Digitales Programmheft

Concert

Le Concert des Nations

Robert Schumann

The digital programme is only available in German.

Ouvertüre zur Oper „Genoveva“ op. 81

von Bernd Heyder

Robert Schumann war lange Zeit vergeblich auf der Suche nach einem passenden Sujet für eine Oper. Fündig wurde er erst, als sich ihm im Winter 1844 in Dresden die Gelegenheit zum engen Austausch mit Richard Wagner bot. Wagner, der im Jahr zuvor zum Kapellmeister der Dresdner Hofoper ernannt worden war, legte Schumann die Lektüre von Genoveva ans Herz. Das Drama von Friedrich Hebbel, das auf einer mittelalterlichen Legende basiert, brachte Schumann schließlich im Frühjahr 1847 zu seinem Opernstoff. Mit den ersten Textentwürfen für ein Libretto, an denen der Dichter und Maler Robert Reinick arbeitete, war Schumann jedoch nicht zufrieden. Schließlich erstellte er, nachdem ein Treffen mit Hebbel ergebnislos verlaufen war, selbst das Textbuch, wobei er einzelne Passagen aus Ludwig Tiecks Drama Leben und Tod der heiligen Genoveva hinzunahm. So beglückend er dann die Zeit des Komponierens erlebte, so ernüchternd war die Publikumsreaktion auf die Uraufführung am 25. Juni 1850 im Leipziger Stadttheater unter Schumanns Leitung. Genoveva blieb seine einzige Oper.

Schon kurz nach seinem Entschluss, den Genoveva-Stoff zur vertonen, schrieb Robert Schumann die Ouvertüre. In ihr tauchen bereits wesentliche Motive der folgenden Gesangspartien auf, sie lässt sich also als programmatische Skizze des folgenden musikalischen Dramas hören: Die langsame Einleitung zeichnet ein Porträt der tragischen Titelheldin – ihr Erkennungsmotiv ist das Intervall der fallenden Quinte. Genoveva sieht sich während der Abwesenheit ihres Gatten Siegfried, der in den Krieg gezogen ist, mit dem Liebeswerben des Lehnsknechtes Golo konfrontiert, das sie entschieden zurückweist. Aus Rache bezichtigt Golo sie des Ehebruchs, als Siegfried zurückkehrt. Er will seine Frau daraufhin töten lassen, erkennt dann aber noch rechtzeitig Golos Intrige. Die Entwicklung der Handlung deutet sich im bewegten Hauptteil der Ouvertüre an. In großen sinfonischen Gesten bauen sich immer wieder dramatische Steigerungen als Ausdruck innerer Konflikte der Hauptfiguren auf. Einzelne musikalische Themen sind aber auch in einem romantisch eingefärbten Volkston gehalten – am deutlichsten die signalhaften Hörner-Episoden, die wiederholt das erregte Spiel der anderen Instrumente durchdringen. Der heroische Schlussteil des Satzes lässt das versöhnliche Ende der Opernhandlung erahnen.

Wie manch andere Einleitung zu romantischen Bühnenwerken hat auch Schumanns musikalisch vielschichtige Ouvertüre zu Genoveva schnell ein Eigenleben als Orchesterwerk entwickelt. Sie besticht durch ihre kompositorische Frische und lässt die Euphorie des Komponisten zu Beginn seiner Arbeit an der Oper spüren. Durch die kontrastreicheren Farben der Orchesterinstrumente, die zur Mitte des 19. Jahrhunderts gebräuchlich waren und auch jetzt vom Freiburger Barockorchester verwendet werden, ist das besonders eindringlich zu erleben. Alte Vorurteile über grundsätzliche Defizite Schumanns bei der Instrumentation seiner sinfonischen Werke hat die historische Musizierpraxis nachhaltig widerlegen können: Schon allein die wesentlich ausgewogenere Klangbalance zwischen den enger mensurierten Blasinstrumenten und den darmbesaiteten Streichern der Romantik rückt da vieles zurecht.

Female-presenting person in long dress with child and white goat in forest-like surroundings.

Georg Frederick Bensell, St. Genevieve of Brabant in the Forest, 1860

© akg-images

Konzert für Violine und Orchester d-Moll

von Bernd Heyder

Mit dem Violinkonzert d-Moll von Robert Schumann verbindet sich aufs Engste die Künstlerpersönlichkeit des berühmten Geigers Joseph Joachim. Im Mai 1853 hatte der Virtuose beim Niederrheinischen Musikfest in Düsseldorf mit Ludwig van Beethovens Violinkonzert brilliert. Er war noch keine 22 Jahre alt und königlicher Konzertmeister am Hof von Hannover. Als Düsseldorfer Musikdirektor hatte Schumann die Aufführung geleitet. Kurz darauf erreichte ihn ein Brief Joachims: „Möchte doch Beethoven’s Beispiel Sie anregen, den armen Violinspielern, denen es, ausser der Kammermusik, so sehr an Erhebendem für ihr Instrument fehlt, aus Ihrem tiefen Schacht ein Werk an’s Licht zu ziehen, wunderbarer Hüter reichster Schätze!“ Schumann ließ sich nicht lange bitten. In einem wahren Schaffensrausch entstanden ab September die Fantasie C-Dur op. 131 für Violine und Orchester und das Violinkonzert d-Moll, außerdem als Gemeinschaftsarbeit mit seinem Schüler Albert Dietrich und dem ebenso jungen Johannes Brahms eine Violinsonate.

Im Violinkonzert verfolgt Schumann ein besonderes Konzept des Dialogs zwischen Soloinstrument und Orchester: Beide führen im 1. Satz in deutlich voneinander abgegrenzten Abschnitten die exponierten Themen jeweils unterschiedlich fort, wobei einzelne Motive im Solo besonders virtuos aufgefächert und variiert werden. Erst gegen Ende verbindet sich das Hauptthema der pathetischen Orchester-Eröffnung mit dem lyrischen Seitenthema in der Violine. Der Mittelsatz, ein Lied ohne Worte mit der Violine als innerlich bewegter „Sängerin“, ist überraschend kurz und geht bruchlos in das versonnen tänzerische Rondo-Finale über. Es fordert die Solovioline zwischen den Orchester-Couplets erneut mit expressiven und höchst anspruchsvollen Figurationen heraus.

Das Werk sollte schon am 27. Oktober 1853 in Düsseldorf seine Uraufführung mit Joseph Joachim als Solisten erleben, doch setzte das zuständige Konzertkomitee Schumanns Fantasie und Beethovens Violinkonzert aufs Programm. Joachim probte das Schumann-Konzert 1854 mit seinem Orchester in Hannover, empfand aber die technischen Schwierigkeiten vor allem im letzten Satz als zu groß. Zu einer öffentlichen Aufführung kam es bis zum Tod des Komponisten 1856 nicht mehr. Danach entschieden Joseph Joachim und Clara Schumann, das Konzert auch nicht zu publizieren. Das Manuskript gelangte aus dem Besitz der Familie Joachim in die Preußische Staatsbibliothek Berlin. Dort betrieb später die NS-Kulturpolitik die Uraufführung. Sie fand im November 1937 mit dem Geiger Georg Kulenkampff und den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Karl Böhm im Deutschen Opernhaus Berlin statt. Dabei erklang eine bearbeitete, in der Tendenz brillantere Fassung des Soloparts, die anonym Paul Hindemith erstellt hatte. Die Originalversion präsentierte knapp einen Monat später Yehudi Menuhin mit dem New York Philharmonic in den USA.

Erst in den letzten Jahrzehnten ist dieses Violinkonzert zu einem wirklichen Repertoirestück geworden, nicht zuletzt dank einer neuen Offenheit für Schumanns so anspruchsvolles und emotional vielschichtiges Spätwerk. Isabelle Faust und das Freiburger Barockorchester nähern sich ihm jetzt auf dem Instrumentarium der Romantik. Die Solopartie erklingt auf einer ausschließlich mit Darmsaiten bespannten Violine. Dies ermöglicht uns, Schumanns poetische Klangwelt neu zu erleben.

Woman with violin in her hand

Isabelle Faust

© Marco Borggreve

Sinfonie Nr. 2 C-Dur op. 61

von Bernd Heyder

Das Jahr 1844 brachte für Robert Schumann eine einschneidende psychische und künstlerische Krise mit sich. Er verließ die lebendige Musikszene Leipzigs und zog mit seiner Familie ins beschaulichere Dresden. Die schöpferische Neuorientierung dort verband sich mit einer Rückbesinnung auf die ältere Musik, vor allem auf die Kontrapunkt-Kunst Johann Sebastian Bachs. Schumanns Sinfonie C-Dur op. 61 ist eine Frucht seiner mit Problemen beladenen, letztlich aber wegweisenden ersten Zeit in Dresden: „Die Symphonie schrieb ich im Dezember 1845 noch halb krank; mir ist’s, als müßte man ihr dies anhören“, konstatierte der Komponist 1849 in einem Brief an den Hamburger Musikdirektor Georg Dietrich Otten. Dem Dresdner Werk waren schon 1841 die im Leipziger Gewandhaus uraufgeführten Sinfonien B-Dur und d-Moll vorausgegangen, von denen Letztere aber erst nach einer Revision 1853 als Schumanns 4. Sinfonie im Druck erschien.

Den Beginn seiner Beschäftigung mit der C-Dur-Sinfonie dokumentiert Robert Schumanns Anmerkung am Ende eines Briefes an den Freund Felix Mendelssohn Bartholdy von September 1845: „In mir paukt und trompetet es seit einigen Tagen sehr (Trombe in C); ich weiß nicht, was daraus werden wird.“ Zu dieser Zeit bewegte ihn Joseph Haydns letzter Beitrag zur Gattung, die Londoner Sinfonie D-Dur Nr. 104. Mit ihrer um Aufmerksamkeit heischenden pathetischen Anfangsfanfare beginnt auch die langsame Einleitung zu Schumanns Sinfonie, allerdings im Pianissimo der Blechbläser ohne Pauken und umspielt von delikaten Streicherfiguren. Es ist der eher behutsam vorantastende Ausgangspunkt für einen Satz, der im Allegro-Hauptteil endgültig zu seiner Tonart und zur Ausformulierung eines stabilen, aus der kreisenden Streicherbewegung erwachsenden Hauptthemas findet. Erst gegen Ende bricht wie ein Motto das Fanfaren-Thema mit Zuversicht durch. Bereits als 2. Satz folgt ein Scherzo. Es wird von den züngelnden Sechzehntel-Figurationen der 1. Violinen rastlos bis zum ersten Trio vorangetrieben. Erfährt der Satz hier zunächst eine Entspannung, führt der zweite Trioabschnitt in seinem kontrapunktischen Stil dann noch weiter in eine ruhige, geradezu kontemplative Sphäre. Nach wenigen Taken schon leuchtet in den Streichern der markante Themenkopf B-A-C-H auf. Auch das folgende Adagio verweist auf Bach, denn hier zitiert Schumann den Beginn der Triosonate aus dem Musikalischen Opfer BWV 1079. Im weiteren Verlauf erscheint ein von den Streichern angeführtes Fugato. Bestimmend für den Satz wirken aber die schmerzvollen Gesten chromatisch eingefärbter Harmonien und expressiv in die Höhe getriebener Melodiegänge – der Brief an Georg Dietrich Otten spricht da von „Schmerzensklängen“. Im tänzerischen Allegro molto vivace lässt das Finale die zuvor heraufbeschworenen Themen und Motive in neuen, zuversichtlicheren Farben erstrahlen. Nach einer Generalpause erscheint überraschend das Themen-Zitat „Nimm sie hin denn, diese Lieder“ aus Ludwig van Beethovens Liederzyklus An die ferne Geliebte. Daraus erwächst eine musikalische Apotheose, die sich unüberhörbar am Finale von Beethovens 9. Sinfonie orientiert. Wie eng die musikalische Gestaltung auch hier mit dem seelischen Erleben des Komponisten verbunden ist, hat Schumann 1849 selbst bestätigt: „Erst im letzten Satz fing ich an mich wieder zu fühlen; wirklich wurde ich auch nach Beendigung des ganzen Werkes wieder wohler.“

Male-presenting person with brown hair, black suit, and red vest against a green background.

Lucienne Collière, Portrait of Robert Schumann, 1842

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