Die 10er Auswahl 2019

Überblick

Das große Heft

Das große Heft

© Sebastian Hoppe

Das große Heft

Staatsschauspiel Dresden

nach dem Roman von Ágota Kristóf
aus dem Französischen von Eva Moldenhauer
in einer Fassung von Ulrich Rasche und Alexander Weise
Regie und Bühne Ulrich Rasche
Premiere 11. Februar 2018
www.staatsschauspiel-dresden.de

Statement der Jury
Ulrich Rasches Chorkunst ist auf Erhabenheit angelegt, auf Pathos, auf Bildmacht, auf sinnliche Überwältigung auch. Manche sagen: Es riecht nach Rammstein. Das alles stimmt. Aber Rasche bringt dabei wie kaum ein anderer Texte frisch zu Gehör, faltet sie genauestens rhythmisiert vor dem Bewusstsein der Betrachtenden auf, regt das Denken an und auf. So folgt man an diesem Abend in knapp vier Stunden gebannt der großen Kindheitserzählung aus Weltkriegszeiten von Ágota Kristóf. Ein düsteres Werk, voll Gewalt und sexuellen Obsessionen, in kühler behavioristischer Erzählkunst vorgetragen. Rasche zeichnet es mit Muße und bedrückender Intensität nach, mit Männerchören, die auf zwei riesigen rotierenden Drehscheiben schreiten, angetrieben von der minimalistischen Mantra-Klangkunst Monika Roschers. Es ist der Blick in eine faschistoide, militaristische, von Moral bereinigte Kindheitswelt, ein Gang ins Walzwerk der aufkeimenden Männerfantasien.

Das Internat

Das Internat

© Birgit Hupfeld

Das Internat

Schauspiel Dortmund

von Ersan Mondtag
Text von Alexander Kerlin und Matthias Seier
Regie, Bühne und Kostüme Ersan Mondtag
Uraufführung 9. Februar 2018
www.theaterdo.de

Statement der Jury
Es ist eine optisch spektakuläre Welt-Entrückung, die Ersan Mondtag aus Pappmaché und naiven Zeichnungen als Gothic-Geisterbahn am Schauspiel Dortmund erschafft: Angsträume, die wir uns nicht in kühnsten Albträumen ausmalen möchten. Immer neue dunkle Kammern öffnen sich auf der Drehbühne, durch die 17 dressierte und uniformierte Zöglinge schleichen und mechanisch-rhythmische Alltagsroutinen vollziehen: essen, schlafen, quälen. Das Internat – und sein reicher kulturhistorischer Assoziationsraum – wird gezeigt als ewiger Kreislauf von Unterdrückung und Unterdrücktsein, Opfer- und Täter*innentum, Angst und Paranoia. Das archaisch-künstliche Szenario löst große philosophische Fragen aus: Was ist eine gerechte Revolution? Wann schlägt sie um in Faschismus? Ab wann ist Gewalt erlaubt? „Das Internat“ ist die Geschichte einer Gehirnwäsche, in der die Ideologien beständig umschlagen: eine düstere Weltmetapher.

Dionysos Stadt

Dionysos Stadt

© Julian Baumann

Dionysos Stadt

Münchner Kammerspiele

Antikenprojekt von Christopher Rüping
Regie Christopher Rüping
Uraufführung 6. Oktober 2018
www.muenchner-kammerspiele.de

Statement der Jury
Es ist selten, dass man Monate nach einem Theaterabend noch so genau weiß, wie man ihn durchlebte, wie man lachte und staunte, mitunter auch nur beiwohnte, bald wieder mitgerissen wurde, wie man sich so sehr als Teil des Ereignisses empfand. Christopher Rüping erzählt in seinem zehnstündigen Antikenmarathon „Dionysos Stadt“ die Geschichte des Menschen, der von Prometheus das Feuer zum Werken empfing und es doch nur zum Brandschatzen gebraucht. Gespeist aus diversen alten und neueren Quellen führt die Reise vom Prometheus-Mythos über den Krieg um Troja bis zu dessen Nachwehen in der Familientragödie der „Orestie“. Im Satyrspiel begegnet man schließlich einem modernen Heroen: dem melancholischen Fußballgott Zinédine Zidane und dessen Fall im WM-Endspiel 2006. Zwischen den einzelnen Teilen gibt es ausgiebige Pausen, Verköstigungen. Denn mindestens so sehr wie durch seine ausgeklügelte Dramaturgie besticht der Abend als Fest. Mit dezidiert legerer Geste laden die Spieler*innen ihr Publikum ein teilzunehmen, mitunter auf der Bühne zu siedeln, räumlich nahe am Geschehen zu sein. Es ist ein großes und entspanntes Theater. Die Wiederentdeckung der Geselligkeit.

Erniedrigte und Beleidigte

Erniedrigte und Beleidigte

© Sebastian Hoppe

Erniedrigte und Beleidigte

Staatsschauspiel Dresden

nach dem Roman von Fjodor M. Dostojewski
unter Verwendung der Hamburger Poetikvorlesung von Wolfram Lotz
Regie und Bühne Sebastian Hartmann
Premiere 29. März 2018
www.staatsschauspiel-dresden.de

Statement der Jury
Nebel dräut, aufwühlende Musik erklingt, Menschen stürmen an die Rampe. Sie schleppen Leitern auf die Bühne, fangen an, mit schwarzer und weißer Farbe ein riesiges Bild zu malen, hoch und höher, Schicht über Schicht. Davor kreist ein fahrbares Klinikbett, und Spieler*innen mit raschelnden Krinolinen und schwarzen Zylindern zeigen scheinbar zusammenhanglose, mitunter auch sich wiederholende Szenen aus Dostojewskis Fortsetzungsroman „Erniedrigte und Beleidigte“ rund um einen selbstsüchtigen Patriarchen, im Stich gelassene Kinder und erdrückende Schuldenberge. Es dauert eine ganze Weile, bis sich das Publikum in den Improvisationsmodulen von Sebastian Hartmanns Dresdner Inszenierung zu orientieren lernt. Geradezu programmatisch gerät sie durch die Verschaltung mit Wolfram Lotzʼ Hamburger Poetikvorlesung, die ein neues Theater entwirft und von Yassin Trabelsi mit großem Soundgefühl versprechtanzt wird. Denn Hartmanns Arbeit zielt nicht auf die lineare Nacherzählung des Romanstoffs, sondern – wie schon bei Dostojewski angelegt – auf die ekstatische Auflösung von Sinn und Logos, so wie sie in Krankheit, Liebe und hier tatsächlich auch in der Kunst erfahrbar werden.

Girl From The Fog Machine Factory

Girl From The Fog Machine Factory

© Sandra Then

Girl from the Fog Machine Factory

Eine Produktion von Thom Luz und Bernetta Theaterproduktionen

Eine zeitgenössische Geschichte mit magischem Ende
von Thom Luz
Regie, Raum, Lichtdesign Thom Luz
Koproduktion mit Gessnerallee Zürich, Théâtre Vidy-Lausanne, Kaserne Basel, Internationales Sommerfestival Kampnagel Hamburg, Theater Chur, Südpol Luzern
Uraufführung 17. Mai 2018
www.bernetta.net | www.gessnerallee.ch

Statement der Jury
Thom Luz in der Nebelmaschinenfabrik – es ist so folgerichtig wie skurril und gleichzeitig melancholisch. Das Personal der titelgebenden Werkstätte ist von der Sorte, die eine Besucherin, wenn denn einmal eine vorbeikommt, mit einem vierstimmigen Madrigal begrüßt: nicht übertrieben welttüchtig. Und nichts kann diese Menschen glücklicher machen, als wenn sich die Besucherin daraufhin das ganze Arsenal an Firmenartikeln vorführen lässt, von der zigarettenschachtelgroßen Handnebelmaschine bis zur vielstimmigen Nebelpfeifenorgel. Thom Luz bringt an diesem Abend auf den Verpuffungspunkt, was er seit jeher zu fassen suchte: die Beiläufigkeit des Schönen, das Festhalten am Aufschein. „Le passage dʼun nuage“, wie es das Lied von Francis Poulenc beschreibt, dem französischen Komponisten zwischen Spätromantik und Maschinenmoderne, zwischen Salon- und Wahnmusik, der in dieser Inszenierung maßgebend vertreten ist. Der Abend selbst ist strukturell als musikalisches Nebelbild angelegt, mit Exposition, Durchführung und Variationen, die gegen Ende immer unschärfer werden und sich langsam auflösen.

Hotel Strindberg

Hotel Strindberg

© Reinhard Werner/Burgtheater

Hotel Strindberg

Burgtheater, Wien / Theater Basel

von Simon Stone nach August Strindberg
Regie Simon Stone
Uraufführung 26. Januar 2018
Premiere Basel 16. Januar 2019
www.burgtheater.at | www.theater-basel.ch

Statement der Jury
Simon Stone hat sich die rabiate und dabei zutiefst menschliche Streitkultur des August Strindberg vorgenommen und damit wieder einen Klassiker der Dramenliteratur auf unmittelbare Gegenwart gebürstet. In „Hotel Strindberg“ fließen Motive von gleich mehreren, auf Bühnen meist weniger beachteten Theaterstücken und Erzählungen des schwedischen Unruhegeists ein (u. a. „Der Vater“, „Gespenstersonate“, „Der Pelikan“ oder „Gläubiger“), auch Erlebnisse aus dem Leben des Dramatikers selbst, verwoben zu einem Kaleidoskop Strindbergscher Momente von heute. Das Publikum blickt auf synchron ablaufende Szenen in den Zimmern eines Hotels, in dem nonstop Beziehungen auf dem Spiel stehen. Der Abend läuft wie eine lange, rhythmisierte Ballade ab, bei der die Schauspieler*innen den Sound an einem Set-up live mitproduzieren. Die Konflikte nehmen mehr und mehr surreale Züge an, die Figuren beginnen sich aufzulösen zu einem wahnhaften Gespinst im Drang, der Welt abhanden zu kommen. Ein Meisterwerk der Überschreibung.

Oratorium

Oratorium

© Benjamin Krieg

Oratorium

Eine Produktion von She She Pop

Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis
von und mit Sebastian Bark, Johanna Freiburg, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou, Berit Stumpf sowie dem Chor der lokalen Delegierten
Koproduktion HAU Hebbel am Ufer, Festival Theaterformen, Münchner Kammerspiele, Schauspiel Stuttgart, Kaserne Basel, Schauspiel Leipzig, Kampnagel Hamburg, Künstlerhaus Mousonturm, FFT Düsseldorf, Konfrontacje Teatralne Festival Lublin, ACT Independent Theater Festival Sofia
Premiere Berlin 9. Februar 2018
www.hebbel-am-ufer.de

Statement der Jury
Über Geld redet man nicht. Das Performance-Kollektiv She She Pop schert sich nicht darum und macht das Privateigentum, Ungleichheit und Scham zum Thema. Das allerorten beschworene „Wir“ konkretisiert sich dabei fast von selbst. Die Zuschauer*innen werden eingeladen, sich zu beteiligen, zuerst als Bürger*innenchor mit vorgeschriebenem Text, was einen ebenso aufschlussreichen wie komischen Dialog nach sich zieht. Später sind sie aufgerufen, sich als Erb*innen auf der Bühne zu outen. Doch niemand wird vorgeführt, alle sind willkommen. She She Pop formieren das Publikum zum vielstimmigen Chor und vollziehen in ihrem musikalisch austarierten Oratorium die versprochene „Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis“, die Brecht und seine Lehrstückpoetik ebenso huldigt wie auf die Schippe nimmt. Wie immer bei She She Pop nistet das Politische im Privaten, im biografischen Material. Die revolutionär schönen Kostüme von Lea Søvsø dienen dabei mal als Fahne, mal als Umhang. Als ebenso wendig erweisen sich die Akteur*innen auf der Bühne. Kurz: ein Abend, der die richtigen Fragen stellt und sich vorschnellen Antworten verweigert.

Persona

Persona

© Arno Declair

Persona

Deutsches Theater, Berlin / Malmö Stadsteater

von Ingmar Bergman
Übersetzung Renate Bleibtreu
Regie Anna Bergmann
Premiere Malmö 15. September 2018
Premiere Berlin 30. November 2018
www.deutschestheater.de

Statement der Jury
Anna Bergmann erzählt Ingmar Bergmans Experimentalfilm nach – und macht ihn zu einer psychologischen Tiefenschürfung weiblicher Identität. Die Beziehung zwischen der verstummten Schauspielerin Elisabet und ihrer lebhaften Krankenschwester Alma wird zu einem intimen Psychoduell der großen Schauspielerinnen Corinna Harfouch und Karin Lithman, das immer neue, überraschende Wendungen nimmt und manches Tabu und Klischee durchquert. Der Abend untersucht, wie Frauen von Bildern, denen sie entsprechen sollen, gequält werden, wie sie sich vergleichen, vermessen, verausgaben – und schließlich gegenseitig austauschen. Wo verläuft die Grenze zwischen eigener Identität und zugewiesener (Frauen-)Rolle? Klug entspricht an diesem Abend die Form dem Inhalt: Denn die stumme und die sprechende Schauspielerin tauschen je nach Aufführungsland die Hauptrolle und verhandeln so einen alten Theater-Neid-Konflikt gleich mit.

Tartuffe oder das Schwein der Weisen

Tartuffe oder das Schwein der Weisen

© Priska Ketterer

Tartuffe oder das Schwein der Weisen

Theater Basel

Komödie von PeterLicht nach Molière
Regie Claudia Bauer
Uraufführung 14. September 2018
www.theater-basel.ch

Statement der Jury
Jede Zeit hat ihre eigenen Heucheleien – und die Betrüger*innen, die sie verdient. Schon Molière ließ den wohlhabenden Bürger Orgon dem religiösen Frömmler Tartuffe verfallen und darüber sein ganzes Haus tyrannisieren. Der Autor und Popmusiker PeterLicht macht aus ihnen nicht nur den als Schwein verkleideten Sex-Guru „Tüffi“, dem sein größter Fan „Orgi“ Frau und Tochter andienen will – seine Dialoge imitieren darüber hinaus die Fan-Star-Logik: In schwindelerregenden Laberkaskaden kreisen sie um einzelne Signalwörter („geil/ungeil“, „kontextualisieren“, „Workshop“ etc.), bis deren Bedeutung kollabiert. Claudia Bauers Uraufführung wiederum gelingt das Kunststück, PeterLichts ethische Sprachkritik in handfeste und doch feinsinnige Komik zu übersetzen: In pseudobarocken Pop-Outfits und Disney-Perücken spielt das fabelhafte Basler Ensemble vor und hinter einer Fassade Schlaumeier und Checkerinnen, die an der Hoaxhaftigkeit oder auch nur Verlogenheit ihrer Welt höchst kreativen Anteil haben.

Unendlicher Spaß

Unendlicher Spaß

© David Baltzer

Unendlicher Spaß

Eine Produktion von Thorsten Lensing

von David Foster Wallace
in der Übersetzung von Ulrich Blumenbach
in einer Textfassung von Thorsten Lensing unter Mitarbeit von Thierry Mousset und Dirk Pilz
Regie Thorsten Lensing
Koproduktion HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste, Schauspiel Stuttgart, Schauspielhaus Zürich, Ruhrfestspiele Recklinghausen, Theater im Pumpenhaus Münster, Sophiensæle, Kampnagel Hamburg, Künstlerhaus Mousonturm, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg
Premiere 22. Februar 2018
www.sophiensaele.com

Statement der Jury
1996 veröffentlichte David Foster Wallace seinen postmodernen 1500-Seiten-Roman „Infinite Jest“, der 2009 auf Deutsch herauskam. Der Regisseur Thorsten Lensing, Jahrgang 1969, und sein Team kondensieren den Stoff zu einem mehr als vierstündigen Theaterabend. Ihre über Jahre erarbeitete Spielfassung konzentriert sich dabei auf die Protagonist*innen des Romans und ihre Beziehungen zueinander. Die herausragenden Schauspieler*innen entwickeln ihre Figuren aus deren Macken und Handicaps und kümmern sich dabei nicht um eindeutige Geschlechterzuschreibungen. Vielmehr spielen Jasna Fritzi Bauer, Sebastian Blomberg, André Jung, Ursina Lardi, Heiko Pinkowski und Devid Striesow auf beinahe leerer Bühne mit sich und einfachsten Theatermitteln. Sie erzählen Geschichten über das Elend der eigenen Existenz und die Unwägbarkeiten des Lebens und wie nebenbei auch vom Seelenzustand einer Nation. Das ist bedenklich traurig, an diesem Abend aber auch immer wieder überbordend komisch.