Rede Eröffnung Yvonne Büdenhölzer

Was verloren sein könnte – diese Frage haben wir den Bühnen und Gruppen aus dem deutschsprachigen Raum gestellt und 34 filmische Antworten zur derzeitigen pandemischen Situation der Theater, zu den „Lücken“, den „Leerstellen“, die entstanden sind, erhalten.

Eine grüne Fläche zeigt leichte abstrakte Konturen.

Schauspieler*innen des Deutschen SchauSpielHaus Hamburg sind bei 8 Grad in die Alster gesprungen, Markus & Markus haben in ihren Wohnungen Tischfeuerwerke gezündet, um es mal wieder richtig funzeln zu lassen und aus dem Schauspielhaus Bochum macht sich ein Sessel hinaus aus dem leeren Theater auf die Suche nach seinem Publikum.

Was verloren – und was gewonnen sein könnte. Im Spannungsfeld dieser zwei Fragen haben mein Team und ich uns im Jahr der Vorbereitung ständig bewegt. Absagen? Verschieben? Dezentralisieren? Open Air? Hybrid? Streaming? Viele Optionen standen im Raum und doch fühlte sich keine zu 100 Prozent richtig an. Wie auch?

Festivals sind das Gegenteil von Lockdown und Distanz. Festivals sind die Verdichtung von Veranstaltungen. Festivals stellen Nähe, Austausch und Begegnung her: zwischen Künstler*innen und Zuschauer*innen. Und auch die Kunstwerke treten in Korrespondenz miteinander, indem sie in einer Stadt stattfinden, in einem räumlichen und zeitlichen Kontext. Diese Korrespondenz, die Ballung innerhalb der Stadt Berlin, kann es dieses Jahr nicht geben. Während das Theatertreffen im letzten Jahr auf die damals akute Situation reagierte und es im ersten Lockdown auf den Straßen ganz still war, ist das Festival dieses Jahr der Beginn einer Transformation unter den Vorzeichen einer post-pandemischen und zunehmend digitalisierten Gesellschaft. Ein Anfang, der sich im Highspeed-Tempo als reizvolles Experiment und zugleich als Überforderung entwickelt.

Wir haben in diesem Jahr unseren Fokus neben den uns wichtigen Themen wie Gender, Inklusion und ökologische Nachhaltigkeit zusätzlich auf neue Formate gelegt. Die im letzten Jahr begonnene Kooperation mit der Akademie für Theater und Digitalität und der Digitalen Dramaturgie setzen wir mit unserem neuen Showcase „Stages Unboxed“ fort. Und zum ersten Mal arbeiten wir mit dem Performing Arts Festival Berlin zusammen und fragen wir uns: „Worauf warten wir?“. In Talks reflektieren wir die pandemiebedingte Realität der darstellenden Künste und ihrer Akteur*innen und möchten auf aktuelle Bedürfnisse der Menschen aufmerksam machen, die in diesem Bereich arbeiten. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Auseinandersetzung mit dem Thema Macht und Verantwortung im Apparat Stadttheater. Auch außerhalb des Festivalzeitraums beschäftigen wir uns schon seit längerer Zeit mit ökologischer Nachhaltigkeit, arbeiten an unserer eigenen Klimabilanzierung und veranstalten ein Forum für Nachhaltigkeit im Theater gemeinsam mit dem Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit in Kultur und Medien.

Was könnte gewonnen sein? Was macht unser (digitales) Theatertreffen aus?

Meine Antwort darauf lautet: Natürlich teilen wir alle den tiefen Wunsch nach einem analogen Kunst- und Theatererlebnis. Aber ein digitales Festival ist auch eine Form von Freiheitsgewinn und Demokratisierung des Zuschauens. Es ist viel einfacher daran teilzunehmen, wir erkunden neue Formen der Partizipation und Interaktion, zeigen für das Festival neue Künstler*innen und erleben andere, digitale Erzählweisen. Wer kommt jetzt vor? Wie wird sich diese künstlerische Entwicklung auf die Kriterien der Theatertreffen-Jury perspektivisch auswirken? Wie entwickelt sich der Part des „Zuschauens“? Im Digitalen ist der Aspekt, wie politisch ein Publikum ist und wie Meinungsbildung stattfindet, viel stärker präsent. Ist es nicht längst an der Zeit, diese Grenzen nicht mehr zu ziehen und zwischen „analog“ und „digital“ nicht mehr abzuwägen? Und dafür sind zukunftsfähige Konzepte gefordert: aus der Kunst, aber auch aus der Politik.

Ich bin glücklich, dass es uns gelungen ist, die gesamte 10er Auswahl in Livestreams und Aufzeichnungen zu zeigen und ebenso die Arbeiten des Stückemarkts.

Und ich bin traurig darüber, dass die Stipendiat*innen des Internationalen Forums dieses Jahr wieder nicht anreisen konnten.

Nun geht es los mit 12 Tagen digitalem Theatertreffen. Zeitliche Nähe versuchen wir herzustellen durch möglichst viele Live-Momente, für die räumliche Nähe gibt es neue Orte: Unser digitaler Festspielgarten ist bereits geöffnet – garantiert ohne Schließzeiten und Lärmbeschwerden. Zu fast jeder Veranstaltung bieten wir einen Chat an, unsere Nachgespräche und Debatten sind alle live, auch fünf der Inszenierungen der 10er Auswahl werden live gestreamt. Aber um all diese digitalen Orte mit Leben zu füllen und eine Festivalcommunity zu bilden, brauchen wir Sie, liebes Publikum. Ich lade Sie ein! Überzeugen Sie sich selbst davon, was gewonnen sein könnte. Wir sind da – Sie hoffentlich auch!

Zum Schluss noch mein Dank an alle Partner*innen für die langjährige und verbindliche Unterstützung, insbesondere der Kulturstiftung des Bundes, namentlich Hortensia Völckers und Kirsten Haß, sowie unserem Medienpartner 3sat, der wieder drei Stücke der 10er Auswahl aufgezeichnet hat. Ich danke von Herzen der Jury für die pandemisch herausfordernde Arbeit! Und auch dem gesamten Team der Berliner Festspiele insbesondere dem Intendanten Thomas Oberender, der Kommunikation und der Technik. Dem Entwickler*innenteam der digitalen Plattform, Serve-u und Best Films Forever und meinem fantastischen Theatertreffen-Team. Alle arbeiten mit geballter Kraft, dieses neue Festival grandios umzusetzen.

Herzlich willkommen auf Berliner Festspiele Digital: Das Theatertreffen 2021 ist eröffnet!

Yvonne Büdenhölzer
Leiterin Theatertreffen