Stückemarkt-Auswahl 2019

Die Jury hat die Auswahl für den Stückemarkt 2019 bekannt gegeben.

Was kommt nach dem Protest? Fünf innovative, ästhetisch und inhaltlich anspruchsvolle Arbeiten thematisieren das Stückemarkt-Motto auf je verschiedene Weise und haben so die Jury überzeugt. Insgesamt haben uns 361 Einsendungen aus 65 Ländern erreicht. 27 Arbeiten wurden in der Abschlussdiskussion berücksichtigt. Wir danken allen Künstler*innen herzlich für Ihre spannenden Bewerbungen auf unseren Open Call und gratulieren den eingeladenen Autor*innen und Theatermacher*innen, die im Mai beim Theatertreffen präsentiert werden!

Fall on Pluto

Fall on Pluto

© Mariano Klochko

Fall on Pluto

Sashko Brama & Ensemble (Ukraine)

Sashko Brama und Ensemble beschäftigen sich in „Fall on Pluto“ mit Fragen rund um das Altern, Vergänglichkeit und (un)erfüllte Sehnsüchte. Der Abend basiert auf einer Recherche, die Künstler*innen befragten dafür Bewohner*innen mehrerer Senior*innenresidenzen in der Ukraine. Umgesetzt wird das dokumentarische Material mit einem jungen Ensemble, das lebensgroße Puppen vor sich navigiert und einen atmosphärisch dichten Theaterabend schafft. Mit zarten Tönen und großer Sensibilität nehmen sie sich der Geschichten und Wünsche der oft vergessenen und hier an den Rand unseres Sonnensystems verbannten Generation an und formulieren so ein Plädoyer für eine empathische Gesellschaft.

Pussy Sludge

Gracie Gardner (USA)

„Pussy Sludge“ entspinnt ein dystopisches Setting um die gleichnamige Hauptfigur, die in den Sümpfen eines Nationalparks lebt und Rohöl menstruiert. Humorvoll und spielerisch erzählt, widersetzt sich Pussy Sludge in allerlei absurden Begegnungen stereotypen Genderkonstruktionen und gesellschaftlich normierten Lebensmodellen. Der Text liefert nicht nur eine lustvolle Kritik an patriarchalen Systemen, sondern geht in der Beschreibung einer Hauptfigur, die die Machtverhältnisse wild masturbierend auf den Kopf stellt, dem diesjährigen Stückemarkt-Thema auf sehr humorvolle Weise nach.

Gracie Gardner

Gracie Gardner

© Peter Bellamy

Amir Gudarzi

Die Burg der Assassinen

Amir Gudarzi (Iran/Österreich)

Amir Gudarzi ist mit dem Text „Die Burg der Assassinen zum Stückemarkt eingeladen, in dem der Autor auf sehr poetische Weise die Geschichte einer Migration nach Europa aufarbeitet. Herausgekommen ist ein vor historischen Referenzen sprudelndes Theaterstück, das nicht nur Fluchterfahrungen thematisiert, sondern auch die Fata Morgana, als die sich der Sehnsuchtsort Europa im Verlauf der Reise entpuppt. Niemals moralisierend beschreibt Gudarzi das „Heimweh nach Zukunft“ und findet magische Bilder, die uns aus der Reserve locken und dazu auffordern, privilegierte Perspektiven kritisch zu hinterfragen.

VANTABLACK

Nazareth Hassan (USA)

Nazareth Hassan widmet sich mit seinem Text „VANTABLACK“ der Frage, was passieren würde, wenn die im 19. Jahrhundert versprochenen Reparationszahlung an sämtliche Afro-Amerikaner*innen Mitte des 21. Jahrhunderts tatsächlich ausgezahlt würden und jede*r die versprochenen 40 Morgen Land sowie einen Maulesel zugesprochen bekäme. Dabei entwirft Hassan eine Art Vignetten-Dramaturgie, die schlaglichthaft auszuloten versucht, ob – und wenn wie – sich die Machtverhältnisse zwischen schwarzen und weißen Bürger*innen in den USA vor diesem Hintergrund ändern würden. Würde sich die Art zu lieben, zu leben, zu arbeiten, zu kommunizieren wandeln? Nazareth Hassan verbindet in „VANTABLACK“ politische Utopie mit persönlicher Erfahrung und findet so zu einer besonderen, vielstimmigen Erzählweise.

Nazareth Hassan

Nazareth Hassan

© Victoria Hagood

Estado Vegetal

Estado Vegetal

© Fundación Teatro a Mil

Estado Vegetal

Manuela Infante (Chile)

„Estado Vegetal“ ist eine poetisch-philosophische One-Woman-Show, die sich mit dem revolutionären Denken des Pflanzenphilosophen Michael Marder und des Pflanzenneurologen Stefano Mancuso auseinandersetzt. Manuela Infante erforscht darin Pflanzenintelligenz, das vegetative Nervensystem und die Kommunikation von Pflanzen untereinander und schlägt einen radikalen Perspektivwechsel vor: Was können wir Menschen im Hinblick auf unsere sich wandelnden Ökosysteme und Klimakatastrophen von den Pflanzen lernen? Wie sähe ein an pflanzlichen Kommunikationssystemen orientiertes Gesellschaftssystem aus? Oder auch: Wie ein „vegetal theatre“? Infante lädt uns mit „Estado Vegetal“ ein, die anthropozentrische Logik hinter uns zu lassen und uns auf eine Reise in die Pflanzenwelt zu begeben.