Opening Ceremony Musikfest Berlin 2026
György Ligeti: Le Grand Macabre
The digital programme is only available in German.
Die Oper spielt im total heruntergekommenen, dennoch sorglos gedeihenden Fürstentum Breughelland. Hauptakteur der Oper ist Nekrotzar, der Große Makabre, eine sinistre, zwielichtige, demagogische Figur mit unerschütterlichem Sendungsbewusstsein. Er behauptet, der Tod selbst zu sein, der nach Breughelland gekommen ist, um heute um Mitternacht, mit Hilfe des Kometen, das ganze Volk und damit die Welt auszulöschen. […] Doch gerät er in den Sog des allzu irdischen Treibens der Breughelländer und wird vom Hofastrologen und von dessen Zechkumpan Piet-vom-Faß dermaßen unter Alkoholeinwirkung gesetzt, daß er, als es Mitternacht läutet, so berauscht ist, daß seine erhaben-pathetische Geste, mit der er das Ende der Welt vermeldet, wirkungslos verpufft. […] Alle sind noch am Leben, allein Nekrotzar, der Große Makabre, stirbt aus Gram, sein heiliges Ziel verfehlt zu haben. Falls es der Tod war, ist jetzt der Tod tot, also ist das ewige Leben angebrochen und die Erde gleich mit dem Himmelreich: das Jüngste Gericht hat stattgefunden. Wenn er aber nur ein anmaßender Scharlatan, ein dunkler falscher Messias war, und seine Sendung nichts als leere Phrase, so geht das Leben weiter wie gewöhnlich.
György Ligeti

György Ligeti
© Co Broerse
von Dirk Wieschollek
In der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre beanspruchte Le Grand Macabre als bedeutender Auftrag der Stockholmer Oper György Ligetis gesamte Schaffensenergie. Nach mehreren verworfenen Opernplänen fand Ligeti in Michel de Ghelderodes Schauspiel La Balade du Grand Macabre (1934) den gewünscht tragikomischen, grotesk überzeichneten Stoff. Er wurde vom Librettisten und Regisseur Michael Meschke gemeinsam mit dem Komponisten nach dem Vorbild des absurden Theaters Alfred Jarrys komprimiert. Dementsprechend „unmittelbar, comicartig übertrieben, farbig und verrückt“ (Ligeti) sollten Bühnengeschehen und Musik konzipiert sein.

Pieter Bruegel the Elder: The Land of Cockaigne
© Wikimedia Commons
Inhaltlich reflektiert Le Grand Macabre durchaus zeittypisch die Befindlichkeit in der krisenhaften Zeit des „Kalten Krieges“ und seiner damit einhergehenden atomaren Untergangs-Szenarien. Die politischen Bezüge machen sich besonders im 3. Bild der Oper bemerkbar, das in der Darstellung des dekadenten Machtapparates auf Ligetis eigene Erfahrungen während der Nazi-Herrschaft und der stalinistisch geprägten Nachkriegs-Diktatur in Ungarn verweist. Der infantile Herrscher Go-Go, seine korrupten Minister, die verfeindeten Parteien der Weißen und Schwarzen sowie die Geheime Politische Polizei „Gepopo“ verkörpern die Figuren eines totalitären Systems, deren Verlogenheit und Unfähigkeit mit zynischem Humor musikalisch desavouiert werden. Es ist geradezu aberwitzig, wie virulent dieser Aspekt des Librettos heute im Kontext eines global um sich greifenden Autoritarismus wieder erscheint, wo mancherorts die politische Wirklichkeit jede Parodie ad absurdum führt.
Die Haltung des Komponisten zu den politischen Gegebenheiten der Entstehungszeit zielt jedoch trotz aller abgründigen Züge der Oper weniger auf eine zeitkritische Bewertung damaliger Machtgefüge als auf den kollektiven Umgang mit dem Phänomen der Angst ab: „Le Grand Macabre ist eine Komödie, welche die Todesfurcht ironisiert“ (Ligeti). Und weiter: „Ich neige sehr dazu, Kultur so aufzufassen, dass die ganze Gestik, die Art des Sprechens, die Art des Discours, das ist alles sehr weit von Konventionen vorbestimmt. Was ich an dieser Oper ausgearbeitet habe, ist die Stilisierung der konventionellen Aspekte menschlichen Benehmens. Und das ins Abstruse karikiert auf eher dämonische als humoristische Weise.“
Die „Oper in vier Bildern“, mit einer konventionellen Text- und Handlungsebene versehen, verstand Ligeti als eine „Anti-Anti-Oper“, die sich „sowohl vom Opern-Ideal des 19. Jahrhunderts als auch von der Anti-Oper der jüngsten Vergangenheit“ distanzieren wollte und eher „in der Tradition des mittelalterlichen Totentanzes, des Mysterien- und Kasperle-Spiels“ anzusiedeln sei: „Charaktere und Bühnensituationen sollten direkt, knappgehalten, unpsychologisch und verblüffend sein, das Gegenteil von Literaturoper. Handlung, Situationen, Charaktere sollten durch die Musik zum Leben erweckt werden, Bühnengeschehen und Musik sollten gefährlich-bizarr, ganz übertrieben, ganz verrückt sein. […] Die musikdramatische Konzeption sollte ganz weit weg liegen vom Bereich Wagner – Strauss – Berg. Näher zu Poppea, zu Falstaff, zum Barbiere, und doch anders, eigentlich keiner Tradition verpflichtet, auch nicht der Tradition des Avantgardismus“, verriet Ligeti im Vorfeld der Uraufführung. Ligetis bis dato „autonomes“ Ausdrucksrepertoire und seine innovativen Klangtechniken stehen hier ganz im Dienst einer suggestiven Vermittlung des Stoffes und seiner Figuren.
Das Libretto zu Le Grand Macabre ist im Schott-Verlag erschienen und für € 9 am Tag der Veranstaltung im Foyer der Philharmonie Berlin erhältlich.