen Rhythmus, zerlegt sie in ihre Sinnbestandteile. Er inszeniert Édouard Louisʼ autobiografische Erzählung „Das Ende von Eddie“ als Lehrstück der Entunterwerfung. Er schreibt selbst, als Hausautor am Schauspielhaus Wien, danach am Theater Basel, zum Beispiel „Wiederauferstehung der Vögel“: die alle festen Umrisse auflösende Erzählung zweier Basler Patrizier-Cousins, Fritz und Paul Sarasin, die ein Naturforscher- und Liebespaar bildeten. Kunstvolle, engagierte, geistreiche Texte sind es, zu deren Aufführung es wohl renaissancehafter Universalspieler*innen bedarf, wie er selbst einer ist. Kluger und versierter, über die Kategorien schlenkernder Risse-Aufspürer. Yvonne Büdenhölzer, Wolfgang Horn und ich gratulieren von Herzen zum 3sat-Preis!