Digitales Programmheft

Chineke! Orchestra / Cape Town Opera

The Gershwins ®’ „Porgy and Bess ®“

The digital programme is only available in German.

Teil 1

Auf der Catfish Row in Charleston singt Clara, die junge Frau des Fischers Jake, ein Wiegenlied für ihr Baby („Summertime“). Hafenarbeiter Robbins schließt sich den Spielern an, die beim Crap Game das Würfelglück beschwören. Jake stimmt mit „A Woman Is a Sometime Thing“ ein ironisches Lied über die Unbeständigkeit der Liebe und die Rätselhaftigkeit der Frauen an. Nachdem Peter, der Honigverkäufer, seine Waren angepriesen hat, tritt Porgy auf. Auf Bess, die Geliebte des brutalen Crown, hat er nur selten einen Blick geworfen. Besser so, sagen die Frauen, denn sie sei kein Umgang für anständige Menschen. Porgy jedoch hat Verständnis für Bess. Wie sie ist auch er ein Ausgestoßener. Gott habe ihn, den Krüppel, als einsamen Menschen geschaffen („Nighttime, daytime“). Crown kommt dazu, schwer betrunken. Vom Drogendealer Sporting Life, der es auf Bess abgesehen hat, lässt er sich mit Kokain beliefern. Jeder versucht, das Würfelspiel für sich zu entscheiden. Crown jedoch verliert und gerät in Rage. Im Streit tötet er Robbins und flieht. Sporting Life macht sich erneut an Bess heran, möchte sie zum vermeintlich süßen Leben in New York verführen. Doch Bess lehnt vehement ab. Als sie sich verstecken will, ist es Porgy, der sie bei sich aufnimmt.

Zu Hause bei Serena wird ihr ermordeter Mann Robbins aufgebahrt, die Trauernden singen ein Spiritual („Where is my brudder Robbins?“). Während der Totenwache wird deutlich, dass sich zwischen Bess und Porgy eine Annäherung entwickelt hat. Mit „Overflow, Overflow“ porträtiert Gershwin einen typischen Gospel-Gottesdienst. Ein Polizist will Robbins’ Leichnam mitnehmen, damit Medizinstudenten ihn sezieren können. Unter Druck gesetzt, verrät Peter den Täter Crown, worauf der Polizist Peter als Kronzeugen in Gewahrsam nimmt. Ein ekstatisches Spiritual beginnt. Das Orchester imitiert eine anfahrende Lokomotive, ihr Schnaufen und Ächzen („Leavin’ for the promised land“): Der Zug nimmt Fahrt in Richtung Himmel auf, wo Robbins nach dem Glauben der Trauernden auf sie warten wird.

Im Hafen flicken die Fischer ihre Netze („It take a long pull to get there“) und singen dabei von ihren Sorgen. Die jedoch können Porgy gleichgültig sein, er hat ja Bess, Gott und seine Arbeit („I got plenty of nuttin’“). Gershwin entwirft Porträts der Menschen, die die Catfish Row bevölkern: Sporting Life, der seinen Stoff verkaufen will; der selbst ernannte Rechtsberater Frazier, der Bess gegen Bezahlung eine angebliche Scheidung von Crown vermittelt; der weiße Rechtsanwalt Archdale, der für Peter die Kaution zahlen möchte, damit er wieder auf freien Fuß kommt. Porgy macht seiner Geliebten klar: „Bess, You is my woman now“. Auf Kittiwah Island findet ein Picknick statt. Sporting Life unterhält die Gruppe mit seinem Bericht über die Unwahrscheinlichkeiten, die man in der Bibel findet („It ain’t necessarily so“). Als vom Dampfer her das Signal zur Rückkehr ertönt, tritt plötzlich der flüchtige Crown aus dem Dickicht: Er hat sich auf der Insel versteckt. Im Duett „What you want with Bess?“ versucht Bess den Verbrecher zu überreden, von ihr abzulassen. Am Ende kann sie sich seinem Einfluss nicht entziehen.

Teil 2

Vor Sonnenaufgang machen sich die Fischer wieder zum Ausfahren fertig. Bess ist schwer krank und liegt in Porgys Zimmer. Erst zwei Tage nach den anderen ist sie von Kittiwah Island nach Hause zurückgekommen. Serena verspricht, sie durch Gebete zu heilen. Die Erdbeerfrau preist ihre Waren an, später auch der „Crab Man“, der Krabbenverkäufer. Porgy hat längst erkannt, dass Bess mit Crown zusammen war. Er überlässt es ihr, ob sie bei ihm bleiben will oder nicht („I wants to stay here, but I ain’t worthy“ / „I loves you, Porgy“). Ein Hurrikan kündigt sich an. In Serenas Zimmer wird gebetet. Hat nun allen das letzte Stündlein geschlagen? Während des Hurrikans taucht Crown plötzlich in der Catfish Row auf, um Bess ein für alle Mal mit sich zu nehmen. Sein anzüglicher Song von der „red-headed woman“ kontrastiert stark zur angespannten Atmosphäre. Der immer heftiger werdende Sturm mischt sich mit den Gebeten und bestimmt zunehmend das Geschehen. Plötzlich schreit Clara auf: Jakes Boot ist gekentert! Sie rennt in den Sturm hinaus.

Nach dem Unwetter. Die Bewohner der Catfish Row gedenken mit einem Spiritual der Opfer: Nicht zurückgekommen sind Clara, Jake und offenbar auch Crown. Sporting Life steuert ein paar zynische und herzlose Bemerkungen zur Situation bei. Bess nimmt sich Claras Baby an (eine weitere Reprise von „Summertime“). Der Bösewicht Crown jedoch ist nicht totzukriegen. Mitnichten ist er im Sturm umgekommen, sondern schleicht nachts zu Porgys Fenster, um Bess zurückzugewinnen. Porgy bemerkt ihn, es kommt zu einem Kampf zwischen den beiden Rivalen, in dem Porgy Crown ersticht. Als der Leichenbeschauer Porgy dazu zwingen will, das Opfer zu identifizieren, gerät er in Panik und verweigert die Aussage. Deswegen wird er festgenommen und für einige Tage inhaftiert. Dies nutzt Sporting Life aus und redet Bess ein, Porgy werde nun für lange Zeit im Gefängnis verschwinden. Sporting Life schlägt ihr vor, gemeinsam mit ihm nach New York zu gehen („There’s a boat that’s leaving soon for New York“). Auch mit Kokain versorgt er sie erneut … Eine Woche später kehrt Porgy aus dem Gefängnis zurück. Doch Bess ist verschwunden. Sie hat sich mit Sporting Life nach New York aufgemacht. In einer ergreifenden Klageszene sucht Porgy nach Bess: „Oh Bess, Oh Where’s My Bess?“ New York? Für seine Geliebte ist Porgy kein Weg zu weit. Mit dem mitreißenden Spiritual „O Lawd, I’m on my way“ endet Porgy and Bess voller Optimismus.

Two people, one male-presenting and one female-presenting, in dramatic pose. Background: house facade.

William Warfield and Leontyne Price as Porgy and Bess singing a duet, staged at the Titania-Palast in Berlin, Berliner Festwochen 1952

© akg-images

Auf der Suche nach einer amerikanischen Oper

von Markus Bruderreck

Gewalt, Drogen, Kriminalität und Hoffnungslosigkeit bestimmen den Alltag in der Catfish Row im Hafenviertel von Charleston, South Carolina. Der gehbehinderte Bettler Porgy lebt an diesem Ort, wo Gewalt und Verbrechen zum Alltag gehören. Hat dort seine Liebe zu Bess eine Chance? Eine Antwort darauf sucht George Gershwin in seiner Oper Porgy and Bess. Sie ist ein Schlüsselwerk des amerikanischen Musiktheaters und randvoll mit unvergesslichen Melodien und jazzigen Rhythmen. Bis zu diesem Meisterwerk ist es freilich ein langer Weg.

Kein „zweitklassiger Ravel“

George Gershwin wird als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer 1898 im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren. Als junger Künstler arbeitet er für einen Musikverlag, zieht mit einem Musterkoffer voller Noten durch die Varietés, Tanzclubs und Musikalienhandlungen New Yorks und präsentiert potenziellen Kunden Lieder auf dem Klavier. Eine gute Schule, die ihn zu Broadway-Shows führt, bei denen er als Klavierbegleiter engagiert wird. Nebenbei nimmt er aber auch „ernsthaften“ Kompositionsunterricht. Die Zwanzigerjahre werden zum schöpferisch reichsten Jahrzehnt in seinem kurzen Leben. Orchesterwerke wie die Rhapsody in Blue (1924) entstehen, in denen er Klassik und Jazz virtuos verbindet. Daneben schreibt er viele seiner unkonventionellen und satirischen Musicals. Gershwins Stil ist so originell, dass große Komponisten es ablehnen, ihn zu unterrichten. Maurice Ravel rät: „Sie sind ein erstklassiger Gershwin. Warum wollen Sie ein zweitklassiger Ravel werden?“

Fliegen, Mücken und Moskitos

Der Oper Porgy and Bess liegt der Roman Porgy (1925) von Edwin DuBose Heyward zugrunde. Als George Gershwin den Stoff in die Finger bekommt, ist er wie elektrisiert und nimmt Kontakt mit dem Autor auf. Aus Porgy soll eine Oper werden. Heyward und Gershwin sind sich jedoch einig, dass ein mitleiderregendes Melodram über einen Behinderten und Underdog nicht ihr Thema sein soll. Stattdessen wollen sie die Lebenswelt der Schwarzen Bevölkerung lebendig werden lassen, die ihnen fremd erscheint und die sie zugleich bewundern. Erst 1932 nimmt das Projekt auch musikalisch konkrete Formen an. Gershwin besucht Heyward in dessen Heimatstadt Charleston. „Ich würde gerne die Stadt sehen und einige Spirituals hören und vielleicht ein, zwei Cafés für Schwarze besuchen, wenn es welche gibt“, schreibt er ihm. Georges Bruder Ira ist von Anfang an mit in die Arbeit involviert, er hilft Heyward bei den Songtexten. In den heißen Sommermonaten des Jahres 1934 arbeitet das Porgy and Bess-Team besonders intensiv. Zu diesem Zweck quartiert es sich auf Folly Island ein, einer Charleston vorgelagerten kleinen Insel. Dort gibt es kein Telefon, dafür Unmengen von Fliegen, Mücken und Moskitos.

„Hier gibt es so viele Sümpfe in der Gegend, wenn die Brise vom Land kommt, können wir nichts anderes tun als uns kratzen. Wir tragen den ganzen Tag Badesachen, und das genießen wir wirklich sehr.“
George Gershwin über Folly Island (Brief an die Mutter)

Gershwin studiert auf Folly Island die Musik der Gullah-Schwarzen, die in den USA vor allem auf den Inseln des Südens leben und dort eine einzigartige eigene Kultur ausgebildet haben. Der Gast aus New York lauscht ihren Gesängen und tanzt mit ihnen. Über den Winter widmet er sich in Palm Beach der Instrumentation des neuen Werks.

Nach seinem ersten Porgy sucht Gershwin über ein Jahr lang, etwa 100 Baritone lässt er vorsingen. Todd Duncan, der die Rolle schließlich bekommt, hat zunächst Vorbehalte. „Ich war einfach nicht besonders interessiert. Ich dachte, Gershwin, das ist Tin Pan Alley [ab 1890 das konsumorientierte Machtzentrum der US-amerikanischen Musikindustrie], das steht irgendwie unter mir.“ Doch Gershwin erkennt schon nach wenigen Takten, dass Duncan seine Idealbesetzung ist und stellt die entscheidende Frage: „Möchten Sie mein Porgy sein?“

Die Broadway-Premiere

Eine erste, damals noch vierstündige Fassung der Oper geht in einer Privataufführung in der New Yorker Carnegie Hall über die Bühne. Hier kann Gershwin die Instrumentation überprüfen, die ihm besonders am Herzen liegt. Zugleich setzt er gegen manche Widerstände durch, dass die Oper ausschließlich mit Schwarzen Sänger*innen besetzt wird. Eine solche Entscheidung ist für die Zeit höchst ungewöhnlich; sie prägt die Aufführungsgeschichte des Werks bis heute. Die folgenden öffentlichen Voraufführungen starten am 30. September 1935 im Colonial Theatre in Boston. Die Uraufführung einer gekürzten Version findet schließlich am 10. Oktober 1935 im Alvin Theatre am New Yorker Broadway statt und wird zu einem der bedeutendsten Ereignisse in der Geschichte des amerikanischen Musiktheaters.

Male-presenting person in suit standing with one hand in pocket in front of building.

George Gershwin, circa 1930

© akg-images / Science Source

Porgy an der Spree

Nach Deutschland, nach Berlin kommt die Oper zum ersten Mal 1952. Elf Vorstellungen gehen im Steglitzer Titania-Palast über die Bühne. Dort gastiert im Rahmen der 2. Berliner Festwochen eine amerikanische Tourneeproduktion. Das Orchester wird vom RIAS gestellt, die Sänger*innen kommen aus den USA, darunter auch die erst 25 Jahre alte Leontyne Price als Bess, William Warfield singt Porgy, Sporting Life ist Cab Calloway, Gershwins Lieblingsbesetzung für diese Rolle. Die DDR-Erstaufführung im Januar 1970 an der Komischen Oper (Regie: Götz Friedrich) setzt sich über Gershwins Wunsch eines Schwarzen Ensembles hinweg, Darsteller des Sporting Life ist Manfred Krug. 1988 zeigt das Theater des Westens den Welterfolg – wiederum in einer Inszenierung von Götz Friedrich. Gershwin-Spezialist Simon Rattle, der auch eine Gesamtaufnahme eingespielt hat, dirigiert Porgy and Bess 2012 im Rahmen des Musikfest Berlin. Nun kehrt Gershwins Meisterstück mit dem Ensemble der Cape Town Opera erneut an die Spree zurück.

„Viele Musiker halten George Gershwin nicht für einen ernsthaften Komponisten. Aber sie sollten erkennen, dass er, ernsthaft oder nicht, doch ein Komponist ist. Mir scheint es unzweifelbar, dass Gershwin ein Neuerer war.“
Arnold Schönberg

Male-perceived person and female-perceived person in intense gesture in front of wooden scenery.

Leontyne Price as Bess and Cab Calloway as Sporting Life, a production at the Titania-Palast in Berlin, Berliner Festwochen 1952

© akg-images