Werkauftrag Stückemarkt 2021

Laudationen anlässlich der Verleihung des Stückemarkt-Werkauftrags 2021

Eine grüne Fläche zeigt leichte abstrakte Konturen.

Sarah Yawa Quarshie, Schauspielerin im Ensemble des Schauspiel Dortmund

In „Dreams in Blk Major” heißt es: „Dieser Raum ist VON und FÜR die selbst-identifiziert Schwarz/Afro-diasporische Community (im Folgenden Schwarz) geschaffen und ES GEHT UM SIE. 1. Alles Handeln und sämtliche Intention reflektieren diese Prämisse.“

Diese Widmung ist eine Forderung. Und ein Versprechen.

Die Theatermacher*innen Nia Farrell und Talia Paulette Oliveras – die als Künstler*innenduo Ta-Nia zusammenarbeiten – laden das Publikum ein, einem Ritual beizuwohnen. Zu Beginn sind die Zuschauer*innen in BIPoC und weiße Menschen aufgeteilt. Sie werden in getrennten Gruppen unterschiedlich platziert. Die Schwarzen Zuschauer*innen sitzen der Bühne am nächsten. Dies ist ein Akt der Demontage. Es offenbart den Kern dessen, wie in weißen Räumen und weißen Theatern gehandelt wird.

In ihrem Einführungsvideo sagt Nia Farrell an einer Stelle: „Ich bin bereit“.

Das weiße Theater muss einräumen: Das ist es nicht. Es ist nicht bereit. Noch nicht einmal vorbereitet. Nicht darauf vorbereitet, Schwarze Körper auf der Bühne zu sehen. Nicht darauf vorbereitet, die Existenz Schwarzer Menschen und Schwarzer Perspektiven anzuerkennen. Nicht darauf vorbereitet, und vielleicht auch nicht willens, sich selbst als weiß zu erklären. Eine Institution, deren Entwicklung und Definition sich schon immer an ein weißes, bürgerliches Publikum richtete und dies noch immer tut.

Ta-Nia präsentieren ein Fest der Freude, eine Reise durch popkulturelle Bezüge und Narrationen, die gleichzeitig das Ungesagte reflektiert, das Tabu. Das Unsichtbare. Es demontiert, was das Theater im Grunde war und ist: eine weiße Institution und einst ein Ritual. Ein Ritual das hilft, Grenzen zu überschreiten, Tabus zu brechen, Narrationen zu durchkreuzen, und das manchmal Gemeinschaften schafft. Es irritiert, frustriert, aber es verschafft auch Empowerment als ersten Schritt zu Veränderungen.

Als Autor*innen und Theatermacher*innen sind Nia Farrell und Talia Paulette Oliveras eine Chance für das Theater – weil sie es feiern und hinterfragen. Wir haben sie als intelligente, begeisterte und radikale Künstler*innen erlebt – als Theatermacher*innen für das Theater der Zukunft.

Julia Wissert, Intendantin des Schauspiel Dortmund:

Gewinner*innen

Liebe*r Eve, Jude, Sam, Talia, Nia, Laurence, liebes Stückemarkt-Team, meine lieben Kolleg*innen von Schauspiel Dortmund,

Ich stehe hier in diesem rosa Kleid als Vertreterin der vielen Menschen, die an dem unglaublich schwierigen Entscheidungsprozess über die*den Gewinner*in des Stückmarkt-Werkauftrags beteiligt waren.

Zwei der zentralen Fragen, mit denen wir uns am Schauspiel Dortmund in unserer täglichen Praxis beschäftigen, sind: Was ist die Rolle des Theaters in einer Welt, die sich selbst aufzufressen scheint? Welches Potenzial könnte es für Gesellschaften haben, die sich in Kummer und Gewalt auflösen?

Wir sind überzeugt, dass es zu den Superkräften des Theaters gehört, Risse in Raum und Zeit zu konstruieren, die Welten eröffnen, von denen wir uns nie hätten vorstellen können, dass sie einmal Realität werden. Dass es Begegnungen ermöglichen und Sichtbarkeit für Geschichten und Menschen herstellen kann, die marginalisiert oder, schlimmer noch, unsichtbar gemacht wurden.

Liebe*r Eve, Jude, Sam, Talia, Nia, Laurence, ihr alle habt uns Welten eröffnet und das gehackt, was wir als universelle „Norm“ akzeptiert hatten. Ihr alle habt uns eingeladen, einen Blick auf das Ungesehene und Ungehörte zu werfen. Dafür, für die Texte, die ihr uns gegeben habt, die Gespräche, die ihr mit uns allen am Schauspiel Dortmund geführt habt, möchten wir Euch danken. Die Begegnungen mit euch haben uns neu darüber nachdenken lassen, welchen Weg wir als Künstler*innen hier in Dortmund gehen wollen.

Leider – und wir haben lange darüber nachgedacht, ob es nicht irgendwie möglich sein könnte, dass ihr alle kommt – müssen wir eine Entscheidung treffen. Wir haben Fragebögen für das Ensemble entwickelt, über die Texte diskutiert und uns gegenseitig von unseren Gesprächen mit euch erzählt, was es erst recht schwer gemacht hat, zu einem Ergebnis zu kommen. Weil ihr alle einfach unglaublich seid.

Schauspiel Dortmund, wir, die Menschen, die hier arbeiten, versuchen, künstlerische Begegnungen zu ermöglichen. Wir möchten ein Ort sein, an dem wir uns dem widersetzen, was andere zu einer unabänderlichen Realität erklären. Wir denken über ungesehene Welten nach und zaubern sie durch die Kunst herbei. Wie Octavia E. Butler sagte: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne, aber es gibt neue Sonnen“. Für uns haben zwei Künstlerinnen mit ihrer Arbeit genau das getan. Sie haben einen neuen Raum erschlossen und sich einem hegemonischen Narrativ widersetzt, und dabei am Ende Schwarze Leben gefeiert.

Aus diesem Grund möchten wir Ta-Nia einladen, ans Schauspiel Dortmund zu kommen und mit uns die Welt, wie wir sie kennen, in Frage zu stellen.

Talia, Nia, es ist uns eine große Ehre und Freude, euch zum Gewinn des Stückemarkt-Werkauftrags 2021 zu gratulieren.