Rede Eröffnung Thomas Oberender

Liebe Freundinnen und Freunde des Theatertreffens im echten Leben, liebe Yvonne Büdenhölzer,
10 Tage Regen am Stück, sagt meine Wetter-App. Für ein Online-Festival ist das eine Spitzennachricht!

Das bedeutet viel Zeit zum Zuschauen am Bildschirm „Im Theater zwingt man sich, gewisse Dinge auszuhalten, was sich manchmal auszahlt, manchmal nicht. Das ist die Wette, die man eingeht. Die funktioniert zuhause vorm Computer nicht.“

Eine grüne Fläche zeigt leichte abstrakte Konturen.

Dieser Gedanke des Künstlers Arne Vogelgesang beschreibt für ein Online-Festival, wie es das Theatertreffen in diesem Jahr sein muss, die zentrale Herausforderung: „Should I stay or should I go?“, sangen The Clash und daran werden wir in den nächsten Tagen immer wieder denken.

Vielleicht wurden uns Aufbruch und Neuanfang nie leichter als jetzt? So viele Strukturen mussten sich über Nacht verändern. Das Theater musste in seinen Vermittlungs- und Erzählformen moderner und zeitgemäßer werden. Für die Kunst und das Theater kann das eigentlich nur einen sehr positiven und kräftigen Schub bewirken, der unsere Arbeit weit nach vorne katapultiert.

Dabei liegen Aufbruch und Abgrund sehr dicht beieinander. Aufbruch in andere Produktions- und Erzählweisen, neue Begegnungsformen mit unserem Publikum, Aufbruch in die Welt eines neuen, digitalen Know-hows, neuer digitaler Infrastrukturen, die wir in unsere Arbeitsstrukturen integrieren müssen. Eines Aufbruchs in die Hinterfragung des Preises von Präsenz. Wenn das Versenden einer Email so viel Energie verbraucht wie die Zubereitung von einer Tasse Tee, was kostet dann z. B. das Streaming von „Graf Öderland“ wirklich? Und neben dem Aufbruch in diese Welt eines anderen, neuen Denkens und Produzierens steht gleich nebenan der Abgrund, der Absturz in die Burnout-Grube, die strukturelle Überforderung durch die rapide Einführung einer vierten Sparte und das ständige Öffnen, Schließen, Testen, Pläne machen und Pläne verwerfen. Der Abgrund des neuen Leistungs- und Lieferzwangs, der keinen Welpenschutz mehr hat. Alles muss rasend schnell professioneller werden, die Ästhetik, die Interaktivität, alles von hier auf jetzt. So entsteht auch der Stress neuer Standards und die neuerliche und oft belastende Entsicherung künstlerischer Arbeitsprozesse. Die zurückliegende Saison war über weite Teile genau das: Aufbruch und Abgrund, maximale Flexibilität bei maximaler Unsicherheit.

Mit welcher Kraft haben wir das gemeistert? Ich glaube, weil wir neue Kräfte entdeckt haben. Die neuen Weltmächte sind Gaia, das Klima, die Viren, das Digitale.

Für mich persönlich wurde im letzten Jahr das Living Theatre immer interessanter. Ihm hat das Theatertreffen aus Anlass des 70-jährigen Jubiläums der Berliner Festspiele einen eigenen Schwerpunkt gewidmet und Milo Rau einen großartigen Essay. Das Living Theatre hat an den Rändern der bürgerlichen Gesellschaft experimentiert, in nicht westlichen Kulturen nach anderen Wissens- und Lebensformen gesucht, nach anderen Kontexten des Spiels an den Grenzen zur Aktion, dem Ritual oder dem Spektakel. Es hat das Theater als Lebensform begriffen, als Testraum einer Gruppe von Menschen für andere Beziehungs- und Geschlechterkonzepte, als Ort, uns den Vorgeschmack alternativer Welten zu geben. Am Rand suchen; nicht im Westen - das war typisch für das Living Theatre. Das lebende Theater war für den Gründer und Regisseur Julian Beck das, was im Hier und Jetzt stattfindet und sich nicht nur auf das besinnt, was in der Vergangenheit liegt. Es brachte eine andere Art von Schauspieler*in hervor – den „non-fictional actor“. Das war in den späten 1960er-Jahren der Beginn der Performancekunst und der freien Szene, wie wir sie heute kennen und wie sie mittlerweile auch die Ästhetik vieler Stadt- und Staatstheater beeinflussen.

Das Living Theatre wollte dezidiert ein Abbild der Gesellschaft in ihrer Vielfalt entwickeln, ein Theater der Menschlichkeit, des Miteinanders, das gegen die soziale Spaltung, gegen Verrohung wirkt. Wie verroht Sprache und Umgang geworden ist. Und doch ist Sprache eben auch ein Medium der Verbindung. Theater ist so wichtig in diesen Tagen geworden, weil es an einem Abend oder Nachmittag eine andere Art von Gemeinschaft erlebbar macht, nicht von Gegnerschaft. Es hilft uns, aus den Spaltungen herauszukommen, ohne naiv Versöhnung zu predigen. Deshalb freue ich mich so außerordentlich auf das diesjährige Theatertreffen.

„Geld ist der Sprit, den du dir an der Tankstelle holst. Aber wo du damit hinfährst ist deine Entscheidung.“, sagt Cornelia Funke. Ich möchte Yvonne Büdenhölzer und ihrem Team dafür danken, dass dieses Festival eine Tankstelle der Ideen wurde und alle zehn Stücke zeigt, wie wir sie eben auch noch nie gesehen haben – und ich gehe die Wette ein, von der Arne Vogelgesang sagte, dass wir dran bleiben werden. Danke der Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters und der Kulturstiftung des Bundes, Hortensia Völckers und Kirsten Haß. Danke an unseren Medienpartner 3sat, das Auswärtige Amt, das Goethe-Institut und Pro Helvetia. Danke an den Deutschen Bühnenverein, die Bundeszentrale für politische Bildung und an alle weiteren treuen Partner*innen des Theatertreffens. Danke an die Erfinderinnen und Erfinder unserer digitalen Festivalspielstätten und an alle Künstlerinnen und Künstler, die uns dabei unterstützt haben, mit dem Theatertreffen neue Wege zu gehen.

Was stört uns der Regen!

Vielen Dank.

Thomas Oberender
Intendant Berliner Festspiele